»Zu Roß! Zu Hauf!« Mit diesem Rufe an seine Sippe war er bald weit voraus und das Tal erdröhnte vom Schlachtrufe der jüngeren Freunde.
»Ha, ha!« rief Simon von Hackburn, »so ist's recht, Hobbie! Das ist die rechte Art! Das Weibsvolk laß daheim und sich grämen, die Männer müssen tun, wie ihnen geschehen. So steht es schon im Heiligen Buche!«
»Ruhig Mann,« rief einer von den älteren Leuten in strengem Tone; »lästert nicht Gottes Wort: Ihr wißt nicht, was Ihr redet!«
»Habt Ihr Nachricht, Hobbie? Kennt Ihr Spuren?« rief der alte Dick von Dingle ... »bloß nicht zu wild. Junge!«
»Was soll uns jetzt Eure Predigt?« rief Simon dazwischen, »wißt Ihr Euch selber nicht zu helfen, so haltet andre nicht ab, die sich selber helfen können!«
»Still, Mann! Würdet Ihr Rache suchen, ohne zu wissen, wer Euch heimgesucht?«
»Glaubt Ihr, den Weg nach England kennten wir nicht genau so gut wie unsre Ahnen?«
»Von dort her kommt uns alles Übeclass="underline" das ist ein altes und wahres Wort, auf nach Süden, und so geschwind, als ob der Teufel uns in den Rücken bliese!«
»Laßt uns der Spur von Earnscliffs Rossen im Moore folgen!« rief Elliot.
»Ich würde sie ausfindig machen in allen Mooren und wären sie noch so schwer zu erkennen,« sprach Heugh, der Grobschmied von Ringleburn; »denn ich beschlage seine Rosse immer mit eigner Hand.«
»Die Schweißhunde los!« rief ein andrer, »wo sind sie?«
»Halt, Mann! Lange schon ist die Sonne herauf und der Tau vom Erdreich verschwunden. Wie sollen sie die Spur noch finden?«
Sogleich pfiff Hobbie den Hunden, die um die Trümmer der einstigen Wohnstatt kreisten, die Luft mit lautem Wehgeheul erfüllend.
»Nun, Killbuck,« rief Hobbie dem Leithunde zu, »nun zeige mal, was du kannst« – dann hielt er inne, wie von jähem Lichtschein geblendet – »der häßliche Zwerg ließ ein paar Worte fallen: vielleicht weiß er mehr, sei's von Schurken auf Erden oder von Teufeln in der Hölle. Herausbringen will ich es aus ihm und sollte ich es ihm mit meinem Dolch aus seinem mißgestalteten Buckel schneiden!«
Darauf gab er den Kameraden schnelle Weisung: »Vier von euch reiten nach der Grämes-Kluft. Sind's Engländer, können wir sie in dieser Richtung abfangen! Die übrigen zerstreuen sich zu zweit über die Heide und treffen mich am Trysting-Teich. Meinen Brüdern, wenn ihr sie trefft, sagt, sie sollen uns folgen und dort aufsuchen oder erwarten. Die armen Jungen werden bekümmert sein, wie ich: auch sie wissen nicht, in welches Unglückshaus sie ihr Wildpret bringen. Ich selbst will über das Mucklestane-Moor!«
»Wär' ich an Eurer Statt,« meinte Dick von Dingle, »dann redete ich mit dem Zauberer: will er, so kann er Euch alles sagen, was im Lande vor ist!«
»Er soll's mir sagen!« versetzte Hobbie, seine Waffen instand setzend, »was er von der Schreckenstat dieser Nacht weiß, oder ich werde hören von ihm, warum er's nicht sagen will.«
»Doch sprich gesetzt und ruhig mit ihm, wackrer Hobbie! Denn Leute wie er vertragen den Widerspruch nicht! Zu häufig verkehren sie ja mit mürrischem Gespenster- und Teufelsvolk, daß ihr Gemüt nicht gallig werden sollte.«
»Überlaßt es mir, mit ihm fertig zu werden. Mir steckt heut was unter dem Koller, das allen Kobolden auf Erden und allen Teufeln in der Hölle den Garaus zu machen vermöchte!«
Er spornte den steilen Hang hinauf und die andere Seite hinunter, dann quer durch den Wald und ein langes Tal, bevor er wieder am Mucklestane-Moor war. Um das Pferd frisch zu halten für Anstrengungen, die vielleicht noch winkten, hatte er seinen Galopp in Trab verwandelt. So fand er Muße zur Überlegung, wie er dem Zwerge nahen solle, um von ihm zu erfahren, was ihm, seiner Meinung nach, über die Räuber seines Glücks bekannt sein müsse. Wenn auch derb in seiner Rede und hitzig in seinem Wesen, so ermangelte doch Hobbie, gleich den meisten seiner Landsleute, der Schlauheit nicht, die gleichfalls einen Charakterzug des Schotten bildet neben Hitzigkeit und Derbheit. Wenn er das Benehmen des Zwergs von jenem merkwürdigen Tage an, da er ihn zum erstenmal gesehen, verfolgte bis zu dem Abend vor der Unglücksnacht, an welchem er im Zorn von ihm schied, mußte er sich sagen, daß Drohung und heftiges Wesen denselben in seinem Starrsinn bloß bestärken würden. Drum dachte er bei sich: »Ich will ihn artig ansprechen, wie mir der alte Dick geraten hat. Mögen auch die Leute reden, er habe einen Bund mit dem Satan geschlossen: ein solch eingefleischter Teufel kann er nicht sein, daß er nicht Mitleid fühlen sollte mit einem Fall wie dem meinigen! Auch reden die Leute ja, daß er manchmal Gutes tue und Barmherzigkeit übe. Ich will, so gut ich es vermag, Grimm und Zorn niederkämpfen, will ihm mit Milde nahen – und kommt es zum Ärgsten, nun, so brauche ich ihm höchstens den Kopf umzudrehen!«
In solcher versöhnlichen Stimmung nahte Hobbie der Hütte. Der Zwerg saß nicht auf seinem Steine. Auch im Garten und hinter dem Zaune konnte ihn Hobbie nicht sehen.
»Er steckt in seinem Schlupfloch,« dachte Hobbie, »vielleicht will er mir ausweichen! Ich will ihm aber seine Höhle über seinem Haupte niederreißen, wenn ich nicht anders zu ihm kommen kann.«
Nach diesem kurzen Selbstgespräch erhob er die Stimme, in so bittendem Tone, wie ihm bei der Aufregung, die ihn noch immer schüttelte, nur irgend möglich war ... »Elshie! Guter Freund! Elshie, kluger Vater!« Keine Antwort! Der Zwerg blieb stumm ... »Fahr dir die Pest in deinen krummen Leib!« brummte Hobbie zwischen den Zähnen. Dann suchte er wieder seinen milden Ton zu finden ... »Guter Vater Elshie! Ein armes, elendes Wesen sucht Rat bei Eurer Weisheit!«
»Recht so, recht so, um so besser!« kreischte es durch eine schmale, einer engen Schießscharte ähnelnde Öffnung von Fenster, die der Zwerg über dem Eingang zu seiner Hütte angebracht hatte Und durch die er jeden sehen konnte, der sich ihm näherte, ohne daß es solchen möglich war, ihn selber zu sehen.
»Um so besser?« fragte Hobbie mit Ungeduld, »was soll die Rede? Hört Ihr denn nicht, daß ich der elendeste Mensch bin unter der Sonne?«
»Und habt Ihr nicht gehört, daß ich Euch sagte, dies sei um so besser? Habe ich Euch nicht heut morgen, als Ihr Euch glücklich prieset, gesagt, welches Abends Ihr Euch gewärtig halten solltet?«
»Gesagt habt Ihr mir das,« versetzte Hobbie, »und eben das hat mich bestimmt, jetzt Euren Rat einzuholen. Wer ein Unglück voraussah, kann wohl auch die Arznei kennen, die solches zu heilen vermag!«
»Arznei für irdisches Unglück kenne ich nicht!« entgegnete der Zwerg, »und wäre es der Fall, wieso käme ich dazu, andern zu helfen, da mir doch niemand geholfen hat? Bin ich nicht um Reichtum gekommen, der all deine öden, kahlen Hügel hundertmal aufwog? Hab ich nicht meinen Rang eingebüßt, mit dem in Vergleich gestellt der deinige knapp der eines Kossäten, ist? Bin ich nicht gesellschaftlichen Kreisen entrückt, in denen alle Liebenswürdigkeit und alle Intelligenz wahrhaft gebildeter Menschheit herrschte? Bin ich nicht all dessen verlustig gegangen? Hause ich nicht hier in dieser häßlichsten, einsamsten aller Einöden als Ausgestoßener der Natur? als das häßlichste von allen Dingen, die mich umgeben? Weshalb soll ich das Wimmern anderer Würmer, die zertreten werden, hören, da ich doch selber unter den Rädern eines Sichelwagens seufze, der seinen Opfern die Glieder stückweis vom Leibe trennt?«
»All dies könnt Ihr verloren oder eingebüßt haben, wie Ihr es nennen wollt,« antwortete Hobbie in der Bitterkeit seines Wehs: »Land und Leute, Stellung und Rang, Hab und Gut: aber nimmer kann Euer Herz so voll Trauer sein wie das meine; denn Ihr habt niemals Grace Armstrong verloren. Meine letzte Hoffnung ist nun geschwunden: ich werde sie nie mehr, nie mehr wiedersehen!«
Unsäglicher Schmerz sprach aus diesen Worten. Eine lange Pause folgte. Der Grimm, die wilde Erregtheit des armen Menschen waren mit dem Klange des Namens der Braut geschwunden und hatten schlimmstem Herzweh das Feld geräumt.