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»Fräulein Vernon,« sprach ich, »hat mir empfohlen, Euch meinen Dank für die schnelle Befreiung von jener lächerlichen Anklage darzubringen. Mit Unrecht fürchtete ich, meine Dankbarkeit werde nicht warm genug sein, mich an diese Pflicht zu erinnern, sie erregte auch daher meine Neugierde, indem sie mich wegen einer Erklärung der Ereignisse dieses Tages, an Euch verwies.«

»In der Tat?« erwiderte Rashleigh, und setzte mit einem scharfen Blick auf Fräulein Vernon hinzu: »ich hätte geglaubt, das Fräulein würde selbst den Dolmetscher machen.« – Und sein Auge wandte sich von ihr ab und suchte das meine, als wollte er im Ausdruck meiner Züge erforschen, ob Dianas Mitteilungen so beschränkt gewesen wären, als meine Worte angedeutet hatten. Diana erwiderte seinen forschenden Blick mit einem Blicke der Verachtung, während ich, unentschlossen, ob ich seinen offenbaren Argwohn entschuldigen oder rügen sollte, antwortete:

»Wenn es Euch gefällt, Herr Rashleigh, mich wie Fräulein Vernon in Ungewißheit zu lassen, so muß ich mich notwendig darein ergeben, aber ich bitte, mir Eure Mitteilung nicht vorzuenthalten, weil Ihr glaubt, daß ich bereits etwas über diesen Gegenstand erfahren habe. Ich versichre Euch, als ein Mann von Ehre, ich weiß so wenig als jenes Bild von den Ereignissen dieses Tages, außer daß ich von Fräulein Vernon Eure gütige Verwendung für mich erfuhr.«

»Fräulein Vernon hat meine demütigen Bemühungen überschätzt,« sprach Rashleigh, »obwohl ich es an redlichem Eifer freilich nicht habe fehlen lassen. Der wahre Verlauf der Sache ist dieser. Ich sprengte zurück, um jemand von meinen Verwandten zu treffen, der mit mir die Bürgschaft für Euch übernehmen könnte, das gewöhnlichste, oder ich kann sagen, das einzige Mittel, Euch zu dienen, das sich darbot, da begegnete ich dem Cawmil – Colville – Campbell, oder wie sie ihn nennen. Wie ich von Morris gehört habe, war er bei der Beraubung zugegen gewesen, und es gelang mir – mit einiger Mühe muß ich bekennen – ihn zu bewegen, sein Zeugnis zu Eurer Entschuldigung abzulegen, wodurch Ihr vermutlich aus Eurer unangenehmen Lage befreit worden seid.«

»Wirklich? – Ich bin Euch sehr verbunden, daß Ihr mir einen so gelegenen Zeugen verschafft habt. Aber da er ein Unglücksgefährte dieses Morris war, so seh' ich nicht ein, warum es so viele Mühe gekostet haben sollte, ihn zur Ablegung seines Zeugnisses zu bewegen, sei es, den wahren Täter zu überweisen, oder einen Unschuldigen zu befreien.«

»Ihr kennt nicht den Geist des Volkes, zu dem dieser Mann gehört,« antwortete Rashleigh. »Verschwiegenheit, Klugheit und Vorsicht sind seine Haupteigenschaften. Hinter diesen erst liegt verschanzt die Liebe für seine Landschaft, sein Dorf, oder auch für seinen Clan; erstürmt dieses zweite Hindernis und Ihr habt ein drittes – die Anhänglichkeit an seine Familie, Vater, Mutter, Söhne, Töchter, Oheime, Tanten und Vettern, bis zum neunten Grad. Innerhalb dieser Grenzen bieten die geselligen Neigungen eines Schottländers sich aus, und erreichen nie, was außer denselben liegt, bis alle Mittel, sie in den innern Kreisen zu befriedigen, erschöpft sind. In diesen Kreisen schlägt sein Herz, immer schwächer und schwächer wird jeder Pulsschlag, bis er an der äußersten Grenze fast unfühlbar wird. Aber was das Schlimmste ist, wenn Ihr alle diese Außenwerke überwinden könntet, so findet Ihr eine innere Feste, höher und stärker als die andern – die Liebe eines Schottländers gegen sich selbst.«

»Dies ist alles recht beredsam und bilderreich ausgedrückt, Rashleigh,« sprach Diana, die mit unverhehlter Ungeduld zugehört hatte; »es lassen sich nur zwei Einwendungen dagegen machen: erstens ist es nicht wahr, und zweitens, wenn es wahr wäre, so gehört es nicht zur Sache.«

»Es ist wahr, meine schönste Diana,« entgegnete Rashleigh; »und überdies gehört es gerade zur Sache. Es ist wahr, da Ihr nicht leugnen könnt, daß ich Land und Volk genau kenne, und daß meine Schilderung die Folge einer genauen und scharfen Beobachtung ist; und es gehört zur Sache, denn es ist die Antwort auf meines Vetters Frage, und zeigt, warum dieser vorsichtige Schottländer, da unser Verwandter weder sein Landsmann noch ein Campbell ist, noch zu einer der unauflöslichen Verknüpfungen gehört, zu der sie ihr Geschlechtsregister ausdehnen, und da er, vor allem, keinen persönlichen Vorteil dabei sah, sondern im Gegenteil viel Verlust an Zeit und Verhinderung in seinen Geschäften zu befürchten hatte –

»Nebst andern Unannehmlichkeiten, vielleicht von noch furchtbarerer Art,« unterbrach ihn Diana.

»Deren es ohne Zweifel viele geben kann,« fuhr Rashleigh in demselben Tone fort. – »Kurz, meine Aufgabe zeigt, warum dieser Mann, da er keine Vorteile zu hoffen und einige Unannehmlichkeiten zu befürchten hatte, nur erst durch Ueberredungen bestimmt werden konnte, sein Zeugnis für unsern Vetter abzulegen.«

»Nach einem Blick, den ich auf Morris' Aussage warf,« bemerkte ich, »erscheint es mir auffallend, an keiner Stelle darin erwähnt zu finden, daß Campbell bei ihm gewesen ist, als er von den Räubern angefallen wurde.«

»Wie ich von Campbell hörte, hatte er sich feierlich von Morris versprechen lassen, dieses Umstandes nicht zu erwähnen,« erwiderte Rashleigh. »Den Grund, warum er ein solches Versprechen begehrte, könnt Ihr aus meinen Andeutungen entnehmen. Er wünschte in seine Heimat zurückzukehren, ohne aufgehalten und beunruhigt zu werden durch gerichtliche Untersuchungen, welchen er ausgesetzt gewesen sein würde, wenn die Tatsache, daß er bei der Beraubung gegenwärtig gewesen ist, bekannt geworden wäre. Aber laßt ihn nur erst am Forth sein, so wird Morris gewiß alles bekannt machen, was er von ihm weiß, und es kann noch viel mehr betreffen. Ueberdies treibt Campbell einen bedeutenden Viehhandel und schickt oft große Herden nach Northumberland, wo er bei einem solchen Verkehr ein tüchtiger Tor sein würde, wenn er es mit den Dieben dieses Landes verderben wollte, die zu den rachsüchtigsten Menschen gehören.«

»Das will ich beschwören,« sprach Diana mit einem Tone, der etwas mehr als bloße, Beistimmung ausdrückte.

»Aber dennoch,« hob ich wieder an, »wenn ich auch zugebe, daß Campbell wichtige Gründe gehabt habe, von Morris Stillschweigen betreffs seiner Person zu verlangen, kann ich doch nicht einsehen, wie er so viel Einfluß auf den Mann erhalten konnte, um ihn zur Verheimlichung eines so wichtigen Zeugnisses zu bewegen.«

Rashleigh stimmte mir bei, daß es sehr seltsam sei, und schien zu bedauern, den Schottländer nicht genauer über diesen Umstand gefragt zu haben, den er selbst geheimnisvoll fand. »Aber,« setzte er sogleich nach dieser Beistimmung zu, »seid Ihr denn auch völlig gewiß, daß Morris in seiner Aussage nichts von Campbells Beisein erwähnt hat?«

»Ich überlas das Papier nur schnell,« erwiderte ich; »aber es blieb mir der lebhafte Eindruck, daß keines solchen Umstandes gedacht wurde, oder wenigstens müßte er so leicht berührt worden sein, daß er meiner Aufmerksamkeit entgangen wäre.«

»Richtig, richtig,« antwortete Rashleigh; »ich bin geneigt, mit Euch zu glauben, dieser Umstand müsse wirklich erwähnt worden sein, aber so leicht, daß er Eurer Aufmerksamkeit entging. Und dann, was Campbells Einfluß auf Morris betrifft, so möcht ich vermuten, er gründe sich auf dessen Furchtsamkeit. Dieser hasenherzige Mensch, dieser Morris, reist, wie ich höre, nach Schottland, um irgend ein kleines Amt bei der Regierung zu erhalten, und da er den Mut einer zornigen Taube oder tapfern Maus besitzt, so mag er sich gefürchtet haben, dem Unwillen eines solchen Eisenfressers wie Campbell zu begegnen, dessen bloßer Anblick genügen würde, ihm vor Furcht um sein bißchen Verstand zu bringen. Ihr werdet bemerkt haben, Campbell hat zuweilen ein heftiges, aufgeregtes Wesen – etwas Kriegerisches im Ton und Betragen.«

»Ich gestehe,« erwiderte ich, »daß mir gelegentlich sein Ausdruck wild und rauh vorkam und wenig passend zu seinen friedlichen Aeußerungen. Hat er in der Armee gedient?«