Meine Vettern waren bloß ungeleckte Bären, in deren Umgang ich alles hätte verlernen können, was ich an anständiger Sitte und feiner Bildung erworben hatte, ohne dafür etwas andres zu lernen, als wie man Hunde pflegen, Pferde behandeln und Füchse jagen müsse. Nur einen Grund konnte ich mir denken, und das war vermutlich der wahre. Mein Vater betrachtete die Lebensweise im Schlosse Osbaldistone als diejenige, welche natürlich und unvermeidlich alle Gutsbesitzer pflegten, und wollte mir Gelegenheit geben, sie zu beobachten, da er wußte, wie sehr sie mir mißfallen werde, um, wo möglich, mich geneigter zu machen, einen tätigen Anteil an seinem Geschäfte zu nehmen. Unterdessen sollte Rashleigh Osbaldistone ins Kontor eintreten. Er hatte aber hundert Mittel, ihn vorteilhaft zu versorgen, wenn er ihn los sein wollte. Und ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß mein Vater völlig Herr seiner Angelegenheiten und ein Mann war, der sich nicht hintergehen oder durch irgend jemand bestimmen ließ. Auch hatte ich ja alles, was ich zum Nachteil des jungen Mannes wußte, von einem seltsamen, unbesonnenen Mädchen erfahren, dessen unkluge Offenherzigkeit mir Zweifel gegen die Richtigkeit und Genauigkeit des Angegebenen einflößen konnte.
Meine Gedanken lenkten sich nun natürlich auf Fräulein Vernon. Ich gedachte ihrer ausnehmenden Schönheit, ihrer so besondern Lage, wo sie allein von ihrer eignen Ueberlegung und ihrem eignen Geiste beschützt und geleitet werden konnte. Ich hatte Verstand genug, um einzusehen, daß die Nähe dieses sonderbaren jungen Mädchens und unser häufiger und vertraulicher Umgang meinen Aufenthalt im Schloß erheitern, aber auch dessen Gefahr erhöhen würde; allein ich konnte, so sehr ich meine Vernunft anstrengte, es nicht über mich gewinnen, ausnehmendes Leid über diese neue, besondre Gefahr zu empfinden, der ich mich ausgesetzt sehen sollte. Unter diesen Betrachtungen schlief ich ein, und Diana war natürlich mein letzter Gedanke.
Ob ich von ihr geträumt habe, weiß ich nicht, denn ich war müde und schlief fest. Aber an sie dachte ich zuerst, als bei Tagesanbruch die muntern Töne des Waldhorns mich erweckten. Ich sprang auf, ließ mein Pferd satteln und war in wenigen Minuten im Schloßhofe, wo ich Menschen, Hunde und Pferde in voller Vorbereitung fand. Mein Oheim, der vielleicht nicht berechtigt war, in seinem im Ausland erzognen Vetter einen sehr behenden Jäger zu erwarten, schien bei meinem Anblick überrascht, und sein Morgengruß kam mir nicht so herzlich und gastfreundlich vor als seine erste Bewillkommnung.
Dann begrüßte ich Fräulein Vernon, die sich mir herzlich näherte. Auch zwischen meinen Vettern und mir fand eine flüchtige Begrüßung statt; als ich aber bemerkte, daß sie meine Kleidung und Ausrüstung, vom Hut bis zum Steigbügel, boshaft musterten und alles höhnisch belächelten, was ihnen neu oder fremd vorkam, so überhob ich mich der Mühe, ihnen viel Aufmerksamkeit zu erweisen, vergalt ihr Grinsen und Flüstern, mit einem Ausdruck der größten Gleichgültigkeit und Verachtung, und gesellte mich zu Fräulein Vernon, als der einzigen Person in der Gesellschaft, deren Umgang mir angemessen schien. An ihrer Seite ritt ich daher zu dem bestimmten Gehege, welches ein Wald am Rande einer ausgedehnten Trift war. Indem wir ritten, sagte ich zu Diana, daß ich meinen Vetter Rashleigh nicht bei der Jagd sehe, woraus sie erwiderte: »O nein – er ist ein gewaltiger Jäger, nach Nimrods Weise, und sein Wild ist der Mensch.«
Die Hunde brachen nun in das Gehölz, ermuntert von dem Zuruf der Jäger – allenthalben Beschäftigung, Lärm und Tätigkeit. Meine Vettern nahmen bald so viel Anteil an der Morgenarbeit, daß sie sich nicht weiter um mich bekümmerten; nur hörte ich Richard, den Pferdejungen, leise Wilfred, dem Narren, zuflüstern: »Gib acht, ob unser französischer Vetter nicht beim ersten Satz herunterfällt.«
»Leicht möglich,« antwortete Wilfred; »er bindet den Hut so seltsam und ausländisch auf.«
Thorncliff jedoch, der auf seine rohe Weise nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheit seiner Muhme sein mochte, schien entschlossen, sich in unsrer Nähe zu halten, vielleicht um zu beobachten, was zwischen uns vorginge, vielleicht aber auch, um sich an dem Jagdunfall zu ergötzen, den sie von mir erwartet hatten. Darin sah er sich nun freilich getäuscht. Ein Fuchs ward aufgejagt, und trotz der übeln Vorbedeutung, auf französische Art meinen Hut aufzubinden, behauptete ich mich als Reiter, zur Bewunderung meines Oheims und des Fräuleins, und zum geheimen Verdrusse derjenigen, die es anders erwartet hatten. Nachdem jedoch der Fuchs eine Strecke Weges heftig gejagt worden war, erwies er sich für seine Verfolger zu schlau, und die Hunde verloren die Fährte. Ich bemerkte zu dieser Zeit in Dianas Benehmen Zeichen der Ungeduld über Thorncliffs unablässige Begleitung, und da das lebhafte Mädchen nie sich bedachte, den lebhaften Wunsch des Augenblicks durch die geschwindesten Mittel zu befriedigen, so sprach sie zu ihm im Tone des Vorwurfs: »Ich wundre mich, Thorncliff, warum Ihr den ganzen Morgen hinter meinem Pferde her bummelt, da Ihr wißt, daß der Fuchsbau über der Mühle nicht verstopft ist.«
»Kein Gedanke dran, Diana; der Müller hat mir versichert, er habe ihn heute nacht um zwölf Uhr verstopft.«
»O, pfui über Euch, Thornie! Wollt Ihr Euch auf das Wort eines Müllers verlassen? Und gerade dieser Bau, wo wir den Fuchs dreimal dies Jahr verloren! und Ihr könnt auf Eurem Schimmel in zehn Minuten hin und zurück galoppieren.«
»Gut, ich will hinreiten, und wenn der Bau nicht verstopft ist, so werde ich dem Müller dafür das Fell über die Ohren ziehen.«
»Tut das, lieber Thorncliff; peitscht den Schurken, wie sichs gebührt – schnell davon und daran« – Thorncliff sprengte fort – »oder laßt Euch selber peitschen, was ebensogut meinem Zweck entspräche. Ich muß sie alle in der Zucht halten und meinem Befehle gehorchen lehren. Ich errichte ein Regiment, müßt Ihr wissen. Thorncliff wird mein erster Wachtmeister, Richard mein Stallmeister und Wilfred mein Paukenschläger.«
»Und Rashleigh?«
»Rashleigh wird mein Kundschafter.«
»Und werdet Ihr keine Stelle für mich finden, mein liebenswürdigster Obrist?«
»Ihr sollt die Wahl haben, entweder Zahlmeister oder Beutemeister des Korps. Doch seht, wie die Hunde umherirren. Kommt, die Fährte ist kalt; sie werden sie nicht sogleich wieder finden. Folgt mir, ich hab eine Aussicht zu zeigen.«
Und sie sprengte eine sanfte Anhöhe hinan, auf deren Gipfel man eine weite Gegend überblickte. Nachdem sie umhergeschaut, ob niemand in unsrer Nähe war, zog sie ihr Pferd unter einige Birken, die uns vor dem übrigen Jagdbezirk verbargen. »Seht Ihr jenen spitzigen, braunen, heidigen Hügel, mit einem weißlichen Flecken auf der Seite?« fragte sie.
»Am Ende des langen Strichs sumpfigen Hochlands? Ich seh ihn genau.«
»Dieser weiße Fleck ist ein Felsen, die Hawkesmore-Klippe, und die liegt in Schottland.«
»Wirklich? Ich glaubte nicht, Schottland so nahe zu sein.«
»Es ist so, in zwei Stunden kann Euer Pferd Euch hinbringen.«
»Ich werde ihm schwerlich diese Mühe machen; die Entfernung muß doch achtzehn Meilen betragen.«
»Ihr sollt mein Pferd haben, wenn Ihrs für leichter haltet. Ich sag Euch, in zwei Stunden seid Ihr in Schottland.«
»Und ich sage, es liegt mir nichts dran, da zu sein. Was soll ich in Schottland?«
»Für Eure Sicherheit sorgen, wenn ich deutlich reden soll. Versteht Ihr mich nun, Herr Franz?«
»Nicht im geringsten; Ihr werdet immer rätselhafter.«
»Dann habt Ihr entweder ein ungerechtes Mißtrauen gegen mich und könnt Euch besser verstellen, als Rashleigh Osbaldistone, oder Ihr wißt nicht, wessen man Euch beschuldigt, und dann ist es kein Wunder, daß Ihr mich auf diese ernste Weise anstarrt, die ich kaum ohne Lachen sehen kann.«