»Laßt Euer Geschwätz und laßt mich ungeschoren!« sagte der Zwerg, »die vielen Worte über Eure Ehrlichkeit sind mir Ohrenplage! Schert Euch, sage ich! Auch Ihr gehört zu den zahmen Sklaven, deren Wort so gut ist wie die Unterschrift. Behaltet Geld und Zins so lange, bis ich es wieder fordere,«
»Aber, Vater Elshie,« beharrte der Grenzer in seiner Ehrlichkeit, »es ist ja bloß wegen Leben und Sterben! Darum ist's besser, solch Abkommen wird schwarz auf weiß gemacht. Aber ich sehe, daß mein Reden Euch müde macht, und auch ich bin des Redens müde, das ohne Antwort bleibt. Drum will ich gehen. Aber ein Stück vom Hochzeitskuchen bring ich Euch herüber, vielleicht auch Grace, daß sie Euch sehe und danke. So hart Ihr auch sein mögt, Vater Elshie! Grace Armstrong zu sehen möchte auch Euch eine Freude sein – Gott!« unterbrach er sich, »war das ein klägliches Stöhnen! Elshie, Vater Elshie! Ihr fühlt Euch doch wohl! Jesus, was mag ihm angekommen sein! Von Grace Armstrong, Klausner, sprach ich; ob er den zweiten Namen überhört hat und gemeint hat, ich spräche von der göttlichen Gnade? [Das Wortspiel zwischen dem englischen Namen Grace und dem englischen Wort Grace für »Gnade« läßt sich im Deutschen nicht wiedergeben. E. W.] Aber sei es wie es sei! Gegen mich ist er ein gütiger Herr gewesen, so gütig, als wäre ich sein Sohn – aber einen Vater hätte ich, war dies der Fall, von absonderlichem Aussehen!«
Hobbie befreite nun seinen Wohltäter von seinen Reden und seiner Gegenwart und ritt fröhlich nach Hause, um seinen Schatz zu zeigen und um mit den Seinigen Rat zu halten, wie sich der Schaden am besten und schnellsten auswetzen ließe, den sein Vermögen durch den Überfall des rohen Banditen erlitten hatte.
Elftes Kapitel
Es ist notwendig, in dem Verlauf unserer Erzählung um einige Tage zurückzugreifen, damit die Umstände dem Leser verständlich werden, durch welche Miß Isabel Vere in die Gefangenschaft im Turm von Westburnflat geriet, aus der sie durch Earnscliff und Elliot, ohne daß dieselben irgendwelche Kenntnis von ihrer Gegenwart und den Gründen derselben hatten, so unvermutet befreit wurde.
Am Morgen vor jener Nacht, in welcher Hobbie von Westburnflats Räuberschar heimgesucht wurde, ließ Ellieslaw, der alte Laird, seine Tochter Miß Isabel Vere zu einem Spaziergang in die Umgegend entbieten. Schweigend gehorchte das Mädchen; schweigend begleitete sie den Vater auf den rauhen Pfaden, die dicht am Flußufer, oft über Klippen und Blöcke hinweg, führten. Ein einziger Diener bildete ihre Begleitung. Isabel erschien es kaum zweifelhaft, daß ihr Vater die einsame Gegend gewählt habe zu dem Zweck, sich mit ihr über Sir Frederick ins reine zu setzen, dessen Huldigungen sie nach wie vor ihre Ohren verschlossen hielt; sie hielt es im Gegenteil für so gut wie ausgemacht, daß er mit sich zu Rate ginge über die einfachsten Mittel und Wege, sie seinem Willen gefügig zu machen. Aber eine Zeitlang schien es, als seien ihre Befürchtungen unbegründet. Alle Worte ihres Vaters beschränkten sich auf die Schönheiten der Landschaft, die ihr Aussehen bei jedem Schritte änderte und sich fortwährend in anderem Lichte zeigte. Unter solchem Gespräch gleichgültiger Art gelangten sie in einen Wald hinein, dessen Baumbestand sich aus hohen Eichen, Birken, Eschen, Haselgesträuch und Stechpalmen nebst allerhand anderm Unterholz zusammensetzte. Die Zweige der Bäume schlossen sich zu einem Dache über dem engen Pfade, den sie durch dichtes Gestrüpp hindurch verfolgten. Auf einem freieren Platze blieb Ellieslaw stehen.
»Isabel,« nahm er das eine Zeitlang ausgesetzte Gespräch wieder auf, »weißt du, was mich hierher führt? Einen Altar der Freundschaft möchte ich hier errichten.«
»Der Freundschaft einen Altar?« wiederholte das Mädchen, »warum lieber an solch finsterem, entlegenem Orte als anderswo?«
»Die Örtlichkeitsfrage ist leicht klar gestellt,« versetzte mit spöttischem Lächeln der Vater. »Soviel ich weiß, Isabel, bist du in alter Geschichte wohlbewandert. Mithin weißt du, daß die Römer sich nicht daran genügen ließen, jede Tugend, die sich benennen ließ, zu verkörpern, sondern sie noch in allerhand Nuancen zu verehren; so z. B. die Freundschaft, der ich, wie gesagt, hier einen Tempel errichten möchte: nicht jener Freundschaft unter Männern, welche Zweideutigkeit, List und Verstellung verachtet, sondern jener Freundschaft unter Weibsvolk, die in kaum etwas anderm als finsterm Betrug und kleinlicher Intrige und gegenseitigem Aufwiegeln besteht.«
»Ihr seid streng, Vater,« bemerkte Miß Vere.
»Streng weniger als gerecht,« versetzte der Vater, »ein Naturmaler dritter, vierter Güte, bloß mit dem Vorteil an der Hand, daß ich ein paar geschickte Modelle zu meinen Studien habe, dich und Lucy Ilderton.«
»War ich so unglücklich, Euch zu kränken, Vater, so kann ich doch mit gutem Gewissen Miß Ilderton als frei von jeglicher Schuld erklären.«
»So? Was du sagst!« spottete Herr Vere, »und wie kam es, daß du Sir Frederick letzthin durch deine spitze Zunge solche Kränkung antatest und mir so großen Anlaß zu Verdruß gabst?«
»War ich so unglücklich, durch meine Aufführung Euer Mißfallen zu ernten, so kann ich niemals tief genug bereuen, kann ich mich niemals ernst genug entschuldigen; Euch gegenüber, Vater, wohlverstanden; nicht aber kann und will ich das Gleiche gelten lassen Sir Frederick Langley gegenüber, weil ich ihm höhnischen Bescheid erteilte, als er mich auf rohe Weise bestürmte. Wenn er vergaß, daß er sich einer Dame gegenüber befand, so war es an der Zeit ihm wenigstens zu verstehen zu geben, daß ich ein Weib bin und kein Stallknecht!«
»Behalte deine Spitzfindigkeiten für solche, Isabel, die denselben ihr Ohr leihen!« beschied sie ihr Vater mit Kälte. »Was mich anbetrifft, so bin ich solcher Sache müde und mag Worte darüber nicht länger mehr aus deinem Munde hören.«
»Das lohne Euch Gott, Vater!« sprach Isabel, indem sie seine widerstrebende Hand ergriff; »den Befehl ausgenommen, mich diesem Menschen zu fügen, wird mich kein Wort aus Eurem Munde als Härte oder als unerfüllbar bedünken!«
»Sehr gütig, meine Tochter, daß es dir endlich belieben will, gehorsam zu sein!« sprach Laird Ellieslaw stolz und entwand sich dem liebevollen Druck ihrer Hand; »indessen will ich hinfort jeglicher Mühe enthoben sein, dir in irgendwelchem Falle unliebsamen Rat zu erteilen. Ich wünsche vielmehr, daß du hinfort für dich selber sorgest!«
In diesem Augenblick brachen vier maskierte Männer durch das Unterholz. Laird Ellieslaw und sein Knappe zogen die Hirschfänger, die sie damaligem Brauche gemäß trugen, und suchten sich und Miß Isabel zu schützen. Aber während auf jeden von ihnen einer der Feinde kam, blieben zwei andern derselben die Hände frei, und im Nu war die Dame im Gestrüpp verschwunden, auf ein Pferd gehoben und über Tal und Hügel, durch Heide und Moor unterwegs nach Westburnflat zum Turme. Dort wurde sie unter Obhut der Greisin gestellt, deren Sohn über diesen einsamen Wohnsitz gebot. Weder durch Bitten noch durch Drohungen hatte die junge Dame Bescheid über den Zweck ihrer Entführung und Einsperrung erlangen können. Aber Earnscliffs Erscheinen mit seinen Mannen setzte den Räuber in Schrecken. Da er schon Sorge dafür getragen, Grace Armstrong ihren Verwandten wieder auszufolgen, war er nicht auf den Gedanken gekommen, daß Earnscliffs unwillkommener Besuch ihr gelte, umsoweniger als ihm nicht unbekannt war, daß dieser für Miß Vere schwärmte.
Als die mit dem Laird und seinem Knappen im Kampf befindlichen maskierten Männer das Stampfen der fliehenden Rosse hörten, brachen sie auf der Stelle den Kampf ab und wandten sich zur Flucht. Der Laird lag am Boden, am Fuß einer Birke. Dort fand ihn seine Knappe, nicht allein am Leben, sondern auch unverwundet. Ein heftiger Streich seines Gegners hatte ihn dorthin gestreckt. Seine Verzweiflung über das Verschwinden seines Kindes kannte keine Grenzen. Er selber jedoch war durch den Kampf so erschöpft, daß er geraume Zeit brauchte, bis er seinen Wohnsitz erreicht hatte und seine Mannen auf Verfolgung ausschicken konnte.