Hobbie tat so, als ob er sich an der Tür von ihm verabschiede, schlich ihm aber nach und gesellte sich auf dem Kamm des Hügels zu ihm.
»Ihr wollt hin, Herr Patrik? Meine Urahn mag sagen was sie will, so mag ich doch Euch nicht im Stich lassen. Es erschien mir als das einfachste, mich still zu entfernen, damit sie von unserm Vorhaben nicht erst was merke. Ärgern durch Ungehorsam dürfen wir Kinder sie nicht. Dieses Versprechen hat uns der Vater noch auf dem Sterbelager abgenommen.«
»Auf keinen Fall dürfen wir das, Hobbie,« erwiderte Earnscliff »Eure Urahn verdient Achtung und Liebe.«
»Das muß man sagen: in solcher Angelegenheit würde sie sich um Euch genau soviel sorgen wie um mich. Aber eine Frage, Earnscliff: seid Ihr wirklich der Meinung, daß wir keines Übermuts uns schuldig machen, wenn wir uns wieder aufs Moor hinaus wagen? Eine zwingende Verpflichtung dazu haben wir ja, wie Ihr wißt, nicht!«
»Dächte ich so wie Ihr, Hobbie,« meinte der junge Gutsherr, »so würde ich mich um die Sache schließlich nicht weiter bemühen. Da ich aber der Ansicht bin, daß von übernatürlichen Erscheinungen entweder niemals was auf der Welt vorhanden gewesen oder zum wenigsten zu unserer Zeit nicht mehr die Rede sein kann, will ich einen Fall nicht unerforscht lassen, in welchem mir ein armes wahnsinniges Wesen eine Rolle zu spielen scheint.«
»Meinetwegen, wenn das nun einmal Eure Ansicht ist,« versetzte Hobbie mit zweifelnder Miene – »sicher wohl ist ja, daß sich grade die Feen, die sich einstmals auf allen grünen Hügeln gegen Abend zeigten, in unsern Tagen nicht halb so oft sehen lassen. Daß ich selber jemals auch nur eine Fee gesehen, könnte ich nicht beschwören; aber gepfiffen hat es mal hinter mir im Moor, so wie ein Strandpfeifer pfeift, genau so! Mein Vater dagegen hatte manche Fee gesehen, wenn er spät abends, mit benebeltem Kopfe vom Jahrmarkt heim kam, der gute Mann!«
Earnscliff konnte sich ein Lächeln über diese letzte Äußerung nicht verhalten, die als ungefähres Kennzeichen für den langsamen Rückgang des Aberglaubens von einer Generation zur andern gelten konnte. Die jungen Männer blieben bei dem gleichen Thema, bis sich die granitne Säule wieder vor ihren Blicken erhob.
»Ihr könnt mir glauben,« rief Hobbie, »das Geschöpf schleicht noch dort herum; aber es ist jetzt Tageslicht; Ihr habt Euer Gewehr, ich meinen Dolch mitgebracht; wir dürfen uns also, meine ich, heranwagen.«
»Sicher,« versetzte Earnscliff, »aber um Jesu Christi willen, was treibt das Wesen dort?«
»Es baut aus den Graugänsen, wie man die großen über die Heide verstreuten Steinblöcke nennt, einen Damm! Wahrlich! So etwas hat man noch nicht erlebt!«
Als sie näher kamen, mußte Earnscliff, der sich des Staunens nicht erwehren konnte, seinem Kameraden Recht geben. Das seltsame Wesen, das sie am Abend zuvor erblickt hatten, schichtete langsam und mühsam Stein auf Stein, scheinbar zu einer Mauer. An Material dazu war Überfluß; die Arbeit war aber schwer, weil die meisten Steine von mächtiger Größe waren. Daß solch ein Wesen sie von der Stelle schaffen konnte, schien staunenswert; von manchen, die den Grund zu seinem rohen Bauwerk bildeten, schien man es kaum für möglich halten zu können. Als die beiden Jünglinge herantraten, war er eben unter schweren Anstrengungen bemüht, einen mächtigen Block vom Flecke zu rühren, und die Arbeit nahm ihn dermaßen in Anspruch, daß er die Jünglinge nicht eher sah, als bis sie dicht vor ihm standen. Er entwickelte dabei ein solches Riesenmaß von Kraft, daß sich die beiden Jünglinge voll Staunen fragten, in welch übernatürlichem Verhältnis dasselbe zu dem Größenmaße seiner ganz ohne Frage verwachsenen Gestalt stände. Seine Körperstärke mußte, nach den bereits vollbrachten Leistungen zu schließen, mit der des Herkules wetteifern können, denn manche der von ihm bewältigten Blöcke nahmen ganz ohne Frage doppelte Manneskraft in Anspruch.
Als Hobbie Zeuge solch übernatürlicher Körperkräfte wurde, fing sich sein Argwohn wieder an zu regen.
»Mir scheint es fast wie sicher, daß in diesem Wesen der Geist eines Maurers steckt,« flüsterte er, »seht doch nur, Earnscliff, was für eine Grundmauer er aufgeführt hat! Sollte es hingegen doch ein menschliches Wesen sein, so muß man sich wohl wundern, was er mit solchem Damme im Moore bezweckt! Zwischen Cringlehope und den Wäldern ist solches Ding eher zu brauchen ... Wackerer Mann!« rief er, die Stimme verstärkend, »Ihr baut hier ein recht standfestes Werk!«
Gespensterhaft starrten die Augen des seltsamen Geschöpfs, an das sich diese Worte richteten, das sich jetzt aus seiner gebückten Haltung aufrichtete und mit aller ihm angeborenen, widerwärtigen Häßlichkeit dastand. Der Kopf von ungewöhnlicher Größe war bewachsen mit dichtem, schon stark ergrautem Borstenhaar; über einem Paar kleiner, dunkler Augen von durchdringender Schärfe, die wahnsinnsprühend wild und wüst in tiefen Höhlen rollten, starrten ziemlich kerzengrade struppige Brauen vor. Die Züge seines Gesichts zeigten ein rauhes, grobes, wie aus Stein gemeißeltes Gepräge; ihr Ausdruck war wild, unregelmäßig, fremdartig, wie man ihn häufig sieht auf Gesichtern von Menschen mit mißgestaltetem Körper. Sein Rumpf, dick und vierschrötig, im Umfange dem eines Mannes von mittlerer Größe gleichend, ruhte auf zwei mächtigen Füßen, aber Beine und Schenkel schien die Natur vergessen zu haben, oder sie waren so kurz, daß sie durch die Schöße des Kamisols, das über den Rumpf reichte, verdeckt wurden. Seine langen, fleischigen Arme, mit zottigem, schwarzem Haar bedeckt, setzten sich in einem Paar großer kräftiger Hände fort mit langen, durch starke Knochen und Gelenke ausgezeichneten Fingern. Das ganze Bild, welches dieses seltsame Wesen bot, dessen gedrängter Wuchs mit den langen Armen und Füßen in gar keinem Verhältnis stand zu der riesenhaften Körperstärke, weckte den Eindruck, als habe die Natur die einzelnen Teile dieses Körpers geschaffen, um einen Riesen zu formen, sie aber dann, einer wunderlichen Grille folgend, einem Zwerge zugewiesen.
Sein Anzug bestand aus einer Art von Kamisol mit langem Schoße von grobem Gewebe brauner Farbe, das durch einen Riemen aus Seehundsfell um den Leib gehalten wurde. Auf dem Kopf, die mürrischen Züge mit dem boshaften Ausdruck halb überschattend, saß eine Kappe aus Dachsfell oder einer andern, nicht genau kenntlichen Pelzart, von so wunderlicher Form, daß sie die Wirkung der ganzen Erscheinung um ein beträchtliches steigerte.
Dieser wunderliche Zwerg heftete auf die beiden still vor ihm stehenden Jünglinge einen grimmigen Blick, bis Earnscliff versuchte, ihn durch die Worte: »Freundchen! Bei so harter Arbeit erlaubt Ihr Wohl zu helfen?« milder zu stimmen.
Zusammen mit Hobbie Elliot hob er den schweren Block auf die bereits geschaffene Grundmauer.
Der Zwerg stand daneben, ganz in der Haltung eines seine Arbeiter überwachenden Aufsehers. Durch Zeichen des Verdrusses gab er seiner Ungeduld Ausdruck über die hierbei von ihnen gebrauchte Zeit. Dann zeigte er auf einen zweiten Stein. Auch diesen hoben sie auf die Grundmauer, auch einen dritten und vierten noch, gefügig den Launen des Zwerges, aber nicht frei von Verdruß, denn er mutete ihnen, offenbar aus böswilliger Absicht, die schwersten Blöcke zu, die in der Nähe herumlagen.
»Hm, Freundchen,« meinte nun aber Elliot, als der Zwerg einen Stein bezeichnete, der um vieles größer war als alle bislang von ihnen bewältigten, »mag Earnscliff tun was ihm gefällt, mir aber soll, möget Ihr ein Mensch sein oder was Schlimmeres, der Teufel die Finger krumm ziehen, wenn ich mir den Rücken noch länger krumm ziehe wie ein Lastvieh mit diesen Steinblöcken, ohne auch nur ein »Schön Dank« für solche Plackerei zu bekommen!«
»Schön Dank!« rief da der Zwerg mit einer Gebärde höchster Verachtung; »da habt Ihr, was Ihr wollt und mästet Euch dran! Nehmt ihn, meinen »Schön Dank«, daß er Euch gedeihe, wie er mir gediehen ist! wie er jedem sterblichen Wurm gedieh und gedeiht, der ihn jemals vernahm aus dem Mund eines kriechenden Mitwurms! Schert Euch! Wer nicht arbeiten will, hat hier nichts verloren! Schert Euch!«