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Abends kehrte die Gesellschaft mutlos und müde zurück. Unterdes waren andere Gäste im Schloß eingetroffen, und Diskussionen über die politische Lage, in welcher stündlich umwälzende Änderungen zu erwarten waren, drängten die Angelegenheit, die nur den Vater und nicht den Patrioten anging, in den Hintergrund.

Manche der Herren, die an der nun stattfindenden Beratung teilnahmen, waren Katholiken, durch die Bank aber waren es Männer streng jakobitischer Richtung, deren Hoffnungen zur Zeit an Zuversicht gewannen, seit zugunsten des Prätendenten täglich von Frankreich aus ein feindlicher Einfall erwartet wurde, für den die Chancen insofern nicht ungünstig standen, als Schottland von Garnisonen ziemlich entblößt war, so gut wie keine festen Plätze hatte und in seiner Bevölkerung sehr viel Elemente barg, die solchem Einfall weit mehr freundlich als feindlich gesinnt waren.

Ratcliffe suchte zu diesen Verhandlungen weder Anschluß, noch erhielt er Aufforderung zur Teilnahme daran, und hatte sich auf sein Zimmer zurückgezogen.

Während Miß Lucy Ilderton tags darauf auf ihre väterliche Besitzung zurückgebracht wurde, gewann im Schlosse Ellieslaw die Verwunderung darüber, daß man sich mit der Abwesenheit der Tochter vom Hause so leicht und schnell abzufinden wußte, immer weiteren Boden.

Zwölftes Kapitel

»Auffallend ist und bleibt es,« meinte am andern Tage, nachdem eine abermalige Streife, aber mit der gleichen Ergebnislosigkeit, unternommen worden, Sir Mareschal zu Sir Ratcliffe, »daß vier Reitersleute mit einer Dame durch das Land gejagt sein sollten, ohne irgendwelche Spur hinter sich zu lassen. Fast möchte man meinen, sie hätten ihren Weg durch die Lüfte oder unter der Erde genommen.«

»Es läßt sich zuweilen Kenntnis von einer Sache gewinnen,« meinte Ratcliffe, »indem man sich um Dinge kümmert, die abseits vom großen Wege liegen. Mich bedünkt in unserm Falle, als hätten wir wohl alle Landstraßen, Reit- und Fußwege, die zum Schlosse führen, nach allen Windrichtungen abgesucht, bloß nicht den unzugänglichen, schwierigen Paß, der in südlicher Richtung nach Westburnflat durch das Moor führt.«

»Und warum nicht?«

»Diese Frage müssen Sie an Sir Vere richten,« versetzte trocken Sir Ratcliffe.

»Das soll auf der Stelle geschehen!« versetzte Mareschal und wandte sich zu Sir Vere mit den Worten: »Laird Ellieslaw! Einen Pfad sollen wir noch nicht abgesucht haben, wird mir eben gesagt: den der in südlicher Richtung nach Westburnflat hinüberführt!«

»O, den Turmherrn von Westburnflat,« rief Sir Frederick, »kennen wir gut: einen wilden Patron, der zwischen Nachbarsgut und eignem Gut nur wenig Unterschied kennt, sonst aber verläßlicher Art ist und sich an nichts vergreifen wird, was dem Laird Ellieslaw gehört.«

»Zudem hatte er,« deutete Ellieslaw mit verstecktem Lächeln an, »in letztverwichener Nacht andern Flachs auf seinem Spinnrocken. Habt Ihr nicht vernommen, daß dem Hobbie Elliot der Hahn aufs Dach gesetzt und alles Vieh aus dem Stall getrieben worden, weil er sich geweigert hat, ein paar ehrlichen Mannen, die für den König in Aufstand treten wollten, die Waffen auszuliefern?«

Die Herren zeigten eine Miene, als hörten sie von einer eignen Absichten günstigen Unternehmung.

»Darum grade meine ich,« begann Mareschal aufs neue, »daß wir nach dieser Richtung hin nicht müßig bleiben dürfen, wollen wir nicht Gefahr laufen, einer Nachlässigkeit wegen Tadel zu ernten.«

Gegen solchen Vorschlag ließ sich nichts einwenden, und die Herren wandten ihre Rosse nach der Richtung, in welcher der Turm von Westburnflat lag. Noch waren sie nicht weit geritten, als der Schall von Hufen an ihre Ohren drang und ein Reitertrupp in Sicht kam.

»Dort kommt Earnscliff geritten,« rief Mareschal, »ich erkenne sein Roß an dem Stern auf der Stirn.«

»Und meine Tochter ist bei ihm!« rief Ellieslaw ergrimmt, »wer wird mich jetzt noch falschen oder kränkenden Verdachts zeihen wollen? Ihr Herren! Freunde! Leiht mir Eures Degens Beistand, auf daß ich mein Kind wiedererlange!«

Er zog den Degen. Sir Frederick und andre folgten dem Beispiel und trafen Anstalt zum Angriff auf die heranreitende Schar; der größere Teil aber zeigte Bedenken.

»Die Herren kommen heran in Vertrauen und Frieden,« sprach Mareschal Wells. »Hören wir also zuvörderst, was sie von dem seltsamen Vorfall zu berichten haben. Sofern Miß Vere bekundet, daß sie durch Earnscliff irgendwelche Kränkung, sei es auch nur mit Worten, erleiden mußte, so bin ich der erste, der seinen Degen zieht, solchen Frevel zu ahnden. Hören wir aber erst, was sie melden.«

»Ihr tut mir unrecht, in meinen Verdacht Zweifel zu setzen, Sir Mareschal!« rief Laird Ellieslaw, »von Euch hätte ich solches zuletzt erwartet!«

»Durch Eure Heftigkeit, Ellieslaw,« versetzte Mareschal, »schadet Ihr Euch selber, wenn man auch Entschuldigung dafür bei solchem Falle gern gelten lassen kann.« Dann ritt er den übrigen vorauf und rief mit lauter Stimme: »Gebietet Euren Mannen Halt, Earnscliff, und kommt allein mit Miß Vere zu uns heran! Man zeiht Euch des Verbrechens, die Dame aus ihres Vaters Haus entfernt zu haben! Wir stehen hier in Waffen und in Bereitschaft, unser Blut zu vergießen, erfüllt von der Absicht, sie dem Vater zurückzuführen und jeden, der sich solchen Verbrechens schuldig gemacht, der Gerechtigkeit in die Hände zu liefern.«

»Und wen könntet Ihr williger hierzu finden, Herr Mareschal, als mich?« erwiderte mit stolzem Selbstbewußtsein Earnscliff; »ward mir doch heut morgen die Ehre und Freude, sie aus dem Gefängnis, in welchem ich sie eingesperrt fand, zu befreien, und seht Ihr mich doch auf dem Ritt nach Schloß Ellieslaw begriffen, der Dame ritterliches Geleit dorthin zu geben?«

»Verhält es sich also, Miß Vere?« fragte Mareschal.

»So verhält es sich, und nicht anders!« rief Miß Vere lebhaft. »Ihr Herren, ich schwöre bei allem, was heilig ist, daß rohe Gesellen, mir unbekannt von Person, mich geraubt und entführt haben und daß ich meine Befreiung allein der Dazwischenkunft dieses edlen Herrn hier zu danken habe.«

»Wer können diese Gesellen sein? Und welche Absicht kann sie geleitet haben?« fragte Mareschal ... »hattet Ihr keine Kenntnis von dem Orte, wohin Ihr gebracht wurdet? Earnscliff! Wo fandet Ihr die Dame?«

Bevor jedoch durch Earnscliff oder Miß Vere Auskunft hierauf gegeben wurde, sprengte Ellieslaw heran und schnitt das Gespräch ab, indem er den Degen in die Scheide schob.

»Sobald ich die Höhe der Schuld kenne,« sprach er, »in der ich bei Earnscliff stehe, werde ich mit dem Ausgleich nicht säumen. Einstweilen Dank für seinen Dienst!«

Mit diesen Worten griff er nach dem Zaum von Miß Veres Roß und schlug den Rückweg mit ihr nach seinem Schlosse ein, alsbald vertieft in so ernstes Zwiegespräch, daß die übrigen es für ungeziemend erachteten, sich störend einzumischen. Seinem finstern Blick begegnete Earnscliff mit Stolz und unterließ es nicht, bevor er sich verabschiedete, mit lauter Stimme die folgenden Worte an die Begleiter des Lairds zu richten:

»Wenn ich mir auch keinerlei Umstands in meinem Verhalten bewußt bin, der zu irgendwelchem Verdacht einen Schimmer von Recht geben könnte, so meine ich doch hier sagen zu sollen, daß Sir Vere sich in dem Glauben zu befinden scheint, auf mich fiele ein gewisser Anteil an der gegen seine Tochter verübten gemeinen Gewalttat. Ich bitte Euch, Ihr Herren, meine feste und bestimmte Zurückweisung solcher unehrenvollen Beschuldigung gelten zu lassen. Dem erregten Gefühl eines Vaters läßt sich in solchem Fall wohl verzeihen. Sollte aber irgendwer anders« (mit scharfem Seitenblick auf Sir Frederick Langley) »das von mir gegebene und von Miß Vere bestätigte Wort, dem auch das Zeugnis aller mich begleitenden Freunde zur Seite steht, als nicht ausreichend zu meiner Rechtfertigung betrachten, dann werde ich nicht säumen, solche Bemängelung so zurückzuweisen, wie es einem Mann, der seine Ehre höher einschätzt als sein Leben, zukommt.«