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Er gab dem Pferde den Zaum frei; das junge Fräulein dankte dem seltsamen Menschen, soweit sie durch ihr Staunen über die absonderliche Art seiner Anrede nicht daran gehindert wurde, und ritt weiter. Wiederholt wandte sie sich um, auf den Zwerg zu blicken, der an der Tür seiner Hütte stehen blieb und ihre Rückkehr nach dem väterlichen Schlosse Ellieslaw beobachtete, bis die Jagdgesellschaft hinter dem Rücken des Hügels verschwunden war.

Unterwegs trieben die Damen untereinander Scherz über das seltsame Zwiegespräch, das sie mit dem weitberühmten Weisen des Moors geführt hatten, und neckten vor allem Miß Vere.

»Isabel hat immer Glück, zu Haus und draußen! Ihr Falke fängt das Birkhuhn, ihre Augen verwunden die jungen Herren, uns andern bleibt nichts übrig! Sogar der Zwerg im Moore kann der Kraft ihrer Reize nicht widerstehen. Aus Mitleid, Isabel, solltet Ihr aufhören, alles für Euch in Beschlag zu nehmen oder solltet doch wenigstens einen Laden aufmachen, um an andre zu verkaufen, was Ihr für den eignen Gebrauch nicht aufstapeln möget!«

»Nun, Ihr könnt meine Waren haben zu gar billigem Preise und den Zwerg als Zugabe!« versetzte Miß Isabel.

»Nancy soll den Zauberer haben,« meinte Miß Ilderton, »zum Ausgleich ihrer Mängel! Sie selber ist, wie Ihr wißt, noch nicht ganz Hexe!«

»Jesus, Schwester!« rief die jüngere, »was könnte ich anfangen mit solch furchtbarem Ungetüm? Als mein erster Blick auf ihn gefallen, schloß ich die Augen – und fürwahr! mir ist es noch immer gewesen, als sähe ich ihn, trotzdem ich die Lider so fest schloß wie möglich!«

»Schade, schade!« versetzte die Schwester, »wähle dir nur immer einen Verehrer, dessen Fehler, wenn du ein Auge zudrückst, verborgen bleiben können. Nun denn, ich sehe schon, ich muß ihn selber nehmen, um ihn in Mamas Kabinett unter dem Porzellan aufzuheben zum Zeichen, daß Schottland ein Stück aus Menschenton zu erzeugen vermag, zehntausendmal häßlicher als die unsterblichen Künstler von Canton und Peking, so fruchtbar dieselben auch an solchen Ungetümen sein mögen.«

»Die Lage dieses ärmsten unter den Menschen,« versetzte Miß Vere, »bietet des Trübseligen soviel, daß es mir nicht möglich ist, Lucy, auf deine Scherze so bereitwillig einzugehen wie sonst. Wie kann es sein, daß er in so ödem Striche so fern von allen Menschen leben kann? Und wenn er über Mittel gebietet, sich im Falle von Not oder Bedarf Beistand zu schaffen, steht dann nicht zu befürchten, daß ihn solcher Umstand, wenn er ruchbar wird, in Gefahr setzt, von unruhigem Nachbarsvolk beraubt und ermordet zu werden?«

»Du vergißt ja aber ganz, daß er ein Zauberer ist!« meinte Nancy Ilderton.

»Und falls ihm seine Zauberkunst nicht reichen sollte,« setzte Nancys Schwester hinzu, »dann kann er sich doch mit aller Ruhe auf den natürlichen Zauber verlassen, den er selber übt, braucht bloß mit dem Ungetümen Kopf und dem greulichen Gesicht aus Tür oder Fenster zu gucken, und der verwegenste Räuber, der je auf einem Pferde gesessen, würde es kaum riskieren, sich ihn zum andern Male anzusehen, wenn er ihn das erste Mal richtig gesehen hat. Fürwahr! Ich wünschte bloß, dieses Gorgonenhaupt stände mir eine halbe Stunde zu freier Verfügung!«

»Zu welchem Zwecke, Lucy?« fragte Miß Isabel.

»Den finstern, steifen, stolzen Sir Frederick aus dem Schloß zu verscheuchen, der wohl ein Günstling deines Vaters ist, sich aber deiner Gunst nicht im geringsten erfreut. Mein Leben lang, glaube mir, will ich dem Zauberer dankbar sein für die halbe Stunde, die er uns bei sich festhielt und von der Gesellschaft dieses abscheulichen Menschen befreite!« »Was würdest du sagen, Lucy,« fragte Miß Vere in so leisem Tone, daß die jüngere Schwester sie nicht hören konnte, die ihnen ein kurzes Stück voraus war, weil der enge Pfad nicht Raum genug bot, daß drei Personen nebeneinander ritten, »was würdest du sagen, Lucy, zu dem Ansinnen, seine Gesellschaft dein Leben lang zu ertragen?«

»Dreimal nein würde ich schreien und jedesmal lauter als vorher, bis man mein Geschrei in Carlisle hörte.«

»Dann würde Sir Frederick sagen: neun Körbe sind einem halben Jawort gleich!«

»Das hängt ganz ab von der Weise, wie ein Korb gegeben wird! Aus einem Korbe von mir sollte er kein Quentchen eines Jaworts herausdrücken können!«

»Wenn aber nun dein Vater sagen würde.« wandte Miß Vere ein, »tu das, oder –«

»Dann würde ich seinem Oder und all den Folgen, die es bringen könnte, trotzen und wäre er der grausamste aller Väter, von denen jemals in Romanen die Rede gewesen!«

»Und wenn er dir drohte mit einer Tante katholischen Glaubens, mit Äbtissin und Kloster?«

»Dann würde ich ihm drohen,« versetzte Miß Ilderton, »mit einem Schwiegersohn protestantischen Glaubens und jede Gelegenheit zum Ungehorsam wegen solcher Gewissenssache gern wahrnehmen. Da uns Nancy nicht hören kann, laß mich jetzt dir sagen, daß du meiner Ansicht nach recht handelst vor Gott und den Menschen, wenn du dieser unheilvollen Heirat auf alle Weise und mit allen Mitteln widerstrebst! Sir Frederick Langley ist ein finsterer, stolzer, ehrgeiziger Mann, ehrlos aus Habsucht und Strenge, ein Verschwörer gegen Gesetz und Staat, ein schlechter Bruder, bösartig gegen alle Verwandten und aller edeln Gesinnung bar – ich ginge lieber in den Tod, Isabel, als daß ich mit ihm in das Ehebett stiege!«

»Laß meinen Vater nicht merken, daß du mir solchen Rat gibst, Lucy,« antwortete Miß Vere, »sonst müßtest du dem Schlosse Ellieslaw Lebewohl sagen!«

»Von Herzen gern sage ich dem Schlosse Lebewohl,« versetzte die Freundin, »wenn ich dich nicht frei und unter dem Schutze eines liebevollern Mannes sehen kann, als die Natur dir gab. Ach, besäße bloß mein armer Vater noch seine einstige Gesundheit und Stärke! Wie gern hätte er dich bei sich aufgenommen und dich beschützt, bis von diesem häßlichen, grausamen Ansinnen kein Wort mehr verlautete!«

»Wollte Gott, Lucy, dem wäre so!« antwortete Isabel, »ich befürchte aber, Euer Vater bei seiner schwachen Gesundheit vermöchte mich nicht wider all die Maßnahmen zu schützen, zu denen sofort geschritten werden würde, die arme, flüchtige Dirne zurückzuholen!«

»Das fürchte ich freilich auch,« gab Miß Ilderton zur Antwort, »aber laß uns überlegen, Isabel, ob sich ein Ausweg für dich bietet! Der Zeitpunkt ist günstig! Dein Vater mit seinen Gästen hat sich, wie sich aus dem Hin und Her von Boten und aus den seltsamen Gesichtern der Menschen schließen läßt, die kommen und verschwinden, ohne daß man hört, wer sie seien, nicht zum wenigsten auch aus dem Aufspeichern von Waffen und aus der ängstlichen Gespanntheit und der Ruhelosigkeit schließen läßt, die jetzt im Schlosse herrschen, in böse Dinge eingelassen, in ein Komplott, meine ich, gegen König und Staat. Ich meine, es möchte uns gerade jetzt wohl möglich sein, ein kleines Komplott einzufädeln als Pendant zu dem andern und größeren, das ganz sicher im Werke ist! Hoffentlich haben die Männer nicht alle Klugheit und Schlauheit für sich gepachtet; einen von ihnen als Mitverschworenen möchte ich gern zulassen in unserm Rat!«