Eine Zeitlang schritten die beiden Jäger schweigend nebeneinander her, bis sie die gellen Töne nicht mehr hörten. Aber nicht eher war dies der Fall, als bis sie ein beträchtliches Stück von der granitnen Säule weg waren, von welcher das Moor seinen Namen entlehnt hatte. Jeder zog über den Auftritt, dessen Zeugen sie gewesen waren, still für sich seine Schlüsse, bis plötzlich Hobbie Elliot ausrief:
»Wißt, Earnscliff! Ich möchte behaupten, wenn es ein Geist ist, was wir sahen, so muß es der Geist eines Menschen sein, der Böses getan und Böses gelitten hat und den dieses zwiefache Böse nach seinem leiblichen Tode auf solch' schlimme Weise zu rasen zwingt!«
»Mir scheint es, als sei dies unglückliche Wesen vom Wahnsinn des Menschenhasses befallen!« meinte Earnscliff, der Richtung folgend, in welcher seine Gedanken sich bewegten.
»Also seid Ihr der Meinung nicht, daß es ein Gespenst war, was wir sahen?« fragte Hobbie den Kameraden.
»Nein! Ganz sicher nicht!«
»Nun ja, ich bin wohl selber auch der Meinung, daß es ein lebendiges Ding sein kann, meines Wissens aber kann einem Kobold kein lebendig Ding ähnlicher sehen als dieses!«
»Auf alle Fälle will ich morgen zurückreiten und nachsehen, was aus dem armen, unglücklichen Wesen geworden ist,« sagte Earnscliff.
»Bei hellem Tage?« fragte der Reitersmann, »dann will ich Euch begleiten mit Gottes gnädigem Schutz. Jetzt aber sind wir meinem Pachtgut zwei volle Meilen näher als Eurem Hause! Ihr tut also besser, mit mir zu gehen. Ich kann ja meinen Burschen auf dem Klepper hinüberschicken, daß er Euren Leuten melde, wo Ihr seid. Außer dem Bedientenvolke und Eurem Kater erwartet Euch, wie ich mir denke, ja doch niemand!«
»Gut, Freund Hobbie, ich gehe mit!« erwiderte der junge Jäger, »und da ich nicht Ursache sein möchte, daß meine Bedienten sich über mein Ausbleiben ängstigen oder mein Kater sein Futter nicht bekommt, so soll es mir lieb sein, wenn Ihr, wie Ihr gesagt, Euren Burschen hinüber schicken wollt.«
»Ein freundlicher Bescheid! Das lasse ich gelten! Also heim nach Heugh-foot! Die Meinigen werden sich freuen, Euch zu sehen.«
Schnellen Schrittes gingen sie weiter. Auf den Rücken eines ziemlich steilen Hügels gelangt, rief Hobbie Elliot: »Wißt, Earnscliff, mich freut's immer, wenn ich auf diesen Fleck hier komme! Seht Ihr dort unten das Licht? Das kommt vom Fenster der großen Stube herüber, in der die alte, geschwätzige Urahn das Spinnrad schnurren läßt. Und das andere Licht dort, das an den Fenstern rück- und vorwärts tanzt? Seht Ihr's! Das ist meine Base, die Grace Armstrong, doppelt so geschickt in der Hauswirtschaft wie meine Schwestern. Das lassen die auch selber gelten, denn es sind so gutmütige Dinger, wie nur je eins den Fuß auf die Heide gesetzt hat! Und die Urahn, die sagt's auch, daß die Base weit flinker und rühriger ist als die andern und am besten in der Stadt auf dem Markte einkauft, nachdem die Urahn das Haus nicht mehr verlassen darf. Von meinen Brüdern ist der eine unterwegs, dem Lord Kammerherrn die Aufwartung zu machen, ein andrer ist in Moßphadraig, dem andern Pachthofe von uns, den wir weiter verpachtet haben. Er versteht mit dem Rindvieh genau so umzugehen wie ich.«
»Mein Lieber! Ihr seid gut daran, soviel tüchtige Verwandte zu besitzen!«
»Fürwahr! Das ist auch der Fall! Grace macht mich zum dankbaren Menschen: ich werde es nie leugnen! Aber, Earnscliff, Ihr seid ja auf hohen Schulen, in Edinburg auf der Universität, gewesen und habt überall dort gelernt, wo sich's am besten lernen läßt – sagt mir doch – nicht daß die Frage mich besonders anginge – aber ich hörte einen Diskurs über die Frage zwischen dem Prediger von Saint-John und unserm eignen Pfarrer auf dem Wintermarkte darüber, und sie redeten beide sehr gut – der Priester meinte, es sei wider das Gesetz, seine Base zu ehelichen; ich kann aber nicht sagen, daß mir seine Bibelsprüche auch nur halb so gut gefallen hätten wie die von unserm Pfarrer, der ja für den besten Gottesmann und Prediger zwischen hier und Edinburgh gehalten wird ... unser Pfarrer bewies ihm das Gegenteil ... glaubt Ihr, Earnscliff, daß der unsrige im Recht war?«
»Alle Christen protestantischen Glaubens, Hobbie, halten die Ehe ganz so frei, wie sie Gott der Herr durch das mosaische Gesetz eingesetzt hat. Darum, Hobbie, kann zwischen Euch und Miß Armstrong keine Rede sein von einem Hindernis, weder einem gesetzlichen noch einem religiösen.«
»Laßt doch den Scherz beiseite, Earnscliff!« antwortete sein Kamerad; »trifft Euch jemand an wundem Fleck, so fehlt's ja bei Euch am Zorn auch nicht. Wenn ich die Frage stellte, so geschah es ganz ohne Bezug auf Grace; denn Ihr müßt wissen, daß sie bloß die Tochter ist von meines Oheims Frau aus erster Ehe, also gar nicht leiblich mit mir verwandt, sondern nur in weitem Grade verschwägert... Ei! Jetzt sind wir aber am Shellnig-Hill. Ich will die Büchse abfeuern, den Leuten im Hause zum Zeichen meiner Ankunft. Das ist stets Brauch bei mir! Habe ich ein Stück Rotwild geschossen, dann gibts einen Doppelknalclass="underline" einen für das Wildpret, den andern für mich!«
Alsbald knallte der Schuß und alsbald fingen die Lichter im Hause an zu wandern, sogar bis vor das Tor hinaus. Hobbie machte seinen Gefährten aufmerksam auf eines der Lichter, das aus dem Hause nach einem Wirtschaftsgebäude zu schweifen schien.
»Das ist Grace selber,« meinte Hobbie, »die kommt mir nicht an der Tür entgegen, darauf wette ich. Aber hinausgegangen sein wird sie, um zu sehen, ob das Futter fertig ist für meine Hunde, die armen Tiere.«
»Liebst du mich, dann lieb' auch meinen Hund! Nicht wahr, Hobbie?« meinte Earnscliff; »Ihr seid ein glücklicher Jungmann, Hobbie!«
Ein Seufzer oder doch ein ihm ähnlicher Ton begleitete diese Äußerung und dem Ohr des Kameraden entging das nicht. »Hm! Es können doch andre ganz ebenso glücklich sein wie ich! Hab' doch auch beim Wettrennen in Carlisle gesehen, wie Miß Isabel Vere den Kopf nach jemand hin drehte! Wer weiß, was für Dinge in dieser Welt vorgehen können!«
Earnscliff murmelte etwas wie eine Antwort, ob er damit aber den Worten des Kameraden beipflichten oder sich gegen dergleichen Anspielungen verwahren wollte, ließ sich nicht heraushören. Wahrscheinlich war sein Wunsch, seine Stellung zu dieser Frage möglichst zweifelhaft und dunkel zu lassen. Die beiden Jünglinge waren nun den breiten Pfad hinunter geschritten, der sich am Fuß einer steilen Höhe entlang zog und nach der Vorderseite des mit Stroh gedeckten, behaglichen Pachtgebäudes führte, in welchem Hobbie mit seiner Sippe wohnte.
Vergnügte Gesichter drängten sich an der Tür. Aber als man sah, daß Hobbie nicht allein kam, sondern einen fremden Mann mitbrachte, unterblieb manche spöttische Bemerkung, die Hobbie wegen seines magern Jagderfolges zu hören bekommen sollte. Unter den drei hübschen jungen Mädchen kam es zu manchem Hin und Her, weil jede von ihnen der andern das Amt zuschieben wollte, den fremden Jüngling in die Gast- oder Fremdenstube zu führen; wahrscheinlich aber drehte es sich darum, daß sich keine im Hauskleide hübsch genug vorkam, um einem andern Jüngling, als dem eigenen Bruder, sich zu zeigen.
Unterdes kanzelte Hobbie sie alle zusammen – bloß Grace nicht, denn die war nicht dabei – auf herzliche, aber ziemlich resolute Weise ab, nahm der einen von diesen Dorfschönen das Licht aus der Hand, mit dem sie nicht ungeschickt spielte, und führte seinen Gast zuvörderst in die Familienstube oder »Halle«. Das Pachthaus war nämlich in früherer Zeit eine Art Bollwerk gewesen, eingerichtet zur Verteidigung gegen Grenzer und Wegelagerer, deshalb war die große oder Familienstube gewölbt und gepflastert, zufolgedessen freilich auch feucht und im Vergleich mit den Bauernhäusern unserer Tage nichts weniger als heimlich oder gemütlich. Immerhin meinte Earnscliff, gegen die Dunkelheit und den rauhen Wind draußen mit dem durch ein helles, mächtiges Feuer von Torfstücken und Erlenscheiten gut durchwärmten Raume keinen schlechten Tausch gemacht zu haben. Die alte würdige Dame in dem engen, saubern Rock aus hausgesponnener Wolle, mit der großen, goldenen Halskette und den schweren goldnen Ohrbommeln und dem Käppchen mit Flügelhaube auf dem greisen Haupte, die Herrin über Haus und Sippe und einer Edeldame nicht minder gleich als der Frau eines Pächters, zumal sich in ihr ja beides verkörperte, hieß den Jüngling wiederholt mit freundlichem Worte willkommen; sie saß an der Ecke des großen Kamins in einem geflochtenen Lehnstuhl und überwachte von hier aus die abendlichen Arbeiten der Mädchen und der Hausmägde, die hinter ihren jungen Herrinnen saßen, emsig die Spindel drehend.