Выбрать главу

»Es steht nicht in meiner Gewalt – es ist keine Möglichkeit. Denkt Euch, Vetter –« sprach Rashleigh, sich zu mir wendend.

»Seid Ihr toll?« fiel Diana ein.

»Denkt Euch,« fuhr er fort, ohne auf ihren Wink zu achten, »Fräulein Vernon behauptet steif und fest, ich wüßte nicht allein darum, daß Ihr unschuldig seid – davon kann in der Tat niemand fester überzeugt sein, – sondern ich müßte auch wissen, wer das Verbrechen an dem Mann in Wahrheit begangen hat, – wenn überhaupt ein solches Verbrechen begangen worden ist. Hat das Sinn und Verstand, Herr Osbaldistone?«

»Sie sollen sich nicht auf Herrn Osbaldistone berufen, Rashleigh,« sprach das junge Fräulein; »er ist nicht so gut wie ich darüber unterrichtet, wie unglaublich eingehend und umfassend Ihr über alle möglichen Dinge Bescheid wißt.«

»Ihr erzeigt mir mehr Ehre, als ich verdiene.«

»Nur Gerechtigkeit, Rashleigh, nur Gerechtigkeit – und nur Gerechtigkeit erwart' ich von Euch.«

»Ihr seid eine Tyrannin, Diana,« antwortete er mit einer Art von Seufzer – »eine launenhafte Tyrannin, und beherrscht Eure Freunde mit einer eisernen Rute. Dennoch soll geschehen, was Ihr verlangt. Aber Ihr solltet nicht hier sein. Ihr wißt es – Ihr solltets nicht – Ihr müßt mit mir zurückkehren. « – Darauf wendete er sich von ihr ab, die unentschlossen zu stehen schien, und trat auf die freundlichste Weise zu mir. »Zweifelt nicht,« sprach er, »an dem Anteile, den ich an allem nehme, was Euch betrifft. Ich verlaß Euch in diesem Augenblicke nur, um zu Eurem Besten zu handeln. Aber Ihr müßt Euren Einfluß auf unsre Base anwenden, sie zur Rückkehr zu bewegen; ihre Gegenwart kann Euch nichts helfen und muß ihr selbst nachteilig sein.«

»Seid versichert,« erwiderte ich, »Ihr könnt davon nicht mehr überzeugt sein, als ich es bin. Ich habe das Fräulein so dringend, als sie es mir erlauben wollte, gebeten, umzukehren.«

»Ich hab es überlegt,« sprach Diana nach einer Pause, »und ich will mich nicht entfernen, bis ich Euch aus den Händen der Philister gerettet sehe. Vetter Rashleigh meint es wohl gut mit Euch, aber er und ich, wir kennen einander. Rashleigh, ich gehe nicht. – Ich weiß,« setzte sie sanfter hinzu, »mein Hiersein wird Euch desto schneller und tätiger machen.«

»So bleibt denn, unbesonnenes, hartnäckiges Mädchen!« sprach Rashleigh; »Ihr wißt nur zu gut, wem Ihr vertraut.« – Er eilte aus der Halle, und wir hörten eine Minute darauf den schnellen Hufschlag seines Pferdes.

»Dem Himmel sei Dank, er ist fort!« rief Diana. »Und nun laßt uns den Richter aufsuchen.«

»Wollen wir nicht lieber einen Bedienten rufen?«

»O keineswegs! Ich weiß den Weg zu seiner Höhle. Wir müssen ihn plötzlich überfallen. Folgt mir.«

Ich folgte ihr demnach, und sie trippelte einige dunkle Stufen hinauf, ging durch einen düstern Gang und trat in eine Art Vorzimmer, das rings mit alten Landkarten, Stammbäumen ec. behangen war. Eine Flügeltür führte in des Richters Wohnzimmer, worin eben eine Stimme, die zu ihrer Zeit gut zu einem muntern Trinklied gepaßt haben mochte, den letzten Vers eines alten Liedes sang.

»Ei, der lustige Richter muß bereits gegessen haben!« sprach Diana; »ich hätte nicht gedacht, daß es schon so spät wäre.«

So war es. Herr Inglewood, dem die Amtsgeschäfte die Eßlust belebt hatten, hatte sein Mittagessen heute früher angesetzt, und um zwölf, anstatt um ein Uhr, der damals gewöhnlichen Eßstunde in England, seine Mahlzeit gehalten. Wir kamen einige Zeit nach dieser Stunde, für den Richter die wichtigste des Tages, und er hatte den Zwischenraum nicht unbenutzt gelassen.

»Wartet hier,« sprach Diana; »ich bin im Hause bekannt und will einen Diener rufen. Eure plötzliche Erscheinung möchte den alten Herrn zu gewaltsam überraschen.«

Sie entfernte sich und ließ mich zurück im Zweifel, ob ich vorwärts- oder zurückgehen sollte. Notwendig mußte ich etwas von dem, was im Speisezimmer vorging, hören, wo eine niedergeschlagne, krächzende Stimme, die mir bekannt vorkam, sich entschuldigte, daß sie nicht singen könne.

»Nicht singen, Herr? Bei unsrer Frauen! aber Ihr müßt! wie, Ihr habt meine mit Silber beschlagne Kokosnußschale voll Sekt ausgetrunken, und wollt nicht singen? Herr, der Sekt kann eine alte Katze zum Singen bringen, und zum Sprechen dazu; daher heraus mit einem lustigen Liede, oder trollt Euch aus meiner Türe. Meint Ihr, Ihr könnt mir meine ganze kostbare Zeit mit Euren verdammten Erklärungen wegstehlen und dann mir sagen, Ihr könnt nicht singen?«

»Euer Gestrengen hat vollkommen recht,« sprach eine andre Stimme, die ich wegen der schnellen, gezwungnen Töne für die des Schreibers hielt, »und der Herr muß dazu geschickt sein; auf seiner Stirn steht mit großen Buchstaben geschrieben: canet, das heißt: er wird singen.«

Auf diese Weise ermahnt und bedroht, begann mein ehemaliger Reisegefährte, denn ich konnte nicht länger daran zweifeln, daß er es war, mit der Stimme eines Verbrechers, der auf dem Schafott seinen letzten Psalm singt, ein höchst klägliches Lied zu singen.

Des Wartens müde, und da meine Lage als Horcher unangenehm war, trat ich vor die Gesellschaft, als eben Morris den vierten Vers einer kläglichen Ballade anfangen wollte. Der hohe Ton, womit die Melodie anhub, erstarb in einem ängstlichen Triller, als er den Mann in seiner Nähe erblickte, der ihm so verdächtig erschien, und er schwieg mit offnem Munde, als ob ich das Medusenhaupt in meiner Hand gehabt hätte.

Der Richter, dessen Augen sich unter dem Einfluß des einschläfernden Gesanges geschlossen hatten, fuhr bei dem plötzlichen Stillstand desselben in seinem Lehnstuhl empor, und starrte mit umdüsterten Augen verwundert den unerwarteten Gast an. Auch der Schreiber, der Morris gegenüber saß, geriet in Bewegung; denn das Entsetzen dieses wackern Mannes teilte sich ihm mit, er wußte nicht, wie.

Ich brach das Schweigen der Bestürzung, die mein plötzlicher Eintritt verursacht hatte: »Herr Inglewood, mein Name ist Franz Osbaldistone. Ich höre, daß irgend ein Nichtswürdiger eine Klage vor Euch gebracht hat, die mich beschuldigt, an einem Diebstahl an seinem Hab und Gut beteiligt zu sein.«

»Herr,« sprach der Richter etwas mürrisch, »dies sind Sachen, womit ich mich nach Tische nie befasse. Jedes Ding hat seine Zeit, und ein Friedensrichter muß so gut essen, wie andre Leute.«

»Verzeiht, wenn ich ungelegen komme, Herr; aber da es meinen Ruf betrifft und die Mahlzeit zu Ende zu sein scheint –«

»Sie ist nicht zu Ende,« erwiderte der Richter. »Der Mensch muß ebensogut verdauen können, wie er essen muß, und ich habe keinen Gewinn von meinem Essen, wenn mir nicht zwei Stunden Ruhe vergönnt sind, bei harmloser Fröhlichkeit und mäßigem Gebrauch der Flasche.«

»Mit Eurer Gestrengen Erlaubnis,« sprach Jobson, der während unsers kurzen Gesprächs seine Schreibgeräte herbei und in Ordnung gebracht hatte, »da von einem Raube die Rede ist, und dieser Herr so ungeduldig scheint, die Anklage lautet: contra pacem domini regis

»Zum Teufel mit dem domini regis!« rief der ungeduldige Richter. – »Es wird ja nicht gleich ein Hochverrat sein, so zu schimpfen. – Aber man möchte toll werden, wenn einem so zugesetzt wird. Hab ich einen Augenblick Ruhe in meinem Leben vor lauter Vollmachten, Befehlen, Anweisungen, Beschlüssen, Bürgschaften, Handschriften und Bekenntnissen? Ich sag's Euch, Jobson, daß ich Euch und die Richterschaft nächster Tage zum Teufel schicken werde. Doch laßt uns das Zeug vornehmen – wir wollen so schnell wie möglich damit fertig werden. Hier, Herr Morris, Ihr Ritter von der traurigen Gestalt – ist dieser Herr Franz Osbaldistone, derjenige, welchen Ihr des Raubes beschuldigt?«