Ich war aufs höchste erstaunt, daß sie so heftig sein konnte, fühlte aber, daß es nach einer solchen Aufforderung meine Pflicht sei, jedes Bedenken aus zarter Rücksicht beiseite zu setzen, und teilte ihr kurz, aber bestimmt, das Hauptsächlichste von dem, was Rashleigh mir gesagt hatte, mit.
Ich stotterte alles herunter, was Rashleigh mir davon gesagt hatte, daß es ihr schon von früh auf bestimmt sei, einen Osbaldistone zu heiraten, und wie schwierig es sei, eine Wahl zu treffen. Hier hätte ich gern geschwiegen, allein bei ihrem Scharfsinn entdeckte sie, daß ich noch etwas zurückhalte, und sie ahnte, was es betraf.
»Es war bösartig von Rashleigh, dies von mir zu erzählen. Aber Rashleigh hat gewiß auch etwas von sich selbst in Beziehung auf mich gesagt. – Nicht wahr?«
»Er deutete allerdings an – es sei nur das Mißliche, daß er seinen Bruder verdrängen müsse, sonst würde er jetzt, da er ja nicht mehr Pfaffe zu werden brauchte, die freie Stelle in der Verfügungsschrift ausfüllen und seinen Namen an Thorncliffs Stelle hineinschreiben.«
»So? wirklich?« erwiderte sie; »war er so herablassend? – Zu viel Ehre für seine demütige Magd Diana Vernon. Und sie hätte selbstverständlich vor Freude außer sich zu sein, wenn eine solche Veränderung stattfinden könnte?« »Die Wahrheit zu sagen, er deutete ja etwas an, und gab ferner zu verstehen –«
»Was? – laßt mich alles hören!« rief sie hastig.
»Er habe den vertraulichen Umgang abgebrochen, um nicht erst eine Neigung entstehen zu lassen, die er bei seiner Bestimmung zum geistlichen Stande sich doch aus dem Sinne hätte schlagen müssen.«
»Ich bin ihm sehr für seine Rücksicht verbunden,« erwiderte Diana, und aus jedem Zuge ihres schönen Gesichts sprachen Hohn und Verachtung. Sie schwieg einen Augenblick und sagte dann mit ihrer gewöhnlichen Fassung: »Ich habe nur wenig von Euch gehört, was ich nicht zu hören erwartete; denn einen einzigen Umstand ausgenommen, ist alles sehr wahr. Wie man aber so wirksame Gifte hat, daß wenig Tropfen davon hinreichen sollen, eine ganze Quelle zu vergiften, so enthält auch Rashleighs Mitteilung eine Lüge, welche die Wahrheit selbst verunstalten könnte. Es ist eine abscheuliche Unwahrheit, daß ich, die ich alle Ursache habe, Rashleigh nur zu gut zu kennen, mich durch irgend einen Umstand auf der Welt bewegen lassen könnte, sein Geschick zu teilen. Nein,« fuhr sie mit einer Art von Schauder fort, der ein unwillkürliches Entsetzen auszudrücken schien; »lieber jedes Los, als dies – der Trunkenbold, der Spieler, der Eisenfresser, der Pferdejunge, der Narr wären tausendmal Rashleigh vorzuziehen; – das Kloster, der Kerker, das Grab wird willkommner sein als sie alle.«
Der Ton ihrer Stimme war traurig und wehmütig, übereinstimmend mit der seltsamen und anziehenden Verwickelung ihres Lebens. So jung, so schön, so unerfahren, so sehr sich selbst überlassen, alles Beistandes beraubt! Aber in der Kühnheit, mit der sie jede Zeremonie verachtete, lag so viel Würde – in dem Mute, mit dem sie jede Falschheit verschmähte, lag so viel Gradsinnigkeit und Stolz – in der Gelassenheit, mit der sie die Gefahren um sich her ins Auge faßte, lag so viel Entschlossenheit – daß sich zu meinem Mitleid die wärmste Bewunderung gesellte.
Ich wollte den Gefühlen der Teilnahme und Bewunderung, mit denen ihre unglückliche Lage und ihr hoher Mut mich erfüllten, Ausdruck verleihen, aber sie legte mir mit einem Male Schweigen auf!
»Ich sagte Euch im Scherz,« sprach sie, »daß ich Schmeicheleien nicht leiden kann – und jetzt sag ich Euch im Ernste, daß ich kein Mitleid begehre und den Trost verachte. Was ich erduldet habe, das hab ich erduldet. Was ich erdulden werde, will ich tragen, wie ich kann; kein mitleidiges Wort vermag die Last des Sklaven, der sie schleppen muß, um eine Feder leichter zu machen. Es gibt nur ein menschliches Wesen, das mir hätte beistehen können, und das statt dessen meinen Kummer nur vergrößert hat: Rashleigh Osbaldistone. Ja, es gab eine Zeit, wo ich diesen Mann hätte lieben lernen können. Aber, großer Gott, die Absicht, warum er sich das Vertrauen eines Wesens erwarb, das bereits so verlassen war, der unverdrossene Eifer, womit er diese Absicht von Jahr zu Jahr verfolgte, ohne einen Augenblick Gewissensbisse oder Reue zu fühlen, die Absicht, in welcher er die Nahrung, die er meinem Geiste darbot, in Gift würde verwandelt haben – gütige Vorsehung! was würde in dieser und in der andern Welt an Leib und Seele aus mir geworden sein, wenn ich den Kunstgriffen dieses vollendeten Bösewichts erlegen wäre!«
Ich war so ergriffen von der treulosen Verräterei, die diese Worte mich durchschauen ließen, daß ich mich von meinem Sitze erhob, kaum wissend, was ich tat, die Hand ans Schwert legte und das Zimmer verlassen wollte, um meinen gerechten Zorn ihn fühlen zu lassen. Fast atemlos und mit Blicken, worin Zorn und Verachtung der lebhaftesten Unruhe gewichen waren, vertrat mir Diana den Weg zur Tür.
»Bleibt,« sprach sie – »bleibt! So gerecht Euer Unwille ist, wißt Ihr doch nicht zur Hälfte die Geheimnisse dieses furchtbaren Gefängnisses.« – Sie blickte hierauf ängstlich umher, und ihre Stimme ward fast ein leises Flüstern: »Er hat ein verzaubertes Leben; er ist gefeit, und Ihr könnt ihn nicht angreifen, ohne andrer Leben in Gefahr zu setzen und Zerstörung zu verbreiten. Wär es anders gewesen, so würde er in einer Stunde gerechter Vergeltung selbst kaum vor dieser schwachen Hand sicher gewesen sein. Ich sagte Euch,« fuhr sie fort, mir wieder meinen Platz anweisend, »daß ich keines Trösters bedürfe – jetzt sag ich Euch, ich bedarf keines Rächers.«
Ich nahm wieder Platz, mechanisch ihre Worte erwägend, und gedachte auch, was mir im ersten Erglühen des Unwillens entgangen war, daß ich durchaus kein Recht hatte, als Dianas Kämpfer aufzutreten. Sie schwieg, bis wir beide uns ein wenig beruhigt hatten und sprach dann gefaßter:
»Ich hab Euch bereits gesagt, Rashleigh steht in Verbindung mit einem gefährlichen und verhängnisvollen Geheimnis. So verworfen er ist, und so sehr er weiß, daß er als überführter Bösewicht vor mir steht, kann ich, darf ich doch nicht offen mit ihm brechen oder ihm Trotz bieten. Auch Ihr, Herr Osbaldistone, müßt ihn mit Geduld ertragen, seinen Kunstgriffen Klugheit, nicht Gewalt, entgegensetzen, und vor allem solche Auftritte vermeiden, wie gestern abend, die ihm nur gefährliche Vorteile über Euch geben können. Diese Warnung wollt' ich Euch erteilen, und es war die Absicht, warum ich diese Unterredung wünschte; aber ich habe mein Vertrauen weiter ausgedehnt, als ich willens war.«
Ich versicherte ihr, daß es nicht verschwendet sei.
»Das glaub ich auch nicht,« erwiderte sie. »Ihr habt etwas in Euren Zügen und Eurem Betragen, das Vertrauen erweckt. Laßt uns Freunde bleiben. Und nun, bitt ich Euch, geht und seht, was aus den Dachsjägern geworden ist. Mein Kopf tut mir so weh, daß ich nicht dabei sein kann.«
Ich verließ die Bibliothek, aber nicht um den Jägern zu folgen. Ich fühlte, daß ich mich ein Weilchen in aller Einsamkeit ergehen müsse, um mich zu beruhigen, ehe ich es wagen durfte, Rashleigh wiederzusehen, dessen berechnete Schlechtigkeit mir so ergreifend geschildert worden war. Der ausgeklügelte Plan, die Erziehung eines verwaisten Mädchens von edler Geburt, das obendrein noch eine so nahe Verwandte war, in die Hand zu nehmen und dabei von vornherein nur den schädlichen Zweck der Verführung im Auge zu haben, wie das auserlesene Opfer mir mit aller Wärme eines tugendhaften Unwillens berichtet hatte, das erschien mir als höchst verwerflich, und ich fühlte, wie schwer es mir sein würde, Rashleigh zu sehen, und dennoch den Abscheu zu unterdrücken, den er mir einflößte. Dies war indessen durchaus notwendig, nicht allein wegen des geheimnisvollen Befehls, den Diana mir gegeben hatte, sondern auch, weil ich in der Tat keinen scheinbaren Grund zum Streit mit ihm hatte.
Ich beschloß daher, Rashleighs Verstellung mit gleicher Vorsicht zu begegnen, so lange wir in derselben Familie lebten, und wenn er nach London reiste, wollte ich wenigstens Owen einen Wink geben, was für einen gefährlichen Burschen er in Rashleigh vor sich habe, damit er ihm gegenüber im Interesse meines Vaters auf der Hut sein sollte. Die Aufgabe war etwas schwierig, besonders in meinen Verhältnissen, da man der Warnung, die ich gab, Eifersucht gegen meinen Nebenbuhler, oder vielmehr meinen Nachfolger in meines Vaters Gunst zu grunde legen konnte. Dennoch, hielt ich es für durchaus notwendig, einen solchen Brief zu schreiben; ich mußte es eben Owen überlassen, die Kenntnis von dem wahren Charakter Rashleighs in der erforderlichen Weise zu verwerten, ich kannte ja Owen als vorsichtig, klug und umsichtig. Der Brief ward also geschrieben und mit der ersten Gelegenheit auf die Post geschickt.