Die Turmtüre, worauf er deutete, ging in den Garten am Fuß einer Wendeltreppe, die zu Rashleighs abgelegnem Zimmer führte, das, wie ich bereits erwähnte, durch eine geheime Tür mit der Bibliothek, und durch einen dunkeln, gewölbten Gang mit dem übrigen Hause zusammenhing. Ein langer, schmaler Rasenweg führte zwischen zwei hohen Stechpalmenhecken von der Turmtür zu einer kleinen Hinterpforte in der Gartenmauer. Auf diese Weise konnte Rashleigh, der stets seine eignen Wege gegangen war, die Halle verlassen und sie wieder betreten, ohne daß sein Verschwinden oder Erscheinen aufgefallen wäre. In seiner Abwesenheit wurden aber Treppe und Turmtür gar nicht gebraucht, und so war die Verwunderung des Gärtners in der Tat begründet.
»Habt Ihr diese Tür öfters offen gesehen?« fragte ich.
»Just nicht oft; aber doch einmal oder zweimal. Ich denk, es muß der Priester gewesen sein, Pater Vaughan, wie sie ihn nennen. Keiner der Diener wird Euch diese Treppe hinauf gehen, aus Furcht vor Gespenstern und Kobolden. Aber Pater Vaughan glaubt ein Vorrecht zu haben. Ich stehe dafür, der geringste Seelenhirt, der je eine Predigt in Schottland hervorbrachte, würde einen Geist zweimal so schnell bannen, als der Priester mit seinem Weihwasser und seinem abgöttischen Tand. Er mag wohl auch nicht gut Latein sprechen; wenigstens versteht er mich kaum, wenn ich ihm die gelehrten Namen der Pflanzen sage.«
Von Pater Vaughan, der seine Zeit und geistliche Sorgfalt zwischen dem Schlosse und den Häusern eines halben Dutzends katholischer Edelleute in der Umgegend teilte, hab ich noch nichts gesagt, weil ich ihn nur wenig gesehen hatte. Er war ungefähr sechzig Jahre alt und, wie man mir zu verstehen gab, aus einem guten Hause in Schottland, von imposanter, Ehrfurcht gebietender Erscheinung und unter den Katholiken in Northumberland sehr geschätzt als ein würdiger und redlicher Mann. Dennoch fehlten ihm nicht gänzlich jene Eigenheiten, die seinem Stande eigen sind. Es haftete seiner Person eine gewisse mysteriöse Manier an, die in den Augen eines Protestanten wie Priesterbetrug erschien. Die Bewohner des Schlosses betrachteten ihn weit mehr mit Furcht, oder wenigstens Ehrfurcht, als Zuneigung. Er verdammte offenbar ihre Gelage, die einigermaßen eingeschränkt waren, wenn der Priester im Schlosse sich aufhielt.
Pater Vaughan stand auf gutem Fuße mit Rashleigh, sonst wäre wohl im Schlosse nicht seines Bleibens gewesen. Aus diesem Grunde fand ich kein Verlangen, seine Freundschaft zu suchen, und da ihm ebensowenig an der meinigen gelegen zu sein schien, so beschränkte sich unser gelegentlicher Verkehr nur auf gegenseitige Höflichkeiten. Ich hielt es für höchst wahrscheinlich, daß der Pater bei seinem Aufenthalt im Schlosse Rashleighs Zimmer bewohnte, und nach seinem Stande ließ sich vermuten, daß er auch wohl die Bibliothek besuchte. Nichts war daher wahrscheinlicher, als daß sein Licht am vorhergehenden Abend meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Ich erinnerte mich dabei unwillkürlich, daß Diana mit dem Priester in einem gewissermaßen ebenso geheimnisvollen Verkehr wie mit Rashleigh stand. Nie hatte sie mir Vaughans Namen genannt oder nur auf ihn hingedeutet, außer bei unserm ersten Zusammentreffen, wo sie den alten Priester und Rashleigh als die einzigen umgänglichen Wesen im Schlosse, außer sich selbst, bezeichnete. Wenn sie aber auch über den Pater nichts sprach, so war sie doch jedesmal, wenn er im Schlosse erschien, in angstvoller, zaghafter Stimmung, die erst dann von ihr wich, wenn sie ein paar bedeutsame Blicke miteinander gewechselt hatten.
Ich erinnere mich, einige Male gesehen zu haben, daß sie einander Zeichen machten, die ich damals für Winke über die Beobachtung irgend einer religiösen Zeremonie gehalten hatte, weil ich wußte, wie schlau die katholischen Priester überall und zu allen Zeiten ihren Einfluß auf die Gemüter ihrer Anhänger behaupten. Jetzt aber war ich geneigt, diesen Mitteilungen eine tiefere, und geheimnisvollere Bedeutung beizulegen. Hatte er geheime Zusammenkünfte mit Fräulein Vernon in der Bibliothek? und, wenn das der Fall war, in welcher Absicht? Und warum sollte sie mit dem Vertrauten des treulosen Rashleigh in so vertraulichem Verkehr stehen?
Sechzehntes Kapitel
Die Gefühle von Teilnahme und Eifersucht, welche Dianas sonderbare Lage in mir erregte, machten mich zu einem so scharfen Beobachter ihrer Blicke und Handlungen, daß es ihrem Scharfsinn nicht entging, so viel ich mir auch Mühe gab, es zu verbergen. Das Bewußtsein, von meinen Blicken beobachtet oder vielmehr bewacht zu werden, schien ihr Verlegenheit, Pein und Unmut zu verursachen. Zuweilen war es, als suche sie eine Gelegenheit, ihre Empfindlichkeit über ein Betragen zu äußern, das ihr beleidigend sein mußte, wenn man in Betracht zog, wie offen sie von den Schwierigkeiten gesprochen hatte, die sie umringten. Manchmal schien sie sich fest vorgenommen zu haben, darüber zu sprechen, aber entweder verließ sie der Mut, oder irgend ein andres Gefühl hielt sie ab, Aufklärung zu verlangen. Ihr Unmut verflog in einer witzigen Antwort, und ihre Klagen erstarben auf ihren Lippen. Wir standen in einem sonderbaren Verhältnisse zu einander. Einen großen Teil unsrer Zeit, nach beiderseitiger Wahl, mit einander zubringend, verhehlten wir doch unsre gegenseitigen Gefühle, und des einen Tun reizte den andern zur Eifersucht oder Empfindlichkeit. Es war Vertraulichkeit zwischen uns ohne Vertrauen; auf der einen Seite Liebe ohne Hoffnung oder Zweck und Neugier ohne einen vernünftigen und angemessenen Beweggrund; auf der andern Seite Verlegenheit und Zweifel, wozu sich gelegentlich Unmut gesellte. Dennoch glaub ich, daß diese Erregung der Leidenschaften, die fortdauernd durch tausend anreizende und anziehende, wenn auch unbedeutende Umstände, immerwährend uns einander näher führte, dazu beitrug, die Neigung zu erhöhen, die uns gegenseitig anzog. Aber Diana besaß einen zu ausgebildeten und bestimmten Charakter, als daß sie über ihrer Liebe zu mir hätte vergessen sollen, was ihr die Pflicht, und was ihr die Klugheit gebot, und sie bewies mir dies in einer Unterredung, die wir um diese Zeit hatten.
Wir saßen zusammen in der Bibliothek. Diana blätterte in einer Ausgabe des »Rasenden Roland«, die mir gehörte, als ein beschriebnes Blatt herausfiel. Ich wollte es schnell aufheben, allein sie kam mir zuvor.
»Es sind Verse,« sprach sie, auf das Papier blickend, und indem sie es zögernd entfaltete, als ob sie meine Antwort erwarten wollte, fuhr sie fort: »Darf ich so frei sein? – O wenn Ihr errötet und stammelt, muß ich Eurer Bescheidenheit Gewalt antun, und die Erlaubnis voraussetzen.«
»Es ist nicht wert, daß Ihr es lest – ein Brocken von einer Uebersetzung. – Mein teures Fräulein, es würde ein zu strenger Ausspruch erfolgen, wenn Ihr, die Ihr mit der Urschrift so wohl bekannt seid, im Gerichte sitzen solltet.«
»Mein ehrlicher Freund,« erwiderte Diana, »wenn Ihr guten Rat von mir annehmen wollt, so ködert Eure Angel nicht mit zu viel Bescheidenheit; denn es gilt zehn gegen eins, Ihr fangt nicht eine einzige Schmeichelei damit. Ihr wißt, ich gehöre zu dem unbeliebten Geschlechte der Wahrheitssager, und Apollo selbst würde keine Schmeichelei über seine Leier erhalten.«
Nach diesen Worten las sie die erste Stanze, aber schon nach wenigen Zeilen brach sie mit den Worten ab: »Das geht ja endlos fort. Ist mir viel zu lang!«
»Auch wohl kaum Eurer Aufmerksamkeit wert, Fräulein,« sprach ich etwas empfindlich, und nahm ihr das Blatt weg, das sie mir ohne Widerstreben überließ. »Und dennoch,« fuhr ich fort, »dürfte ich mir zuweilen hier in meiner abgesonderten Lage wohl kaum in bessrer Weise die Zeit vertreiben können, als wenn ich, versteht sich nur zu meinem eignen Vergnügen, die Übersetzung dieses bezaubernden Dichters wieder vornähme, die ich vor einigen Monaten am Ufer der Garonne begann.«
»Es fragt sich nur,« sprach Diana, »ob Ihr Eure Zeit nicht doch zu etwas Besserm verwenden könntet.«
»Ihr meint, zu eignen Arbeiten?« sagte ich höchst geschmeichelt; »doch aufrichtig gesprochen, mein Geist versteht sich mehr darauf; Worte und Reime zu finden, als Gedanken; daher fühl ich mich glücklich, die zu brauchen, welche mir Ariosto in die Hände liefert. Aber die Aufmunterung, die Ihr mir gebt, Fräulein –