Unter diesen erdrückenden Gefühlen von Scham und Erniedrigung ging ich zum Frühstück hinab, wie ein Verbrecher, der sein Urteil erwartet. Es traf sich, daß ein heftiger Frost es unmöglich gemacht hatte, die Hunde herauszulassen, und ich hatte nun noch die Demütigung, die ganze Familie, Rashleigh und Diana ausgenommen, im vollsten Eifer bei einer kalten Wildbretpastete und einem Stück Rindfleisch zu finden. Alle waren höchst vergnügt, als ich hereintrat, und ich konnte mir leicht denken, daß sie sich auf meine Kosten lustig machten. Was mich so schmerzlich berührte, betrachtete mein Oheim und die Mehrzahl meiner Vettern als einen recht vortrefflichen Spaß. Herr Hildebrand neckte mich über die Vorfälle des gestrigen Abends und beteuerte, daß er es für besser halte, wenn sich ein junger Bursche dreimal des Tages betrinke, als wenn er sich nüchtern zu Bett schleiche, wie ein Presbyterianer, und einen Kreis ehrlicher Kerle bei der Weinflasche verlasse. Und zur Unterstützung dieser tröstlichen Rede füllte er einen großen Humpen mit Branntwein und mahnte mich, »von dem Hundebiest, das mich gebissen hätte, ein paar Haare zu verputzen.«
»Laß die Jungen hier nur lachen, Neffe,« fuhr er fort. »Sie würden eben solche Milchsuppen sein wie Du, wenn ich sie nicht sozusagen mit Trinksprüchen und beim Humpen aufgezogen hätte.«
Bösartigkeit war im allgemeinen nicht der Fehler meiner Vettern. Als sie sahen, daß die Erinnerungen an den vorigen Abend mich verletzten und verlegen machten, suchten sie mit plumper Freundlichkeit den unangenehmen Eindruck zu vernichten, den sie auf mich gemacht hatten. Thorncliff allein sah mürrisch und unversöhnt aus. Dieser junge Mann hatte mich vom Anfang an nicht leiden können, und an den Beweisen von Aufmerksamkeit, welche ich gelegentlich von seinen Brüdern erhielt, so linkisch sie auch sein mochten, hatte er allein nie Anteil genommen. Wenn er wirklich, was ich jedoch zu bezweifeln anfing, von der Familie als der Dianen bestimmte Gemahl betrachtet wurde oder sich selbst dafür ansah, so konnte ein Gefühl von Eifersucht in ihm erwacht sein, als er den Vorzug bemerkte, welchen das Fräulein einem Manne zu geben beliebte, in welchem er vielleicht einen gefährlichen Nebenbuhler zu erhalten fürchtete.
Rashleigh trat endlich herein, sein Gesicht finster wie ein Trauergewand, brütend, wie ich nicht zweifeln konnte, über die unverantwortliche Beleidigung, die ich ihm zugefügt hatte. Ich war bereits mit mir einig, wie ich mich bei dieser Gelegenheit verhalten wollte, und hatte mich bemüht, mich in den Glauben zu finden, daß wahre Ehre darin bestehe, eine Kränkung, die mit irgend einem Anreiz dazu, den ich anführen konnte, nicht im Verhältnis stand, zu entschuldigen, aber nicht zu verteidigen. Ich eilte ihm daher entgegen und äußerte mein höchstes Leidwesen über die Heftigkeit, mit der ich am vorigen Abend gehandelt hatte. Kein Umstand, sagte ich, würde mir ein einziges Wort der Entschuldigung abgenötigt haben, als nur mein eignes Bewußtsein von der Unschicklichkeit meines Betragens. Ich hoffte, mein Vetter werde meine aufrichtige Reue annehmen, und bedenken, wie sehr das Uebermaß der Gastfreundlichkeit seines Herrn Vaters an meinem Mißverhalten schuld sei.
»Er soll Freund mit Dir sein, Junge!« rief der wackre Ritter in der Aufwallung seines Herzens, »oder Gott straf mich – ich nenn ihn nicht mehr Sohn. Warum stehst Du denn da, Rashleigh, wie ein Stock? Es ist mir leid, ist alles, was ein Ehrenmann sagen kann, wenn er etwas Unrechtes getan hat, besonders beim Wein. – Ich war auch Soldat, und weiß, denk ich, etwas von Ehrensachen. Laßt mich nichts mehr davon hören, und wir wollen alle zusammen gehen und den Dachs im Birkenwalde aufstören.«
Rashleighs Gesicht war, wie ich schon erwähnte, ganz anders, als die Gesichter, die ich je gesehen habe. Allein diese Sonderbarkeit lag nicht bloß in den Zügen, sondern in der Art ihres wechselnden Ausdrucks. Wenn in andern Gesichtern Kummer in Freude oder Unwille in Zufriedenheit übergeht, so gibt es eine kurze Zwischenzeit, ehe der Ausdruck der herrschenden Leidenschaft die frühere ganz verdrängt. Es ist eine Art Zwielicht, wie zwischen dem Erhellen der Dunkelheit und dem Aufgange der Sonne, während die aufgeschwollnen Muskeln nachgeben, das dunkle Auge sich aufklärt, die Stirn sich glättet, und das ganze Angesicht seine ernstern Schatten verliert und heiter und ruhig wird. Rashleighs Gesicht zeigte von solchen Uebergängen keine Spur, sondern veränderte fast plötzlich einen Ausdruck der Leidenschaft in den entgegengesetzten.
Auf diese Eigenschaft ward meine Aufmerksamkeit hierbei besonders gerichtet. Finster wie die Nacht trat Rashleigh ins Zimmer. Mit demselben unbeweglichen Gesicht hörte er meine Entschuldigung und seines Vaters Ermahnungen, und nun erst, als dieser nichts mehr sagte, verschwand auf einmal die Wolke, und er erklärte auf die freundlichste, verbindlichste Weise, daß ihm meine artige Entschuldigung vollkommen genug tue.
»Wirklich,« sagte er, »ich habe selbst einen so schwachen Kopf, daß ich, wenn ich ihm mehr als meine gewöhnlichen drei Gläser aufbürde, nur eine unbestimmte Vorstellung von der Verwirrung der letzten Nacht habe – ich erinnere mich einer Masse von Dingen, aber an nichts Bestimmtes, wohl eines Streites, aber nicht der Veranlassung. – Ihr könnt also denken, lieber Vetter,« fuhr er fort, mir freundlich die Hand schüttelnd, »wie sehr ich mich erleichtert fühle, da ich inne werde, daß nicht ich mich zu entschuldigen habe, sondern daß man sich bei mir zu entschuldigen hat. – Ich will kein Wort weiter davon hören; es würde töricht sein, eine Rechnung näher zu prüfen, deren anfangs ungünstige Bilanz sich so unerwartet und angenehm zu meinem Vorteil gewendet hat. Ihr seht, ich bediene mich der Sprache von Lombard-Street, und mache mich geschickt zu meinem neuen Berufe.«
Eben wollte ich antworten und erhob mein Auge, als ich Diana erblickte, die während des Gesprächs unbemerkt hereingetreten und aufmerksame Zuhörerin gewesen war. Verwirrt und beschämt blickte ich zur Erde und eilte zu der Frühstückstafel, an der ich mich zwischen meinen geschäftigen, Vettern niedersetzte.
Damit die Ereignisse des verflossenen Tages nicht ohne eine praktische Lehre der Moral aus unserm Gedächtnisse verschwinden möchten, gab mein Oheim Rashleigh und mir bei dieser Gelegenheit den ernstlichen Rat, unsre milchbärtigen Manieren, wie er es nannte, zu verbessern, und uns nach und nach an starke Getränke zu gewöhnen, und zwar in solchen Mengen, wie es einem adligen Herrn gezieme, ohne uns dabei zu zanken und zu prügeln. Damit wir nicht gleich den Mut sinken ließen, versicherte er, viele Männer gekannt zu haben, die in unserm Alter nicht eine Flasche auf einen Sitz geleert hätten, die aber in wackrer Gesellschaft und bei herzhaftem Zuspruch nachher ruhig und allmählich sechsmal so viel hatten trinken können, ohne dabei in Streit auszuarten oder am andern Morgen einen Katzenjammer zu haben.
So weise dieser Rat und so tröstlich die Aussicht war, die er darbot, gewann ich nur wenig durch die Ermahnung; zum Teil vielleicht, weil ich immer, so oft ich die Augen von der Tafel erhob, Dianas Blicken begegnete, worin ich ernstes Mitleiden, mit Bedauern und Mißfallen vermischt, zu entdecken glaubte. Ich überlegte, wie ich eine Gelegenheit, mich auch gegen sie zu erklären und zu entschuldigen, herbeiführen könne, als sie mir zu verstehen gab, daß sie mir die Mühe, um eine Unterredung zu bitten, ersparen wolle.
»Vetter Franz,« sagte sie, »ich habe diesen Morgen eine schwere Stelle in Dantes göttlicher Komödie gefunden; wollt Ihr die Güte haben, in das Bücherzimmer zu kommen und mir Euren Beistand zu leihen? Wenn wir den Sinn des dunklen Florentiners aufgespürt haben, wollen wir den Herren in den Birkenwald nachfolgen und sehen, ob sie so glücklich sind, den Dachs aufzujagen.«