Als ich mit Rashleigh zusammentraf, schien auch er sich entfernt halten und allen Anlaß zu Reibungen vermeiden zu wollen. Er mochte wohl ahnen, daß Fräulein Vernon nichts Vorteilhaftes über ihn gesagt hätte, wenn er auch nicht wissen konnte, daß sie sogar soweit gegangen, all seine ihr gegenüber betätigte Schändlichkeit zu enthüllen. Unser Verkehr war daher von beiden Seiten zurückhaltend und betraf nur Nebensächliches.
Sein Aufenthalt im Schlosse dauerte nur noch wenige Tage, während welcher Zeit mir zweierlei an ihm auffiel. Das erste war die Leichtigkeit und Klarheit, womit sein kräftiger und reger Geist die zu seinem neuen Berufe nötigen Grundkenntnisse auffaßte und bearbeitete, so daß er gelegentlich mit seinen Fortschritten groß tat, als wenn er mir hätte zeigen wollen, wie leicht es ihm sei, eine Last zu heben, die ich aus Ermüdung und Unfähigkeit, sie zu tragen, von mir geworfen hatte. Zweitens erschien es mir sehr absonderlich, daß Diana mit Rashleigh, ungeachtet der Beleidigungen, deren sie ihn bezichtigte, mehrere ziemlich lange, geheime Unterredungen hatte, obwohl sich beide öffentlich nicht herzlicher als gewöhnlich gegen einander zu betragen schienen.
Als der Tag von Rashleighs Abreise herangekommen war, sagte sein Vater ihm gleichgültig Lebewohl; seine Brüder schieden mit der schlecht verhehlten Freude von Schulknaben, die ihren Lehrmeister auf einige Zeit abreisen sehen und ein Vergnügen empfinden, das sie nicht auszudrücken wagen; ich selbst nahm mit kalter Höflichkeit von ihm Abschied. Als er Diana nahte und sie umarmen wollte, wich sie mit einem Blicke stolzer Verachtung zurück, sagte aber, ihm die Hand reichend: »Lebt wohl, Rashleigh! Gott vergelte Euch das Gute, das Ihr mir erwiesen habt, und vergebe Euch das Böse, das Ihr im Schilde geführt habt.«
»Amen, schöne Base!« erwiderte er mit einem Ausdruck von Frömmigkeit, der meines Bedünkens der Bildungsanstalt von St. Omer angehörte: »Selig ist der, dessen gute Absichten die Frucht der Taten tragen, und dessen böse Gedanken in der Blüte verdarben.«
Dies waren seine Abschiedsworte. »Vollendeter Heuchler!« sprach Diana zu mir, als er die Tür hinter sich zumachte. »Wie sehr kann doch, was wir am tiefsten hassen und verachten, dem, was wir am höchsten ehren, dem äußern Wesen nach gleichkommen.«
Ich hatte Rashleigh einen Brief an meinen Vater und auch einige Zeilen an Owen mitgegeben, außer dem bereits erwähnten vertrauten Briefe, den ich auf andre Weise zu bestellen für klüglich hielt.
Es wäre sehr natürlich gewesen, wenn ich meinem Vater all die Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten dargestellt hätte, die ein längerer Aufenthalt in Osbaldistones Haus für einen Mann von meinem Alter, meiner Bildung und meinen Neigungen mit sich bringen mußte. Daß ich aber darüber Schweigen bewahrte, war nicht schwer zu erklären. Dianas ausgezeichnete Schönheit, deren sie sich selbst so wenig bewußt schien, ihre romantische und geheimnisvolle Lage, die Leiden, welchen sie ausgesetzt war, der Mut, womit sie ihnen entgegen zu blicken schien, ihr, mehr als es ihrem Geschlecht geziemte, freies Betragen und die schmeichelhafte Auszeichnung, die sie mir vor jedem andern gab, mußte zugleich meine edelsten Gefühle ansprechen, meine Neugierde erregen, meine Einbildungskraft beschäftigen und meine Eitelkeit befriedigen. Ich wagte es fürwahr nicht, mir selbst zu gestehen, welche lebhafte Teilnahme mir Diana einflößte, oder wie sehr sie meine Gedanken erfüllte. Wir lasen zusammen, gingen, ritten und aßen zusammen. Die Geistesbeschäftigungen, die sie bei ihrem Zwiste mit Rashleigh abgebrochen hatte, erneuerte sie jetzt, unter der Leitung eines Lehrers, der redlichere Absichten, obwohl weit beschränktere Fähigkeiten hatte.
Wie gefährlich es für einen Jüngling von meinem Alter und meinen lebhaften Gefühlen sein mußte, mit einem so liebenswürdigen und so besonders anziehenden Wesen in so vertraulicher Nähe zu leben, wird jeglicher leicht denken können, der sich seiner eignen Gefühle in meinem Alter erinnert.
Vierzehntes Kapitel,
Unsre Lebensweise im Schlosse war sehr einförmig. Diana Vernon und ich brachten viele Stunden mit gemeinschaftlichen geistigen Beschäftigungen zu; die andern Mitglieder der Familie töteten ihre Zeit mit Vergnügungen und Ergötzlichkeiten, wie sie die Jahreszeit darbot, woran auch wir gelegentlich Anteil nahmen. Mein Oheim wurde allmählich mit meiner Gegenwart und Lebensweise so vertraut, daß er mir im ganzen mehr zu- als abgeneigt war. Wahrscheinlich würde ich noch höher in seiner Gunst gestiegen sein, wenn ich mich derselben Kunstbegriffe zu bedienen bemüht hätte, die Rashleigh anwendete, der, seines Vaters Abneigung gegen Geschäfte benutzend, sich nach und nach die Verwaltung seines Vermögens angemaßt hatte. Zwar stand ich meinem Oheim bereitwillig mit meiner Feder und Rechenkunst bei, so oft er an einen Nachbar schreiben oder mit einem Pächter sich berechnen wollte, und war ihm insofern nützlicher als einer seiner Söhne; allein ich hatte keine Lust, ihn gänzlich der Führung seiner Angelegenheiten zu entheben, so daß der gute Ritter, während er angab, der Vetter Franz sei ein wackrer, behender Bursche, gewöhnlich in demselben Atem zu bemerken pflegte: er habe nicht geglaubt, daß ihm Rashleigh so sehr an allen Ecken und Enden fehlen werde.
Ich habe bereits erwähnt, wie wenig Thorncliff, während die andern Vettern sich halbwegs freundlich gegen mich zeigten, mich leiden konnte. Er hatte zwar etwas mehr Verstand, aber auch eine weit schlimmere Gemütsart als seine Brüder. Mürrisch, tückisch und zänkisch, hielt er meinen Aufenthalt im Schlosse für etwas Aufgedrungenes und sah mit neidischen, eifersüchtigen Blicken meine Freundschaft mit Diana Vernon, die nach einer gewissen Familienübereinkunft zu seiner Braut bestimmt war. Daß er sie liebte, läßt sich kaum sagen, allein er betrachtete sie sozusagen als sein Eigentum und ärgerte sich innerlich, daß man ihm in den Weg trat, und wußte dabei doch auch kein Mittel, es zu verhüten oder zu verhindern. Ich versuchte bei mehreren Gelegenheiten einen versöhnlichen Ton gegen ihn, doch er erwiderte mein Entgegenkommen ungefähr so freundlich wie ein knurriger Schäferhund, den ein Fremder liebkosen will. Ich überließ ihn daher seiner übeln Laune und gab mir weiter keine Mühe.
Auf diesem Fuße stand ich mit der Familie im Schlosse; doch muß ich noch eines andern Bewohners erwähnen, mit welchem ich mich gelegentlich unterhielt. Dies war Andreas Gutdienst, der Gärtner, welcher, seit er wußte, daß ich Protestant war, mich selten vorübergehen ließ, ohne mir seine schottische Dose darzubieten.
»Ich war,« sprach er eines Abends mit bedeutsamer Miene zu mir, »heute unten im Dorfe, mein Herr.«
»Gut, Andreas; und Ihr habt vermutlich etwas Neues gehört?«
»Den Hausierer Macready habe ich getroffen, und er hat mir erzählt, in London sei der Teufel los, und einen großen Krakehl wegen dem Felleisen, das jenem Kerl, dem Morris, abhanden gekommen sein soll, hätte es im Parlament gesetzt.«
»Im Parlament! Wie sollte denn der Fall vors Parlament gekommen sein?«
»Ja, das sagt ich auch. – Patrick, sagt ich, was haben die Lords und die Herren in London mit dem Kerl und seinem Felleisen zu schaffen? Wenn wir ein schottisches Parlament hätten, machte es Gesetze für Stadt und Land und bekümmerte sich nicht um Dinge, die vor einen gewöhnlichen Richter gehören; aber ich glaube, wenn hier ein altes Weib ihrer Nachbarin einen Topf wegnähme, so würden sie im Parlament von London davon sprechen. Es ist ebenso toll, sagt ich, wie hier mit unserm alten Herrn und seinen Söhnen, Jägern und Hunden, die tagelang einer ärmlichen Bestie nachjagen, die nicht sechs Pfund schwer ist, wenn sie sie fangen.«