Die übrigen Mannen zerstreuten sich, sobald sie das Moor hinter sich hatten, nach verschiedenen Richtungen. Der Räuber und seine Mutter blickten ihnen vom Turm aus nach, bis sie ihren Blicken entschwunden waren.
Zehntes Kapitel
Verdrossen über die Kälte, mit der, seiner Ansicht nach, eine ihn so nahe angehende Sache von seiner Sippe behandelt wurde, hatte Hobbie Elliot sich von ihr getrennt und war jetzt auf einsamem Heimritt begriffen.
»Fahr' der Satan dir ins Gebein!« brummte er, indem er sein müdes Tier, das kaum noch weiter konnte, mit den Sporen traktierte, »du bist wie alle andern Geschöpfe! Gehegt und gepflegt hab' ich dich und aufgefüttert mit eigener Hand, und jetzt willst du stolpern, da ich dich gerade am meisten brauche, und mir den Hals brechen? Aber lauf! Du bist wie die andern! Alle sind sie mir verwandt, durchweg Vettern, wenn auch zuweilen erst zehnten Grades: aber ich würde ihnen dienen Tag und Nacht und mit meinem besten Blute. Sie aber erweisen dem Räuber von Westburnflat mehr Rücksicht als ihrem eignen Fleisch und Blut! ... Weh mir!« fuhr er fort, überwältigt von den ihm zuflutenden Erinnerungen: »jetzt sollte ich sie sehen, die Lichter in Heugh-foot! Wär' nicht die Urahn und wären die Schwestern nicht ... und wär nicht« (nur ein wildes Schluchzen entrang sich der mannhaften Kehle) ... »wär nicht die arme Grace, dann könnt' mich die Lust befallen, das Tier zu spornen und den Abhang hinunter ins Wasser zu springen, daß alles, alles ende!«
In solch untröstlicher Stimmung wandte er den Zügel seines Rosses der Hütte zu, in welcher die Urahn mit seinen Schwestern Zuflucht gefunden hatte.
Der Tür nahe, drang ihm Flüstern und Lachen der Schwestern entgegen.
»Der Satan ist unter dem Weibsvolk!« sprach der arme Hobbie, »wiehern würden sie, auch wenn ihr liebster Freund als Leiche daläge! Und doch wieder freut es mich, daß sie die Herzensfreudigkeit behielten, die armen, lieben, dummen Dinger! Sicher, sicher! Das Böse kommt ja über mich, nicht über sie!« Also mit sich im Gespräch, unterzog er sich der Arbeit, sein Pferd im Schuppen anzubinden... »Kannst dich heut mal ohne Gurt und Decke behelfen, Schlingel,« sprach er zu dem Tiere, »wir sind beide gleich herunter, armes Vieh! Du und ich! Es wär' uns beiden besser, wir lägen im tiefsten Teiche von Tarras!«
Da kam die jüngste der Schwestern gesprungen und störte ihn aus seinem sich selbst feindlichen Grübeln. Mit gezwungener Stimme, gleichsam beflissen, eine Erregung, die in ihr stürmte, niederzukämpfen, rief sie ihm zu:
»Hobbie, Hobbie! Was treibst du Kurzweil mit deinem Gaul? Schon eine Stunde lang harrt jemand aus Cumberland deiner! O, seit länger schon denn einer Stunde! Schnell, schnell ins Haus, Mann! Ich will dem Tier den Sattel abgürtenl«
»Jemand aus Cumberland?« schrie Elliot, der Schwester den Zaum zuwerfend und mit einem Sprung in der Hütte ... wo ist er? Wo?« rief er, schnell blickend nach allen Seiten und, als er bloß Frauen sah, fragend: »Hat er Kunde gebracht von Grace?«
»Keinen Augenblick mehr möchte er warten, der Ungeduldige!« meinte mit unterdrücktem Lachen die älteste Schwester.
»Still, ihr Mädchen!« erwiderte die Urahn, sie zurechtweisend, aber mit so sichtlicher Frohlaune, daß der Verweis eher sich wie ein Sporn anhörte so fortzufahren … »so solltet ihr euren Bruder, den armen Hobbie, nicht peinigen! Sieh dich um, Hobbie, sieh dich um nach jemand, der heut morgen nicht hier war, als du von uns schiedest.«
Mit Eifer blickte Hobbie sich um.
»Ihr seid da, Urahn,« sprach er, »und meine drei Schwestern!«
»Ei! hast du zählen verlernt?« rief da lachend die jüngste, die jetzt hereintrat … »ich zähl' unser vier!«
Im andern Augenblick hielt Hobbie Grace im Arm, die, in einen Mantel der Schwestern gehüllt, im ersten Moment nicht von ihm bemerkt worden war.
»Wie konntest du mir solches tun?« fragte mit schmerzlichem Vorwurfe Hobbie.
»Nicht mich trifft die Schuld, Hobbie, nicht mich!« erwiderte Grace, bemüht, mit den Händen sich das Gesicht zu verdecken und ihr Erröten zu verbergen, zugleich sich dem Sturm von herzlichen Küssen zu entziehen, durch die ihr Bräutigam ihre einfache List strafte – »nicht mich, Hobbie! Jenny solltest du küssen und die andern, denn sie haben es so eingerichtet!«
»Das kann ich auch und tu ich gern!« rief Hobbie überglücklich lachend und küßte die Schwestern und die Urahn wohl an die hundertmal, während alle im Übermaß ihrer Freude abwechselnd lachten und weinten. »Ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne!« rief Hobbie und sank erschöpft in einen Stuhl, »der glücklichste unter der Sonne!«
»Dann, mein Kind! Sohn meines Sohnes!« sprach die fromme Urahn, die keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, die das menschliche Herz zur Aufnahme der Lehren der Religion bereitete, zu Mahnung an Gott und sein Walten, »dann singe und preise Ihn, der Weinen in Lachen und Gram in Freude wandelt, gleichwie er Licht schuf aus Finsternis und die Welt erstehen machte aus Nichts! Waren es nicht Worte aus meinem Munde, daß, wenn du sprechen wolltest, dein Wille geschehe, Herr! dir auch Ursach' werden würde zu rufen: »Gepriesen, o Herr! sei dein Name!«
»So war es! Und also habt Ihr gesprochen, Urahn! Herrgott, dich preise ich,« rief Hobbie, übermannt von Glückseligkeit, »für deine Gnade! Dich, preise ich, daß du mir eine Mutter ließest, als du mir die leibliche nahmst!« und mit innigem Druck zog er die Hand der Greisin an sein Herz. Dann hob er die Hand auf: »Deiner, o Herr, will ich hinfort gedenken in Unglück und Glück!«
Eine feierliche Pause trat ein, geweiht der Übung frommer Andacht, dem Dankgebet eines in christlicher Demut lebenden Hauses zu Gott, daß Er ihm ein Glied wieder zugeführt hatte, das schon für verloren gehalten war.
Die ersten Fragen, die Hobbie nun stellte, richteten sich auf die Zeit, die Grace fern von ihnen gelebt, auf die Schicksale, die die sie währenddes betroffen hatten. Sie wurden umständlich erzählt, waren aber in Kürze die folgenden:
Durch den Lärm, den die einbrechenden Räuber verursachten, war sie geweckt worden, hatte sich flugs in die Kleider geworfen und war die Treppe hinunter geeilt. Hier sah sie Leute vom Gesinde im Kampf mit maskierten Männern, die des Gesindes schnell Herr wurden. Aber dem einen von ihnen wurde im Getümmel die Maske vom Gesicht gerissen; sie hatte Westburnflat erkannt; hatte ihn angerufen und um Gnade gefleht; er aber hatte ihr im Nu einen Knebel in den Mund geschoben hatte sie aus dem Haus geschleppt und zu einem seiner Helfershelfer aufs Pferd geworfen.
»Den Hals hätt' er brechen müssen!« rief Hobbie.
Von den Räubern, die das Vieh vor sich her trieben, erzählte Grace weiter, sei sie südwärts der Grenze zu geschleppt worden. Da sei ein Vetter Westburnflats zu ihnen herangesprengt und habe dem Räuber, der über den Trupp das Kommando geführt, die Meldung gebracht, sein Vetter habe aus sicherer Quelle gehört, der Raub werde üblen Ausgang für ihn nehmen, wenn er das Mädchen nicht ihren Verwandten wiederbringe. Es sei eine Zeitlang hin und her verhandelt worden. Dann habe der Truppführer sich einverstanden erklärt. Man habe sie auf ein andres Pferd gesetzt, ihr einen andern Begleiter gegeben. Dann sei es still und in höchster Hast nach Heugh-foot zurückgegangen auf einem der schwächstbesuchten Pfade, und ehe der Abend herniedergekommen, habe der Mann sie absteigen lassen und, erschreckt und abgespannt, sei sie nun inne geworden, daß sie sich kaum eine Viertelstunde von Heugh-foot befände.
Aufrichtige Glückwünsche kamen ihr nun von allen Seiten. Aber als die erste Freude sich gelegt hatte, fingen minder frohe Gedanken an sich einzustellen.
»Eine elende Unterkunft ist euch die Hütte«, sprach Hobbie, sich umsehend; »für mich selber ist ja schließlich wohl, wie schon manche Nacht auf den Bergen, Platz genug neben meinem Gaule. Aber wie ihr hier allesamt Unterkunft sollt finden können, ist mir unverständlich. Und, was für mich noch das Schlimmere ist, ich vermag es nicht zu ändern! Ja, es kann morgen und übermorgen kommen, bevor es sich ändern, bevor sich Besseres für euch schaffen läßt!«