»Allein? Das getraue ich mir nicht!«
»Es muß sein,« fuhr Ratcliffe fort; »ich will hier bleiben und auf Euch warten.«
»Nicht weiter gehen wollt Ihr mit mir?« fragte Miß Vere; »aber die Entfernung ist doch noch so groß, daß Ihr mich nicht hören könnt, wenn ich um Hilfe rufen sollte.«
»Seid ohne Furcht,« sagte ihr Führer; »aber achtet, jeden Ausdruck von Furchtsamkeit zu vermeiden! Bedenkt, daß sein Übermaß von Scheu und Willigkeit aus dem Bewußtsein seiner Häßlichkeit entspringt. Ein Pfad führt in gerader Linie dort an der halbgestürzten Weide vorbei. Haltet Euch links von ihr! rechts liegt der Sumpf. Lebt jetzt wohl auf einige Zeit und seid des Unglücks eingedenk, das Euch droht und das, sollte ich meinen, Eure Furcht und Eure Bedenken beseitigen muß.«
»Sir Ratcliffe! Adieu!« sprach Isabel; »und solltet Ihr eine so unglückliche Dame wie mich getäuscht haben, dann wird mein
Glauben an Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit auf immer dahin sein.«
»Bei meinem Leben und meiner Seele,« rief ihr mit lauter Stimme Ratcliffe nach, »Ihr seid in Sicherheit!«
Sechzehntes Kapitel
Der Schall seiner Stimme erreichte ihr Ohr nicht mehr. Um so ermutigender war es für sie, wenn sie sich umsah, im Dämmerlicht seine Gestalt zu erblicken. Bald aber geriet dieselbe im Bereich der sich tiefer senkenden abendlichen Schatten aus ihrer Sehweite.
Im letzten Schimmer des Dämmerlichts erreichte sie die Hütte des Klausners. Zweimal griff sie nach der Tür, und zweimal ließ sie die Hand sinken; und als sie endlich klopfte, kam der Laut dem der Schläge im eignen Busen nicht gleich. Indessen wiederholte sie das Klopfen und jedesmal lauter, denn die Furcht, des Beistands, von welchem Ratcliffe so viel erhofft hatte, nicht teilhaftig zu werden, begann die Bange vor der Gegenwart des Mannes, der ihr denselben leisten sollte, zu beseitigen. Als sie noch immer ohne Antwort blieb, rief sie den Klausner wiederholt bei dem von ihm angenommenen Namen und bat ihn zu antworten und das Tor seiner Hütte zu öffnen.
»Welches Wesen in Not,« fragte da die unheimliche Stimme des Einsiedlers,. »bettelt hier um Zuflucht und Unterstand? Weiche von hinnen! Das Auerhuhn, das Unterschlupf braucht, sucht ihn nicht im Rabennest!«
»Vater, ich komme zu Euch in meiner Stunde des Unglücks,« sprach Isabel, »wie Ihr mir selber befählet. Allein ich fürchte? –«
»Ha!« rief der Einsiedler, »dann bist du Isabel Vere? Gib mir ein Zeichen, daß du es bist!«
»Zum Zeichen bring ich die Rose zurück, die Ihr mir gabt. Wie Ihr mir kündetet: es ist ihr nicht Zeit geblieben zum Welken, so ist auch das harte Geschick, das Ihr voraussähet, über mich gekommen,« »Und da du dein Wort so gelöst Haft,« rief der Zwerg, »will ich das meinige nicht verwirken! Herz und Tor, sonst jedem Menschwesen verschlossen, soll dir und deinem Kummer geöffnet sein.«
Sie hörte ihn in seiner Hütte hantieren: er schlug Feuer an und schob einen Riegel zurück. Isabel klopfte das Herz hörbar. Dann tat sich das Tor auf,, und der Klausner stand vor ihr, in der Hand eine eiserne Lampe, die die seltsame Gestalt mit den abstoßenden Zügen erhellte.
»Tritt herein, Tochter der Trübsal!« lautete seine Rede; »tritt herein in die Stätte der Trübsal!«
Isabel trat ein, vorsichtig und behutsam, von Angst beschlichen, als sie wahrnahm, daß der Klausner, sobald er die Lampe aus der Hand gesetzt hatte, das Tor seiner Hütte wieder durch Riegel sicherte. Aber sie blieb der Warnung Ratcliffes eingedenk und mühte sich, jeden Schein von Furcht zu unterdrücken. Die Lampe warf ein mattes, unsicheres Licht; der Klausner, seine Aufmerksamkeit gegen Isabel auf die Aufforderung, sich auf einen Schemel am Kamin zu setzen, beschränkend, steckte trocknen Stechginster in Brand, dessen Flackerlicht sogleich hellen Schein durch die Hütte warf. Neben dem Kamin stand ein hölzernes Gesims mit einigen Büchern und Bündeln getrockneter Kräuter, auch ein paar Trinkgeschirren und Tellern und Schüsseln; auf der andern Seite stand einiges Ackergerät und Werkzeug. Statt eines Bettes stand ein mit verwittertem Moos und trocknen Binsen bestreuter Holzrahmen an der einen Wand. Der gesamte Raum der Hütte innerhalb der Mauern maß bloß zehn Fuß in der Länge und sechs Fuß in der Breite, Das einzige Mobiliar der Hütte bestand in einem Tisch und zwei Stühlen aus groben Brettern.
Innerhalb dieses engen Raumes befand sich jetzt Isabel einem Wesen gegenüber, das nach dem, was sie von ihm wußte, nicht dazu angetan war, sie zu beruhigen, dessen unheimliche Gestalt mit dem abschreckenden Gesicht ihr einen fast abergläubischen Schreck bereitete. Er setzte sich ihr gegenüber, ließ die großen, langen und dichten Brauen über die scharfen schwarzen Augen fallen und blickte sie, wie durch eine Kette von widerstreitenden Empfindungen bewegt, lange Zeit hindurch an. Bleich wie der Tod saß Isabel auf der andern Seite der rohgezimmerten. Tischplatte; ihr durch den feuchten Nebel in Strähnen gezogenes Haar fiel ihr über Brust und Schulter, gleich nassen Wimpeln, die nach dem Sturme am Maste klatschen.
Der Zwerg brach zuerst das Schweigen durch die jähe, abgerissene, einschüchternde Frage:
»Weib! welch' böses Geschick lenkte deine Schritte hierher?«
Mit fester Stimme gab sie die Antwort:
»Meines Vaters Fährlichkeit und Euer Befehl!«
»Und Ihr erhofft von mir oder durch mich Hilfe?« fragte der Zwerg mit der gleichen Stimme.
»Sofern Ihr mir Hilfe zu leisten vermögt, ja,« lautete, abermals fest und bestimmt, des Mädchens Antwort.
»Und wie sollte ich die Kraft hierzu besitzen?« fragte der Zwerg weiter mit bitterm Hohne. »Ist meine Gestalt denn die eines dem Recht zum Recht, dem Unrecht zu unrecht helfenden Ritters? Ist denn meine Hütte ein Schloß, in welchem ein Mächtiger thront, imstande, einem bittenden Weib, das sich ihm naht, Hilfe zu leisten? Mädchen! als ich sagte, ich würde dir helfen, da habe ich – deiner gespottet.«
»Dann muß ich die Füße von hinnen heben und meinem Schicksal, soweit ich vermag, trotzen.«
»Nein,« sprach hierauf der Zwerg, zwischen Mädchen und Tür tretend und mit finstrer Gebärde sie auf ihren Sitz zurückdrängend, »nein! mit solchen Worten sollt Ihr nicht von mir gehen! laßt uns weiter zusammen sprechen! Weshalb sollte ein Wesen eines andern Wesens Hilfe heischen? warum sollte nicht jeder sich selber genug sein? Blick um dich! ich bin verachtet von allen und habe von niemand Mitleid oder Hilfe begehrt. Mit eignen Händen habe ich diese Steine aufeinander geschichtet, mit eigner Hand dies Gerät geformt, und mit dem da« – er legte mit trotzigem Blick die Hand auf den langen Dolch, den er stets unter dem Kleide trug und jetzt so weit aus der Scheide zog, daß die Klinge im Flackerlichte des Ginsterfeuers glitzerte – »mit dem da kann ich, wenn Not am Manne ist, das Lebenslicht in solch armseligem Rumpfe wie dem meinigen gegen den schönsten und stärksten Mann verteidigen, der mir mit Gewalt droht!« Nur mit höchster Anstrengung hielt Isabel einen Angstruf zurück; indes gelang es ihr noch, ihrer Furcht Herrin zu werden.... »So ist das Leben in der Natur!« fuhr der Klausner fort, »sich selbst genügend, auf sich selbst gewiesen, von niemand abhängig. Der Wolf ruft, seine Höhle zu bauen, nicht seinesgleichen zum Beistand, und der Geier, will er auf Beute niederfahren, nicht seinesgleichen zur Mitfahrt.«
»Und wenn sie sich selber nicht ausreichen und sich Hilfe nicht schaffen können?« fragte Isabel, scharfsinnig erwägend, daß er am ehesten Gründen zugänglich sein werde, die ihm in seinem bilderreichen Stil vorgeführt würden – »welcher Art ist dann ihr Schicksal?«
»Laßt sie sterben gehn, wenn sie hungrig sind – und in Vergessenheit fallen, wenn sie tot sind!«