Aber bevor er die Kraft wiederfand, von neuem das Wort an den Klausner zu richten, zeigte sich dessen knochige Hand mit den ungetümen Fingern in dem kleinen Fensterloch, und ein großer, lederner Beutel fiel mit hellem Klange vor Hobbies Füßen auf die Erde. Dann erklang des Klausners rauhe Stimme und Elliot vernahm die Worte:
»Zu Euren Füßen, Hobbie Elliot, liegt die Universalpanakeia, das Allerweltsheilmittel für alles Allerweltsübel, für allen Allerweltsjammer. Zum wenigsten ist dies der Allerweltsglaube, der Glaube der Jammernaturen hienieden! Scher dich heim: du bist doppelt so reich jetzt als vorgestern! Aber peinige mich nicht mehr mit Fragen, mit Dank oder Klagen: sie sind mir alle gleich verhaßt!«
»Beim Himmel, das ist Gold!« rief Elliot nach einem Blick in den Beutel. Dann sprach er weiter zu dem Klausner: «Gern erkenne ich Euren guten Willen an, Elshie, und gern stellte ich Euch einen Schuldschein aus über einiges Silbergeld oder einen Pfandbrief über den Grund und Boden von Wide-Open! Aber, Elshie, ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll! Soll ich Euch die Wahrheit sagen, Elshie, so mag ich sein Silber nehmen, ohne zuvor zu wissen, daß es ehrbarer Herkunft ist. Wer weiß, ob sich Euer Silber nicht zu Kieselstein wandelt und einem armen Menschen zu gleisnerischem Trug wird!«
»Unwissender Tor!« versetzte der Zwerg, »der Plunder zu Euren Füßen ist ganz ebensolch echtes Gift wie anderes, das den Eingeweiden der Erde jemals entrissen worden. Nimm es und brauch es! Und mag es dir gedeihen wir mir!«
»Aber, Elshie, ich sagte Euch ja,« hub Elliot wieder an, »nicht um Geldes und Gutes willen kam ich zu Euch! Meine Scheuer war schön und die Zahl meines Viehs überstieg die dreißig und es waren durchweg Stücke, wie sie edler sich auf dieser Seite des Hat-Rail nicht wiederfinden! Aber Geld und Gut mag mir genommen sein! Was ich von Euch zu hören kam, um was ich Euch flehentlich bitte, Elshie, ist eines, nur eines: könnt Ihr mir die Spur weisen von meiner Grace? Könnt Ihr mir sagen, wo ich sie zu suchen habe, die arme Dirne? Wäre solches der Fall, Elshie, so wäre ich auf Lebenszeit gern Euer Sklave in allem, was das Heil meiner Seele nicht in Gefahr setzt! Ach, Elshie, könnt Ihr's, so sagt mir ein paar Worte! Ich bitte Euch flehentlich!«
»Wohlan!« erwiderte der Zwerg, scheinbar überdrüssig der dringlichen Reden des Jünglings, »da du noch nicht genug zu haben scheinst am eignen Elend, sondern dich noch zu beladen suchst mit Weiberkummer, so laß dir sagen: suche, die dir abhanden gekommen, im Westen!«
»Im Westen? Ein Wort von weitem Sinne!«
»Das letzte Wort, das ich zu äußern Willens bin!«
Mit diesem Bescheid, schlug der Zwerg das Fenster zu, es Hobbie anheimgebend, den Wink, der in dem Worte lag, nach vorhandenem Vermögen zu nützen.
»Im Westen?« sprach Elliot bei sich, »das Land ist doch im Durchschnitt ruhig! Sollte es der Jock vom Fuchsbau sein? Aber der ist für solchen Streich doch zu alt! – Im Westen?« und wieder sann er. Da schlug er sich vor die Stirn ... »Ha!« rief er, »bei meinem Leben! Westburnflat! Der Westburnflat muß es sein! Elshie!« wandte er sich bittend wieder an den Zwerg, »nur ein Wort, ein einziges, noch! Hab ich Recht? Ist Westburnflat der Brandstifter und Räuber? Oder vielmehr, Elshie, sag's mir, wenn ich Unrecht habe! Denn ich möchte keinen unschuldigen Nachbarn durch Gewalt verletzen. Keine Antwort, Elshie? Ha! Also ist's der rote Bandit?... Daß er sich an mich und meine zahlreiche Sippe getrauen würde, habe ich nicht geglaubt – ich glaube, er hat einen bessern Hinterhalt als seine Freunde aus Cumberland! Lebt wohl, Elshie, und vielen Dank! Mit dem Silber kann ich mich jetzt nicht befassen, denn ich muß meine Sippe auf dem Sammelplatz treffen. Hier, nehmt's herein! – Nun, wollt Ihr das Fenster nicht öffnen, so könnt Ihr's ja wieder hereinnehmen, wenn ich weg bin! – Noch immer keine Antwort, Elshie? Er ist taub oder toll – vielleicht beides! Aber zu weiterem Schwatzen hab ich jetzt nicht Zeit!«
Hobbie Elliot ritt zum bezeichneten Trefforte hin. Vier bis fünf Reiter befanden sich bereits dort. Während ihre Rosse unter den Birken weideten, deren Laub über einen breiten, stillen Teich herniederhing, standen sie in einer Gruppe und hielten Rat. Eine zahlreichere Schar ritt vom Süden heran. Es war Earnscliff mit seinen Mannen, der die Spur des geraubten Viehs bis zur englischen Grenze verfolgt, aber dort kehrt gemacht hatte zufolge der Kunde, es seien beträchtliche Streitkräfte unter jakobitischen Edelleuten zusammengezogen und Nachrichten über Aufstände in verschiedenen Teilen Schottlands eingelaufen. Hierdurch verlor der räuberische Überfall den Anschein privater Feindschaft oder räuberischer Absicht und lenkte hinüber in das Kapitel des Bürgerkrieges: eine Ansicht, der Earnscliff auch selber zuneigte.
Der junge Edelmann begrüßte Hobbie mit herzlicher Teilnahme und gab ihm Kenntnis von der Kunde.
»Dann will ich mich nicht vom Fleck rühren,« rief Elliot, »wenn bei der schurkischen Tat nicht der alte Ellieslaw die Hauptrolle spielt! Daß er mit den Katholiken in Cumberland Beziehungen hat, ist Euch bekannt. Es stimmt auch völlig zu dem Winke, den mir Elshender gegeben hat, denn Ellieslaw hat Westburnflat immer Schutz und Unterstand geliehen, und daß die Gegend um seine Güter herum geplündert und von waffentragende Mannen entblößt wird, bevor er losschlägt, wird ihm sicher ganz gut in den Kram passen!«
Jetzt erinnerten sich manche gehört zu haben, daß sich Scharen im Lande sammeln sollten, für Jakob den Achten zu kämpfen, denen Auftrag geworden wäre, allen Rebellen die Waffen zu nehmen. Anderen war zu Ohren gekommen, Westburnflat habe bei Gelagen damit geprahlt, daß Ellieslaw bald für die Sache der Jakobiten die Waffen erheben und daß ihm selber unter Ellieslaws Oberbefehl eine hervorragende Stelle zufallen werde; dann würden sie schon dem jungen Earnscliff und anderen, die zur Regierung hielten, die Hölle heiß machen. Zufolge solcher Nachrichten neigten alle der Ansicht zu, daß Westburnflat auf Ellieslaws Geheiß Räuber geworben und gegen Hobbies Heim geführt habe. Ohne Säumen wurde Beschluß gefaßt, nach Westburnflats Burg aufzubrechen und sich der Person des Räubers zu versichern.
Inzwischen war durch weiteren Zuzug die Zahl der Reiter bis auf zwanzig angewachsen, die zwar mannigfache Ausrüstung trugen, aber im Durchschnitt als gutbewaffnet gelten konnten.
Zwischen Höhen bricht bei Westburnflat aus engem Tal ein Bach, um sich in eine große sumpfige Fläche von reichlich einer Meile im Umkreis zu verlaufen. Der Bach ändert hier seinen Charakter: aus einem Bergstrom mit reißendem Lauf wandelt er sich zu einem fast stehenden Wasser, das sich einer blauen, geschwollenen Schlange ähnlich in allerhand Windungen durch die Sümpfe arbeitet. An dem Ufer dieser Schlange, fast in der Mitte der sumpfigen Fläche, erhob sich die Burg oder richtiger der Turm von Westburnflat: eine der wenigen Grenzfesten zwischen England und Schottland, die von der großen Sperrkette früherer Jahrzehnte noch vorhanden waren. Der Boden, auf welchem er stand, ragte an etwa hundert Ellen über den Sumpf und bildete, sanft ansteigend, um den Turm herum ein trockenes Rasengebiet. Darüberhinaus war alles gefährlicher, unzugänglicher Sumpf, wo man nur auf gewundenem Pfade, außer den Turmbewohnern kaum jemand bekannt, festen Weg zu finden vermochte. Unter Earnscliffs Mannen befanden sich einige, tauglich zu Führern in diesem schlimmsten aller Moore. War auch der Turmherr seinem Charakter und seiner Lebensweise nach bekannt genug im Lande, so waren doch die Begriffe über Eigentum noch immer locker genug, daß man ihn nicht mit dem Abscheu betrachtete, der ihn in anderen besser zivilisierten Ländern unfehlbar hätte treffen müssen. Im allgemeinen gemieden von den ruhiger gesinnten Nachbarn, galt er doch nicht als einer, der das Brandmal der Schande als Bandit oder Räuber trägt, sondern wurde mehr im Lichte eines gewerbsmäßigen Spielers, der es mit der Ehrlichkeit nicht genau nimmt, oder eines »Buchmachers« bei Rennen, dem die höchste Wette nicht als gefährlich scheint, betrachtet; und der Grimm der Leute im vorliegenden Falle hatte seinen Ursprung nicht sowohl in der Tat selber, die sich von einem Straßenräuber kaum anders erwarten ließ, als vielmehr in ihrer rohen Gewalt einem Nachbarn gegenüber, der zu Unfrieden nicht Ursache gegeben, und nicht zum wenigsten mit in dem Umstande, daß der Geschädigte zu dem zahlreichen und angesehenen Clan der Elliots gehörte.