Und dieser war es wirklich, sehr eilfertig, und, wie es sich bald zeigte, in höchst übler Laune. Er ritt auf uns zu und hielt sein Pferd an, als wir mit leichter Begrüßung vorüber wollten.
»So, Herr – so, Fräulein Vernon – ei, ich sehe wohl, wie's steht, wahrscheinlich Bürgschaft gestellt während meiner Abwesenheit? – Ich möchte wissen, wer die Ausfertigung gemacht hat. Wenn der Herr Friedensrichter oft auf diese Art verfährt, so rat' ich ihm, sich einen andern Schreiber zu suchen, denn ich werde sicher abgehen.«
»Was macht der Pächter Rutledge?« erwiderte Diana. »Ich hoffe, er konnte noch unterzeichnen, siegeln und übergeben?«
Diese Frage schien den Schreiber in noch größern Zorn zu versetzen.
»Pächter Rutledge, Fräulein?« sagte der Schreiber, sobald sein Unwille ihm zu sprechen erlaubte. »Er ist so gesund und auf dem Posten, wie Ihr selber. Lauter Blendwerk, Betrug und Arglist, diese Geschichte von seiner Krankheit, und wenn Ihrs nicht vorher gewußt habt, Fräulein, so wißt Ihrs nun.«
»Seht einmal an!« erwiderte Diana mit erkünsteltem Erstaunen. »Was Ihr nicht sagt, Herr Jobson!«
»Aber ich sage so, Fräulein,« entgegnete der aufgebrachte Schreiber, »und ich sage überdies, der alte elende Wicht hat mich Zungendrescher genannt, – Zungendrescher, Fräulein, – und er hat gesagt, ich wollte nur nach einem Erwerb jagen. Ich, ein Friedensschreiber!«
»Ich fürchte, Rutledge hat seine Unhöflichkeit nicht auf Worte beschränkt,« antwortete Diana, der es Vergnügen zu machen schien, ihn noch mehr zu reizen. »Seid Ihr gewiß, daß er Euch nicht geschlagen hat?«
»Geschlagen, Fräulein? Kein lebendiger Mensch soll mich schlagen, das versprech ich Euch, Fräulein.«
»Das kommt darauf an, wie Ihrs verdient, Herr,« sprach ich; »denn Eure Art, mit diesem jungen Fräulein zu reden, ist so unschicklich, daß ich, wenn Ihr nicht den Ton ändert, es selbst der Mühe wert achten werde, Euch zu züchtigen.«
»Züchtigen, Herr? – Und – mich, Herr? Wißt Ihr, mit wem Ihr sprecht, Herr?«
»Ja, Herr,« erwiderte ich. »Ihr selbst nennt Euch Friedensschreiber, und Gaffer Rutledge nannte Euch Zungendrescher, und in keiner der beiden Eigenschaften seid Ihr berechtigt, gegen ein Frauenzimmer von Stande unartig zu sein.«
Diana legte die Hand auf meinen Arm. »Kommt, Herr Osbaldistone!« rief sie. »Herr Jobson soll nicht angefallen und geschlagen werden. Ich bin nicht mildtätig genug gegen ihn, um ihn ein einzigmal von Eurer Peitsche berühren zu lassen – er würde davon eine Zeitlang leben können. Ueberdies habt Ihr sein Gefühl schon hinlänglich gekränkt, – Ihr habt ihn unartig genannt.«
»Ich achte seine Worte nicht, Fräulein,« sprach der Schreiber etwas kleinlaut. »Unartig ist auch keine Injurie; aber Zungendrescher ist eine Schimpfrede der ärgsten Art, und der Pächter soll es auf seine Kosten erfahren, und so ein jeder, der es boshaft wiederholt, um den öffentlichen Frieden zu brechen und mir meinen besondern guten Namen zu entwenden.«
»Laßts gut sein, Herr Jobson,« sprach Diana. »Ihr wißt, wo nichts ist, hat nach Eurem Gesetz selbst der König sein Recht verloren, und was das Entwenden Eures guten Namens betrifft, so bedaure ich den armen Schelm, der ihn erhält, und wünsch' Euch von Herzen Glück zu dem Verluste.«
»Sehr wohl, Fräulein – guten Abend, Fräulein. – Ich habe nichts mehr zu sagen, als daß es Gesetze gegen die Papisten gibt, die man zum Wohl des Landes besser vollziehen sollte. Sie können zum Eid gezogen werden, und es gibt Strafen für die, welche die Messe hören nach Königin Elisabeth und Jakob I. – Also und vor allem – denn ich spreche zu Eurer Warnung – Ihr, Diana Vernon, unverheiratet und ohne gesetzlichen Beschützer, eine überwiesene Papistin, seid verbunden, Euch in Eure Wohnung zu begeben, und das auf dem nächsten Wege, bei Strafe des Ungehorsams gegen den König. Gute Nacht, Fräulein, und denkt daran, das Gesetz versteht keinen Spaß!«
Und wir ritten auseinander.
»Es gibt drei Dinge,« sagte Fräulein Vernon nach kurzer Pause, »um derentwillen ich sehr zu bedauern bin, wenn's jemand der Mühe wert hält, seine Teilnahme an mir zu verschwenden.«
»Und worin bestehen diese drei Dinge, Fräulein Vernon?«
»Wollt Ihr mir Euer innigstes Mitgefühl versprechen, wenn ichs Euch sage?«
»Gewiß! Könnt Ihr daran zweifeln?« erwiderte ich, indem ich näher an ihre Seite ritt, mit dem Ausdruck eines Anteils, den ich nicht zu verbergen suchte.
»Gut, es ist auf alle Fälle sehr verführerisch, bedauert zu werden. Erstlich bin ich ein Mädchen und nicht ein Jüngling, und würde ins Tollhaus gesperrt werden, wenn ich die Hälfte von dem täte, wozu ich Lust habe.«
»Ich kann Euch in diesem Punkte nicht ganz die Teilnahme gewähren, die Ihr erwartet,« erwiderte ich. »Das Unglück ist so allgemein, daß es die eine Hälfte der Menschen trifft, und die andre Hälfte –«
»Ist um so vieles besser bedacht, daß sie eifersüchtig auf ihre Vorrechte ist,« fiel Diana ein; »ich vergaß, daß Ihr dazu gehört. Doch wir wollen sehen, ob wir bei der zweiten Klage gegen das Schicksal besser übereinstimmen. Ich gehöre zu einer unterdrückten Sekte, zu einem veralteten Glauben. Anstatt durch meine Andacht Beifall zu erwerben, wie es allen guten Mädchen sonst gebührt, kann mich mein gütiger Freund, der Richter Inglewood, in ein Besserungshaus schicken, bloß weil ich Gott nach der Weise meiner Väter verehre, und kann sagen, wie der alte Pembroke zur Aebtissin von Wilton sagte, als er sich ihres Klosters bemächtigte: »Geh und spinne, Du Weibsbild – geh und spinne.«
»Das ist kein unheilbares Uebel,« sprach ich ernst. »Fragt einige unsrer gelehrten Geistlichen, fragt Euren eignen, vortrefflichen Verstand, und gewiß, die Abweichungen unsers religiösen Glaubens von dem, worin Ihr erzogen wurdet –«
»Still!« sagte Diana, den Finger auf den Mund legend, »still, nichts mehr davon! Den Glauben meiner tapfern Väter verlassen! Ebenso gut wollt ich, wenn ich ein Mann wäre, ihr Banner verlassen, wo der Sturm der Schlacht am härtesten es bedrängte, und wie ein feiger Mietling zu dem siegreichen Feinde übergehen.«
»Ich ehre Euren Mut, Fräulein, und in bezug der Unannehmlichkeiten, denen er Euch aussetzt, kann ich nur sagen, daß die Wunden, welche man für die Sache des Gewissens erleidet, ihren eignen Balsam mit sich führen.«
»Ja, aber sie sind bei alledem schmerzlich und ergreifend. Doch ich sehe, hart von Herzen, wie Ihr seid, rührt es Euch so wenig, daß ich Hanf klopfen, oder Flachs in groben Fäden ziehen soll, als wenn ich, statt Filzhut und Kokarde, die Haube zu tragen verurteilt wäre: ich will mir daher die fruchtlose Mühe ersparen, Euch die dritte Ursache meines Kummers zu sagen.«
»Nein, teures Fräulein, entzieht mir Euer Vertrauen nicht, und ich verspreche Euch die Teilnahme, die Euer so seltsames Mißgeschick verdient.«
»Es ist in der Tat ein Unglück,« sprach Diana, mit sehr verändertem Ausdruck und ernster, als sie bisher ausgesehen hatte, »das wohl Mitleid verdient. Ich bin von Natur, wie Ihr leicht bemerken könnt, freimütig und unbefangen – ein richtiges, ehrliches Mädchen, das gern offen und redlich gegen die ganze Welt handeln möchte; aber das Schicksal hat mich in so viele Netze und Schlingen verwickelt, daß ich kaum ein Wort zu sprechen wage, aus Furcht vor bösen Folgen – nicht für mich, sondern für andre.«
»Das ist in Wahrheit ein Unglück, das ich aufrichtig bedaure, aber ich hätte mir dergleichen freilich nicht träumen lassen.«