»Das Los der wilden Naturgeschlechter,« sagte Isabel, »und vornehmlich solcher, die vom Raube zu leben bestimmt wurden, der einen Teilnehmer nicht verträgt; aber nicht allgemeines Naturgesetz! denn selbst niedere Tiere schließen Bündnis zu wechselseitiger Wehr. Das Menschengeschlecht aber würde dem Untergange geweiht sein, wollte der eine Mensch dem andern den Beistand versagen. Von dem ersten Augenblicke an, da die Mutter dem neugeborenen Kinde den Nabel abbindet, bis hin zu jenem andern Augenblicke, da ein lieber Freund dem Sterbenden den Todesschweiß von der Stirn wischt, können wir ohne wechselseitige Hilfe nicht leben. Und deshalb besitzen alle, die der Hilfe bedürfen, ein Recht darauf, Hilfe zu heischen, und kein Nebenmensch, der die Macht hat, Hilfe zu leisten, darf, ohne sich schuldig zu machen, erbetene Hilfe weigern.«
»Und mit solch einfältiger Hoffnung, Mädchen,« fragte der Einsiedler, »bist du, mich aufzusuchen, in diese Ödenei gekommen? mich? einen Krüppel von Menschen, der keinen andern Wunsch mehr kennt, als daß alle Verbindung zwischen Mensch und Mensch aufhören, daß das ganze Geschlecht umkommen möge im wahren Sinne des Wortes? Hast du dich nicht gefürchtet, den Fuß hierher zu setzen?«
»Das Elend ist der Mörder der Furcht,« versetzte fest und bestimmt das Mädchen.
»Hast du in deiner sterblichen Welt nie davon gehört, daß ich im Bunde sei mit andern Mächten? dem Menschengeschlecht so feindlich gesinnt wie ich? Kam solche Rede nie zu deinen Ohren? Und du suchst meine Zelle auf zu mitternächtlicher Stunde?«
»Das Wesen, das ich verehre und anbete, schützt und hütet mich vor eitler Furcht!« sprach Isabel. Aber das Wallen ihres Busens strafte den erzwungenen Mut, von dem ihre Lippen sprachen, schmählich Lügen.
»Haha!« lachte der Zwerg, »du prahlst mit Philosophie? Hast du denn aber die Gefahr nicht bedacht, daß du dich, jung und schön, der Gewalt eines Wesens anvertrauest, das die Menschheit so tief, so unsäglich tief haßt, daß es sein einziges Vergnügen findet in Entstellung und Entweihung ihrer schönsten Werke?«
Isabel, wenngleich erschrocken, gab mit der Festigkeit früherer Einrede zur Antwort:
»Welch Unrecht Ihr auch in der Welt erlitten haben mögt, so könnt Ihr es doch nicht rächen wollen an mir, denn ich habe weder Euch noch andern jemals mit Absicht ein Unrecht angetan.«
»Mädchen,« sagte hierauf der Zwerg, und aus seinen Augen leuchtete helle Bosheit, die sich auf seine wilden, häßlichen Züge übertrug, »Rache ist die hungrige Wölfin, die nur darauf sinnt, Fleisch zu zerreißen und Blut zu lecken. Meinst du, die Wölfin kehre sich dran, wenn das Lamm sich auf seine Unschuld beruft?«
»Mann!« rief Isabel, aufstehend, mit edler Würde, »mich schrecken die grausen Bilder nicht, die Ihr mir entrollt, um Eindruck bei mir zu wecken; ich weise sie zurück voll Verachtung. Wenn Ihr sterblich seid so wenig, wie wenn Ihr ein böser Geist seid, würdet Ihr je einem unglücklichen Weibe schaden, das als Bittende Euch naht in seiner äußersten Not? Das werdet Ihr nicht, und das wagt Ihr Euch nicht!«
»Du redest die Wahrheit, Weib!« antwortete der Klausner, »das wage ich nicht! und das tue ich nicht! Kehr um und heim! fürchte nicht, womit man dir droht! Du hast Schutz bei mir gesucht – und Schutz soll dir werden durch mich!« »Aber, Vater! ich habe drein gewilligt, noch heute nacht dem Manne mich zu vermählen, den ich verabscheue – wofern nicht mein Vater zugrunde gehen soll.«
»Noch heute nacht? zu welcher Stunde?«
»Vor Mitternacht.«
»Zwielicht ist schon vorüber,« sprach der Zwerg; »indessen sei unbesorgt! die Zeit genügt zu deinem Schutze.«
»Und mein Vater?« fragte in bittendem Tone Isabel.
»Dein Vater,« antwortete der Zwerg, »war mein bitterster Feind und ist es noch heut. Aber sei unbesorgt! Deine Tugend soll ihn retten. Nun aber geh! wollte ich dich länger bei mir behalten, so könnte ich zurückfallen in die törichten Träume von Menschengüte und Menschenhochsinn, aus denen ich ehedem so schrecklich gerissen wurde. Du aber fürchte nichts! und stündest du am Altare, so würde ich dich von ihm reißen! Leb wohl, Mädchen! die Zeit drängt, und ich muß handeln.«
Er führte sie zum Tor seiner Hütte und öffnete es, sie herauszulassen. Sie bestieg ihr Roß, das innerhalb des Zaunes geweidet hatte, und trieb es im matten Schein des aufsteigenden Mondes an den Platz, wo Ratcliffe noch weilte.
»Habt Ihr Erfolg gehabt?« war seine erste hastige Frage.
»Versprechungen erhielt ich von dem Manne, zu dem Ihr mich sandtet. Wie aber wird und kann er sie erfüllen?«
»Gedankt sei Gott!« rief Ratcliffe; »und nun zweifelt nicht an seiner Fähigkeit zu erfüllen, was er versprochen.«
Da ertönte ein schriller Pfiff über die Heide.
»Er ruft mich – horch!« rief Ratcliffe – »Miß Vere! reitet nach Haus zurück! laßt die Hinterpforte zum Garten offen! zu der Tür, die zur Hintertreppe führt, habe ich den Schlüssel.«
Ein zweiter Pfiff, noch schriller als der erste!
»Ich komme – ich komme!« sprach Ratcliffe, gab seinem Roß die Sporen und ritt über die Heide in der Richtung, wo des Klausners Hütte lag.
Miß Vere schlug den Rückweg nach dem Schlosse ein. Die Angst, die ihr das Herz schnürte, und das Feuer ihres Rosses gaben ihrem Ritte Flügel.
Sie gehorchte, ohne Ahnung von ihrem Zweck, Ratcliffes Weisungen, ließ ihr Pferd auf einem eingehegten Platz im Garten äsen und eilte in ihr Gemach hinauf, das sie unbemerkt erreichte. Nun klingelte sie und befahl Kerzen zu bringen. Zugleich mit dem Diener, der ihren Befehl ausführte, erschien ihr Vater.
»Zweimal während der verwichnen zwei Stunden,« sagte er, »habe ich an deiner Tür gehorcht, Tochter. Da ich nichts vernahm, besorgte ich, Du seiest krank.«
»Erlaubt mir, Vater, mich auf das Versprechen zu berufen, das Ihr mir gabt,« erwiderte Miß Vere; »laßt mir die letzten freien Augenblicke zu unbehelligtem Genusse! laßt mir die gewährte Frist bis zum letzten Augenblicke!«
»Es sei,« antwortete der Vater; »du sollst nicht gestört werden. Aber diese geringe Kleidung, dies wirre Haar – wenn ich dich rufe, Kind, so darfst du in solchem Zustande nicht kommen. Freiwillig muß das Opfer gebracht werden, soll es heilsam sein.«
»Wohlan, Vater! muß es so sein, dann seid ohne Sorge! Das Opfer wird sich schmücken!«
Siebzehntes Kapitel
Die Kapelle im Schlosse Ellieslaw, in welcher die unselige Vermählung zur Vollziehung gelangen sollte, war ein Bauwerk von noch höherem Alter als das Schloß selbst, das doch bereits in die grauen Jahrhunderte schottischer Kultur hinaufreichte. Vor Ausbruch der fortdauernden, langwierigen Grenzkriege zwischen den in England seit Hengist und Horsa sässigen Angelsachsen und den in Schottland ursässigen Kelten, in deren Folge alle Grenzhäuser zu Vesten sich wandelten, hatten in Ellieslaw Mönche, zur reichen Abtei von Jedburgh gehörig, ihre Niederlassung gehabt; durch die Wandlungen, die der ewige Grenzkrieg mit sich brachte, war aber das Kloster verwüstet und an Stelle desselben ein Feudalschloß aufgeführt worden; bloß die Kapelle war erhalten und als Zubehör des Schlosses von einem Mauerringe umschlossen worden. Der Bau der Kapelle zeigte in seiner Ureinfachheit, in den massigen Pfeilern und Schwibbogen den angelsächsischen Baustil in seiner ersten Periode. Eine düstere Stätte, um so düsterer, als sie, gleichwie vordem von den Mönchen, auch später von den Schloßherren als Begräbnisstätte benützt wurde. Zurzeit wurde die Düsternis der Kapelle durch den Kontrast von Fackelschein zu verstärktem Ausdruck gebracht. Zum Vollzug der kirchlichen Feier war die Kapelle mit Hast geschmückt worden. Alte Gobelins, Szenen aus der düstern Ahnengeschichte der Lairds von Ellieslaw vorstellend, waren aus den Schloßgemächern entfernt und hier aufgehängt worden bald neben, bald über und unter den Wappenschildern und Emblemen der in ihren Särgen in der Kapellengruft schlummernden Toten. Zu beiden Seiten des steinernen Altars standen Denkmäler, in sonderbarem Gegensatze zueinander gehalten. Auf dem einen erhob sich die Gestalt eines finstern Mönchs oder Klausners, mit Kapuze und Skapulier, das Antlitz im Gebet aufwärts gewandt, und die Hände, von denen Rosenkränze niederhingen, über die Brust gefaltet. Ihm gegenüber stand ein Grabmal im italienischen Stile, ein schönes Werk der Plastik und ein Muster der neueren Kunst, zum Andenken errichtet an Isabels Mutter, die verstorbne Frau Vere von Ellieslaw, die durch dasselbe mit dem Tode ringend dargestellt wurde, während ein weinender Cherub mit abgewendeten Augen eine schwach brennende Lampe, als sinnbildliche Darstellung ihres schnellen Hintritts in das ewige Leben, verlöschte.