Die Heimstätte meiner Väter, der ich mich jetzt näherte, lag in einer Schlucht oder einem engen Tale, das zwischen jenen Bergen hinauf lief. Ausgebreitete Ländereien, die einst unsrer Familie gehörten, waren längst durch Mißgeschick oder Mißverhalten meiner Ahnherren verloren gegangen; allein es gehörte noch immer Land genug zu dem alten Schlosse, daß mein Oheim noch immer für ein Mann von großem Vermögen galt. Dies verbrauchte er, wie ich unterwegs erfahren hatte, in verschwenderischer Gastfreiheit, die er für wesentlich zur Behauptung seiner Familienwürde hielt.
Von einer Anhöhe hatte ich bereits das Schloß Osbaldistone erblickt, ein großes, altertümliches Gebäude, das aus einem Wäldchen alter Eichen hervorsah. Mein Pferd, so ermüdet es war, spitzte die Ohren bei den hellen Tönen eines Hundegebells und den gelegentlichen Klängen des Waldhorns, welches damals immer die Jagd begleitete. Ich zweifle nicht, daß die Hunde meinem Oheim gehörten, und zog mein Pferd an, mit dem Vorsatz, die Jäger unbemerkt vorüber zu lassen, eingedenk, daß der Jagdplatz kein schicklicher Ort sei, mich einem eifrigen Jäger vorzustellen. Wenn die Jagd vorüber, wollt ich gemächlich nach dem Schlosse reiten und dort die Rückkehr des Besitzers erwarten. Ich machte daher auf einer Anhöhe Halt und erwartete mit einiger Ungeduld die Erscheinung der Jäger.
Der Fuchs, in vollem Lauf und beinah erschöpft, kam zuerst aus dem Gebüsch, das die rechte Seite des Tales bedeckte. Sein verstörtes Aussehen verkündete das ihm drohende Geschick, und die Raben, welche über ihm schwebten, betrachteten schon den armen Reineke als ihren baldigen Raub. Er durchkreuzte den Strom, der das kleine Tal trennt, und schleppte sich an der andern Seite des rauhen Ufers empor, als die Hunde mit lautem Bellen aus dem Gebüsch hervorbrachen. Der Jäger und drei oder vier Reiter kamen nach. Die Hunde folgten des Fuchses Spur mit unbeirrtem Instinkt, und die Jäger, ohne auf den rauhen, zerrissenen Boden zu achten, sprengten in sorgloser Eile ihnen nach. Alle waren schlanke, rüstige junge Leute, wohl beritten und in Grün und Rot gekleidet. Meine Vettern! dacht ich, als sie an mir vorüber flogen. Die nächste Erwägung war: wie werden diese würdigen Nachfolger Nimrods mich empfangen? Und wie unwahrscheinlich ist es, daß ich, wenig oder gar nicht mit ländlichen Ergötzlichkeiten bekannt, mich in meines Oheims Familie zufrieden oder glücklich fühlen werde? Eine Erscheinung, die an mir vorüberkam, unterbrach diese Gedanken.
Es war eine junge Dame, mit lieblichen, sehr auffallenden Zügen, denen die Erregung der Jagd und das Glühen heftiger Bewegung erhöhten Reiz erteilte. Sie ritt einen schönen Rappen, mit Flecken schneeweißen Schaumes bedeckt, der sein Gebiß umgab. Ihr damals etwas ungewöhnlicher Anzug bestand aus Rock, Weste und Hut. Ihr langes, dunkles Haar, beim Ungestüm der Jagd dem fesselnden Bande entschlüpft, flatterte im Winde. Ein sehr zerrissener Boden, über welchen sie ihr Pferd mit der bewundernswürdigsten Geschicklichkeit und Geistesgegenwart leitete, hemmte ihren Lauf, und brachte sie mir näher, als einen der andern Reiter. Als sie an mir vorüberkam, machte das Pferd in seinem Ungestüm eine unregelmäßige Bewegung, da sie es eben auf besserm Boden zu größerer Eile antrieb. Dies gab mir den Vorwand, wie zu ihrem Beistand ihr näher zu reiten. Es war jedoch nichts zu befürchten; das Pferd hatte weder gestrauchelt, noch einen Fehltritt getan. Sie dankte meiner guten Absicht indes durch ein Lächeln, und ich fühlte mich aufgemuntert, mein Pferd in gleichen Schritt zu bringen und an ihrer Seite zu reiten. Das Geschrei: heh! tot, tot! und die einstimmenden Töne des Waldhorns verkündeten uns bald, daß kein Grund mehr zur Eile und die Jagd zu Ende war. Einer der jungen Männer, der sich uns näherte, schwenkte triumphierend den Schwanz des Fuchses, als ob er meiner schönen Begleiterin Vorwürfe hätte machen wollen.
»Ich seh's, ich seh's!« erwiderte sie. »Aber macht nur keinen Lärm davon; »wenn Phöbe,« sprach sie, den Hals ihres schönen Pferdes klopfend, »nicht unter die Felsen gekommen wäre, so solltet Ihr wenig Ursache zu prahlen haben.«
Sie waren bei diesen Worten zusammengekommen, und ich bemerkte, daß beide mich ansahen und einen Augenblick leise miteinander redeten, wobei offenbar die junge Dame in den Jäger drang, etwas zu tun, was er schüchtern und mit einer gewissen schafsmäßigen Halsstarrigkeit verweigerte. Sie wendete sogleich ihr Pferd gegen mich um, mit den Worten: »Gut, gut, Thornie, wenn Ihr es nicht wollt, so muß ich es tun. Mein Herr,« sprach sie hierauf zu mir, »ich suchte diesen gebildeten jungen Herrn zu bewegen, bei Euch nachzufragen, ob Ihr auf Eurer Reise etwas von einem unsrer Freunde, einem Herrn Franz Osbaldistone, gehört habt, der seit einigen Tagen im Schlosse erwartet wird?«
Freudig stellte ich mich als die Person dar, nach der sie fragte, und äußerte meinen Dank für die verbindlichen Erkundigungen.
»In diesem Falle, mein Herr,« entgegnete sie, »da meines Vetters Höflichkeit noch immer zu schlummern scheint, werdet Ihr mir erlauben, obwohl es vermutlich sehr unpassend ist, die Zeremonienmeisterin zu machen, und Euch dem jungen Herrn Thorncliff Osbaldistone, Eurem Vetter, und Diana Vernon vorzustellen, welche gleichfalls die Ehre hat, Eures auserlesenen Vetters arme Verwandte zu sein.«
Die Art und Weise, womit sie diese Worte aussprach, enthielt eine Mischung von Kühnheit, Spott und Einfalt. Ich besaß genug Kenntnis der Welt, um einen ähnlichen Ton anzunehmen, indem ich meinen Dank für ihre Herablassung und meine ausnehmende Freude über dies Zusammentreffen zu erkennen gab. Thorncliff schien ein Erztölpel, linkisch, schüchtern und zugleich etwas mürrisch zu sein. Er reichte mir jedoch die Hand und sagte, er müsse wieder fort, um den Jägern und seinen Brüdern beim Koppeln der Hunde zu helfen.
»Da geht er hin,« sprach seine Verwandte, ihm mit den Augen nachblickend, worin sich Verachtung wunderbar ausdrückte – »der Fürst der Stallknechte, Hahnenkämpfer und Pferderennen. Aber sie sind alle einer so viel wert wie der andre. – Habt Ihr Markham gelesen?« fragte sie.
»Wen gelesen, mein Fräulein? Ich kenne nicht einmal den Namen des Schriftstellers.«
»O weh! An welchem Strande habt Ihr Schiffbruch gelitten! – Ein armer, verlorner, unwissender Fremder, unbekannt mit dem wahren Charon dieses wilden Stammes, unter welchem Ihr wohnen sollt. Nie von Markham gehört zu haben, dem berühmtesten Schriftsteller über die Roßarzneikunde? Dann seid Ihr wohl ebenso unbekannt mit den neuern Namen eines Gibson und Bartlett?«
»Allerdings.«
»Und Ihr errötet nicht, es zu gestehen? Nun, wir müssen die Verwandtschaft mit Euch abschwören. Dann könnt Ihr wohl ebensowenig dem Pferd eine Pille eingeben oder ein Futter mischen?«
»Ich muß gestehen, all diese Dinge einem Stalljungen oder meinem Reitknecht zu überlassen.«
»Unglaubliche Sorglosigkeit! Und Ihr versteht nicht ein Pferd zu beschlagen oder ihm Mähne und Schweif zu verkürzen, einem Hunde den Wurm zu nehmen, ihm die Ohren abzustutzen und die Klauen zu beschneiden, oder einen Falken zurück zu locken, oder ihm das Geschüh anzulegen, oder –«
»Um meine Unbedeutenheit mit einem Wort auszudrücken: ich besitze durchaus keine von allen diesen ländlichen Vollkommenheiten.«