»Sir Frederick! Bei allem, was heilig ist, versichere ich Euch –«
»Ich mag nichts mehr von Beteuerungen und Versicherungen hören! Man hat mich schon zu lange getäuscht –«
»Wenn Ihr uns im Stiche laßt, Sir Frederick,« sagte Ellieslaw, »dann müßt Ihr damit rechnen, daß Euer Untergang gleich dem unsrigen außer Zweifel steht! Jetzt hängt alles nur vom Zusammenhalten unsrer Kräfte ab.«
»Laßt mich für mich allein sorgen!« versetzte der Ritter. »Sprächet Ihr aber die Wahrheit, dann würde ich lieber umkommen als mich länger zum Narren halten lassen!«
»Kann Euch nichts von meinem aufrichtigen Willen überzeugen?« fragte nicht ohne Beunruhigung Laird Ellieslaw. »Heute morgen hätte ich Euren ungerechten Verdacht als Schimpf zurückgewiesen; aber in unserer gegenwärtigen Lage –«
»In der gegenwärtigen Lage«, fiel ihm Sir Frederick ins Wort, »fühlt Ihr Euch zur Aufrichtigkeit gezwungen? Wollt Ihr, daß auch ich dies glaube, dann könnt Ihr nur auf einem einzigen Wege mich davon überzeugen, indem Ihr Eure Tochter bestimmt, mir noch heute abend ihre Hand zu reichen!«
»So schnell?« versetzte Sir Vere, »das geht unmöglich! Bedenkt den Schrecken des Mädchens und unser gegenwärtiges Unternehmen!«
»Mir gilt nichts anderes mehr für gewiß als ihr Jawort am Altar! Ihr habt im Schloß eine Kapelle. Der Pfarrer weilt bei der Tafelgemeinschaft. Gebt mir noch heute abend diesen Beweis Eures ehrlichen Willens, und wir sind wieder durch Herz und Hand verbunden. Weigert Ihr mir aber mein Gesuch in einem Augenblicke, wo seine Gewährung Eurem Nutzen und Vorteil so angemessen ist, wie soll ich Euch dann am andern Tage vertrauen, nachdem ich mich bloßgestellt habe und wenn jedes Zurück für mich ausgeschlossen ist?«
»Kann ich darauf bauen, daß unsre Freundschaft die alte bleibt, wenn Ihr heut abend mein Schwiegersohn seid?« fragte Laird Ellieslaw.
»Unfehlbar!« versetzte Sir Frederick, »und unabänderlich!«
»Dann meine Hand darauf,« rief Sir Vere, »daß meine Tochter, so vorschnell und so unzart und ungerecht gegen meinen Charakter Euer Vorgehen auch ist, heut abend Euer Weib sein soll.«
»Heute abend – nicht anders!« betonte Sir Frederick.
»Heute abend, nicht anders!« beteuerte Ellieslaw, »noch ehe die Glocke zwölf Uhr geschlagen, sollt Ihr ins Ehebett steigen.«
»Mit Verlaub und Willen jedoch der edlen Dame!« nahm jetzt Mareschal das Wort – »nicht anders! Denn das mögen die beiden Herren sich gesagt sein lassen, daß ich nicht zugeben werde – unter keinen Umständen und keiner Bedingung, – daß meiner hübschen Base hierbei auch nur der leiseste Zwang auferlegt werde!«
»Die Pest über den Hitzkopf!« brummte der Laird zwischen den Zähnen, um dann laut fortzufahren: »Wofür seht Ihr mich an, Mareschal, daß Ihr solche Einmischung für nötig erachtet, als Schützer meines Kindes gegen mich, ihren leiblichen Vater? – Verlaßt Euch darauf, Sir Frederick Langley ist ihr nicht unsympathisch!«
»Oder vielmehr wohl«, wandte Mareschal ein, »der Titel Lady Langley? Das letztere bedünkt mich wahrscheinlicher: und dieser Meinung möchten schließlich auch andre hübsche Damen sein! Ich bitte um Verzeihung. Aber solch plötzliche Forderung, gefolgt von solch plötzlichem Zugeständnis, hat mich um meiner hübschen Base willen in gewisse Unruhe versetzt.«
»Mich versetzt einzig und allein die plötzliche Erledigung der Angelegenheit in Unruhe,« nahm Ellieslaw wieder das Wort, »und falls es mir unmöglich sein sollte, die Einwilligung meiner Tochter in solcher Kürze zu erhalten, so wird Sir Frederick zu bedenken haben ...«
»Keine Rede hiervon, Sir Vere! Ich wiederhole: entweder bis heute Mitternacht die Hand Ihrer Tochter – oder ich reise ab, und wäre es um Mitternacht! Dies betrachtet als mein Ultimatum!«
»Angenommen,« sprach Ellieslaw; »ich verlasse Euch jetzt, um meine Tochter auf diese jähe Handlung vorzubereiten; Euch hingegen ersuche ich, alle Vorsorge für kriegerische Eventualitäten zu treffen.«
Mit diesen Worten verließ er die beiden Gefährten.
Vierzehntes Kapitel
Sir Vere, durch lange Übung in der Kunst sich zu verstellen recht wohl imstande, Gangart und Tritt nach Bedarf und Gefallen zu regeln, ging durch die steinerne Flur und die Treppe zu Isabels Zimmer hinauf mit dem kräftigen Tritt eines Mannes, der wohl weiß, daß er eine wichtige Angelegenheit zu erledigen hat, aber nicht im Zweifel darüber ist, daß dieselbe ihre befriedigende Lösung finden werde. Als er aber weit weg genug war, daß ihn die Herren, die er verlassen hatte, nicht mehr hören konnten, verlangsamte sich sein Schritt so, wie es seinem Zweifel und seiner Furcht besser entsprach.
Um seine Gedanken zu sammeln und sich über die Unterredung mit seiner Tochter, bevor er in das Zimmer derselben trat, einen bestimmten Plan zurecht zu legen, blieb Sir Vere im Vorzimmer stehen.
»Hat sich ein vom Unglück verfolgter Mensch wohl je in einen verzweifelteren Zustand verrannt?« dachte er bei sich; »verfallen wir in Zwist und Hader, so steht es wohl außer Zweifel, daß es mir als dem Haupträdelsführer an den Kragen gehen wird. Selbst angenommen, durch schnelle Unterwerfung sei Rettung noch möglich: bin ich dann nicht erst recht in der Patsche? Mit Ratcliffe habe ich vollständig gebrochen und kann von ihm auf das Schlimmste rechnen. Was bleibt mir übrig als in die weite Welt zu laufen, arm und entehrt? Ohne Mittel zum Lebensunterhalt? Daran, die Schande politischen Renegatentums auszuwetzen, die sich an meinen Namen hängen wird, kann ich gar nicht denken! Dazu wäre Geld notwendig und das besitze ich nicht. Und doch: bleibt mir eine andre Wahl als zwischen solchem Lose und schmachvollem Schafott? Was mich allein zu retten vermag, ist Ruhe und Frieden mit diesen Menschen: um deswillen habe ich Langley versprochen, daß Isabella vor Mitternacht sein Weib werden solle, habe ich Mareschal versprochen, keinerlei Zwang auf das Mädchen auszuüben. Nur ein einziges Mittel kann mich vor dem Untergange schützen: ihre Einwilligung, einem Manne die Hand zu reichen, der ihr zuwider ist, sie diesem Manne in solch kurzer Frist zu reichen, daß es sie aufbringen müßte, wenn es ihr Bräutigam wäre, der ihr dies Ansinnen stellte. Mir bleibt nur übrig, auf die romantische Seite ihres Wesens zu bauen. Und wenn ich es ihr noch so dringend vorstelle, wie notwendig es ist, daß sie mir gehorche, so werde ich doch nie imstande sein, der Wirklichkeit auch nur im entferntesten nahe zu kommen.«
Er trat in das Zimmer seiner Tochter. Trotz des Ehrgeizes, der ihn erfüllte, trotz seiner Gewandtheit in allen Lebenslagen, wohnte doch noch Vaterliebe genug in seinem Herzen, um über die Rolle zu erschrecken, die er jetzt spielen wollte; aber der Gedanke einerseits, daß seine Tochter durch die Verbindung mit Sir Frederick doch eine standesgemäße Partie schlösse, und anderseits die Gewißheit für ihn, im Fall des Mißlingens ein völlig ruinierter Mann zu sein, waren ausreichend, die Stimme seines Gewissens zu ertöten.
Isabel saß am Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, in Schlummer oder Nachsinnen so tief versunken, daß sie das Geräusch seiner Tritte nicht hörte. Mit dem Ausdruck tiefen Kummers im ganzen Wesen näherte er sich ihr, setzte sich neben sie und nahm, tief aufseufzend, ihre Hand.
»Vater!« rief das Mädchen und fuhr empor. Aus ihrem Gesicht sprach Besorgnis in nicht geringerem Grade als Freude und Zuneigung.
»Isabel!« sprach Sir Vere, »dein Vater, von allem Glück verlassen, kommt als Bittender: um Verzeihung bittet er dich für die Kränkung, die er dir im Übermaß von Liebe zufügte – um dann auf immer von dir Abschied zu nehmen!«