Mit einer Art Mißfallen betrachtete ich daher den ersten Schottländer, mit dem ich in Gesellschaft zusammenkam. Vieles stimmte an ihm mit meiner Vorstellung überein. Er hatte die harten Züge und den kräftigen Wuchs, die seinen Landsleuten eigen sein sollen, nebst jener volkstümlichen Betonung, jener langsamen, steifen Weise des Ausdrucks, welche aus dem Verlangen entstehen, Eigenheiten der Mundart oder der Sprache zu vermeiden. Auch konnte ich in mehreren seiner Bemerkungen und den Antworten, die er gab, die Vorsicht und Schlauheit seiner Landsleute wahrnehmen. Allein ich war unvorbereitet auf die Miene ruhiger Selbstbeherrschung und Ueberlegenheit, mit der er in einer Gesellschaft, in die er, wie durch Zufall, gekommen war, die erste Rolle zu spielen schien.
Sein Anzug war so grob wie möglich, obwohl anständig, und zu einer Zeit, wo selbst die Geringsten, welche auf den Rang eines Herrn Anspruch machten, viel an Kleider wendeten, mußte dies auf beschränkte Verhältnisse, wo nicht Armut schließen lassen. Aus seinem Gespräch ergab sich, daß er den Viehhandel trieb, eben kein ehrenvolles Gewerbe. Und dennoch schien er unter diesen wenig vorteilhaften Umständen, als ob sichs von selbst verstehe, die übrige Gesellschaft mit der kalten, herablassenden Höflichkeit zu behandeln, deren Gebrauch eine wahre oder vermeinte Ueberlegenheit zu erkennen gibt. Mein Wirt und seine Sonntagsgäste unterwarfen sich nach einigen Versuchen, ihre Wichtigkeit durch Lärm und verwegne Behauptung zu unterstützen, allmählich Campbells Ansehen, der also das Wort führte. Weit besser als ich war er mit dem damaligen Zustande von Frankreich, dem Charakter des Herzogs von Orleans, der eben die Regentschaft des Reiches angetreten hatte, und den ihn umgebenden Staatsmännern bekannt, und seine schlauen, scharfen und zuweilen satirischen Bemerkungen bezeichneten einen genauen Beobachter der Angelegenheiten dieses Landes.
Ueber den Gegenstand der Politik beobachtete Campbell ein Stillschweigen und eine Mäßigung, die aus Vorsicht entstehen mochte. Die Zwietracht der Whigs und Torys erschütterte damals England bis ins Innerste, und eine mächtige Partei, für die Jakobiten sich erklärend, bedrohte das Haus Hannover, das eben auf den Thron gelangt war (1714). Jedes Bierhaus hallte von dem Schrei streitender Parteien wider, und da die Gesinnung unsers Wirts von jener verträglichen Art war, die mit keinen guten Kunden streitet, so waren oft seine Sonntagsgäste so unversöhnlich in ihren Meinungen geteilt, als wenn er das Unterhaus bewirtet hätte. Der Pfarrer und der Apotheker, nebst einem kleinen Manne, der sich seines Berufs nicht rühmte, den ich aber, wegen der Beweglichkeit seiner Finger für den Bartscherer hielt, ergriffen mächtig die Sache der römischen Kirche und des Hauses Stuart. Der Zolleinnehmer, wie es sich gebührt, und der Anwalt, der einem kleinen Amt unter der Krone entgegensah, und mein Reisegefährte, der scharf in den Streit einzugehen schien, verteidigten tapfer die Sache König Georgs und der protestantischen Erbfolge. Arg war das Geschrei – gewaltig waren die Schwüre. Beide Teile beriefen sich auf Campbell, begierig, wie es schien, seine Zustimmung zu erhalten.
»Ihr seid ein Schottländer, Herr; und ein Mann aus Eurem Lande muß auftreten für das erbliche Recht!« rief eine Partei.
»Ihr seid ein Presbyterianer,« entgegnete die andre; »Ihr könnt kein Freund von willkürlicher Gewalt sein.«
»Ihr Herren!« sprach unser schottisches Orakel. »Ich zweifle nicht, daß König Georg die Vorliebe seiner Freunde verdient, und wenn er sich halten kann, so wird er unfehlbar den Zolleinnehmer hier zum Oberaufseher machen und unserm Freund Quintam die Stelle eines Oberfiskals verleihen. Auch diesem ehrsamen Herrn, der lieber auf seinem Felleisen als dem Stuhle sitzt, wird er eine Belohnung gewähren. König Jakob ist gewißlich auch ein dankbarer Herr, und wenn er die Hand ins Spiel bekommt, kann er, wenn es ihm sonst gefällt, diesen ehrwürdigen Herrn zum Erzbischof von Canterbury, und Doktor Mixit zu seinem Leibarzt machen, und seinen königlichen Bart der Sorgfalt meines Freundes Latherum anvertrauen. Da ich aber sehr zweifle, ob einer der streitenden Könige dem Robin Campbell ein Glas Branntwein geben würde, wenns ihm danach gelüstete, so geb ich meine Stimme Jonathan Braun unserm Wirte, König und Fürsten, und ernenne ihn zum Mundschenken, unter der Bedingung, daß er uns eine andre Flasche holt, so gut als die letzte.«
Dieser Einfall wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen, in welchen der Wirt herzlich einstimmte, und als er Befehle gegeben hatte, die Bedingung zu erfüllen, von der seine Erhöhung abhing, äußerte er, daß Herr Campbell, bei aller friedfertigen Gesinnung, doch kühn wie ein Löwe sei, und mit eigner Hand sieben Straßenräuber, die ihn auf dem Wege angefallen, überwunden habe.
»Du bist im Irrtum, Freund Jonathan,« unterbrach ihn Campbell; »es waren nur zwei, und zwei so feige Wichte, als man nur zu treffen wünschen kann.«
»Und habt Ihr wirklich,« sprach mein Reisegefährte und rückte seinen Stuhl – sein Felleisen sollt ich sagen – näher zu Campbell, »wirklich und in der Tat zwei Straßenränder allein überwunden?«
»Fürwahr, ich tat es, und halt es für nichts Großes, um Redens davon zu machen,« erwiderte Campbell.
»Auf mein Wort, Herr,« entgegnete mein Bekannter, »ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Vergnügen Eurer Gesellschaft auf meiner Reise haben könnte – ich reise nach Norden.«
Diese freiwillige Nachricht über die Richtung seines Weges, die erste, die mein Gefährte gegen irgend wen verlauten lieh, erweckte bei dem Schotten nicht das entsprechende Vertrauen.
»Wir können schwerlich mit einander reisen,« erwiderte er trocken. »Ihr seid ohne Zweifel gut beritten, und ich reise jetzt zu Fuß oder auf einem hochländischen Klepper, der mich nicht viel schneller vorwärts bringt.«
Mit diesen Worten forderte er die Rechnung für den Wein, warf den Preis für die selbst verlangte Flasche hin und stand auf, als ob er Abschied nehmen wollte.
Hierauf kam er auf mich zu und bemerkte: »Euer Freund, Herr, ist sehr mitteilsam, wenn man bedenkt, was er für einen Auftrag hat.«
»Dieser Herr,« erwiderte ich, mit einem Blick auf den Reisenden, »ist kein Freund von mir, sondern eine Bekanntschaft, die ich unterwegs gemacht habe. Ich kenne weder seinen Namen, noch sein Geschäft, und Ihr scheint sein Vertrauen mehr zu besitzen als ich.«
»Ich meinte bloß,« erwiderte er schnell, »daß er etwas unbesonnen scheint, die Ehre seiner Gesellschaft denen anzutragen, die nicht danach verlangen.«
»Er kann am besten über seine eignen Angelegenheiten urteilen,« erwiderte ich, »und ich würde mich ungern in irgend einer Hinsicht zum Richter derselben aufwerfen.«
Campbell machte weiter keine Bemerkung, sondern wünschte mir bloß glückliche Reise, und die Gesellschaft ging auseinander.
Am folgenden Tage trennte ich mich von meinem furchtsamen Gefährten, da ich die große nördliche Straße verließ und mich mehr westlich wandte, dem Landsitze meines Oheims zu. Seine Furchtsamkeit machte mir ihn schon langweilig, und ich war herzlich froh, ihn los zu sein.
Fünftes Kapitel
Ich näherte mich meinem nördlichen Heimatslande, wofür ich es hielt, mit jener Begeisterung, welche wilde, romantische Gegenden den Freunden der Natur einflößen. Nicht länger durch das Geschwätz meines Gefährten unterbrochen, konnte ich nun bemerken, wie verschieden dieser Landstrich von dem war, den ich bisher durchreist hatte. Die Ströme verdienten nunmehr diesen Namen; denn anstatt unter Schilf und Weiden bewegungslos zu schlummern, lauschten sie längs des Schattens wilder Gesträuche, bald von Abhängen hinabstürzend, bald gemächlicher, doch immer in reger Bewegung, durch kleine, einsame Täler murmelnd, die zuweilen am Wege sich öffneten und den Reisenden in ihre Schatten einzuladen schienen. Die Cheviotberge stiegen in ernster Pracht vor mir empor; zwar nicht mit jener erhabenen Mannigfaltigkeit von Felsen und Klippen, welche die Gebirge der ersten Klasse auszeichnen, aber in ungeheuren Massen die runden Häupter erhebend.