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Daraufhin stattete ihm Earnscliff wieder seinen Besuch ab.

Der alte Graubär saß am Gartentür auf einem breiten, flachen Steine, seinem gewöhnlichen Platze, wenn er Kranke oder Ratsuchende bei sich vorzulassen gewillt war. In seine Hütte oder seinen Garten hinein ließ er niemand; diese Orte sollte offenbar kein Tritt eines menschlichen Wesens stören. Hatte er sich in seine Hütte eingeschlossen, so konnten ihn keine Bitten bewegen, sich sehen zu lassen oder jemand Gehör zu geben.

Earnscliff hatte in einem kleinen, fernen Bache geangelt. In der Hand trug er die Angelrute, auf der Schulter einen mit Forellen gefüllten Korb. Er setzte sich auf einen Stein gegenüber von dem Zwerge, dem seine Gegenwart schon nicht mehr ungewohnt war und der sich infolgedessen durch ihn kaum noch stören ließ, sondern bloß den großen, ungefügen Kopf erhob, um ihn anzustarren, gleich darauf aber, als wenn er in tiefer Denkarbeit sich befände, wieder auf die Brust sinken ließ.

Earnscliff sah sich um. Er bemerkte, daß der Zwerg seinen Hausbestand durch einen Schuppen für die beiden Ziegen erweitert hatte.

»Elshie,« redete er das seltsame Wesen an, von dem Wunsche erfüllt, in ein Gespräch mit ihm zu treten, »Ihr vollbringt schwere Arbeit!«

»Arbeit,« versetzte der Zwerg, »ist das geringste Übel in einem so kläglichen wie dem Menschenlose! Es ist besser zu arbeiten gleich mir, statt zu jagen gleich Euch.«

»Ich kann vom Standpunkte der Menschlichkeit unserm gewöhnlichen Zeitvertreibe das Wort nicht reden, Elshie – und dennoch ...«

»Und dennoch,« fiel ihm der Zwerg ins Wort, »ist dieser Zeitvertreib noch immer besser als Euer sonstiges Tun und Lassen; besser, Ihr übt aus Eitelkeit und Übermut Grausamkeit an Fischen als Euren Mitmenschen. Warum aber sage ich das? Warum soll sich das Menschengeschlecht nicht zertrampeln, zerfleischen, verschlingen, bis es ausgerottet ist bis auf den letzten Strunk eines feisten Behemoth-Ungetüms? Hat sich der vollgefressen an seinen Mitmenschen und deren Gebein abgeknaupelt bis auf die letzte Fleischfaser, so mag er dann, wenn ihm Beute mangelt, tagelang brüllen nach Nahrung, um schließlich zu verhungern und Zoll um Zoll von unten abzusterben! Das wäre ein Ende mit Schrecken, ein Untergang würdig dieser Großsippe von Scheusalen und zweibeinigen Krokodilen!«

»Euer Tun, Elshie, ist besser denn Euer Reden,« entgegnete Earnscliff. »Denn Ihr gebt Euch Mühe, das Geschlecht zu erhalten, das Euer Menschenhaß schmäht.«

»Freilich Wohl! Aber hört mir zu, weshalb! Ihr seid einer von denen, auf die ich mit weniger Widerwillen blicke. Es kommt mir Eurer törichten Blindheit gegenüber nicht darauf an, meiner Gewohnheit zuwider Worte zu verschwenden. Kann ich denn nicht, wenn sich Krankheit bei den Menschen und Pest unter Herden nicht finden lassen, zum gleichen Ziele gelangen, indem ich das Leben solcher, die dem Zerstörungswerk gleich wirksam dienen, verlängere? Wenn Alice von Bower im Winter gestorben wäre, hätte dann der junge Ruthven vergangnes Frühjahr erschlagen werden können um der Liebe willen zu ihr? oder: wem kam, als Westburnflat, der rote Räuber, auf seinem Todesschragen liegen sollte, der Einfall, seine Herde unter dem Turm in die Hürden zu treiben? Meine Geschicklichkeit hat ihn geheilt, meine Arznei ihn gerettet! Wer traut sich jetzt, seine Herde ohne Hüter auf dem Felde zu lassen oder sich schlafen zu legen, bevor er den Schweißhund losgelassen?«

»Ich kann nicht sagen,« antwortete Earnscliff, »daß Ihr der Menschheit durch diese letzte Eurer Kuren einen großen Dienst erwiesen hättet; zum Ausgleich des Übels hat aber Eure Geschicklichkeit meinen Freund Elliot, den ehrlichen Hobbie von Heughfoot, letzten Winter von einem Fieber gerettet, an dem er Wohl hätte sterben können.«

»So glauben in ihrem Unwissen die Kinder aus Ton!« versetzte mit boshaftem Lächeln der Zwerg, »und so reden sie in ihrer Torheit! Habt Ihr das Junge einer gezähmten Wildkatze beobachtet: wie munter, wie spielerisch, wie niedlich und zierlich es ist? Jagt Ihr es aber auf Euer Wild, auf Eure Lämmer, auf Euer Geflügel, flugs bricht die im Blute steckende Wildheit hervor! Flugs packt es die Beute, schlägt sie, zerreißt sie, verschlingt sie!«

»Das ist des Tiers Instinkt,« versetzte Earnscliff, »was aber hat hiermit Hobbie zu tun?«

»Es ist des Hobbie Bild!« entgegnete der Klausner, «jetzt ist er zahm, ruhig, gewöhnt an friedliche Sitte, weil es ihm an Gelegenheit fehlt, die angeborene Neigung auszuüben. Laßt aber die Kriegstrompete tönen, laßt den jungen Bluthund Blut riechen, und er wird blutgierig sein gleich dem wildesten seiner Vorfahren unter den Grenzern, der jemals eines hilflosen Kossäten Hütte in Brand steckte. Vermögt Ihr in Abrede zu stellen, daß er Euch oftmals drängt, Blutrache zu nehmen um einer Missetat willen, die an Eurer Sippe verübt wurde, als Ihr noch Kind, waret?«

Earnscliff stutzte. Der Klausner schien seine Überraschung, nicht zu bemerken, sondern fuhr fort:

»Und tönen wird die Trompete! Und Blut wird lecken der junge Hund, und lachen wird Elshie und sagen: aus keinem als diesem Grund habe ich dich gerettet!« Er schwieg. Erst nach einer Pause sprach er weiter: »Solcher Art sind meine Kuren! Fortpflanzen sollen sie die Masse Elend, und selbst in dieser Einöde spiele ich die Rolle, die mir gefällt und beschieden ist in der großen Tragödie dieser Welt. Und wenn auch Ihr läget auf Eurem Krankenbette, so könnte ich Euch einen Becher voll Gift senden aus Barmherzigkeit oder Mitleid.«

»Vielen Dank, Elshie, vielen Dank!« rief Earnscliff, »und bei solch froher Zuversicht auf Rat und Beistand werde ich sicherlich nicht unterlassen, Euch darum anzugehen.«

»Schmeichelt Euch aber nicht zu stark mit der Hoffnung,« versetzte der einsiedlerische Zwerg, »daß ich unter allen Umständen der Schwäche des Mitleids weichen werde. Weshalb sollte ich einen törichten Menschen wie Euch, der so recht geschaffen ist, die Jämmerlichkeiten des menschlichen Lebens zu ertragen, retten von dem Elend, das eigne Träumerei und irdische Erbärmlichkeit ihm bereiten? Weshalb sollte ich zur Rolle des barmherzigen Hindu greifen, der dem Gefangnen das Gehirn mit dem Schlachtbeil einschlägt? Weshalb sollte ich die Verästelung meiner Sippe in dem Augenblick zerstören, da die Fackel in Brand gesteckt wird, die Zangen glühen, der Kessel wallt und die geschärften Messer bereit liegen? da alles in Bereitschaft gesetzt ist zum Zerreißen, Sengen, Sieden, Zerstückeln des Schlachtopfers?«

»Ihr zeichnet mir ein schreckliches Bild vom Leben, Elshie; allein es schreckt mich nicht,« antwortete hierauf Earnscliff, »zwar sind wir in die Welt gesetzt, um zu ertragen und zu dulden, aber hierzu nicht allein, sondern auch um zu wirken und zu genießen. Jeder Tag hat seine Abendruhe und auch einem Leiden in Gedulde wird Linderung durch das tröstliche Bewußtsein erfüllter Pflicht.«

»Diese sklavische Lehre tierischen Ursprungs verachte ich,« rief der Zwerg und in seinen Augen blitzte die Wut des Wahnsinns, »sie ist des Viehes würdig, das krepiert! Aber ich mag nicht weitere Worte an Euch verschwenden.«

Hastig stand er auf. Ehe er aber in seine Hütte trat, ergänzte er mit Heftigkeit seine Worte durch die folgenden:

»Damit Ihr indes nicht meinet, als entsprängen die Wohltaten, die ich der Menschheit scheinbar erweise, aus jener einfältigen sklavischen Quelle, die man Liebe unsrer Mitmenschen nennt, so wisset: wenn es einen Menschen gäbe, der meiner Seele liebste Hoffnung zerstörte, der mir das Herz in Stücke risse, das Hirn zu Atomen von Asche versengte und dessen Vermögen und Leben so ganz in meine Gewalt gegeben wäre wie hier dieses Stück Ton «–er ergriff einen in der Nähe stehenden irdenen Napf – » so würde ich ihn nicht so in Scherben zerschmeißen wie das« – er schleuderte wütend den Napf an die Wand – »nein, nicht also würde ich tun an ihm!« sprach er mit höchster Bitterkeit, aber gefaßter, ruhiger – »nein, nicht also, sondern pflegen und hätscheln würde ich ihn, mit Reichtum und Macht überschütten würde ich ihn, auf daß seine wilden Leidenschaften sich entflammen, sein böses Schicksal sich erfülle! Kein Mittel, Laster zu befriedigen und Schurkerei zu frönen, sollte ihm fehlen! In einem Wirbel ewig siedenden Feuers sollte er sich drehen, dessen Bereich sich kein Boot, kein Schiff nähern könnte, ohne hineingerissen zu werden und zu zerschellen! Zum Vulkan sollte er werden, der die Stätte, wo er steht, erschüttert und überschüttet mit alles vernichtender Lava, der alle Menschen, die ihm nahe stehen und nahe kommen, freundlos und freudlos, verstoßen und elend macht, wie mich!«