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Es hat Zeiten gegeben in diesen Einöden, da es von Rotwild wimmelte. Jetzt aber war es zusammengeschrumpft auf wenige Rudel, die Zuflucht suchten in den unzugänglichsten fernsten Schluchten, so daß die Jagd gar mühselig und unsicher geworden war. Immerhin fand sich junges Volk, das ihr trotz aller Mühen und Gefahren mit Eifer nachging, noch genug im Lande. Ruhte doch zufolge der friedlichen Vereinigung beider Kronen unter Jakob dem Ersten, König von Großbritannien, das Schwert schon über hundert Jahre in der Scheide! Aber das Land zeigte noch überall Spuren von seiner früheren Beschaffenheit. Die Bewohner, im friedlichen Betrieb ihrer Gewerbe durch die Bürgerkriege des verwichnen Jahrhunderts gestört, hatten sich kaum wieder in regelmäßige Arbeit hineingewöhnt; die Schafzucht hatte ihre alte Höhe bei weitem nicht erreicht; auf den Höhen und in den Tälern sah man vorwiegend Rindviehherden. Der Pächter baute in der Nähe seines Hauses nur soviel Hafer und Gerste, als er zu Mehl für seinen Hausstand brauchte. Die freie Zeit, welche dem jungen Volke infolge dieses eingeschränkten Ackerbaues übrig blieb, wurde zumeist verwandt auf Jagd und Fischfang; in dem Eifer, mit welchem man der Jagd oblag, kam der abenteuerliche Geist zum Ausdruck, der sich früher bei Raubzügen und feindlichen Einfällen betätigte.

In der Zeit, in welcher unsere Erzählung anhebt, sahen die kühneren Jünglinge weit mehr voller Hoffnung als voller Furcht auf Gelegenheiten, in Wetteifer mit den kriegerischen Taten ihrer Väter zu treten, deren Schilderung ihr schönstes Vergnügen am häuslichen Herde bildete. Als das Parlament von Schottland die sogenannte Sicherheitsakte annahm, herrschte in England allenthalben Beunruhigung, weil dort die Meinung obwaltete, daß dieselbe auf Scheidung der beiden Königreiche nach dem Tode der damals regierenden Königin Anna hinauslaufe. An der Spitze der Regierung von England stand damals Godophin, der mit weitsichtigem Blick erkannte, daß sich die wahrscheinliche Gefahr eines Bürgerkriegs nur durch die Verschmelzung beider Königreiche zu einem einzigen Staatskörper beschwören lassen würde. Wie sich aus der Geschichte dieser Zeit ersehen läßt, versprachen die diesbezüglichen Verhandlungen längere Zeit bei weitem nicht die günstigen Resultate, die sich seitdem in so hohem Maße eingestellt haben. Hier sei nur bemerkt, daß in ganz Schottland Erbitterung herrschte über die Bedingungen, unter welchen in Edinburgh das Parlament die Unabhängigkeit der Nation preisgegeben hatte. Zufolge dieser Erbitterung entstanden die absonderlichsten Parteiungen, schmiedete die Bevölkerung die tollsten Pläne. Die Cameronier trugen sich mit der Absicht, die Waffen zu erheben für die Restitution des Hauses Stuart, trotzdem sie dasselbe mit Recht als ein Geschlecht von Tyrannen ansahen; Katholiken intrigierten mit Jüngern der anglikanischen Kirche, und diese wieder mit Presbyterianern, gegen die englische Regierung, weil überall die Empfindung herrschte, gegen das Vaterland sei Unrecht verübt worden, überall in Schottland gärte es, und da die schottische Bevölkerung zur Zeit der Sicherheitsakte wohlgeübt im Waffenhandwerk war, hielt sie sich für zum Kriege gerüstet und wartete nur, daß sich Männer aus dem noch besser gerüsteten Adel des Landes fänden, die Feindseligkeiten zu beginnen.

In dieser Zeit offenkundiger Wirrnis setzt unsere Erzählung ein.

Hobbie Elliot, der Jüngling, den wir auf der Heimkehr von der Jagd auf Hochwild im südlichen Schottland trafen, war schon ziemlich weit von der Bergschlucht entfernt, in der er gejagt hatte, und auf dem Heimweg begriffen, als ihn die Nacht überfiel. Hobbie Elliot war ein tüchtiger Weidmann, der jeden Zoll seiner heimatlichen Heide so genau kannte, daß er den Weg drüberhin mit verbundenen Augen gefunden hätte. Der Einbruch der Nacht hätte ihn also in keiner Weise gestört, wenn er sich nicht gerade an einer Stelle der Heide befunden hätte, von der es in der ganzen Gegend hieß, daß böse Geister dort ihr Wesen trieben. Hobbie Elliot hatte solcher Mär von Kindesbeinen an gespannten Ohrs gelauscht, und gleichwie kein anderer Teil von Schottland solchen Reichtum an Mären und Sagen bot, so war auch niemand in solchen gruseligen Dingen bewanderter als Hobbie vom Heugh-Foot. Diesen Namen führte nämlich unser Held zum Unterschied von einem ganzen Dutzend Elliots, die den gleichen Taufnamen hatten wie er. Und darum brauchte er sich das Gedächtnis nicht sonderlich anzustrengen, um sich all der grausigen Ereignisse zu erinnern, deren Schauplatz die weite Einöde gewesen war, auf die er den Fuß zu setzen in Bereitschaft stand. So schnell und lebhaft traten sie ihm auch in das Gedächtnis, daß er sich einer gewissen Beängstigung nicht zu erwehren vermochte.

Das Mucklestane Moor hieß die schreckliche Einöde, nach einer unbehauenen Granitsäule von beträchtlicher Höhe, die in der Mitte der Heide auf einer Anhöhe emporragte, vielleicht als Kunde von den gewaltigen Toten, die unter ihr ruhten, vielleicht auch zum Gedenken an den blutigen Kampf, der an dieser Stätte ausgefochten worden war.

Weshalb die Säule errichtet worden, war in Vergessenheit geraten. Mündliche Überlieferung, gar oft im gleichen Maße Mutter der Dichtung wie Hüterin der Wahrheit, hatte den Sagenschatz Schottlands um eine Nummer bereichert, deren Hobbie sich in diesem Moment erinnerte.

Der Boden rings um die Säule war mit großen Blöcken vom gleichen Gestein wie die Säule übersät. Im Volksmunde hießen sie zufolge einer gewissen, wenn auch wohl weit hergeholten Ähnlichkeit, die Graugänse des Mucklestane-Moors. Die Sage gab dem Bild und dem Namen eine andere Auslegung: eine schreckliche, im ganzen Lande bekannte Hexe, die früher in diesen Höhlen hauste und allerhand Unheil stiftete, Mutterschafe zu unzeitigem Lammen und Kühe zu unzeitigem Kalben brachte, die mit ihren Schwestern hier ihre nächtlichen Orgien hielt, wofür sich als Merkmale noch zahlreiche Kreise im Erdreiche vorfanden, in deren Bereich weder Gras noch Heidekraut wachsen konnte, weil die Teufel mit ihrem sengenden Klumpfuß den Rasen beim Hexentanz bis auf die Wurzel ausgebrannt hatten – diese schreckliche Hexe sollte in grauer Vorzeit eine Gänseherde über das Moor getrieben haben, um sie auf einem Markte in der Nähe zu verkaufen; aber die Gänse waren bald, statt auf dem gangbaren Wege zu bleiben, in die Sümpfe und Teiche, mit denen die Gegend hier übersät war, geflohen. Wütend hierüber sollte die Hexe den Teufel zu Hilfe gerufen haben, daß er die Gänse an die Stelle banne. Satanas hatte sich nicht nötigen lassen, sondern Hexe und Gänse zu Stein verwandelt.

Aller Einzelheiten dieser Sage gedachte Hobbie während seines Ganges über das Moor. Es fiel ihm ein, daß nächtlicherweile sich niemand an diese Stätte wage, wo noch immer Böcke und Ziegen und Kobolde, die Genossen der schrecklichen Hexe, ihren Teufelsspuk trieben. Aber Hobbie bekämpfte mannhaft all diese Regungen von Furcht; er rief das Paar mächtiger Hühnerhunde, die ihn auf seinen Jagdzügen begleiteten und sich, wie er selbst sagte, weder vor Hund noch vor dem Teufel fürchteten, an seine Seite. Er untersuchte das Zündkorn auf seiner Büchse und trällerte, wie der Narr von Halloween, das kriegerische Lied vom Jock, ähnlich jenem General, der die Trommeln rühren läßt, um den Mut seiner Soldaten, in den er Zweifel setzt, zu stärken.

In solchem Gemütszustand vernahm er hinter sich, zu seiner nicht geringen Freude, die Stimme eines Freundes, der ihm zurief, ob es ihm recht sei, wenn er sich ihm anschlösse, Hobbie verlangsamte seine Schritte und sah sich bald von einem andern Jüngling eingeholt, den er gut kannte, und der in der ganzen Gegend als reicher »Herr« galt. Genau wie Hobbie Elliot, hatte auch er der Jagd gefrönt.

Earnscliff hieß der Jüngling, »ein Mann vom gleichen Schlage« wie Hobbie Elliot: vor kurzem mündig geworden, war er in den Besitz der bescheidenen Überreste eines Vermögens gelangt, das zum größten Teil durch die Bürgerkriege, in denen seine Familie eine Rolle gespielt hatte, verschlungen worden war. Nichtsdestoweniger stand die Sippe Earnscliff im ganzen Lande in Achtung, und auch der junge Herr, der jetzt zu Hobbie Elliot trat, schien alle Eigenschaften zu besitzen, die diesen guten Leumund wahren konnten.