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»Ja – nein – nicht eigentlich gedient; aber ich glaube, er ist, wie die meisten seiner Landsleute, zum Waffenhandwerk erzogen worden. In den Gebirgen führen sie die Waffen wirklich von der Wiege bis zum Grabe. Wenn Ihr daher Euren Reisegefährten nur etwas kennt, so werdet Ihr leicht einsehen, daß er bei einer Reise in ein solches Land allen Streit mit einem der Eingeborenen womöglich zu vermeiden suchen wird. – Aber ich sehe, Ihr trinkt nicht, und ich bin kein richtiger Osbaldistone, was das Leeren der Flasche betrifft. Wenn Ihr mit auf mein Zimmer gehen wollt, so können wir Pikett spielen.«

Wir standen auf, um Diana zu verlassen, die von Zeit zu Zeit mit sichtlicher Mühe der Versuchung widerstanden hatte, Rasleigh zu unterbrechen. Als wir uns entfernten, brach das verhaltene Feuer hervor. »Eure eigne Beobachtung, Herr Osbaldistone,« sprach sie zu mir, »wird Euch in den Stand setzen, zu beurteilen, ob dasjenige, was Rashleigh über Campbell und Morris geäußert hat, gerecht oder ungerecht ist. Wenn er aber Schottland lästert, so hat er falsches Zeugnis gegen ein gutes Land abgelegt, und ich bitt Euch, in seine Aussagen keinen Wert zu legen. Laßt die Tochter einer Schottländerin Euch bitten, das Vaterland Eurer Mutter zu achten, bis eigne Beobachtung Euch gezeigt hat, daß es Eure gute Meinung nicht verdient. Sparet Euren Haß und Eure Verachtung der Verstellung, Falschheit und Bosheit auf, wo Ihr sie findet. Ihr werdet genug davon antreffen, ohne England zu verlassen. – Lebt wohl. Ihr Herren, ich wünsch' Euch einen vergnügten Abend.«

Und sie zeigte auf die Tür, wie eine Fürstin, die ihr Gefolge entläßt.

Wir gingen in Rashleighs Gemach, wo ein Diener uns Kaffee und Karten brachte. Ich hatte beschlossen, wegen der Vorfälle dieses Tages nicht weiter in Rashleigh zu dringen. Ein Geheimnis, und wie ich glaubte, von keiner vorteilhaften Art, schien sein Betragen zu enthüllen; doch um zu erfahren, ob mein Argwohn begründete sei, war es nötig, ihn sicher zu machen. Wir gaben die Karten und waren bald eifrig mit unserm Spiel beschäftigt. Selbst in diesem geringen Zeitvertreibe – denn der von Rashleigh vorgeschlagene Satz war nur eine Kleinigkeit – glaubte ich Züge eines heftigen, ehrgeizigen Wesens zu erkennen. Er schien vollkommen das angenehme Spiel zu verstehen, aber gleichsam aus Grundsatz zog er kühne und gewagte Schläge den gewöhnlichen Regeln des Spieles vor, und die geringern und besser erwogenen Zufälle vernachlässigend, wagte er alles, um einen Sechziger und Neunziger zu erhalten oder seinen Gegner »beet« zu machen. Aber schon nach einigen Spielen schien Rashleigh dieses Zeitvertreibes müde zu sein, die Karten wurden weggelegt und ein Gespräch hub an, worin er das Wort führte.

Mehr gelehrt als wahrhaft weise – besser bekannt mit dem menschlichen Gemüte als mit den sittlichen Grundsätzen, durch die es geregelt werden solle, besaß er dennoch eine Gabe der Unterhaltung, die ich selten erreicht, nie übertroffen sah. Sein Betragen verriet, daß er sich dessen bewußt war; wenigstens schien es mir, als ob er sich viele Mühe gegeben hätte, die natürlichen Vorteile einer wohltönenden Stimme, eines fließenden, glücklichen Ausdrucks und einer feurigen Einbildungskraft zu erhöhen. Er war nie laut, nie anmaßend, nie so sehr mit seinen eignen Gedanken beschäftigt, daß er die Geduld oder die Fassungskraft dessen, mit dem er sprach, ermüdet hätte. Seine Gedanken folgten aufeinander, gleich dem sanften, aber ununterbrochnen Fließen einer reichen, ergiebigen Quelle. Erst spät in der Nacht konnte ich mich von einem so bezaubernden Gesellschafter trennen, und als ich auf mein Zimmer kam, kostete es mir Mühe, mich wieder an die Schilderung zu erinnern, die ich vorher von Rashleighs Gemütsart erhalten hatte.

Elftes Kapitel

Der nächste Tag war ein Sonntag, ein Tag, mit dem man im Schlosse nicht recht etwas anzufangen wußte; denn nach dem feierlichen Morgengottesdienste, welchem die ganze Familie regelmäßig beiwohnte, ließ es sich schwer sagen, auf wen, Rashleigh und Diana ausgenommen, der Dämon der Langeweile am reichlichsten seinen Geist ergoß.

»Vor einiger Zeit,« sagte Rashleigh im Verlaufe unsers begonnenen Gespräches, »war ein Abgeordneter von Eurem Vater hier, ein junger Stutzer, ein gewisser Twineall, der mir erzählte, daß Ihr den Musen heimlich opfertet, und daß die schärfsten Kritiker Eure Verse bewundert hätten.«

Eitelkeit ist die allgemeine Schwäche aller Lehrlinge, Gesellen und Meister in Apollos Tempel, und ich besaß auch meinen Teil davon. Ich verschlang daher den Köder, den mir Rashleigh bot, und als dieser die gute Wirkung seiner Worte sah, fuhr er fort:

»Ihr sollt mir einen Abend auf meiner Stube schenken, denn bald muß ich die Reize des gelehrten Umgangs mit den Plackereien der Handelsgeschäfte und dem großen Berufe des täglichen Verkehrs vertauschen. Ich wiederhole es, daß meine Willfährigkeit, zum Vorteil unsrer Familie meines Vaters Wünsche zu erfüllen, in der Tat ein, Opfer ist, zumal in Betracht des ruhigen und friedlichen Standes, wozu meine Erziehung mich bestimmt hat.«

Ich war eitel, aber kein Tor, und diese Heuchelei war mir zu arg: »Ihr wollt mich doch nicht überreden,« erwiderte ich, »daß Ihr es wirklich bedauert, die Lage eines unbekannten, katholischen Predigers, mit allen ihren Entbehrungen, gegen den Reichtum, die geselligen Freuden und die Vergnügungen der Welt zu vertauschen?«

Rashleigh sah, daß er seine erkünstelte Mäßigung mit zu starken Farben aufgetragen hatte. Nach einer Pause, worin er vermutlich den nötigen Grad der Aufrichtigkeit gegen mich berechnet hatte, eine Eigenschaft, womit er nie unnötig freigebig war, antwortete er lächelnd: »In meinem Alter, zu Reichtum und der Welt verurteilt zu sein, wie Ihr sagt, klingt in der Tat nicht so beruhigend, als es vielleicht sollte. Aber verzeiht, Ihr habt meine Bestimmung mißverstanden – ein katholischer Priester, wenn Ihr wollt, aber kein unbekannter– nein! Rashleigh Osbaldistone wird selbst als der reichste Bürger in London unbekannter sein, als er unter den Mitgliedern einer Kirche gewesen sein würde, deren Diener, wie jemand sagte, ihre Pantoffeln auf Fürsten setzten. Meine Familie steht in großem Ansehen an einem gewissen verbannten Hofe, und der Einfluß, den dieser Hof in Rom hat, ist noch weit größer. Meine natürlichen Gaben sind der Erziehung, die ich erhielt, nicht ganz unwert. – Warum hätte nicht,« fügte er lachend hinzu, denn er pflegte oft den Ton seines Gesprächs zwischen Scherz und Ernst zu halten, »ein Kardinal Osbaldistone, mit guter Herkunft und guten Verbindungen, ebenso wohl wie der niedrig geborne Mazarin oder Alberoni, der Sohn eines italienischen Gärtners, das Schicksal der Staaten leiten können?«

»Ich kann Euch keinen Grund für das Gegenteil angeben; aber an Eurer Stelle würd ich den Verlust der Möglichkeit einer so ungewissen Erhebung, der obendrein der Haß der Menschheit winkt, nicht bedauern.«

»Auch ich nicht,« erwiderte er, »wenn ich wüßte, daß meine gegenwärtige Stellung sichrer wäre, doch das beruht auf Verhältnissen, womit mich bloß die Erfahrung bekannt machen kann. – Die Gemütsart Eures Vaters zum Beispiel –«

»Gesteht nur die Wahrheit ohne Umschweife, Rashleigh: Ihr möchtet gern von mir etwas über ihn hören?«

»Dieweil Ihr Euch bestrebt, wie Diana Vernon, der Fahne der guten Dame Aufrichtigkeit zu folgen, so antworte ich denn: Allerdings.«

»Nun gut! Ihr werdet in meinem Vater einen Mann finden, welcher die Bahn des Erwerbes mehr wegen der Uebung verfolgte, die sie seinen Talenten gewährt, als aus Liebe zu dem Golde, womit sie bestreut ist. Sein tätiger Geist würde sich glücklich gefühlt haben in jeder Lage, die ihm Gelegenheit zur Wirksamkeit gegeben hätte, wenn auch diese Wirksamkeit der einzige Lohn gewesen wäre. Allein sein Reichtum hat sich vermehrt, weil er, mäßig und einfach in seinen Gewohnheiten, keine neuen Veranlassungen zu Ausgaben mit seinem zunehmenden Vermögen erhielt. Er haßt Verstellung bei andern, hat nie selber Verstellung angewendet und versteht es ausgezeichnet, unter beschönigenden Worten die Beweggründe zu entdecken. Wortkarg aus Gewohnheit, werden ihm große Schwätzer bald zuwider, um so mehr, als die Gegenstände, welche für ihn am erziehendsten sind, nicht viel Anlaß zur Unterhaltung darbieten. Er ist sehr streng in Beobachtung der Vorschriften seines Glaubens; aber Ihr habt nicht zu fürchten, daß er Euren Glauben angreifen wird, denn er betrachtet die Duldung als einen heiligen Grundsatz der Staatsverwaltung. Wenn Ihr aber, wie es sich vermuten läßt, dem vertriebnen Königshaus anhängt, so werdet Ihr wohltun, dasselbe in seiner Gegenwart zu verbergen; denn das ist ihm verhaßt. Im übrigen bindet ihn sein Wort und sein Wort muß Gesetz für alle sein, die unter ihm stehen. Er wird gegen niemand seine Pflicht verletzen und nicht dulden, daß jemand gegen ihn sich vergeht; um seine Gunst zu erhalten, müht Ihr seine Befehle vollziehen, anstatt seine Meinungen zu wiederholen. Seine größten Fehler entspringen aus den Vorurteilen, die mit seinem Beruf verbunden sind, oder vielmehr aus seiner ausschließlichen Verehrung desselben, und ihm erscheint wenig für rühmlich oder der Aufmerksamkeit wert, was nicht in irgend einer Verbindung mit dem Handel steht.«