haben und Dianas Schatten für eine zweite Gestalt gehalten haben. Nein, beim Himmel, es erscheint am zweiten Fenster. Ganz deutlich zwei Gestalten! Nun verlieren sie sich – jetzt sind sie am dritten – am vierten Fenster. Wen kann Diana bei sich haben? – Die Bewegung der Schatten zwischen dem Lichte und den Fenstern wiederholte sich zweimal, als ob ich mich hätte überzeugen sollen, daß meine Beobachtung richtig sei, worauf die Lichter ausgelöscht wurden und die Schatten verschwanden.
So unbedeutend dieser Umstand war, beschäftigte er doch meine Seele eine geraume Zeit. Ich gestattete mir nicht vorauszusetzen, daß meine Freundschaft für Fräulein Vernon irgend eine selbstsüchtige Absicht habe; aber ich empfand einen unbeschreiblichen Unmut bei dem Gedanken, daß sie einem andern Zusammenkünfte gestattete, zu einer Zeit und an einem Orte, wo ich es für unschicklich hielt, sie zu besuchen, wie ich um ihrer selbst willen ihr zu zeigen bemüht gewesen war.
»Törichtes, leichtsinniges, unachtsames Mädchen!« sprach ich zu mir selbst, »bei welchem aller gute Rat, alles Zartgefühl weggeworfen ist. Ich habe mich hintergehen lassen durch die Einfalt ihres Betragens, die sie wohl ebenso leicht annehmen kann, als einen Strohhut von der neusten Mode.«
Ich hatte mich nicht lange mit diesem unangenehmen Gegenstande beschäftigt, als die Hintertür des Gartens aufging, und Andreas und sein Landsmann, mit seinem Warenbündel beladen, im Mondschein herbeikamen.
Ich fand in Macready, wie ich erwartet hatte, einen rauhen, verschmitzten Schottlander, einen echten und rechten Neuigkeitstkrämer. Er konnte mir eine bestimmte Nachricht von allem geben, was im Ober- und Unterhause in der Morris'schen Angelegenheit vorging, die, wie es schien, von beiden Seiten als Prüfstein gebraucht ward, um die Stimmung des Parlaments zu erforschen. Das Ministerium war schwach genug gewesen, eine Geschichte zu behaupten, worin angesehene und wichtige Männer verwickelt waren, und die auf der Aussage eines Menschen von so unbedeutendem Ruf wie Morris beruhte, der überdies verworren und widersprechend in seiner Angabe war. Macready konnte mir sogar eine gedruckte Nachricht der Verhandlungen, die man selten außer der Hauptstadt fand, und die ebenfalls gedruckte Rede des Herzogs von Argyle mitteilen.
Ob etwas Ehrenrühriges wider mich selber vorgebracht worden sei, konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren; aber es ließ sich vermuten, daß die Ehre der Familie meines Oheims angetastet worden war; und Morris hatte angegeben, daß von den beiden, die ihn überfallen hätten, allein gerade der Mann namens Campbell der eigentlich tätige Räuber gewesen sei, und daß gerade eben dieser Campbell vorm Richter erschienen sei und ein Wort zu gunsten eines Herrn Osbaldistone eingelegt hätte, der daraufhin von dem Richter auch bereitwilligst freigegeben worden sei.
Bestürzt und voll Unmut über die seltsame Geschichte, entließ ich die beiden Schottländer, nachdem ich Macready etwas abgekauft hatte, und eilte in mein Zimmer, um zu erwägen, was bei diesem öffentlichen Angriff auf meinen Charakter meinerseits am besten und schicklichsten zu tun sei.
Fünfzehntes Kapitel
Nach einer schlaflosen Nacht, die ich im Nachdenken über die empfangenen Nachrichten zugebracht hatte, war ich erst der Meinung, ich müsse schleunigst nach London zurückkehren und mich persönlich mit der wider mich vorgebrachten Verleumdung befassen. Ich mochte mich aber zu diesem Schritte doch nicht recht entschließen, denn ich bedachte, daß mein Vater mir wohl, am besten raten könnte, wie ich mich zu verhalten hätte. Da er ferner die vornehmsten Herren von der Whigpartei, die damals das Ruder führte, persönlich kannte, war er sicher in der Lage, sich in meiner Angelegenheit Gehör zu verschaffen. Ich hielt es daher für das Sicherste, ihm meine ganze Geschichte schriftlich mitzuteilen, und da nur selten zwischen dem Schlosse und der Post Verkehr stattfand, so beschloß ich, selbst zur nächsten Station zu reiten und meinen Brief aufzugeben.
In der Tat fing es an mich zu befremden, daß ich nach einer Abwesenheit von mehreren Wochen weder von meinem Vater noch von Owen einen Brief erhalten hatte, obgleich Rashleigh seine glückliche Ankunft in London mit dem freundlichen Empfang im Hause seines Oheims gemeldet hatte. Am Schlusse meines Briefes führte ich daher an, daß ich ernstlich auf ein paar Zeilen von seiner Hand hoffte, um mir seinen Rat und seine Vorschriften in einer etwas schwierigen Sache zu erteilen, in der meine Lebenserfahrung mir nicht hinreichend erschiene. Ich konnte es unmöglich über mich gewinnen, jedoch bat ich um Erlaubnis, wenigstens auf kurze Zeit nach London kommen zu dürfen, um die schändlichen Lästerungen zu widerlegen, die so öffentlich gegen mich verbreitet waren. Nachdem ich meinen Brief vollendet hatte, ritt ich zur Post-Stadt, ihn abzugeben, wo ich folgendes Schreiben von meinem Freund Owen vorfand:
»Werter Herr Franz!
Habe Dero Zuschrift durch Güte des Herrn R. Osbaldistone erhalten und den Inhalt bemerkt. Werde dem Herrn R. O. alle Höflichkeiten erweisen, und habe ihm die Bank und das Zollhaus gezeigt. Er scheint ein verständiger, wackrer junger Mann und ergreift das Geschäft; wird daher der Firma von Nutzen sein. Würde gewünscht haben, eine andre Person hätte ihr Gemüt auf diesen Weg gelenkt, aber des Herrn Wille geschehe! Da in dortiger Gegend Kassa selten sein möchte, so verhoffe, Ihr werdet entschuldigen, daß ich einen Wechsel, zahlbar sechs Tage nach Sicht, auf die Herren Hooper und Girder in Newcastle für hundert Pfund einschließe, der ohne Zweifel gebührend honoriert werden wird. – Verbleibe pflichtgemäß, teurer Herr Franz, Euer ehrerbietiger und gehorsamer Diener
Joseph Owen.«
»Postskriptum. Verhoffe, Ihr wolltet richtigen Empfang des Obigen melden. Bedaure, daß wir so wenig von Euch haben. Euer Vater sagt: Es gehe ihm, wie sonst; sieht aber kummervoll dabei aus.«
Mit Befremden fand ich in diesem Schreiben nicht des vertraulichen Briefes erwähnt, den ich an Owen mit der Absicht geschrieben hatte, ihn mit Rashleighs Sinnesart bekannt zu machen, und doch mußte er denselben, dem Postlaufe nach, empfangen haben. Dennoch hatte ich ihn mit der gewöhnlichen Gelegenheit vom Schlosse abgeschickt, und keinen Grund, zu fürchten, daß er unterwegs verloren gehen könne. Da dessen Inhalt sowohl für meinen Vater als für mich von großer Wichtigkeit war, so schrieb ich sogleich im Posthause von neuem an Owen, wiederholte die Hauptsachen des frühern Briefes, und bat, mit nächstem mir zu melden, ob er ihn erhalten habe. Ich bescheinigte auch den Empfang des Wechsels und hielt es in der Tat für seltsam, daß mein Vater es seinem Buchhalter überließ, für meine Bedürfnisse zu sorgen; allein ich schloß, es wäre unter ihnen ausgemacht worden. Owen war unverheiratet, verfügte über ein verhältnismäßig stattliches Vermögen und war mir herzlich ergeben, so daß ich kein Bedenken trug, ihm für eine kleine Summe verbunden zu sein, die ich als ein Darlehen betrachtete, und, sobald es mir möglich, zurückgeben wollte, wenn es nicht früher durch meinen Vater geschehen würde. In diesem Sinne schrieb ich an Owen. Ein Krämer in der kleinen Stadt, an den mich der Postmeister wies, zahlte mir willig den Betrag des Wechsels in Gold, und ich kehrte weit reicher nach dem Schlosse zurück, als ich es verlassen hatte. Als ich im Schlosse eintraf, war Herr Hildebrand mit allen seinen Söhnen in ein nahes Dorf gegangen, wie mir der Gärtner erzählte, um einen Hahnenkampf zu sehen.
»'s liegt auch nicht viel daran,« setzte er hinzu, »was die Leute mit dem Hahnenvieh machen, denn sie kratzen und scharren in den Gärten, daß man keine Bohne oder Erbse vor ihnen erhalten kann. – Aber ich möchte wissen, wer die Turmtüre offen gelassen hat; jetzt, da Rashleigh fort ist, kann er's doch nicht gewesen sein.«