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»Also willst du sie morden?« »Nicht, wenn es sich anders machen läßt! Es geht aber die Rede, daß sich mit List Leute aus Seehäfen nach den Kolonieen schaffen lassen und daß sich ein hübsches Stück Geld machen läßt für jemand, der es versteht, ein hübsches Mädel hinüber zu schmuggeln. Weibliches Vieh ist drüben rar und hier wächst's wie Unkraut. Vielleicht läßt sich die Dirne aber noch besser unterbringen. Es soll eine vornehme Dame ins Ausland spediert werden, wenn sie nicht parieren will; der möchte ich die Dirne als Magd aufhängen, hübsch ist sie ja und zu benehmen weiß sie sich auch! Ei, Hobbie Elliot wird seine Freude heut morgen haben, wenn er heimkommt und weder Braut noch Hof mehr findet!«

»Und Ihr habt kein Mitleid mit ihm?« fragte der Zwerg.

»Mitleid? Würde er es haben mit mir, wenn er mich unterm Galgen sähe? Der hübschen Dirne wegen reut's mich aber doch halb und halb. Na, er kriegt schon eine andre, der Schaden wird so groß nicht für ihn sein. Ist doch eine so gut wie die andre! Ihr hört's ja so gern, Elshie, wenn's Unheil setzt; habt Ihr je Vernommen von schlimmerem Streich, als ich ihn heut morgen Verübte?«

»Luft und Meer und Feuer,« sprach der Zwerg in sich hinein. »Erdbeben, Sturm und Vulkan sind mäßige Gewalten im Vergleich zu menschlichem Grimm und Zorn! Und was ist dieser Kerl anders als ein Schurke, geschickter als andre, des Daseins Zweck zu vollführen? Höre, Bandit, was ich dir sage: Geh dorthin zurück, wohin ich dich früher sandte!«

»Zu dem Verwalter?«

»Ja, und sag' ihm: Elshender der Klausner wolle, daß er dir Geld gebe! Aber höre: laß die Dirne frei, laß sie unverletzt! Bring' sie zurück zu ihren Verwandten! Laß sie schwören, daß sie reinen Mund halte über dich und dein schurkisches Tun!«

»Wenn sie nun aber den Eid nicht hält?« fragte Westburnflat, »Weibsvolk ist bekannt dafür, daß es nicht Wort hält. Das sollte solch weiser Mann wie Ihr wissen! Und unverletzt soll ich sie ziehen lassen? Wer weiß, was vorfällt, wenn sie länger in Tinning-Back weilt. Karlchen Galgenschneller ist ein rauher Wicht! Für 20 Stück Gold in bar läßt sich aber, denk ich, bürgen, daß sie binnen heut und 24 Stunden wieder bei ihrer Sippe ist.«

Der Zwerg nahm ein Blatt Papier und schrieb ein paar Worte drauf.

»Hier hast du, was du willst,« sprach er und gab dem Räuber das Blatt, »aber merk' dir: du weißt, daß du mich durch Verräterei nicht betrügen kannst! Verhältst du dich ungehorsam gegen meine Befehle, so steht dein elendes Leben dafür ein. Rechne drauf!«

»Daß Ihr Gewalt auf Erden besitzet, gleichviel wie Ihr in ihren Besitz gelangt sein möget, weiß ich,« versetzte der Bandit mit zu Boden gewandtem Blick. »Ich weiß ebenso, daß Ihr Dinge vermögt, wie kein anderer Mensch, durch Arzneien sowie durch prophetische Gabe. Auf Euren Befehl regnet's und auf Euren Befehl sah ich an frostigem Oktobertag die Käppchen von den Eschblüten fallen. Ich werde Eurem Befehl gehorsam sein.«

»Dann pack dich und mach mich deiner verhaßten Nähe ledig!«

Der Bandit spornte sein Pferd und ritt hinweg ohne Antwort.

Hobbie Elliot hatte unterdes die Heimkehr beschleunigt. Ihn quälte eine seltsame Angst vor Unheil, eine Empfindung, die der Mensch durch die Worte Ahnung oder Vorgefühl bezeichnet. Noch war er nicht auf dem Kamm des Hügels, von wo aus man sein Haus und Hof liegen sah, als ihm seine Amme oder »Kindsmagd« entgegengerannt kam. Zur damaligen Zeit, wo das Verhältnis zwischen Pflegekind und Amme noch für unlöslich galt, wo die Kindsmagd zur Familie zählte und vom Haupte derselben alle Aufmerksamkeit und Rücksicht genoß, noch eine wichtige Person! Annaple hieß Hobbies Amme, und kaum wurde er ihrer in dem roten Rock und in der schwarzen Haube ansichtig, als ihm herbe Gedanken in die Seele schlichen, die er in folgendes Selbstgespräch übersetzte:

»Welches Unglück kann es sein, das meine alte Amme, die sich doch sonst keinen Büchsenschuß weit entfernt, so weit hinweg führt von unserm Hause? Ob sie Schwarz- oder Moosbeeren im Moore sammeln will, um die Hochzeitstorte zu backen? Aber die bösen Reden des alten Grobians von Krüppel, des boshaften Narren draußen im Moor, kann ich nicht loswerden! Der geringste Umstand setzt mich in Unruhe, verursacht mir schlimme Ahnung! O, Killbuk, du tolles Vieh, es gibt doch der Ziegen noch genug im Lande, mußtest du dir gerade seine Ziege statt eines Rehs heraussuchen, um sie zu packen und würgen!«

Mittlerweile war Annaple herangehumpelt. Tiefe Trauer lagerte auf ihrer Stirn und Verzweiflung leuchtete so hell aus ihrem Blick, daß er sich nicht traute, nach der Ursache zu fragen. »Ach, mein Kind, mein liebes Kind!« rief sie und hielt sein Pferd am Zügel, »dreh um und geh nicht weiter! Es harrt deiner ein Bild, grausig genug jedem Fremden, grausam genug, dich selber auf dem Fleck zu töten!«

»Im Namen des allmächtigen Gottes, Annaple, was ist geschehen?« rief der junge Weidmann entsetzt und suchte den Zügel den Händen der Greisin zu entwinden, »laß mich, ums Himmels willen, laß mich! Ich muß sehen, was geschehen!«

»Weh mir, mein Hobbie, daß ich solchen Tag erleben mußte! Der Stall steht in Lohe und der Feim liegt in roter Glut und alles Vieh ist weggetrieben! Dreh um, du mein Liebling, und geh' nicht weiter! Was heute morgen meine alten Augen gesehen, wird dir das junge Herz brechen!«

»Wer hat solches gewagt, Kindsmagd? Laß die Finger vom Zügel, Annaple! Wo ist die Urahn? Wo find die Schwestern und wo ist Grace? Herr Gott, des Zauberes Worte summen mir in den Ohren!«

Im Nu war er vom Pferde und hatte sich frei gemacht von den Armen der Kindsmagd und rannte den Hügel hinauf.

Hier sah er das Schauspiel, das die Alte gekommen war ihm zu künden. Grausig! Herzzerreißend! Zu Wahnsinn stimmend! Sein Haus und Hof, am Gebirgsbach in ländlicher Stille gebaut diese trauliche Stätte behäbigen Daseins, diese sichere Unterkunft für sich und die Seinen, die er verlassen hatte mit allen Zeichen des Glücks und des Friedens, lag jetzt vor seinen Blicken als wüste, rauchgeschwärzte Ruine! Aus dem in Trümmern liegenden Gemäuer stieg noch der Rauch empor in züngelnden Schlangen; Torfschuppen, Getreidescheuer, Stallung und Vieh, aller Reichtum eines Landmanns im Gebirge zu damaliger Zeit, und bei Hobbie Elliot in nicht ungewöhnlicher Menge vorhanden, war in einer einzigen Nacht ein Raub der Flammen geworden.

Einen Moment lang war er sprachlos, regungslos. Endlich löste sich ihm die Zunge und er rief:

»Zu Grunde gerichtet! Arm wie eine Kirchenmaus! Alles, alles weg bis auf den letzten Heller! Aber verflucht sei alles irdische Gut, stände ich bloß nicht eine Woche vor der Hochzeit! Aber,« rief er und ballte die Fäuste, »ich bin kein Knabe, daß ich mich hinsetze und flenne ... Wenn ich bloß Grace bei Wohlsein finde und die Urahn mit den Schwestern, so kann ich, gleich dem Großvater unter des alten Buccleuch schrillem Banner, in den Krieg nach Flandern ziehen. Also Mut, Hobbie! Mut, sonst büßt das Weibsvolk allen Mut ein, den es vielleicht noch hat!«

Hobbie schritt tapfer hügelabwärts, entschlossen, die eigne Verzweiflung zu bekämpfen und Trost zu spenden, den er selbst nicht fühlte. Um die Brandstätte herum standen die Nachbarn, vornehmlich solche seines Namens, die jüngeren in Waffen, nach Rache schreiend, wenngleich sie nicht wußten, wen Rache treffen sollte; die älteren beflissen, den vom Feuer Heimgesuchten Hilfe zu leisten. Die Hütte der Kindesmagd, unfern der Brandstätte am Bache gelegen, war im Handumdrehen hergerichtet zum Aufenthalt für die Urahn und für die Mädchen. Was dazu vonnöten war, denn aus dem Feuer war nur wenig gerettet worden, trugen die Nachbarn herbei.

»Ihr Männer, sollen wir den ganzen Tag hier stehen und gaffen auf die rauchigen Mauern der Wohnstätte unsers Verwandten? Jegliche Rauchsäule, die aufsteigt, ist für uns ein Qualm der Schmach! Zu Pferde, zu Pferde! Auf die Jagd nach den Brandstiftern! Wo am nächsten finden wir Schweißhunde?« So rief es durcheinander.