»Doch nicht Nancy?«
»O nein,« versetzte Miß Ilderton, »Nancy mag ja ein ganz treffliches Mädchen sein, dir auch sehr zugetan und anhänglich sein, bei einem Komplott möchte sie aber eine gar einfältige Rolle spielen, wie etwa Renault und die Verschwörer untergeordneter Rolle im »Geretteten Venedig« [Ein im Jahre 1681 von Thomas Otway gedichtetes, in der englischen Literatur berühmtes Trauerspiel, dessen Tendenz sich gegen die damals in England überhand nehmenden konventionellen Begriffe von Liebe, Ehre und Heldentum richtet. A. d. Ü.] – nein, einen Mann meine ich, einen Dschaffir oder Pierre, wenn dir der letztere Charakter besser gefällt! Aber wenn ich auch weiß, daß er dir nicht mißfällig ist, so möchte ich doch, um dich nicht zu ärgern, seinen Namen nicht nennen. Kannst du nicht raten? Der Name hebt an mit dem Worte, das wir Schotten für den König der Lüfte lieben und endet mit dem bei Schotten und Engländern gebräuchlichen Worte für Klippe und Fels!«
»Doch nicht der junge Earnscliff, Lucy?« fragte Miß Isabel, tief errötend.
»Wen anders sollte ich meinen?« fragte Lucy, »Dschaffirs und Pierres wachsen bei uns im Lande nicht wie Pilze, scheint mir, dagegen gibt's Renaults und Bedamars in Hülle und Fülle!«
»Lucy! Wie kannst du solch tolles Zeug schwatzen? Theaterstücke und Romane haben dir den Kopf verdreht! Du weißt recht gut, daß ich niemand heiraten will und werde, dem mein Vater die Einwilligung weigert; und daß sie solchenfalls nie gegeben würde, weißt du auch! Dagegen weißt du vom jungen Earnscliff nichts, gar nichts! Was du dir denkst, beruht bloß auf Mutmaßungen oder Einfällen, und an den verhängnisvollen Zwist, an dieses unselige Hindernis denkst du gar nicht!«
»Du meinst den Zwist, in welchem sein Vater um das Leben kam?« fragte Lucy; »ach, das ist schon lange her! Und hoffentlich haben wir beide die Zeiten der Blutrache hinter uns, in denen ein Streit zwischen zwei Sippen sich gleich einem spanischen Schachbrett vom Vater auf den Sohn vererbte und bei jeder Generation ein Doppelmord vorkam, um solch Unheil nicht aussterben zu lassen. Heute machen wir's mit einem Zwist wie mit einem Kleide: jeder hat seinen besonderen Schnitt und trägt seinen besonderen Rock; einen Zwist aus unsrer Väterzeit zu rächen, daran denken wir so wenig wie ihre geschlitzten Wämser und Pluderhosen zu tragen.«
»Lucy, du behandelst die Sache zu leichtfertig,« antwortete Miß Vere.
»Keineswegs, liebe Isabel!« sagte Lucy, »bedenke doch, dein Vater war freilich anwesend bei der unseligen Rauferei, aber niemand hat die Vermutung geschöpft, daß er es gewesen, der den tödlichen Stoß führte! Zudem waren in früherer Zeit nach blutigem Kampfe zwischen Clans spätere Familienbündnisse so wenig ausgeschlossen, daß vielmehr die Hand einer Tochter oder Schwester als das häufigste Pfand für die Wiederaussöhnung galt. Du spottest über meine Belesenheit und über meine Kenntnis von Romanen, allein ich versichere dich, wenn deine Geschichte als Vorwurf genommen würde zu einem Romane, wie es geschehen ist mit mancher Heldin geringern Verdiensts und größern Unglücks, so würde jeder verständige Leser dich zu Earnscliffs Herzensdame gerade um des Hindernisses willen bestimmen, das du für unübersteigbar hältst.«
»Wir leben aber in keiner Zeit der Romantik mehr, sondern in einer Zeit der traurigen Wirklichkeit, denn dorten steht Schloß Ellieslaw!«
»Und dort steht Sir Frederick Langley am Tor und wartet auf die Damen, um ihnen beim Absteigen zu helfen ... ich faßte schon lieber eine Kröte an, als daß ich ihm die Hand dazu reichte! An mir soll seine Hoffnung irre werden. Ich nehme mir den alten Horsington, den Stallknecht, zum Stallmeister!«
Bei diesen Worten trieb die lebhafte junge Dame ihren Zelter durch kräftige Hiebe mit der Peitsche an und sprengte mit luftigem Nicken bei Sir Langley vorbei, grade als er sich anschickte, ihrem Zelter in den Zügel zu fallen, und schwang sich dem alten Stallknecht in den Arm. Miß Isabel hätte gar zu gern ihr nachgeahmt, getraute es sich aber nicht, weil ihr Vater dabei stand und Groll bereits sein Gesicht zu verdunkeln anfing, das zum Ausdruck böser Leidenschaft besondere Eignung hatte. Sie hielt es für geratener, des verabscheuten Bewerbers Höflichkeiten, so unwillkommen sie ihr waren, über sich ergehen zu lassen.
Sechstes Kapitel
Der einsiedlerische Klausner hatte den Rest des Tages, der ihn mit den jungen Damen zusammenführte, in seinem Garten verbracht. Abends saß er wieder auf seinem Lieblingssteine. Düsteres Licht warf die hinter wogendem Gewölk niedergehende Sonne über das Moor und färbte die breiten Umrisse der kahlen Höhen, die diese einsame Stätte umschlossen, mit tiefem Purpur. Der Zwerg betrachtete das Gewölk. Als es sich zu Dunstmassen häufte und ein heller Strahl der sinkenden Flammenkugel durch diese hindurch auf seine absonderliche Gestalt fiel, da konnte er für den Dämon des drohenden Gewittersturms oder für einen Kobold gelten, der aus seiner unterirdischen Wohnstatt durch unterirdische Anzeichen nahenden Sturmes zur Oberfläche gejagt worden war. Und wie er so dasaß, das finstere Auge auf den zürnenden, in Schwarz getauchten Himmel gewandt, da kam ein Reitersmann herangesprengt, hielt an, als wolle er sein Roß zu Atem kommen lassen und schnitt dem Zwerge ein Kompliment mit einem Ausdruck, der die Mitte hielt zwischen Frechheit und Unsicherheit.
Der Reiter war von Gestalt dünn und schlank, aber groß. Die breiten Knochen und kräftigen Sehnen seines Körpers verrieten merkwürdige Stärke. Der ganze Habitus des Mannes ließ schließen, daß er zeitlebens jene Leibesübungen getrieben, die den Leibesumfang nicht mehren, wohl aber die Muskelkraft stärken und stählen. Sein sonnverbranntes, sommersprossiges Antlitz mit den energischen Zügen kündete einen unheimlichen Ausdruck von Gewalttätigkeit, Frechheit und List: Eigenschaften, die reihum über einander zu herrschen schienen. Das rote Haar und die rötlichen Brauen, hinter denen ein scharfes graues Augenpaar blitzte, ergänzten den unheilkündenden Umriß seines Gesichts. Er trug Pistolen in den Satteltaschen und unter seinem Gurt wurde, trotzdem er sich Mühe gab, es unter dem zugeknöpften Wams zu verstecken, ein zweites Paar sichtbar. Sein Anzug bestand aus einem Büffelwams von altertümlichem Schnitt, einer verrosteten Sturmhaube und Handschuhen, von denen derjenige der rechten Hand gleich einem alten Fechthandschuh mit kleinen Eisenschuppen bedeckt war; ein mächtiger Pallasch vervollständigte seine Ausrüstung.
»Recht so,« sprach der Zwerg, »Raub und Mord sitzen wieder hoch zu Roß.«
»Richtig, Elshie!« pflichtete der Bandit bei, »Eure Wissenschaft hat mich wieder auf die Beine gebracht!«
»Und all' Eure auf dem Krankenlager gegebenen Gelübde, ein besserer Mensch zu werden, sind vergessen?« fragte Elshender weiter.
»Alle sind heidi,« rief der Bandit ohne Scheu und Scham, »heidi mit dem Wasserkrug und der Brotsuppe, Ihr wißt doch, Elshie – man sagt ja, Ihr seiet bekannt mit dem Herrn:
Herr Satan kriegte das Zipperlein, juchhe!
Da wollt' er gern ein Mönchlein sein, auweh!
Dann ward's ihm wieder besser, juchhe!
Da schliff er sich das Messer, auweh!
Und schnitt die Kutte kurz und klein,
Zog länger nicht die Klauen ein!
Juchje, juchhe!
Ließ Herz und Nieren kräftig Luft,
Auweh, auweh!
Das gab gar bitterbösen Duft!
Der Satan ist ein Schwein –
Das wird nie anders sein!
Tra-rah, tra-rah!