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»Dann, ums Himmels willen, Herr Franz Osbaldistone, was könnt Ihr denn eigentlich?«

»Sehr wenig für diesen Zweck; dennoch kann ich einiges. – Wenn mein Reitknecht mein Pferd gesattelt hat, so kann ich darauf reiten, und wenn mein Falke im Felde ist, kann ich ihn aufs Wild werfen.«

»Könnt Ihr das?« sprach das Fräulein und setzte ihr Pferd in Galopp.

Unsern Weg durchkreuzte ein überwachsener Zaun mit einem Tor von rohen Baumstämmen. Ich wollte mich nähern, um es zu öffnen, als Fräulein Vernon im Flug hinübersetzte. Ehrenhalber mußte ich ihr folgen und war sogleich wieder an ihrer Seite.

»Es läßt sich noch hoffen bei Euch,« sprach sie. »Ich fürchtete schon, Ihr wäret ein ganz ausgearteter Osbaldistone. Aber was in aller Welt bringt Euch nach Fuchsschloß, wie die Nachbarn unsre Jagdhalle getauft haben? Ihr hättet, glaub ich, wegbleiben können, wenn es Euer Wille gewesen wäre?«

Ich fühlte, daß ich schon auf einem sehr vertrauten Fuße mit meiner reizenden Erscheinung stand und erwiderte mit leisem, zuversichtlichem Tone: »In der Tat, mein liebes Fräulein, ich würde es als ein Opfer betrachtet haben, mich einige Zeit im Schlosse Osbaldistone aufzuhalten, da die Bewohner so sind, wie Ihr sie beschreibt; allein ich bin überzeugt, es gibt eine Ausnahme, die alle andern Mängel gut machen wird.«

»O, Ihr meint Rashleigh?« fragte sie.

»Fürwahr nicht; ich dachte – verzeiht mir – an eine mir weit nähere Person.«

»Ich glaube, es würde sich schicken, Eure Höflichkeit nicht zu verstehen? Aber das ist nicht meine Art – ich mache keine Verbeugung dafür, weil ich zu Pferd sitze. Aber im Ernst, ich verdiene Eure Ausnahme, denn ich bin das einzige umgängliche Wesen im Schlosse, ausgenommen der alte Geistliche und Rashleigh.«

»Und wer ist dieser Rashleigh ums Himmels willen?«

»Rashleigh ist einer, der um seiner selbst willen gern haben möchte, daß jedermann wie er wäre. Er ist Herrn Hildebrands jüngster Sohn, ungefähr von Eurem Alter, aber nicht so – kurz, nicht gut aussehend. Allein die Natur gab ihm einen Mundvoll gesunden Menschenverstands, und der Geistliche einen Scheffel voll Gelehrsamkeit. Er ist, was wir alle einen sehr geschickten Mann in diesem Lande heißen, wo geschickte Leute selten sind. Er ist für die Kirche bestimmt, hat es aber nicht sehr eilig mit der Priesterweihe.«

»Für die katholische Kirche?« – »Die katholische Kirche! Was für eine Kirche sonst? Doch ich vergaß, man hat mir gesagt, daß Ihr ein Ketzer seid. Ist das wahr, Herr Osbaldistone?« – »Ich darfs nicht leugnen.« – »Und dennoch waret Ihr auswärts und in katholischen Ländern?« – »Beinah vier Jahre.« – »Habt Ihr Klöster gesehen?« – »Oft; aber ich habe nicht viel darin gesehen, was den katholischen Glauben empfehlen könnte.«

»Was wird aus denen, die durch den Willen anderer zum Kloster verurteilt sind?« fragte Diana. »Wem gleichen sie? Besonders, wem gleichen sie, wenn sie dazu geboren sind, das Leben zu genießen und seine Freuden zu empfinden?«

»Sie gleichen eingesperrten Singvögeln, verurteilt, ihr Leben in der Gefangenschaft zuzubringen.«

»Ich werde,« entgegnete Diana – und sich selbst verbessernd, sprach sie: »das heißt, ich würde vielmehr dem wilden Falken gleichen, der am freien Fluge durch die Lüfte verhindert, sich an den Stangen seines Käfigs zerschmettert. Doch, wieder auf Rashleigh zurückzukommen,« fuhr sie lebhafter fort, »Ihr werdet ihn für den unterhaltendsten Mann halten, den Ihr je gesehen habt, auf eine Woche wenigstens. Wenn er eine blinde Geliebte finden könnte, so würde niemand einer Eroberung so sicher sein; allein das Auge vernichtet den Zauber, der das Ohr gefesselt hat. – Doch hier sind wir im Hofe des alten Schlosses, das so wild und altmodisch aussieht, wie irgend einer seiner Bewohner. Auf Putz wird hier nicht viel gehalten, müßt Ihr wissen; dennoch muß ich diese Dinge ablegen, sie sind unangenehm warm, und der Hut reibt mir auch die Stirn.« – Mit diesen Worten nahm das muntre Mädchen ihn ab und schüttelte eine Fülle dunkler Locken herab, die sie halb lächelnd, halb errötend, mit ihren weißen, schlanken Fingern teilte, um ihr anmutiges Gesicht und die durchdringenden braunen Augen zu enthüllen. Wenn einige Gefallsucht in dieser Handlung lag, so wurde sie recht gut durch die sorglose Unbefangenheit ihres Betragens abgeschwächt.

»Die alte Tischglocke,« sagte sie, »wird in einigen Minuten tönen, oder vielmehr dröhnen – sie zersprang von selbst an demselben Tage, wo König Wilhelm landete, und mein Oheim hat sie aus Achtung für ihre Weissagungsgabe nie wieder wollen ausbessern lassen. So haltet mir nun, wie es einem pflichtergebnen Ritter zukommt, meinen Zelter, bis ich einen demütigen Knappen sende, der Euch die Bürde abnimmt.«

Sie warf mir die Zügel zu, als ob wir von Kindheit an bekannt wären, sprang vom Sattel, trippelte über den Hof und ging in eine Seitentür, während sie mich in Bewunderung ihrer Schönheit, und erstaunt über die ungemeine Offenherzigkeit ihres Betragens, zurückließ. Seltsam genug kam ich mir selber vor, wie ich so im Hofe des alten Schlosses auf einem Pferde saß und ein andres am Zügel hielt. Das Gebäude hatte für einen Fremden wenig Anziehendes, auch wenn ich geneigt gewesen wäre, es genau zu betrachten. Die Seiten des Vierecks waren von verschiedner Bauart und glichen mit ihren steinernen, vergitterten Fenstern, hervorspringenden Türmchen und mächtigen Trägern der innern Seite eines Klosters, oder einem der ältern und weniger prächtigen Universitätsgebäude von Oxford. Ich rief nach einem Diener, aber niemand hörte auf mich, was mich um so mehr verdroß, als ich wohl merkte, daß mich mehrere männliche und weibliche Bedienstete aus verschiednen Teilen des Gebäudes heraus mit großer Neugierde musterten. Aber ehe ich mich an irgend eine bestimmte Person wenden konnte, hatten sie alle, wie Kaninchen im Gehege, die Köpfe wieder zurückgezogen und waren verschwunden. Die Rückkehr der Jäger und Hunde befreite mich aus der Verlegenheit, und mit einiger Mühe bewog ich einen Bauer, mir die Pferde abzunehmen, und einen andern dummen Tölpel, mich zu Herrn Hildebrand Osbaldistone zu führen.

Wir erreichten endlich ein langes, gewölbtes Gemach, mit steinernem Fußboden, wo eine Reihe eichner Tische, so groß und schwer, daß sie nicht beiseite gerückt werden konnten, bereits gedeckt standen. Dieses ehrwürdige Gemach, durch mehrere Geschlechter ein Zeuge der Festlichkeiten des Hauses Osbaldistone, trug auch Beweise von dessen Jagdglück. Große Geweihe von Rotwild waren rings an den Mauern umher befestigt, und dazwischen ausgestopfte Bälge von Dachsen, Ottern, Mardern und andern Jagdtieren. Unter einigen Ueberresten alter Rüstungen, die vielleicht im Kriege gegen die Schottländer getragen worden waren, sah man die beliebten Waffen des Waldkrieges, Armbrust, Gewehre mannigfacher Art und Gestalt, Netze, Angelruten, Otterspieße, Jagdstangen, und viele andre seltsame Werkzeuge zum Fangen und Töten des Wildes. Einige alte Gemälde, von Rauch verdunkelt und mit Märzbier befleckt, hingen an den Wänden, Ritter und Frauen darstellend, die jedenfalls zu ihrer Zeit geehrt und berühmt gewesen waren.

Ich hatte gerade Zeit gehabt, einen Blick auf diese Dinge zu werfen, als gegen zwölf blauröckige Diener mit gewaltigem Lärm und Geschwätz hereinstürzten, jeder mehr seine Gefährten zurechtweisend, statt selber seine Pflicht zu tun. Einige brachten Blöcke und Scheite für das Feuer, welches brausend und lodernd, halb in Flammen, halb in Rauch, einen ungeheuren Kamin hinaufstieg, dessen Oeffnung so groß war, daß ein steinerner Sitz darin Platz hatte. Andre dieser altfränkischen Diener trugen große, dampfende Schüsseln, voll kräftiger Speisen; andre brachten Becher, Kannen, Flaschen, ja Fäßchen mit starkem Getränke. Alle stampften, schlugen aus und stießen sich und brachten bei all ihrem Lärm doch herzlich wenig fertig.

Nachdem endlich nach mannigfacher Bemühung das Mahl bereit stand, kündete sich durch ein arges Geschrei von Menschen und Hunden, Knallen von Peitschen, laute, grelle Stimmen und Schritte, die in den schweren Stiefeln jener Zeiten rasselten, wie die des steinernen Gastes im Don Juan, die Ankunft derer an, für welche diese Vorbereitungen gemacht worden waren.