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»Und Rashleigh kam Eurer Neigung zur Gelehrsamkeit bereitwillig entgegen?«

»Nun, er wollte mich zur Schülerin haben und konnte mich nur unterrichten in Dingen, die er selbst kannte; – in dem Geheimnis, eine Spitzenmanschette zu waschen oder ein feines Schnupftuch zu säumen, freilich nicht.«

»Ich gebe zu, die Versuchung, eine solche Schülerin zu erhalten, mag sehr viel Einfluß auf den Lehrer gehabt haben.«

»O, wenn Ihr Rashleighs Beweggründe zu untersuchen anfangt, so berührt mein Finger wieder das Kinn. Ich kann nur offenherzig sein, wenn von mir die Rede ist. Doch wieder zur Sache. – Er hat mir das Bücherzimmer überlassen und kommt nie herein, ohne um Erlaubnis zu fragen, und so hab' ich mir die Freiheit genommen, einige meiner Habseligkeiten dort in Verwahrsam zu bringen, wie Ihr sehen könnt, wenn Ihr Euch umseht.«

»Um Vergebung, Fräulein Vernon, aber ich seh in der Tat nichts in diesen vier Wanden, was Euch besonders anzugehören schiene.«

»Weil Ihr vermutlich weder einen Schäfer noch eine Schäferin, in Wolle gearbeitet, mit schönem schwarzem Rahmen von Ebenholz, erblickt – oder einen ausgestopften Papagei – oder eine Hecke Kanarienvögel – oder ein Nähkästchen mit mattem Silber bestickt – oder einen Putztisch mit einer Menge japanischer Büchsen – oder ein zerbrochenes Spinett – oder eine Laute mit drei Saiten – oder Muschelwerk – oder ein Schoßhündchen mit blinden Jungen – Nichts von allen diesen Schätzen besitz' ich,« fuhr sie nach einer Pause fort. »Aber hier steht das Schwert meines Ahnherrn, Richard Vernon, der bei Shrewsbury fiel, und arg verleumdet ward von einem losen Gesellen, namens William Shakespeare, [Heinrich IV, erster Teil. A. d. Ü.] der in seiner Parteilichkeit für das Haus Lancaster der Geschichte einen falschen Zusammenhang gegeben hat. Neben dieser furchtbaren Waffe hängt der Panzer eines noch ältern Vernon, der Schildträger des schwarzen Prinzen war. Hier ist das Modell eines neuen Sprungriemens, den ich selbst erfunden habe, und hier die Kappe und die Schelle meines Falken Cheviot, der sich an eines Reihers Schnabel spießte – armer Cheviot! mit dir verglichen, sind die andern Falken nur Geier und Raubvögel. Da steht meine Jagdflinte mit einem verbesserten Schlosse, nebst zwanzig andern Schätzen, immer einer kostbarer wie der andre. Und das spricht für sich selbst.«

Sie zeigte auf den geschnitzten eichnen Rahmen eines Bildnisses in Lebensgröße, von Van Dyck gemalt, worauf mit gotischen Buchstaben geschrieben stand: Vernon semper viret. Ich sah sie an, um Erklärung zu fordern.

»Kennt Ihr nicht den Wahlspruch unseres Geschlechts mit dem Doppelsinn?« fragte sie etwas überrascht. »Und kennt Ihr nicht unser Wappenbild, die Pfeifen?« wobei sie auf das in den eichnen Rahmen geschnitzte Wappen zeigte, um welches diese Worte standen.

»Pfeifen! – sie sehen aus wie Pfennigpfeifen. – Aber seid nicht böse über meine Unkenntnis,« fuhr ich fort, als ich ihre Wangen sich röten sah; »ich kann nicht die Absicht haben, Euer Wappenbild zu schmähen, denn ich kenne nicht einmal mein eignes.« »Ihr, ein Osbaldistone, und gesteht das ein!« rief sie aus, »Percival, Thorncliff, Hans, Richard – selbst Wilfred könnte Euer Lehrer sein.«

»Mit Beschämung gesteh ich, mein teures Fräulein, die Geheimnisse, welche unter den grimmen Hieroglyphen der Wappenkunde verborgen liegen, sind für mich, so unverständlich wie die ägyptischen Pyramiden.«

»Wie ists möglich? – Selbst mein Oheim liest zuweilen an Winterabenden im Wappenbuche. Nicht die Figuren der Heraldik zu kennen! Woran hat Euer Vater gedacht?«

»An die Figuren der Arithmetik,« antwortete ich, »deren unbedeutendste Erfindung er höher achtet, als den ganzen Wappenschmuck des Rittertums. Aber so unaussprechlich unwissend ich in diesem Falle bin, hab ich doch Kenntnisse und Geschmack genug, um dies herrliche Bild zu bewundern, worin ich Familienähnlichkeit mit Euch zu entdecken glaube. Welche Ruhe und Würde in der Haltung – welcher Reichtum der Farben – welche Tiefe des Schattens!«

»Ist es wirklich ein schönes Bild?« fragte sie.

»Ich habe viele Gemälde dieses berühmten Künstlers gesehen,« erwiderte ich, »aber keines hat mir so gefallen.«

»Wohl, ich verstehe so wenig von Gemälden, wie Ihr von der Wappenkunde,« antwortete Diana; »dennoch habe ich es immer bewundert.«

»Wen stellt es dar?«

»Meinen Großvater – er war ebenso unglücklich wie Karl I. und – leider muß ich hinzufügen – ebenso ausschweifend wie sein Sohn. Das Erbteil unsers Geschlechts ist durch seine Verschwendung sehr verringert worden und ging gänzlich verloren unter seinem Nachfolger, meinem unglücklichen Vater. Er verlor alles. Darum ist sein Kind eine Waise. Aber ich bin stolzer darauf, einen solchen Vater gehabt zu haben, als wenn er durch ein vorsichtigeres, aber weniger aufrichtiges Betragen mich in den Besitz aller der schönen Herrlichkeiten gelassen hätte, die einst seiner Familie gehörten.« Indem sie diese Worte sprach, traten die Diener mit dem Essen herein, und unser Gespräch beschränkte sich bloß auf allgemeine Gegenstände.

Als wir schnell unsre Mahlzeit beendet hatten, und der Wein auf den Tisch gesetzt war, berichtete uns der Diener, daß Herr Rashleigh ersucht habe, ihn wissen zu lassen, wann die Herrschaften mit Speisen fertig wären.

»Sagt ihm,« erwiderte Diana, »wir würden uns freuen, ihn zu sehen, wenn er hierher kommen wollte – setzt noch ein Weinglas und einen Stuhl her, und verlaßt das Zimmer. – Ihr müßt mit ihm fortgehen, wenn er sich entfernt,« sprach sie hierauf zu mir: »bei aller meiner Freigebigkeit kann ich doch nicht mehr als acht Stunden von den vierundzwanzig an einen Herrn verwenden, und ich glaube, wir sind wenigstens solange zusammen gewesen.«

»Der alte Sensenmann hat sich so schnell bewegt,« antwortete ich, »daß ich seine Schritte nicht zählen konnte.«

»Still! Da kommt Rashleigh,« sprach Diana und rückte ihren Stuhl, dem ich den meinen ziemlich nahe gerückt hatte, weiter weg.

Ein bescheidnes Klopfen an der Tür, die sacht geöffnet wurde, als Diana »Herein!« gerufen hatte, eine einstudierte Milde und Demut in Gang und Haltung zeigte, daß Rashleighs Erziehung in der Lehranstalt zu St. Omer [eine von Jesuiten geleitete Anstalt für englische Katholiken. A. d. Ü.] sich völlig mit den Begriffen deckte, die ich von dem Betragen eines gebildeten Jesuiten hegte. Ich brauche nicht hinzuzusetzen, daß bei mir als einem entschiednen Protestanten, diese Vorstellungen nicht die günstigsten waren.

»Warum klopft Ihr erst so zeremoniell an, da Ihr doch wißt, daß ich nicht allein bin?« fragte Diana.

Sie sprach dies mit unverhohlenem Verdruß, als ob sie fühle, daß Rashleighs Vorsicht und Zurückhaltung einen beleidigenden Argwohn verberge. »Ihr habt mich so vollkommen unterrichtet, wie ich an diese Tür klopfen muß, schöne Base,« antwortete Rashleigh, ohne Stimme oder Benehmen zu ändern, »daß die Gewohnheit zur andern Natur geworden ist.«

»Ich schätze Aufrichtigkeit höher als Höflichkeit, und Ihr wißt es,« war Dianas Antwort.

»Höflichkeit ist fein und zierlich, nach Namen und Gewerbe ein Höfling, und paßt daher am besten für ein Frauengemach.«

»Aber Aufrichtigkeit ist die echte Rittertugend, und daher weit willkommner,« entgegnete Diana. »Doch, um unsern Streit zu enden, der für Euern fremden Vetter nicht eben ergötzlich sein kann; setzt Euch, Rashleigh, und tut dem Herrn Osbaldistone Bescheid bei seiner Flasche.«

Rashleigh setzte sich nieder und füllte sein Glas, während er sein Auge von dem Fräulein auf mich mit einer Verlegenheit wandte, die er mit aller Anstrengung nicht verbergen konnte. Es schien mir, als ob er ungewiß sei, in wie weit Diana Vertrauen in mich gesetzt habe, und ich eilte, dem Gespräch eine Richtung zu geben, die den Argwohn entfernen sollte, daß Diana mir irgend etwas von den Geheimnissen vertraut, die sie miteinander hatten.