Ich hielt mich eines großen Vermögens für die Zukunft, und bis dahin eines reichlichen Auskommens versichert, und es fiel mir nie ein, daß es zur Sicherung dieses Glückes nötig sein könnte, mich Arbeiten und Beschäftigungen zu unterwerfen, die meinem Geschmack und meiner Neigung nicht entsprachen. Ich sah in meines Vaters Vorschlag, ins Geschäft zu treten, nur den Wunsch, daß ich die Reichtümer noch vermehren möchte, die er selbst erwarb, und da ich über den Weg zu meinem Glück am besten urteilen zu können glaubte, so begriff ich nicht, wie ich dasselbe zur Vermehrung eines Reichtums erhöhen könne, den ich bereits für hinreichend und mehr als hinreichend hielt, mir ein angenehmes Leben zu verschaffen.
Diesem gemäß, ich muß es wiederholen, war meine Zeit in Bourdeaux nicht so angewendet worden, wie es meines Vaters Wille war. Dubourg, der mit unserm Hause in vorteilhaften Verbindungen stand, war ein zu schlauer Mann, als daß er dem Vornehmsten der Firma von dessen einzigem Sohne hätte Nachrichten geben sollen, die beiden mißfällig gewesen sein würden. Mein Betragen war anständig und gleichmäßig, und insofern hätte er keine schlimmen Nachrichten erteilen können, wenn er dazu geneigt gewesen wäre; allein der schlaue Franzose würde vielleicht ebenso nachsichtig gewesen sein, wenn ich mir Aergeres hätte zu schulden kommen lassen, als Trägheit und Abneigung gegen kaufmännische Geschäfte. Da ich einen geziemenden Teil meiner Zeit den Handelsstudien widmete, die er empfahl, mißgönnte er mir keineswegs die Stunden, die ich mit andern und klassischern Beschäftigungen zubrachte. Da nun Herr Osbaldistone sehr wohl wußte, was ich nach seinem Wunsche sein sollte, so glaubte er nach Dubourgs Berichten mit Bestimmtheit annehmen zu können, ich sei, wie er mich wünsche, bis er in einer bösen Stunde meinen Brief erhielt, worin ich mit beredten und weitläufigen Entschuldigungen einen Platz in der Firma, und Pult und Stuhl in der düstern Schreibstube in Cranne-Alley, ablehnte. Von diesem Augenblick an war alles nicht recht. Dubourgs Nachrichten erschienen ihm verdächtig, und ich wurde schnell nach Hause gerufen und in der schon geschilderten Weise empfangen.
Zweites Kapitel
Mein Vater verfügte über eine große Selbstbeherrschung, und sein Unmut zeigte sich selten in Worten, außer in einer gewissen trocknen, mürrischen Weise gegen die, welche ihm mißfallen hatten. Nie gebrauchte er Drohungen oder Ausdrücke lauter Empfindlichkeit. Alles ging bei ihm nach Regeln, und es war seine Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit das Nötige zu tun, ohne Worte deshalb zu verschwenden. Mit bitterm Lächeln hörte er daher meine mangelhaften Antworten über den Zustand des französischen Handels an und ließ mich unbarmherzig immer tiefer in die Geheimnisse des Agio, des Tarifs, der Tara und des Diskonts mich verwickeln; auch ist mir nicht erinnerlich, daß er je seinen Unwillen offen an den Tag gelegt hätte, als bis er entdeckte, daß ich nicht im stande war, genau den Einfluß zu erklären, den die Herabsetzung des französischen Geldes auf den Wechselkurs gehabt hatte. »Das merkwürdigste Nationalereignis der Zeit,« sprach mein Vater, der doch die Revolution [Durch die Wilhelm III., Erbstatthalter von Holland, den englischen Thron erhielt (1689).] erlebt hatte, »und er weiß nicht mehr davon wie ein Standwächter!«
»Herr Franz,« wandte Owen, schüchtern und vermittelnd, ein, »kann nicht vergessen haben, daß nach einem Befehle des Königs von Frankreich, vom 1. Mai 1700, der Inhaber eines Wechsels diesen binnen zehn Tagen muß –«
»Herr Franz,« unterbrach ihn mein Vater, »wird sich für den Augenblick alles erinnern, was Ihr so gut seid, ihm anzudeuten. Wie konnte Dubourg es ihm gestatten! Hört, Owen, was für ein Jüngling ist Clemens Dubourg, sein Neffe, in der Schreibstube, der schwarzhaarige Bursche?«
»Einer der geschicktesten Kontoristen; ein für seine Jahre sehr tüchtiger junger Mann,« antwortete Owen, dessen Herz der junge Franzose durch seinen Frohsinn und seine Höflichkeit gewonnen hatte.
»Ja, ja, der wird vermutlich etwas von der Wechselbank wissen. Dubourg wollte, daß ich wenigstens einen jüngern bei der Hand hätte, der das Geschäft versteht; allein ich sehe seine Absicht. Owen, laßt dem Clemens am nächsten Zahltag seinen Gehalt auszahlen und laßt ihn zurück nach Bordeaux reisen in seines Vaters Schiffe, das eben ausladet.«
»Clemens Dubourg entlassen, Herr?« fragte Owen mit zitternder Stimme.
»Ja, Herr, ihn sogleich entlassen; es ist genug, einen ungeschickten Engländer in der Schreibstube zu haben, der Schnitzer machen kann; es bedarf keines schlauen Franzosen, um Vorteil daraus zu ziehen.«
Ich hatte lange genug im Gebiete des Großen Monarchen [Ludwig des Vierzehnten] gelebt, um einen herzlichen Abscheu gegen alle willkürliche Gewalt zu empfinden, auch wenn er mir nicht von Jugend auf wäre eingeflößt worden.
»Um Vergebung, mein Vater,« sprach ich, als er ausgeredet hatte, »aber ich halte es nur für gerecht, die Strafe selbst zu leiden, wenn ich nachlässig im Lernen gewesen bin. Ich kann Herrn Dubourg nicht beschuldigen, mir keine Gelegenheit zur Vermehrung meiner Kenntnisse gegeben zu haben, wie wenig ich sie auch benutzt haben mag. Was Clemens Dubourg betrifft –«
»Was ihn und was Dich betrifft, so werde ich die Maßregeln ergreifen, die ich für nötig halte,« erwiderte mein Vater. »Aber es ist wacker von Dir, Franz, daß Du Deinen Fehler auf Deine eignen Schultern nimmst – sehr wacker, das ist nicht zu leugnen. Ich muß es dem alten Dubourg zur Last legen,« fuhr er gegen Owen fort, »meinem Sohne bloß die Mittel zu nützlichen Kenntnissen verschafft zu haben, ohne darauf zu sehen, daß er Vorteil davon zog, ohne es mir zu berichten, wenn es nicht geschah. Ihr seht, Owen, er hat die natürlichen Begriffe von Gerechtigkeit, die einem englischen Kaufmann geziemen. Aber alles dies will nichts sagen, Franz. Du hast Deine Zeit weggeworfen wie ein Knabe, und mußt in Zukunft leben lernen wie ein Mann. Ich werde Dich einige Monate unter Owens Aufsicht stellen, damit Du das Versäumte wieder einholen kannst.«
Ich war im Begriff, zu antworten, allein Owen sah mich mit einer so flehenden und warnenden Gebärde an, daß ich unwillkürlich schwieg.
»Wir wollen also,« fuhr mein Vater fort, »den Inhalt meines Briefes vom 1. verflossenen Monats wieder vornehmen, worauf Du mir eine unüberlegte und unbefriedigende Antwort gesendet hast. Doch jetzt schenke Dir ein und gib Owen die Flasche.«
Mangel an Mut, an Kühnheit, wenn Du willst, war nie mein Fehler. Ich antwortete unverzagt, daß es mir leid sei, wenn mein Brief unbefriedigend war, unüberlegt sei er nicht gewesen; denn ich habe seinen gütigen Vorschlag mit sorgfältiger Aufmerksamkeit erwogen, und es mache mir nicht wenig Kummer, ihn ablehnen zu müssen.
Mein Vater sah mich einen Augenblick scharf an und wandte den Blick sogleich wieder ab. Da er nicht antwortete, so glaubte ich, obwohl mit einiger Bangigkeit, fortfahren zu müssen, und er unterbrach mich nur durch einzelne Worte.
»Unmöglich, mein Vater, kann ich gegen irgend einen Stand mehr Achtung hegen als gegen den Handelsstand, auch wenn es der Deine wäre.« – »Seh einer an!« – »Er verbindet ein Volk mit dem andern, befriedigt die Bedürfnisse, und trägt zum Wohlstand aller bei; er ist für das Ganze der gesitteten Welt das, was der tägliche Verkehr für das häusliche Leben, oder vielmehr was Luft und Nahrung für unsern Körper ist.« – »Wahrhaftig?« – »Und dennoch, Vater, bin ich seiner genötigt, mich zu weigern, einen Stand anzunehmen, für welchen ich so wenig geeignet bin.« – »Ich werde sorgen, Dir die nötigen Eigenschaften zu verschaffen. Du bist nicht länger Dubourgs Gast und Zögling.« – »Aber, lieber Vater, es ist nicht Mangel an Unterricht, was ich anführe, sondern meine Unfähigkeit, aus den Lehren Vorteil zu ziehen.« – »Unsinn! Hast Du ein Tagebuch gehalten, wie ichs verlangt habe?« – »Ja, mein Vater.« – »Sei so gut und hol es her.« Der verlangte Band war eine Art Notizbuch, worin ich nach meines Vaters Empfehlung allerlei Umstände, die in meiner Lehre vorgekommen waren, eingetragen hatte. Da ich voraus sah, daß er eine Durchsicht dieser Berichte vornehmen würde, war ich bedacht gewesen, solche Nachrichten aufzunehmen, die ihm wahrscheinlich gefallen mußten; aber nur zu oft hatte die Feder die Arbeit verrichtet, ohne den Kopf sehr zu Rate zu ziehen. Ich übergab es jetzt meinem Vater mit der frommen Hoffnung, er werde nichts darin finden, was sein Mißfallen an mir vermehren könnte. Owens Gesicht, das bei der Frage danach etwas bleich geworden war, erheiterte sich bei meiner bereitwilligen Antwort, und er lächelte wirklich aus Freude, als er meinen Vater einen Teil des Inhalts überlaufen und seine Bemerkungen dazwischen murmeln hörte.