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Ich war jedoch nicht in der Stimmung, ihr Betragen zu beobachten, da die neue Störung, welche die augenblickliche Untersuchung der schimpflichen und ungereimten Anklage hinderte, mich mit Unmut erfüllte. Aber der Richter ließ, sich nicht bewegen, die Sache in der Abwesenheit seines Schreibers wieder vorzunehmen, worüber er sichtlich so viel Freude hatte, wie ein Schulknabe über einen Feiertag. Er beharrte in seinen Bemühungen, Fröhlichkeit in eine Gesellschaft zu bringen, deren Mitglieder bei ihren gegenseitigen Beziehungen und in ihrer gegenwärtigen Lage nicht zur Fröhlichkeit aufgelegt waren. »Frisch, Herr Morris! Ihr seid nicht der erste Mann, der beraubt worden ist, mein' ich – Gram brachte das Verlorene nie zurück. – Und Ihr, Herr Osbaldistone, seid nicht der erste junge Wildfang, der einem ehrlichen Manne sein: Halt! zugerufen hätte. Da war in meiner Jugend Hans Winterfeld, er hielt sich zur besten Gesellschaft im Lande, zu Pferderennen und Hahnenkämpfen – wir waren ein Herz und eine Seele. Schenkt ein, Herr Morris, es schwatzt sich trocken nicht gut! – Manchen Humpen hab' ich mit dem armen Hans geleert. Von guter Familie – ein guter Kopf – ein schneller Blick – auch sonst ein ehrlicher Bursche, bis auf die Tat, die ihm das Leben kostete. Wir wollen auf sein Andenken trinken, Ihr Herren! Der arme Hans Winterfeld! – Und da wir von ihm sprechen und von dergleichen Dingen, und da mein verwünschter Schreiber mit seinem Kauderwelsch anderswo ist, und da wir so hübsch unter uns selbst sind, Herr Osbaldistone, wenn ich Euch meinen besten Rat geben soll, so macht die Sache ab. – – Das Gesetz ist hart – sehr strenge – der arme Hans Winterfeld ward zu York gehängt, trotz Familienverbindungen und großem Ansehen, – bloß weil er einen fetten Viehhändler um das für einige Rinder erhaltene Geld leichter gemacht hatte. – Nun, man hat den ehrlichen Morris erschrecken wollen, und so weiter. – Verdammt, Herr! Gebt dem armen Menschen sein Felleisen zurück, und macht dem Spaß auf einmal ein Ende.«

Morris' Augen erheiterten sich bei diesem Vorschlage, und er fing an, eine Versicherung zu stammeln, daß er nach keines Menschen Blut dürste, als ich den vorgeschlagenen Vergleich kurz abbrach, indem ich des Richters Antrag für eine Beleidigung erklärte, die dahin gerichtet wäre, mich des Verbrechens für schuldig zu halten, das ich bestimmt von mir ablehnen wollte. So standen die Sachen, als der Diener einen fremden Herrn anmeldete, und die also bezeichnete Person trat ohne weitere Umstände ins Zimmer.

Neuntes Kapitel

»Ein Fremder!« wiederholte der Richter – »hoffentlich nicht in Geschäften, denn ich will –«

Seine Einwendung wurde durch die Antwort des Mannes selbst unterbrochen: »Mein Geschäft ist von etwas beschwerlicher und seltsamer Art,« sagte mein Bekannter Campbell – denn er war es, derselbe Schottländer, den ich in Northallerton gesehen hatte, – »und ich muß Euer Gestrengen bitten, sich ohne Aufschub damit zu befassen. Ich glaube, Herr Morris,« setzte er hinzu, einen besonders strengen, fast wilden Blick auf denselben richtend: »ich glaube, Ihr wißt recht gut, wer ich bin – ich glaube, Ihr habt nicht vergessen, was vorging, als wir uns zuletzt auf der Straße begegneten.« – Morris ward leichenblaß, seine Zähne klapperten, und er zeigte die äußerste Bestürzung. »Faßt ein Herz,« sprach Campbell weiter, »und laßt die Zähne nicht klappern, wie ein Paar Castagnetten. Ich denke, es kann Euch nicht schwer werden, dem Herrn Richter zu sagen, daß Ihr mich vormals gesehen habt, und mich als einen Kavalier von Vermögen und einen Mann von Ehre kennt. Ihr wißt recht wohl, daß Ihr eine Zeitlang in meiner Nähe wohnen werdet, wo es in meiner Macht liegt, Euch, sobald ich will, auch einen guten Dienst zu erweisen.«

»Herr – Herr – ich glaube, Ihr seid ein Mann von Ehre, und, wie Ihr sagt, ein reicher Mann. Ja, Herr Inglewood,« setzte Morris, sich räuspernd, hinzu: »ich halte wirklich diesen Herrn dafür.«

»Und was steht zu dieses Herrn Diensten?« fragte der Richter etwas verdrießlich. »Einer führt den andern ein, und ich erhalte Gesellschaft ohne Ruhe und Unterhaltung.«

»Ihr sollt in kurzer Zeit beides haben,« antwortete Campbell. »Ich komme, Euch von einer lästigen Pflicht zu befreien, nicht dieselbe zu erschweren.«

»Meiner Treu! Dann seid Ihr so willkommen, als je ein Schottländer in England war. Aber macht fort, Herr, laßt hören, was Ihr auf einmal zu sagen habt.«

»Ohne Zweifel,« fuhr der Nordbrite fort, »hat Euch dieser Herr berichtet, daß ein gewisser Campbell bei ihm war, als er das Unglück hatte, sein Felleisen zu verlieren?«

»Er hat vom Anfang bis zum Ende der Sache keines solchen Namens erwähnt,« antwortete der Richter.

»O, ich verstehe, ich verstehe,« sprach Campbell. »Ihr waret gütig besorgt, einen Fremden nicht in gerichtliche Händel zu verwickeln. Da ich aber höre, mein Zeugnis ist notwendig, um diesen achtbaren Herrn Franz Osbaldistone von einem sehr ungerechten Verdacht zu befreien, so will ich die Vorsicht aufgeben. Ihr werdet also gefälligst dem Herrn Richter Inglewood sagen, ob wir nicht mehrere Meilen weit zusammen reisten, zufolge Eures eifrigen Verlangens und Begehrens an dem Abend, wo wir in Northallerton waren, – ich hatte es erst abgelehnt, nachher aber Euch doch den Gefallen getan, als ich Euch auf der Straße einholte und mich von Euch bewegen ließ, meinen Vorsatz, nach Rotbury zu reisen, aufzugeben und zu meinem Unglück Euch zu begleiten?«

»Es ist eine traurige Wahrheit,« antwortete Morris und senkte das Haupt, als er mit jämmerlicher Folgsamkeit, Campbells lange Frage beantwortete.

»Und vermutlich könnt Ihr auch versichern, daß niemand besser imstande ist, als ich, in dieser Sache Zeugnis abzulegen, da ich während des ganzen Vorfalls bei Euch und neben Euch war?«

»Niemand besser, gewiß,« sprach Morris, mit einem tiefen, verlegnen Seufzer.

»Und warum, zum Teufel, habt Ihr ihm nicht beigestanden?« fragte der Richter. »Wie Herr Morris sagt, kamen nur zwei Räuber; also waret Ihr zwei gegen zwei, und Ihr seid beides rüstige Männer.«

»Laßt Euch sagen, Herr Richter,« sprach Campbell; »ich bin mein Leben lang ein friedsamer, ruhiger Mann gewesen, keineswegs zu Streit oder Schlägereien geneigt. Herr Morris, der, wie ich vernehme, zu des Königs Armee gehört oder gehört hat, hätte nach Belieben Widerstand leisten können, da er mit vielem anvertrautem Gelde gereist sein soll; allein ich hatte nur mein geringes Eigentum zu verteidigen, und als ein Mann von friedlicher Beschäftigung war ich nicht geneigt, mich bei der Sache in Gefahr zu setzen.«

Ich blickte Campbell an, als er diese Worte sprach, und erinnere mich nie, einen auffallendern Gegensatz gesehen zu haben, als zwischen der ernsten, kräftigen Kühnheit, die seine rauhen Züge ausdrückten, und der ruhigen Milde und Einfalt, die seine Worte aussprechen sollten. Ein leichtes spöttisches Lächeln lauerte sogar in den Mundwinkeln und schien unwillkürlich anzudeuten, wie verächtlich ihm die ruhige und friedliche Gesinnung war, die er anzunehmen für gut fand, und ich fühlte in mir den Verdacht entstehen, daß er bei der Gewalttätigkeit, die Morris erlitten, etwas ganz andres, als Leidensgefährte oder bloßer Zuschauer gewesen sein möge.

Vielleicht durchkreuzte in diesem Augenblick ein ähnlicher Verdacht die Seele des Richters; denn er rief plötzlich aus:

»Meiner Treu! Das ist eine seltsame Geschichte!«

Der Schottländer schien zu erraten, was in seinem Gemüt vorging, indem er Ton und Benehmen änderte, und aus seinen Gesichtszügen einen Teil des heuchlerischen Ausdrucks von Demut entfernte, der Verdacht erweckt hatte. Mit mehr Freimütigkeit und Unbefangenheit fuhr er fort: »Die Wahrheit zu sagen, ich bin einer von jenen schlauen Leuten, die sich nichts aus dem Streite machen, wenn sie nicht etwas haben, wofür sie streiten, und das war bei mir nicht der Fall, als ich mit diesen Taugenichtsen zusammen kam. Damit Euer Gestrengen aber wissen mögen, daß ich ein Mann von gutem Rufe und guter Gesinnung bin, so werft Eure Augen auf dieses Blatt.«