»So wahr ich von Brot lebe!« versetzte Willie von Westburnflat, »kein Huf von seinem Vieh ist in meinem Besitz! Sein Vieh ist längst schon über den Sumpf getrieben. Aber zusehen will ich, was sich zurückholen läßt. Heut über drei Tage wollen wir uns in Castleton treffen, Hobbie und ich, ein jeder mit zwei Begleitern, und wollen zusehen, daß sich ein Abkommen finden lasse in betreff des Schadens, den er durch mich erlitten zu haben vorgibt.«
»Recht so,« rief Elliot, »ich denke, das wird sich machen!« Dann drehte er sich zu seinem Verwandten und sprach leiser: »Die Pest über mein Vieh, wenn es nicht anders sein soll! Redet kein Wort mehr drüber. Mann! sondern erlösen wir Grace, das arme Ding, aus dieser Hölle!«
»Wollt Ihr mir das Wort verpfänden, Earnscliff,« fragte der Räuber, der seinen Platz hinter der Schießscharte noch inne hatte, »wollt Ihr mir Treue verbürgen mit Hand und Handschuh, daß ich frei kommen und gehen darf, das Tor zu öffnen und wieder zu schließen? Fünf Minuten für das eine und fünf für das andre? Geringere Frist reicht nicht aus, denn Schloß und Riegel wollen geschmiert sein. Wollt Ihr solches laut und feierlich erklären?«
»Es soll Euch reichlich Zeit bleiben, Willie Westburnflat,« antwortete Earnscliff, »ich verpfände Wort und Treue und verbürge mich mit Hand und Handschuh! Meine Mannen sind mir und Euch Zeugen!«
»So wartet einen Augenblick!« versetzte Westburnflat, »oder vielmehr: entfernt Euch auf Pistolenschußweite vom Tor! Nicht weil ich Eurem Worte mißtraue, Earnscliff, stelle ich die Forderung; aber so ziemt es sich bei solchem Abkommen.«
»Hätt' ich dich bloß auf der Turnierwiese mit weiter niemand als zwei ehrlichen Burschen, um auf ehrlich Spiel zu schauen,« dachte Hobbie bei sich, als er die begehrte Strecke rückwärts schritt, »so wollt' ich es dir schon beibringen, daß es gescheiter für dich wär', eher das Bein zu brechen, als ein Stück von meinem Vieh anzurühren!«
»Der Spitzbube wird niemals seinem Vater gleichen,« brummte ärgerlich Simon von Hackburn, »er hat eine weiße Feder im Flügel!« Unterdes war die Innentür des Turmes geöffnet worden, und in dem Raum zwischen ihr und dem Eisengitter kam die Mutter des Räubers zum Vorschein. Hinter ihr, mit einem Frauenzimmer an der Hand, Willie von Westburnflat selber. Die Alte verriegelte hinter beiden das Gitter und blieb als Schildwache auf dem Posten.
»Es müssen ein paar von euch vortreten,« rief der Räuber, »das Mädchen heil und gesund aus meiner Hand zu nehmen.«
Hobbie trat schnellen Schrittes vor, die Braut in Empfang zu nehmen. Earnscliff, vor Verrat auf der Hut, folgte langsamer. Plötzlich verlangsamte Hobbie seinen Schritt und tiefe Niedergeschlagenheit prägte sich aus auf seinen Zügen, Earnscliffs Schritt hingegen beflügelte Ungeduld und Staunen. Nicht Grace Armstrong war es, der durch die Sippe der Elliots Befreiung aus dem Turm von Westburnflat wurde, sondern Miß Isabel Vere.
Von Zorn und Unwillen erfüllt, rief Hobbie grimmig:
»Wo ist Grace Armstrong?«
»In meinen Händen nicht!« versetzte Westburnflat, »sofern Ihr Zweifel setzt in meine Worte, mögt Ihr den Turm durchsuchen.«
»Falscher Schurke!« rief Elliot, das Gewehr an die Wange reißend, »Rechenschaft sollst du über sie geben, oder auf der Stelle sterben!«
Aber seine Gefährten entwanden ihm im Nu die Waffe. »Hand und Handschuh! Wort und Treue!« riefen alle wie aus einem Munde. »Hüte dich, Hobbie! Dem Westburnflat halten wir Wort und wäre er der größte Schuft, der je auf einem Roß gesessen, denn wir gaben ihm unser Wort!«
Zufolge solches Schutzes gewann der Bandit die durch Elliots Drohung stark erschütterte Kühnheit wieder.
»Ich hielt euch Wort, ihr Herren,« sprach er, »also habt ihr mir kein Unrecht vorzuwerfen! Ist dieses die Gefangene nicht, die Ihr suchet,« – diese Worten waren an Earnscliff gerichtet – »dann gebt sie mir zurück. Ich bin ihren Angehörigen für sie verantwortlich.«
»Um unsers Heilands willen, Herr Earnscliff,« sagte Miß Vere, sich an ihren Befreier klammernd, »gewähren Sie mir Schutz! Verlassen nicht auch Sie ein Mädchen, das verlassen zu sein scheint von aller Welt.«
»Seien Sie ohne Furcht, Miß Vere!« flüsterte Earnscliff, »ich will Euch beschützen mit meinem Leben!« Dann drehte er sich zu Westburnflat herum: »Wie konntest du wagen, Schurke, Hand an diese Dame zu legen?«
»Darüber, Earnscliff,« versetzte der Räuber, »werde Rechenschaft abgelegt denen, die zu der Frage besseres Recht besitzen als Ihr! Wie aber gedenkt Ihr Euch zu verantworten dafür, daß Ihr herkommt mit bewaffneter Macht und sie dem Manne nehmt, dem ihre Verwandten sie anvertrauten? Indessen das ist Eure Sache! Kein einzelner Mann vermag gegen zwanzig einen Turm zu halten, und kein Mann kann mehr tun als er kann!«
»Er lügt,« rief Isabel, »denn er riß mich mit Gewalt von meinem Vater.«
»Weißt du, Mädchen, ob es ihm am Ende nicht darum zu tun war, diese Meinung bei dir zu wecken?« fragte der Räuber, »aber auch das ist meine Angelegenheit; mir soll es gleich sein, wie es sich darum verhält! Earnscliff, wollt Ihr mir die Dirne wiedergeben?«
»Dir Miß Vere wiedergeben, Kerl? Um keinen Preis!« versetzte Earnscliff, »beschützen will ich sie und sicheres Geleit will ich ihr geben an jeden Ort, wohin sie gelangen will.«
»So? Hm! Habt's mit ihr wohl schon abgesprochen?« fragte höhnisch Willie von Westburnflat.
»Und Grace?« unterbrach ihn Hobbie, sich von den Freunden losreißend, die ihm Vorhaltung machten wegen des unverletzlichen Geleits aus und nach dem Turme, das dem Räuber gelobt worden – »wo ist Grace?« und mit dem Schwert in der Faust stürmte er auf den Räuber ein.
Dieser wandte zufolge solcher Bedrängnis den Rücken und floh mit dem Rufe:
»Hobbie! Um all dessen willen, was Euch heilig ist, höret mich an!«
Des Räubers Mutter stand in Bereitschaft, das Gitter zu öffnen und wieder zu schließen. Aber Hobbie Elliot führte nach dem Räuber, als er das Gitter gewonnen hatte, einen so wuchtigen Streich, daß sein Schwert in die Schwelle des Tors einen mächtigen Spalt hieb: der noch heute am Turme von Westburnflat gezeigt wird als Kennmal der stärkern Kraft früherer Geschlechter. Ehe Hobbie zu neuem Streich ausholen konnte, war das Tor gesperrt und verriegelt, so daß er sich gezwungen sah, zu seinen Kameraden zurückzutreten, die sich jetzt anschickten die Belagerung aufzuheben, und auf seiner Mitkehr nach Hause beharrten.
»Den Waffenstillstand, Hobbie, habt Ihr bereits gebrochen,« sprach der alte Dick vom Dingle, »und mehr törichte Streiche spielt Ihr uns schließlich noch, macht Euch womöglich gar zum Gespött des Landes, sofern wir Euch nicht bessere Fürsorge widmen. Wartet bis zur Zusammenkunft in Castleton, die Ihr dem Westburnflat zugestanden habt. Wenn er Euch dort nicht befriedigt, dann schreien wir nach seinem Herzblut. Aber mit Vernunft laßt uns zu Werke gehen und das Wort halten, das wir gegeben haben. Dann stehe ich dafür ein, daß Ihr Grace wieder bekommt und mit ihr die Kühe und was Euch weiter geraubt worden!«
Dieser kaltblütige Vorhalt wurde von dem unglücklichen Hobbie Elliot übel aufgenommen. Da er aber des Beistands der Nachbarn und Anverwandten nicht entbehren, ihn aber bloß auf die Bedingungen hin erlangen konnte, die von ihnen selbst gestellt worden waren, blieb ihm nichts andres übrig als sich zu fügen, den geschlossenen Vertrag zu halten und ein regelmäßiges Verfahren zu beobachten.
Earnscliff bat nun einige Mannen um Beistand, ihn mit Miß Vere zum Schloß ihres Vaters zu begleiten, da sie die feste Absicht ausgesprochen hatte, dorthin zurückzukehren. Ihrem Begehr wurde ohne Einspruch gewillfahrt, und ein halbes Dutzend junger Burschen erklärte sich zu dem Geleit bereit. Hobbie Elliot war nicht darunter. Wenig fehlte, so wäre ihm ob der traurigen Ereignisse, die ihm fast alle Hoffnung raubten, das Herz gebrochen. Tiefbetrübt schlug er den Heimweg ein, um zum Schutz und Unterhalt seiner Angehörigen nach Möglichkeit Maßregeln zu ergreifen, und weitere Schritte zur Wiedererlangung von Grace Armstrong mit Nachbarn und Verwandten zu beraten.