»Auf mein Ehrenwort, Fräulein Vernon,« sprach ich mit einiger Ungeduld über ihre kindische Lachlust, »ich habe nicht die geringste Vorstellung von dem, was Ihr meint. Es freut mich, Euch einen Gegenstand zur Belustigung darzubieten; aber ich weiß durchaus nicht, worin er besteht.«
»Nein, es ist dennoch kein Scherz,« sprach Diana, sich sammelnd; »man sieht nur so lächerlich aus, wenn man wirklich verblüfft ist; aber die Sache ist ernsthaft genug. Kennt Ihr einen gewissen Morris, oder wie er sonst heißt?«
»Nicht daß ich mich erinnern könnte.«
»Denkt ein wenig nach. Seid Ihr nicht kürzlich mit jemand gereist, der so hieß?«
»Der einzige Mann, mit dem ich eine Zeitlang reiste, war ein Mensch, dessen Seele in seinem Felleisen zu liegen schien.«
»Dieser Mann ist beraubt worden und hat Euch als Mitschuldigen des Raubes angeklagt.«
»Ihr scherzt, Fräulein Vernon!«
»Gewiß nicht – es ist Tatsache. Ihr seid angeklagt, diesen Mann beraubt zu haben, und mein Oheim glaubts so gut, wie ich es tat.«
»Auf Ehre, ich bin meinen Freunden sehr für ihre gute Meinung verbunden!«
»Nun, schnaubt und starrt nur nicht so! Es ist keine solche Beleidigung, wie Ihr glaubt – Ihr seid keineswegs eines schlechten oder gemeinen Raubes beschuldigt. Dieser Mensch führte Geld von der Regierung bei sich, in Barschaft und Wechseln, zur Bezahlung der Truppen im Norden, und es heißt, man habe ihm auch sehr wichtige Briefschaften abgenommen.«
»Also des Hochverrats, und nicht eines gewöhnlichen Raubes, werde ich beschuldigt?«
»Gewiß; und der, wißt Ihr, hat zu allen Zeiten für das Verbrechen vornehmer Herren gegolten. Ihr werdet in dieser Grafschaft viele Leute, und jemand nicht weit von Eurem Ellbogen finden, die es für verdienstlich halten, dem Hause Hannover auf alle mögliche Weise zu schaden.«
»Weder meine Politik noch meine Moral, Fräulein Vernon, ist von so geschmeidiger Art.«
»Ich fange wirklich an, Euch für einen Presbyterianer und Hannoveraner in vollem Ernste zu halten. Aber was gedenkt Ihr zu tun?«
»Diese abscheuliche Verleumdung sogleich zu widerlegen! Bei wem ist die seltsame Beleidigung vorgebracht worden?« fragte ich.
»Bei dem alten Herrn Inglewood, der sie ungern genug annahm. Er hat, vermute ich, meinem Oheim angeraten, Euch nach Schottland hinüber zu schaffen, damit der Verhaftsbefehl Euch nicht erreichen könne. Mein Oheim aber weiß, daß seine Religion und alte Vorliebe ihn der Regierung gehässig machen, und daß, wenn man ihn auf solchen Wegen ertappte, er als Jakobit, Papist und verdächtiger Mensch entwaffnet und wahrscheinlich, was ihm das Aergste wäre, unberitten gemacht werden würde.«
»Ich begreife das; eh' er seine Jagdpferde verlieren wollte, würd' er lieber seinen Neffen aufgeben.«
»Neffen, Nichten, Söhne, Töchter, wenn er sie hätte, und sein ganzes Geschlecht,« sprach Diana. »Darum traut ihm nicht einen Augenblick, sondern macht Euch auf den Weg, ehe der Haftbefehl vollzogen wird.«
»Auf den Weg werde ich mich gewiß machen, aber nach dem Hause dieses Inglewood. Wo liegt es?«
»Ungefähr fünf Meilen weit, im Grunde hinter jenem Gehölz; Ihr könnt den Turm des Glockenhauses sehen.«
»In wenigen Minuten will ich da sein,« sprach ich und setzte mein Pferd in Bewegung.
»Und ich will Euch begleiten und Euch den Weg zeigen,« erwiderte Diana und setzte ihren Zelter gleichfalls in Trab.
»Denkt nicht daran, mein Fräulein, es ist nicht schicklich – Fräulein Vernon, Ihr handelt aus wahrem Wohlwollen, das am besten in der Stunde der Not sich erweist. Aber ich darf um Eurer selbst willen, wegen einer möglichen Mißdeutung, nicht zugeben, daß Ihr dem Antriebe Eurer Großmut folgt. Dies ist eine so öffentliche Gelegenheit; es ist beinah, als sich in einen offnen Gerichtshof wagen.«
»Und wenn es nicht beinahe, sondern wirklich so wäre, glaubt Ihr, ich würde nicht hingehen, sobald ich es für recht hielte und einen Freund zu beschützen wünschte? Ihr habt niemand, der Euch beisteht; Ihr seid ein Fremder, und hier an der Grenze erlauben sich die Landrichter seltsame Dinge. Mein Oheim hat nicht Lust, sich in Eure Sache zu mischen; Rashleigh ist abwesend, und wenn er hier wäre, wer weiß, welche Partei er ergreifen würde; von den übrigen ist immer einer dümmer und roher als der andre. Ich begleite Euch, und es macht mir keine Furcht, daß ich Euch nützlich sein kann. Ich bin keine feine Dame, die vor Rechtsbüchern, rauhen Worten und dicken Perücken bis auf den Tod erschrickt.«
»Aber, mein teures Fräulein« –
»Aber, mein teurer Herr Franz, seid ruhig und geduldig, und laßt mich meinen eignen Weg gehen; denn wenn ich das Gebiß zwischen die Zähne nehme, so kann kein Zügel mich aufhalten.«
Geschmeichelt durch den Anteil, den ein so liebenswürdiges Wesen an meinem Schicksale zu nehmen schien, jedoch verlegen über den lächerlichen Anstrich, wenn ich ein achtzehnjähriges Mädchen als Sachwalterin mit mir führte, und endlich besorgt wegen der Mißdeutungen ihrer Beweggründe, suchte ich sie von dem Entschlusse, mich zu Inglewood zu begleiten, abzubringen. Das eigenwillige Mädchen sagte mir rund heraus, daß meine Vorstellungen durchaus umsonst wären, daß sie eine echte Vernon sei, und keine Rücksicht sie bewegen könne, einen Freund in der Not zu verlassen, selbst wenn sie ihm nur wenig Beistand zu leisten vermöge. Sie sei gewohnt, nur ihre Meinung gelten zu lassen.
Während Diana also sprach, näherten wir uns Inglewoods Hause, einem stattlichen, obwohl altfränkischen Gebäude, dem man es ansah, daß angesehene Leute drin wohnten.
Achtes Kapitel
Ein Diener stand im Hofe, der die Livree meines Oheims trug, er nahm uns die Pferde ab, und wir traten ins Haus. In der Vorhalle war ich, und noch mehr meine schöne Gefährtin, überrascht, als wir Rashleigh antrafen, der bei unserm Anblick nicht weniger Verwunderung zeigte.
»Rashleigh,« sagte Fräulein Vernon, ohne ihm Zeit zu einer Frage zu lassen. »Ihr habt von Eures Vetters Sache gehört und deshalb mit dem Richter gesprochen?«
»Gewiß,« antwortete Rashleigh gefaßt; »weiter hatte ich hier nichts zu tun. Ich habe mich bemüht,« sprach er, mit einer Verbeugung gegen mich, »meinem Vetter nach besten Kräften zu dienen. Aber es tut mir leid, ihn hier zu treffen.«
»Als meinem Freunde und Verwandten, Herr Osbaldistone, hätte es vielmehr Euch leid sein sollen, wenn Ihr mich zu einer Zeit, wo eine ehrenrührige Anklage es von mir erheischt, mich so schnell wie möglich hier einzustellen, irgend wo anders statt hier getroffen hättet.«
»Richtig; aber nach meines Vaters Aeußerungen zu urteilen, hätte ich geglaubt, ein kurzer Aufenthalt in Schottland – so lange nur, bis die Sache in der Stille beigelegt –«
Ich antwortete mit Wärme, daß ich keine Vorsichtsmaßregeln zu beobachten habe und nichts beigelegt verlange, sondern gekommen sei, einer schändlichen Verleumdung nachzuforschen, die ich völlig zu widerlegen gedenke.
»Herr Franz Osbaldistone ist unschuldig, Rashleigh,« sprach Diana, »und verlangt eine Untersuchung der Beschuldigung, worin ich ihm beistehen will.«
»Ihr, meine schöne Base? Ich sollte meinen, Herr Franz Osbaldistone möchte ebenso wirksam und weit anständiger durch meine Verwendung als durch die Eurige unterstützt werden.«
»O gewiß; aber Ihr wißt, zwei Köpfe sind besser als einer.«
»Besonders ein Kopf wie der Eurige, meine artige Diana,« sprach er, sich nähernd, und ergriff ihre Hand mit einer vertraulichen Zärtlichkeit, wodurch er mir fünfzigmal hübscher vorkam, als die Natur ihn gemacht hatte. Sie führte ihn jedoch einige Schritte auf die Seite; sie sprachen leise miteinander, und sie schien auf etwas zu bestehen, das er nicht bewilligen konnte oder wollte. Nie sah ich einen so auffallenden Gegensatz in dem Ausdruck zweier Gesichter. Dianas Ernst verwandelte sich in Entrüstung. Ihre Augen wurden lebhafter, ihre Wangen röter; sie ballte die kleine Hand, und den Boden stampfend, schien sie mit Verachtung und Unwillen die Einwendungen anzuhören, die er, wie ich aus seiner höflichen Haltung, seinem ruhigen, ehrerbietigen Lächeln, und andern Zeichen in Blick und Gebärde schloß, ihr zu Füßen legte. Endlich eilte sie von ihm weg mit einem: »Ich will es so!«