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Sie schien überrascht, ob über meinen plötzlichen Eintritt oder über sonst etwas konnte ich nicht erraten; allein ihr Wesen zeigte eine so hohe Unruhe, wie ich nie an ihr bemerkt hatte. Nach einem Augenblick war sie jedoch ruhig; und so mächtig ist das Gewissen, daß ich, der sie überraschen wollte, selbst überrascht schien und gewiß der Verlegenste war.

»Ist etwas vorgefallen?« sagte Fräulein Vernon. »Ist jemand im Schlosse angekommen?«

»Niemand, daß ich wüßte,« antwortete ich mit einiger Verwirrung; »ich suchte nur nach Orlando.«

»Da liegt er,« sprach Diana, auf den Tisch zeigend.

Indem ich nach dem Buche suchte und einige andre beiseite legte, sah ich den Handschuh eines Mannes auf dem Tische liegen. Dianas Blicke begegneten den meinigen, und sie errötete tief.

»Es ist eine meiner Reliquien,« sprach sie mit unsichrer Stimme, nicht meine Worte, sondern meine Blicke beantwortend; »es ist einer von den Handschuhen des Großvaters, das Urbild des trefflichen Vandyke, den Ihr bewundert.«

Als wenn sie glaubte, daß die bloße Versicherung nicht genügte, ihre Behauptung glaubhaft erscheinen zu lassen, öffnete sie einen Schiebkasten des großen eichnen Tisches, nahm einen Handschuh heraus und warf ihn mir zu. Wenn ein von Natur aufrichtiges Gemüt sich zu Zweideutigkeit und Verstellung herabläßt, erregt oft die ängstliche Unruhe, womit die ungewohnte Sache verrichtet wird, bei dem Zuhörer einen Zweifel an der Wahrheit. Ich warf einen schnellen Blick auf beide Handschuhe und erwiderte dann ernst: »Die Handschuhe sind sich allerdings in Gestalt und Stickerei ähnlich; allein sie machen kein Paar, da sie beide an die rechte Hand gehören.«

Sie biß sich ärgerlich in die Lippen und errötete von neuem.

»Ihr habt recht, mich nicht zu schonen,« sprach sie mit Bitterkeit. »Andre Freunde würden aus dem, was ich sagte, bloß geschlossen haben, daß ich keine besondre Erkärung über einen Umstand geben wollte, der keine bedarf – wenigstens für einen Fremden. Ihr habt besser geurteilt, und mich nicht allein fühlen lassen, wie gemein Doppelzüngigkeit ist, sondern auch wie unfähig ich bin, mich zu verstellen. Ich sage Euch nun deutlich, daß dieser Handschuh nicht zu jenem gehört, wie Ihr scharfsinnig bemerkt habt. Er gehört einem Freunde, der mir noch teurer ist, als das Urbild von Vandykes Gemälde – einem Freunde, dessen Rat mich geleitet hat und leiten wird, den ich verehre, den ich –«

Sie schwieg. Ich war gereizt durch ihr Benehmen und ergänzte die abgebrochne Rede auf meine Weise: »Den sie liebt, wollte Fräulein Vernon sagen.«

»Und wenn ich so sagte,« erwiderte sie stolz, »wer will mich wegen meiner Zuneigung zur Rede stellen?«

»Ich nicht, Fräulein Vernon, gewiß nicht. Ich bitte Euch, mich nicht einer solchen Anmaßung zu zeihen. Aber,« fuhr ich etwas nachdrücklich fort, da ich auch empfindlich war, »Fräulein Vernon wird hoffentlich einem Freunde verzeihen, dem sie diesen Namen zu entziehen geneigt scheint, wenn er bemerkt –«

»Bemerkt nichts, mein Herr,« fiel sie mit einiger Heftigkeit ein, »außer daß ich mir weder Zweifel an meiner Person noch zudringliche Fragen gefallen lassen will. Von keinem Menschen auf Erden will ich mich verhören und beurteilen lassen, und wenn Ihr diese ungewöhnliche Zeit, Euch sehen zu lassen, gewählt habt, um meine Heimlichkeiten zu erspähen, so ist die Freundschaft oder Teilnahme, die Ihr für mich empfinden wollt, nur eine armselige Entschuldigung unhöflicher Neugier.«

»Ich befreie Euch von meiner Gegenwart,« sprach ich, ebenso stolz wie sie; denn meiner Gemütsart war es von jeher fremd, nachzugeben, selbst wo meine Gefühle am tiefsten ergriffen waren. »Ich erwache aus einem lieblichen, aber täuschenden Traume, und – doch, wir verstehen uns nun.«

Ich hatte die Tür des Zimmers erreicht, als Diana, wie es oft geschah, von einer plötzlichen Regung durchdrungen, mich einholte, meinen Arm ergriff und mit jenem Ausdruck von Hoheit, den sie so wunderbar annehmen konnte, und der, bei der Unbefangenheit und Einfalt ihres Betragens, so besonders anziehend war, mich zurückhielt.

»Halt, Herr Franz!« sprach sie. »Auf diese Weise sollt Ihr mich nicht verlassen. Ich bin nicht so reichlich mit Freunden versehen, daß Ich selbst die undankbaren und selbstsüchtigen wegstoßen könnte. Merkt, was ich sage, Herr Osbaldistone; Ihr sollt nichts von diesem geheimnisvollen Handschuh erfahren –« und, sie hielt ihn bei diesen Worten empor, – »nichts, nein, nicht ein Jota mehr, als Ihr bereits wißt, und dennoch soll er nicht zu einem Fehdehandschuh zwischen uns beiden werden. Mein Aufenthalt hier,« fuhr sie fort, in einen sanftern Ton fallend, »muß notwendig sehr kurz sein, der Eurige noch kürzer. Wir werden uns bald trennen und nie uns wiedersehen. Wir wollen uns nicht streiten und wollen uns die wenigen Stunden, die wir noch beisammen sein werden, diesseits der Ewigkeit nicht durch mein geheimnisvolles Unglück verbittern.«

Ich weiß, nicht, durch welche Zauberkraft dies einnehmende Wesen eine so völlige Herrschaft über ein Gemüt erhielt, das ich manchmal selber nicht beherrschen kann. Beim Eintritt in den Büchersaal war ich entschlossen, eine Erklärung zu suchen. Diana hatte mir dieselbe mit unwilligem Trotz verweigert und mir ins Gesicht gestanden, daß sie einen Nebenbuhler vorziehe; denn wie konnte ich anders den eingestandnen Vorzug des geheimnisvollen Vertrauten auslegen? Und dennoch, als ich das Zimmer verlassen und für immer mit ihr brechen wollte, brauchte sie nur Blick und Ton zu ändern, und von jener wahren und stolzen Empfindlichkeit zu freundlicher, scherzender, mit Wehmut und Ernst gepaarter Gewalt überzugehen, und sie hatte mich zur Annahme ihrer harten Bedingungen gezwungen und auf meinen ursprünglichen Platz zurückverwiesen. »Was hilft das?« sprach ich, als ich mich niedersetzte. »Was kann es helfen, Fräulein Vernon? Warum soll ich Zeuge von Verlegenheiten sein, die ich nicht erleichtern kann, und von Geheimnissen, die ich nicht einmal versuchen darf zu enthüllen, ohne Euch zu beleidigen? So unerfahren Ihr in der Welt seid, kann es Euch doch nicht entgehen, daß eine junge, schöne Frau nur einen männlichen Freund haben kann. Selbst bei meinem Freunde würde ich eifersüchtig sein auf einen dritten, unbekannten und verheimlichten Vertrauten; aber bei Euch, Fräulein –«

»Natürlich seid Ihr eifersüchtig, und zwar nach allen Graden und Launen dieser liebenswürdigen Leidenschaft. Aber, mein lieber Freund, Ihr habt die ganze Zeit über nichts gesprochen, als armseliges Gewäsch, welches Schwachköpfe so lange aus Schauspielen und Romanen nachsprechen, bis sie solchem Kauderwelsch einen wichtigen und mächtigen Einfluß auf ihr Gemüt gestatten. Knaben und Mädchen schwatzen sich in die Liebe hinein, und wenn ihre Liebe schläfrig wird, schwatzen und necken sie sich in die Eifersucht. Aber Ihr und ich, Franz, wir sind vernünftige Wesen, und weder einfältig noch müßig genug, um uns in irgend ein andres Verhältnis, als offne, redliche, uneigennützige Freundschaft, hinein zu sprechen. Jede andre Verbindung zwischen uns ist unmöglich. – Die Wahrheit zu sagen,« fügte sie nach augenblicklicher Pause hinzu, »wenn ich auch so nachgiebig gegen den weiblichen Anstand bin, ein wenig zu erröten über meine Aufrichtigkeit, wir können uns nicht heiraten, wenn wir auch wollten, und wir dürften es nicht, wenn wirs könnten.«

Und gewiß, sie errötete auf das lieblichste, als sie diese grausame Erklärung aussprach. Ich wollte eben ihre beiden Behauptungen angreifen, gänzlich uneingedenk des Verdachtes, der sich mir an diesem Abend bestätigt hatte, aber sie fuhr mit einer kalten Festigkeit, die an Strenge grenzte, fort: