Endlich öffnete sich die Tür, und herein stürmten Hunde und Menschen – acht Hunde, der Hauskaplan, der Dorfarzt, meine sechs Vettern und mein Oheim.
Sechstes Kapitel
Wenn Herr Hildebrand Osbaldistone es nicht eilig gehabt hatte, seinen Neffen zu begrüßen, von dessen Ankunft er seit einiger Zeit unterrichtet sein mußte, so hatte er sich mit wichtigen Abhaltungen zu entschuldigen.
»Hätte Dich eher gesehen, Junge!« rief er nach einem derben Händedruck und einem herzlichen Willkommen, »aber ich mußte dafür sorgen, daß die Hunde unter Dach kamen. Sei willkommen im Schlosse, Bursche! Hier ist Dein Vetter Percival, Dein Vetter Thorncliff, Dein Vetter Hans, Dein Vetter Richard, Dein Vetter Wilfred, und – halt wo ist Rashleigh? – Ah, hier ist Rashleigh. Geh mit Deinem langen Leibe beiseite, Thornie, und laß uns ein bißchen von Deinem Bruder sehen – und Dein Vetter Rashleigh! So hat Dein Vater endlich an das alte Schloß und den alten Hildebrand gedacht? Besser spät, als gar nicht. Du bist willkommen, Junge, und das ist genug. Wo ist meine kleine Die? – Ei, da kommt sie. Dies ist meine Nichte Diana, die Tochter vom Bruder meiner Frau – das hübscheste Mädchen in unsern Tälern; mögen die andern sein, wer sie wollen. – Und nun laßt uns essen!«
Um Dir eine Vorstellung von der Person zu machen, welche diese Worte sprach, mußt Du Dir einen Mann von etwa sechzig Jahren denken, in einem Jagdkleide, das einst reich mit Tressen besetzt, deren Glanz aber durch manchen Wintersturm verblichen war. Trotz der Schroffheit seiner jetzigen Weise hatte Herr Hildebrand doch in frühern Zeiten Höfe und Lager gekannt. Kurz vor der Revolution diente er in der Armee des unglücklichen, übel beratenen Jakob II., und wurde, vielleicht durch seine Religion empfohlen, von ihm zum Ritter geschlagen. Allein wenn er gehofft hatte, noch höher zu steigen, so wurden all seine Träume durch die Absetzung seines Gönners vereitelt, und seitdem hatte er einsam auf seinen angestammten Besitzungen gelebt. Bei allem bäuerischen Wesen hatte Herr Hildebrand dennoch viel vom äußern Anstand eines vornehmen Mannes an sich und unter seinen Söhnen erschien er, wie die Ueberreste einer Korinthischen Säule, entstellt und mit Moos und Unkraut überwachsen, sich neben den unbehauenen Massen der aufgerichteten Steine eines Druidentempels ausgenommen haben würden. Die Söhne waren in der Tat mit schwerfälligen, unzierlichen Blöcken zu vergleichen. Den fünf ältesten, groß, stark und stattlich, schien ebenso der Prometheus-Funken des Verstandes, als die äußere Anmut und Sitte, die in der Welt zuweilen geistige Mängel ersetzt, zu fehlen. Ihre schätzbarste sittliche Eigenschaft schien die gute Laune und Zufriedenheit zu sein, die in ihren schwerfälligen Zügen ausgedrückt lag, und sie machten auf keinen andern Vorzug Anspruch, als Geschicklichkeit im Weidmannswerke, das allein ihr Leben ausmachte.
Als ob sich aber die Natur für eine so ungewöhnliche Einförmigkeit in ihren Erzeugnissen schadlos halten wollte, hatte sie Rashleigh Osbaldistone in Gestalt und Betragen, und wie ich später erfuhr, in Gemütsart und Anlagen, nicht allein von seinen Brüdern, sondern von allen Männern, die ich bis dahin gekannt hatte, auffallend verschieden gestaltet. Nachdem Percival, Thorncliff und Compagnie, genickt, die Zähne gefletscht, und mehr ihre Schulter als ihre Hand darboten, wie ihr Vater sie dem neuen Vetter bekannt machte, schritt Rashleigh vorwärts und bewillkommte mich mit der Art und Weise eines Mannes von Welt. Sein Aeußeres war an sich selbst nicht einnehmend. Während alle seine Brüder von einem Riesengeschlecht abzustammen schienen und eine hübsche Gestalt hatten, war Rashleigh, obwohl stark gebaut, von kleinem Wuchse, dicknackig und breithüftig, und ein Unfall in früherer Kindheit bewirkte eine Unvollkommenheit in seinem Gange, welche einem wirklichen Hinken so ähnlich war, daß manche Leute behaupteten, dies sei der Grund, weshalb er die Priesterweihe nicht empfange, da bekanntlich die römische Kirche keinen zum geistlichen Stande zuläßt, der eine körperliche Verunstaltung hat.
Rashleighs Züge waren von der Art, die man vergebens aus dem Gedächtnisse zu verbannen sucht, wo sie als Gegenstände peinlicher Neugier zurückkehren, ob wir sie gleich mit Mißfallen und selbst mit Widerwillen betrachten. Nicht die wirkliche Reizlosigkeit seines Gesichts, vom Ausdruck ganz abgesehen, war es, was so nachhaltigen Eindruck machte. Seine Züge waren in der Tat unregelmäßig, aber keineswegs gemein, und seine scharfen dunkeln Augen und buschigen Augenbrauen gaben dem Gesicht ein Gepräge, das sich nicht als alltägliche Häßlichkeit bezeichnen läßt. Allein in diesen Augen lag ein Ausdruck von Schlauheit und Absicht, und, wenn er gereizt ward, eine vorsichtig gemilderte Wildheit, die die Natur auch dem gewöhnlichsten Beobachter verständlich gemacht hatte, vielleicht in derselben Absicht, aus welcher sie der giftigen Schlange eine Klapper gab. Wie zur Entschädigung für diese äußern Nachteile, besaß Rashleigh Osbaldistone die sanfteste, weichste, tonreichste Stimme, die ich je gehört habe, und er war nie verlegen um Worte aller Art, die zu einer so feinen Sprache paßten. Kaum hatte er das erste Willkommen ausgesprochen, so stimmte ich innerlich Dianas Bemerkung bei, daß mein Vetter sogleich eine Geliebte erobern würde, die allein vom Gehör in ihrem Urteil sich lenken ließe. Er wollte sich bei Tische neben mich setzen, aber Fräulein Vernon, die, als das einzige Frauenzimmer in der Familie, alle dergleichen Angelegenheiten nach ihrem Gefallen ordnete, wollte, daß ich zwischen Thorncliff und ihr zu sitzen kam, und es läßt sich nicht zweifeln, daß uns diese angenehmere Anordnung nur lieb war.
»Ich habe mit Euch zu sprechen,« sagte sie, »darum setzt' ich den ehrlichen Thorncliff mit Vorsatz zwischen Rashleigh und Euch. Als Eure älteste Bekanntschaft in dieser geistreichen Familie frage ich Euch, wie wir Euch alle gefallen?«
»Eine sehr umfassende Frage, Fräulein Vernon, wenn man bedenkt, wie kurze Zeit ich erst hier bin.«
»O, die Weisheit unsrer Familie liegt am Tage – es gibt kleine Schattierungen unter den einzelnen, welche den Blick eines genauern Beobachters erfordern; allein die Gattung, wie es, glaube ich, die Naturforscher nennen, läßt sich, auf einen Blick erkennen und bestimmen.«
»Meine fünf ältesten Vettern sind daher vermutlich ziemlich von einem Schlage.«
»Ja, sie sind eine glückliche Zusammensetzung von Tölpel, Jagdhüter, Eisenfresser, Pferdejungen und Narren; aber wie es nicht auf einem Baume zwei ganz gleiche Blätter geben soll, so sind diese vortrefflichen Bestandteile in etwas verschiedenen Verhältnissen bei jedem einzelnen gemischt und gewähren eine angenehme Mannigfaltigkeit für diejenigen, welche gern das menschliche Gemüt erforschen.«
»Gebt mir eine Skizze, wenn es Euch gefällt, Fräulein.«
»Ihr sollt sie alle in einem Familienstück in Lebensgröße haben – es ist zu leicht gewährt, als daß ich es verweigern sollte. Percival, der älteste Sohn und Erbe, hat mehr von einem Tölpel als vom Jagdhüter, Eisenfresser, Pferdejungen und Narren. Mein köstlicher Thorncliff ist mehr Eisenfresser als Tölpel, Jagdhüter, Pferdejunge und Narr. Hans, der ganze Wochen im Gebirge zubringt, hat das meiste vom Jagdhüter. In Richard ist der Pferdejunge vorherrschend; er reitet Tag und Nacht zweihundert Meilen weit, um ein Pferderennen mitzumachen. Und in Wilfred hat der Narr so sehr das Uebergewicht, daß man ihn einen ausgezeichneten Narren nennen kann.«
»Eine treffliche Sammlung, mein Fräulein, und die einzelnen Verschiedenheiten gehören zu den anziehendsten Gattungen; aber ist kein Raum auf der Leinwand für Herrn Hildebrand?«
»Ich liebe meinen Oheim,« antwortete sie. »Ich habe ihm einiges Gute zu verdanken, das wenigstens gut gemeint war, und ich will es Euch überlassen, sein Bild selbst zu zeichnen, wenn Ihr ihn genauer kennt.«