Wohlan, dacht ich bei mir selbst, es freut mich, doch hier einige Schonung zu finden; wer hätte bei einem so jungen und ausgezeichnet schönen Wesen solch bittern Spott erwarten sollen?
»Ihr denkt an mich?« sprach sie, ihr dunkles Auge auf mich heftend, als wenn sie meine Seele hätte durchblicken wollen.
»Das tu ich allerdings,« erwiderte ich, mit einiger Verlegenheit über die plötzliche Frage, und setzte dann, meinem offnen Geständnis eine verbindliche Wendung gebend, hinzu: »Wie wäre es möglich, an etwas anderes zu denken, da ich so glücklich bin, diesen Platz einzunehmen?«
Sie lächelte mit einem Ausdruck von Stolz, den nur sie in ihr Gesicht legen konnte. »Ich muß Euch ein für allemal sagen, Herr Osbaldistone, daß Schmeicheleien gänzlich bei mir verloren find. Werft daher Eure artigen Redensarten nicht weg. Ihr werdet in Northumberland Leute finden, bei welchen Ihr Euch mit diesen hübschen Sachen empfehlen könnt; bei mir aber sind sie gänzlich weggeworfen, denn ich kenne ihren wahren Wert.«
Ich schwieg und war verlegen.
»Ihr erinnert mich in diesem Augenblick,« sprach Diana wieder in ihrem muntern, unbefangnen Tone, »an das Feenmärchen, wo der Mann alles Geld, was er mit zu Markte gebracht hat, plötzlich in Schiefersteine verwandelt findet. Ich habe durch eine einzige unglückliche Bemerkung Euern ganzen Vorrat von Schmeicheleien niedergeschrien und zerstört. Aber laßt es gut sein! Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, nichts Besseres sagen zu können als diese Abgeschmacktheiten, die jeder feine Herr mit frisiertem Haar sich für verbunden hält, einem armen Mädchen wiederholen zu müssen, bloß weil sie Seide und Flor und er die feinsten gestickten Kleider trägt. Euer natürlicher Schritt, wie einer meiner fünf Vettern sagen würde, ist dem Paßgang Eurer Schmeicheleien weit vorzuziehen. Sucht mein unglückliches Geschlecht zu vergessen, nennt mich Tom Vernon, wenn Ihr wollt, nur sprecht mit mir, wie Ihr mit einem Freund und Gefährten sprechen würdet; Ihr könnt Euch nicht denken, wie gut ich Euch sein werde.«
»Das würde mich in der Tat bestechen,« erwiderte ich.
»Schon wieder!« sprach Diana mit erhobnem Finger, »Ich sage Euch, ich will nichts von Schmeichelei wissen. Und nun, wenn Ihr meinem Oheim Bescheid getan habt, der Euch mit einem vollen Humpen, wie er es nennt, droht, will ich Euch sagen, was Ihr von mir denkt.«
Nachdem ich den Humpen als gehorsamer Neffe geleert, und etwas allgemeiner Verkehr an der Tafel stattgefunden hatte, erneuerte sich der Klang geschäftiger Messer und Gabeln, und Vetter Thorncliff zu meiner Rechten, Vetter Richard zu Dianas Linken, widmeten sich so eifrig den gewaltigen Massen von Speisen, die sie auf ihre Teller häuften, daß sie als Scheidewand dienten und uns von der übrigen Gesellschaft trennten, so daß wir unter vier Augen waren.
»Jetzt erlaubt mir,« sagte ich, »Euch offenherzig zu fragen: was glaubt Ihr, daß ich von Euch denke? Ich könnt es Euch sagen, allein Ihr habt Lobeserhebungen verboten.«
»Ich bedarf Eures Beistandes nicht. Ihr haltet mich für ein seltsames, dreistes Mädchen, halb gefallsüchtig, halb Wildfang, das gern durch sein freies Betragen und lautes Gespräch Eure Aufmerksamkeit erregen möchte, und vielleicht meint Ihr, ich hätte auch einen besondern Grund, um Eure Aufmerksamkeit zu werben. Es sollte mir leid tun, Euer Selbstgefühl zu verletzen, aber Ihr habt Euch nie mehr geirrt. Alles Vertrauen, das ich Euch bewies, würde ich Eurem Vater gegeben haben, wenn ich geglaubt hätte, daß er mich verstehen könnte. Ich bin in dieser glücklichen Familie so sehr von verständigen Zuhörern ausgeschlossen, wie Sancho in der Sierra Morena, und wenn sich eine Gelegenheit darbietet, muß ich sprechen oder sterben. Glaubt mir, ich würde nicht ein Wort von allen diesen auserlesenen Dingen gesagt haben, wenn mir das Geringste daran läge, wer es weiß oder nicht weiß.«
»Es ist sehr grausam von Euch, Fräulein Vernon, Euern Mitteilungen alle Zeichen einer besondern Gunst zu nehmen; allein ich muß sie unter Euern eignen Bedingungen empfangen, – Ihr habt Rashleigh Osbaldistone nicht in Euer Familiengemälde eingeschlossen.«
Sie erbebte, wie es mir vorkam, bei dieser Bemerkung, und erwiderte schnell in viel leiserm Tone: »Nicht ein Wort von Rashleigh! Seine Ohre« sind so fein. Wenn seine Eigenliebe dabei im Spiel ist, daß die Töne, ihn erreichen würden, selbst durch die Masse von Thorncliffs Körper, so vollgestopft von Rindfleisch, Wildbret und Pudding er auch sein mag.«
»Ja,« erwiderte ich, »ich habe aber um den lebendigen Schirm, der uns trennte, herumgeblickt, ehe ich die Frage stellte, und habe bemerkt, daß Rashleighs Stuhl leer ist; er hat die Tafel verlassen.«
»Ich möchte nicht, daß Ihr dessen zu gewiß wäret,« antwortete Fräulein Vernon. »Hört meinen Rat, und wenn Ihr von Rashleigh sprecht, so begebt Euch auf den Gipfel von Otterscopehill, wo Ihr zwanzig Meilen in der Runde sehen könnt, steht auf der äußersten Spitze und sprecht leise, und trotz allem seid Ihr doch nicht sicher, ob nicht ein Vogel in der Luft es weiter trägt. Rashleigh ist vier Jahre lang mein Lehrer gewesen; wir sind einander überdrüssig, und werden herzlich froh sein, wenn wir auseinander kommen.«
»Rashleigh verläßt also das Schloß?«
»Ja, in einigen Tagen. Wißt Ihr das nicht? Euer Vater muß seine Entschließungen geheimer halten als Herr Hildebrand. Als mein Oheim die Nachricht empfing, daß Ihr auf einige Zeit sein Gast sein solltet, und daß Euer Vater einen seiner hoffnungsvollen Söhne verlangte, um einen einträglichen Platz in seinem Kontor auszufüllen, der durch Eure Hartnäckigkeit leer geworden war, hielt der gute Ritter eine große Versammlung der ganzen Familie, den Kellermeister, Hausvater und Wildhüter mit eingeschlossen. Diese ehrwürdige Versammlung der Pairs und Hausbeamten des Schlosses Osbaldistone war nicht, wie Ihr glauben könnt, zusammenberufen, um Euern Nachfolger zu erwählen, denn Rashleigh allein konnte für diesen Posten bei Euerm Vater in Betracht kommen. Aber es bedurfte einer feierlichen Bestätigung, daß Rashleigh nun nicht mehr als katholischer Priester verhungern, sondern als reicher Bankier gedeihen sollte, und nicht ohne einiges Widerstreben bewilligte die Versammlung diese Art von Herabwürdigung.«
»Ich kann die Bedenklichkeiten einsehen – aber wodurch wurden sie gehoben?«
»Durch den allgemeinen Wunsch, glaub ich, Rashleigh los zu werden. Er ist zwar der jüngste in der Familie, hat aber auf eine oder die andre Weise über alle andern eine völlige Herrschaft erlangt, und jeder fühlt das Joch, ohne es abschütteln zu können. Wer sich ihm widersetzt, der bereut es gewiß, eh' ein Jahr verflossen ist, und wenn Ihr ihm einen wichtigen Dienst erweiset, so werdet Ihrs noch mehr bereuen.« »Wenn es so steht,« erwiderte ich lächelnd, »so muß ich mich vorsehen; denn ich bin, obwohl ohne meine Absicht, die Veranlassung zu seiner Veränderung.«
»Ja! und er mag es als Vorteil oder Nachteil betrachten, so wird ers Euch mit Groll vergelten. – Aber da kommt Käse, Radieschen und ein Humpen für König und Kirche, das bedeutet, daß Geistliche und Frauen sich zu entfernen haben, und ich, die einzige Stellvertreterin des Frauenstandes im Schloß Osbaldistone, entferne mich, wie sichs gebührt.«
Sie verschwand mit diesen Worten und ließ mich voll Erstaunen zurück über die Mischung von Schlauheit, Kühnheit und Freimütigkeit, die aus ihrem Gespräch hervorgetreten war. Ihr Betragen vereinte kunstlose Einfachheit mit natürlicher Schlauheit und stolzer Vermessenheit, welches alles durch das Spiel der schönsten Züge, die ich je gesehen, gemildert und empfohlen wurde.
Als Fräulein Vernon das Zimmer verlassen hatte, ging oder vielmehr flog die Flasche rastlos um die Tafel herum. Meine Erziehung im Auslande hatte mir einen Widerwillen gegen die Unmäßigkeit eingeflößt, die damals und noch jetzt ein zu gewöhnliches Laster meiner Landsleute war. Die Unterhaltung, welche solche Gelage würzte, war ebensowenig nach meinem Geschmack, und wenn sie irgend etwas noch widriger machen konnte, so war es die Verwandtschaft der Anwesenden. Ich ergriff daher eine günstige Gelegenheit und entfloh lieber durch eine Seitentür, ohne zu wissen, wohin sie führte, als daß ich länger den Anblick von Vater und Söhnen ertragen hätte, die sich einer gleichen herabwürdigenden Unmäßigkeit überließen und dieselben rohen und widrigen Gespräche führten. Man verfolgte mich, wie ich erwartet hatte, um den Ausreißer mit Gewalt zurück zu holen. Als ich das Geschrei und das Poltern der schweren Stiefel meiner Verfolger hinter mir auf der Wendeltreppe hörte, die ich hinabstieg, sah ich vorher, daß man mich einholen würde, wenn ich nicht ins Freie entkommen könnte. Ich öffnete daher ein Fenster auf der Treppe, das in einen altmodischen Garten ging, und da es nicht über sechs Fuß hoch war, sprang ich ohne Bedenken hinab. Bald hörte ich weit hinter mir das: Hei! ho! entwischt! entwischt! meiner getäuschten Verfolger. Ich lief einen Gang hinab, ging schnell einen andern hinauf, und als ich mich dann vor der Verfolgung sicher glaubte, hemmte ich meinen Schritt und ging langsam. Erhitzt von dem Wein, den ich trinken mußte, und von meiner schnellen Flucht, war mir der Genuß der kühlen Luft doppelt annehmlich. Als ich weiter schlenderte, fand ich den Gärtner, fleißig sein Abendwerk verrichtend, und ich grüßte ihn, indem ich stillstand und seine Arbeit betrachtete: »Guten Abend, mein Freund!«