Ich erklärte mich natürlich sofort bereit, ihr zu folgen, Rashleigh erbot sich, uns zu begleiten. »Ich verstehe mich etwas besser darauf« sprach er, »Dantes Sinn durch die Bilder und Auslassungen der wilden und düstern Dichtung zu verfolgen, als den armen, harmlosen Einsiedler dort aus seiner Höhle aufzujagen.«
»Verzeiht, Rashleigh,« erwiderte Diana; »da Ihr aber Eures Vetters Platz im Kontor einnehmen sollt, so müßt Ihr es nun ihm überlassen. Eure Schülerin hier zu erziehen. Wir werden Euch jedoch rufen, wenn es nötig ist. Ueberdies gereicht es Euch zur Schande, daß Ihr so wenig von der Jagd versteht. – Was wollt Ihr machen, wenn der Oheim in London Euch fragen sollte, an welchen Zeichen Ihr die Fährte eines Dachses erkennt?«
»Ja wohl, Dianchen – ja wohl!« sprach Herr Hildebrand seufzend. »Ich glaube, Rashleigh wird schlecht bestehen, wenn man ihn auf die Probe setzt. Komm mit uns, Rashleigh, und trag meinen Jagdstock. Deine Base braucht jetzt Deine Gesellschaft nicht, und ich wünsche nicht, daß meiner Diana widersprochen wird. – Es soll nicht heißen, in Schloß Osbaldistone war nur eine Frau, und sie starb, weil sie nicht ihren Willen hatte.«
Rashleigh folgte seinem Vater, wie er befahl, und Diana ging mit mir voran nach dem Büchersaal, und ich folgte ihr mit einem Gefühl von Verlegenheit und Unbehagen, das ich gern um jeden Preis hätte los sein mögen. Ich hielt es für eine unwürdige und erniedrigende Empfindung bei einer solchen Gelegenheit, da ich die Luft des festen Landes lange genug eingeatmet hatte, um die Meinung anzunehmen, daß Leichtigkeit, Galanterie und ein gewisses anständiges Selbstvertrauen den Mann auszeichnen müsse, den eine schöne Frau unter vier Augen zu sprechen wünscht. Meine englischen Gefühle siegten indes über meine französische Erziehung, und ich machte wahrscheinlich eine sehr klägliche Figur, als Fräulein Vernon, einem Richter gleich, der einen wichtigen Fall anhören will, sich majestätisch in einen großen Armstuhl setzte, mir ein Zeichen gab, ihr gegenüber Platz zu nehmen, und die Unterhaltung im Tone bitterer Ironie anfing.
Dreizehntes Kapitel
»Auf mein Wort, Herr Franz Osbaldistone,« sprach Fräulein Vernon, mit dem Ansehen, als halte sie sich völlig für berechtigt, mir auf ironische Weise Vorwürfe zu machen. »In unserm Kreise nehmt Ihr an Bildung zu – ich hatte mirs nicht träumen lassen, daß soviel Talent in Euch schlummre.« »Ich bin mir vollständig meiner Unart bewußt, Fräulein Vernon, und zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, daß ich durch einige kürzlich erhaltne Mitteilungen in ungewöhnlich hohem Grade erregt gewesen bin. Ich weiß wohl, daß mein Benehmen ungehörig und albern war.«
»Ihr tut Euch sehr unrecht,« entgegnete die unbarmherzige Ermahnerin. »Nach allem, was ich sah und seitdem gehört habe, gelang es Euch, im Laufe eines Abends alle die meisterhaften Eigenschaften zu enthüllen, wodurch Eure verschiednen Vettern sich auszeichnen: das milde und gutmütige Wesen des wohlwollenden Rashleigh – Percivals Mäßigkeit – Thorncliffs kalten Mut – Johanns Einsicht im Hundeabrichten – Richards Fertigkeit im Wetten – alles dies zeigte der einzige Herr Franz, und das mit einer Wahl der Zeit, des Ortes und der Umstände, die dem Geschmack und dem Scharfsinn des weisen Wilfred Ehre gemacht haben würde. – Aber ich möchte Euch doch nicht verhehlen, daß wenigstens eine Person mit Bekümmernis sieht, wie ein Jüngling von Talenten und Erwartungen in den Sumpf versinkt, worin die Bewohner dieses Hauses jeden Abend sich wälzen.«
»Ich versichre Euch, Fräulein, ich habe nur meine Schuhe naß gemacht, und die Unsauberkeit der Pfütze ist mir zu sehr zuwider, als daß ich weiter hinein gehen sollte.«
»Wenn Ihr das beschlossen habt, so ist es weise,« erwiderte sie. »Doch was ich gehört habe, betrübte mich so sehr, daß ich über Euern Gefahren ganz die eignen vergaß. – Ihr betrugt Euch gestern bei Tische gegen mich, als ob man Euch etwas gesagt hätte, wodurch ich in Eurer Meinung gesunken wäre. – Darf ich fragen, was es war?«
Ich war betroffen. Die unumwundne Gradheit dieser Frage war ganz in dem Tone gehalten, den ein Herr dem andern gegenüber anschlägt, wenn er in gutmütiger und doch entschiedner Weise eine Erklärung seines Benehmens fordert, und es waren dabei all jene Umschreibungen, Bemäntelungen, Milderungen und Verblümtheiten, von denen sonst in den höhern Gesellschaftskreisen Erklärungen zwischen Personen verschiednen Geschlechts begleitet zu sein pflegen, völlig außer acht gelassen worden.
Ich war in größter Verlegenheit; denn es kam mir in den Sinn, daß Rashleighs Mitteilungen, wenn sie begründet waren, Fräulein Vernon eher zu einem Gegenstande meines Mitleidens als meiner Empfindlichkeit machen mußten, und wenn in diesen Mitteilungen auch die beste Entschuldigung für mein eignes Benehmen gelegen hätte, so brachte mich das doch nicht über die größte Schwierigkeit hinweg – Fräulein Vernon etwas klar zu legen, worin für ihr Empfinden so viel Kränkendes liegen mußte. Sie erkannte meine Unbeholfenheit, und sprach in etwas bestimmterm, aber immer noch gemäßigtem und höflichem Tone:
»Ihr werdet mir hoffentlich nicht das Recht streitig machen, diese Erklärung zu verlangen. Ich habe keinen Verwandten, der mich beschützen kann; es ist daher nur recht und billig, mir zu erlauben, daß ich mich selber beschütze.«
»Ich suchte zögernd die Schuld meines unfreundlichen Betragens auf Unpäßlichkeit – auf unangenehme Briefe aus London zu schieben, aber sie hörte mir mit ungläubigem Lächeln zu.
»Und nun, Herr Franz,« sprach sie, »da Ihr Euren Entschuldigungsprolog mit der übeln Weise vollzogen habt, womit gewöhnlich Prologe, gehalten werden, seid gebeten, den Vorhang aufzuziehen, und zeigt mir, was ich zu sehen wünsche. Mit einem Worte laßt mich hören, was Rashleigh von mir gesagt hat; denn er ist es, der hier alle Maschinen in Bewegung setzt und in Bewegung hält.«
»Aber gesetzt, es wäre etwas zu sagen, was verdient derjenige, welcher die Geheimnisse eines Verbündeten dem andern verrät? Nach Eurem eignen Bericht war Rashleigh noch Euer Verbündeter, obwohl nicht länger Euer Freund.«
»Ich habe weder Geduld, Ausflüchte anzuhören, noch Neigung, über diesen Gegenstand zu scherzen. Rashleigh kann, soll und darf nichts von mir, Diana Vernon, sagen, was ich nicht verlangen kann, wiederzuhören. Daß wir Geheimnisse vor einander haben, ist sehr gewiß; aber das kann mit dem, was er Euch mitgeteilt hat, nichts zu tun haben.«
Ich hatte mich nun völlig wieder gefaßt, und beschloß schnell, von allem, was mir Rashleigh wie im Vertrauen gesagt hatte, nichts wiederzusagen. Ein Gespräch unter vier Augen auszuplaudern, erschien mir unwürdig; es konnte auch zu nichts führen und Fräulein Vernon selber nur unangenehm sein. Ich erwiderte daher ernst, daß Rashleigh sich mit mir nur über nebensächliche Familienangelegenheiten besprochen hätte und versicherte, nichts gehört zu haben, was einen für sie nachteiligen Eindruck zurückgelassen habe. Als rechtlicher Mann, setzte ich hinzu, könnte ich von dem Inhalt einer vertraulichen Unterredung nichts mehr sagen.
Sie erhob sich fast ein wenig ungestüm.
»Das soll Euch nichts helfen – ich muß eine andre Antwort von Euch haben!« rief sie. Ihre Stirn glühte und ihr Auge leuchtete, indem sie fortfuhr: »Ich verlange eine Erklärung, wie sie ein böslich verleumdetes Weib von jedem Manne fordern darf, der sich Ehrenmann nennt, wie sie ein mutterloses, unbefreundetes Wesen, das allein in der Welt steht und sich selbst leiten und beschützen muß, mit Recht verlangen kann. Ihr sollt es mir nicht verweigern – oder,« setzte sie mit feierlich emporgehobnem Blick hinzu, »Ihr werdet Eure Weigerung bereuen, wenn es auf Erden oder im Himmel noch Gerechtigkeit gibt.«