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»O, Herr Osbaldistone, wenn Ihr nur wüßtet – wenn irgend jemand wüßte, wie schwer es mir zuweilen wird, ein leidendes Herz unter einer heitern Stirne zu verbergen, Ihr würdet mich gewiß bedauern. Es ist vielleicht unrecht, Euch nur so viel von meiner Lage zu berichten. Aber Ihr seid ein Mann, der Verstand und Scharfsinn besitzt – Ihr müßt unfehlbar das Verlangen haben, hundert Fragen zu stellen über die Ereignisse dieses Tages, über Rashleighs Anteil an Eurer Befreiung aus dieser Schlinge, über so viele andre Dinge, die Eure Aufmerksamkeit erregen müssen. – Ich kann mich nicht dahin bringen, Euch mit der nötigen Verstellung und Verschlagenheit zu antworten, ich würd' es ungeschickt machen, und Eure gute Meinung, wenn ich etwas davon besitze, sowie meine eigne verlieren. Am besten ist es, Euch auf einmal zu sagen: Fragt mich nach nichts; es steht nicht in meiner Macht, Euch zu antworten.«

Diana sprach diese Worte in einem Tone der Innigkeit, der nicht ohne Eindruck auf mich bleiben konnte. Ich versicherte ihr, sie habe weder zudringliche Fragen, noch Mißdeutungen zu befürchten, wenn sie diejenigen Fragen zu beantworten ablehne, die an sich verständig oder wenigstens natürlich wären. Ich bitte und hoffe nur, daß sie meine Dienste, wenn sie ihr irgend einmal nützlich sein könnten, ohne Bedenken verlangen möge.

»Dank Euch, Dank Euch!« erwiderte sie. »Eure Stimme hat nicht den Kuckucksruf der Schmeichelei, sondern sie tönt wie die eines Mannes, der weiß, wozu er sich anbietet. Wenn – aber es ist unmöglich – und dennoch, wenn sich eine Gelegenheit darbieten sollte, so will ich Euch fragen, ob Ihr dieses Versprechens gedenkt, und ich werde gewiß nicht böse sein, wenn ich finde, daß Ihr es vergessen habt. Es ist genug, Ihr meint es jetzt aufrichtig mit Euren Vorsätzen – es kann sich viel zutragen, was dieselben ändert, eh' ich Euch auffordere, wenn dieser Augenblick je erscheinen sollte, Diana beizustehen, als ob Ihr Dianas Bruder wäret.«

»Und wenn ich Dianas Bruder wäre,« sprach ich, »würde die Möglichkeit, daß ich Euch meinen Beistand versagte, nicht geringer sein können. – Und nun fürcht ich, nicht fragen zu dürfen, ob Rashleigh aus freien Stücken sich um meine Befreiung beworben habe.«

»Mich nicht, aber Ihr könnt ihn selbst fragen, und verlaßt Euch darauf, er wird ja sagen.«

»Und darf ich nicht fragen, ob dieser Campbell es selbst war, der Morris sein Felleisen abnahm? Oder ob der Brief, welchen unser Freund, der Schreiber, erhielt, listig erfunden worden war, um ihn vom Schauplatze zu entfernen, damit er meine Befreiung nicht verhindern sollte? Und ich darf nicht fragen –«

»Ihr dürft mich gar nichts fragen,« fiel Diana ein; »daher ist es ganz umsonst, Fälle anzunehmen. Ihr müßt eben denken, ich hätte Euch auf diese Fragen und auf zwanzig andre ebenso gut zungenfertig Bescheid gegeben, wie Rashleigh es getan hätte. Merkt Euch, wenn ich den Finger so an mein Kinn lege, ist es ein Zeichen, daß ich über einen Gegenstand, der eben Eure Aufmerksamkeit beschäftigt, nicht sprechen kann. Ich muß mit Euch Zeichen des Einverständnisses festsetzen, weil Ihr mein Vertrauter und Ratgeber sein sollt, ohne jedoch das Geringste von meinen Angelegenheiten zu wissen.«

»Nichts kann vernünftiger sein,« erwiderte ich lachend; »und verlaßt Euch darauf, so ausgedehnt Euer Vertrauen ist, so scharfsinnig werden meine Ratschläge sein.«

Unter dieser Art von Unterhaltung, die uns sehr heiter gegen einander stimmte, erreichten wir das Schloß.

»Bringt etwas zu essen für den Herrn Osbaldistone und mich in den Büchersaal,« sprach Diana zu einem Diener. – »Dieser Büchersaal,« setzte sie hinzu, »ist meine Höhle – der einzige Winkel im Schlosse, wo ich vor den Urang-Utangen, meinen Vettern, sicher bin. Sie wagen sich nie dahin, vermutlich aus Furcht, die Folianten möchten herabfallen und ihnen den Schädel einschlagen; denn auf andre Art werden sie nie mit ihren Köpfen in Berührung kommen. – Also folgt mir.«

Und ich folgte ihr durch Halle und gewölbten Gang und auf der Wendeltreppe, bis wir das Zimmer erreichten, wohin sie die Erfrischungen zu bringen befohlen hatte.

Zehntes Kapitel

Die Bibliothek im Schlosse Osbaldistone war ein düsteres Gemach, dessen veraltete Eichenbretter unter der Last schwerer Folianten sich beugten. Die Sammlung bestand größtenteils aus Klassikern, ausländischer und einheimischer Geschichte, und hauptsächlich Gottesgelehrtheit. Alles war in ziemlicher Unordnung. Die Priester, welche nach einander als Kapläne im Schlosse gewaltet hatten, waren viele Jahre lang die einzigen, welche dies Gebiet betraten, bis Rashleigh, von seinem Durste nach Kenntnissen getrieben, die ehrwürdigen Spinngewebe zerstörte, welche die Außenseite der Bücher umhüllt hatten. Da er für die Kirche bestimmt war, so erschien sein Betragen in seines Vaters Augen weniger abgeschmackt, als wenn einer von den andern Abkömmlingen eine so seltsame Neigung verraten hätte. Noch immer behielt aber das Gemach ein verödetes Ansehen, das ebenso auffallend als unerfreulich war und die Vernachlässigung andeutete, von der es die Gelehrsamkeit, die seine Wände enthielten, nicht hatte befreien können. Zerrissene Tapeten, wurmstichige Bücherbretter, ungeheure und schwerfällige, aber wackelnde Tische, Pulte und Stühle, und der verrostete Kaminrost, der selten vom Kohlen- oder Reisigfeuer erglühte, zeigten die Verachtung, welche die Herren des Schlosses gegen die Schätze der Gelehrsamkeit hegten.

»Es kommt Euch hier etwas trostlos vor?« sprach Diana, als ich in dem einsamen Zimmer umherblickte; »aber mir scheint das Gemach ein kleines Paradies, denn ich nenn es mein eigen und fürchte hier keine Störung. Rashleigh war Mitbesitzer, als wir noch Freunde waren.«

»Und Ihr seid es nicht mehr?« fragte ich natürlich.

Sogleich legte sie den Zeigefinger an das Grübchen ihres Kinns und warf einen schlauen, verweisenden Blick auf mich.

»Wir sind noch immer Verbündete,« fuhr sie fort, »wie andre verbündete Mächte, die die Rücksicht auf gegenseitigen Vorteil vereint; aber ich fürchte, es geht auch hier, wie bei andern Gelegenheiten, der Bundesvertrag hat die freundschaftlichen Gesinnungen überlebt, aus denen er entstand. Auf jeden Fall leben wir weniger zusammen, und wenn er durch jene Tür hereinkommt, geh ich durch diese hinaus, und so haben

wir die Entdeckung gemacht, daß wir beide nicht Raum in diesem Zimmer haben, so groß es scheint. Rashleigh, den seine Angelegenheiten oft anderswohin rufen, hat mir seine Rechte großmütig abgetreten, und ich setzte nun allein die Beschäftigung fort, wobei er einst mein Führer war.«

»Und was sind dies für Beschäftigungen, wenn ich fragen darf?«

»Wissenschaft und Geschichte sind meine vorzüglichen Lieblinge, aber ich beschäftige mich auch mit der Dichtkunst und mit den Alten.«

»Und den Alten. Lest Ihr sie in der Ursprache?«

»Unstreitig. Rashleigh, der als Gelehrter nicht zu verachten ist, hat mir Unterricht im Griechischen und Lateinischen, und in den meisten Sprachen des neuern Europa erteilt. Ich kann Euch versichern, es ist nicht geringe Mühe auf meine Erziehung gewendet worden, obgleich ich weder einen Saum machen, noch Kreuzstich nähen, noch einen Pudding kochen, oder, wie des Pfarrers fette Frau eben so wahr als höflich und gutmütig zu sagen beliebte, irgend etwas Nützliches in der ganzen Welt verrichten kann.«

»Und ist dieser Unterrichtsgang von Rashleigh ausgesucht worden, oder habt Ihr selber ihn Euch erwählt?«

»Hm!« sprach sie, als trage sie Bedenken, meine Frage zu beantworten – »es ist am Ende nicht der Mühe wert, den Finger zu erheben – nun, teils er, teils ich. Außer dem Hause lernte ich reiten, im Notfall ein Pferd satteln und zäumen, über einen Schlagbaum setzen, ein Gewehr ohne zu blinzeln losschießen, und alle jene männlichen Fertigkeiten, deren sich meine rohen Vettern bis zur Tollheit befleißigen; aber nun mußte ich auch im Hause, wie mein vernünftiger Vetter, Griechisch und Lateinisch lernen, und mich dem Baume der Erkenntnis nähern.«