»Was ich sage, ist einfache, unbestreitbare Wahrheit, worüber ich weder Fragen noch Erklärungen haben will. Wir sind also Freunde, Herr Osbaldistone? – Nicht wahr?« Sie hielt die Hand dar, aber die meinige fassend, setzte sie hinzu: »Und nichts andres, jetzt oder künftig, als Freunde.«
Sie ließ meine Hand los. Ich senkte sogleich mit derselben das Haupt, überwältigt von der Güte und Entschiedenheit ihres Wesens. Sie gab schnell dem Gespräch eine andre Wendung. »Hier ist ein Brief,« sprach sie, »richtig und deutlich an Euch überschrieben, der aber, bei aller Vorsicht der Person, die ihn schrieb und beförderte, vielleicht nie in Eure Hände gekommen wäre, hätte nicht ein gewisser Pacolet, ein bezauberter Zwerg, Besitz davon erhalten, den ich, wie alle unglücklichen Mädchen in Romanen, in meinen geheimen Diensten habe.«
Ich öffnete den Brief, überlief den Inhalt, – und das Blatt fiel aus meiner Hand: »Gütiger Himmel!« rief ich unwillkürlich aus, »meine Torheit und mein Ungehorsam haben meinen Vater zu grunde gerichtet!«
Diana erhob sich mit Blicken wahrer und zärtlicher Unruhe. »Ihr erblaßt – Ihr seid krank – soll ich Euch ein Glas Wasser bringen? Ermannt Euch, Herr Osbaldistone, seid stark! Ist Euer Vater – ist er nicht mehr?«
»Er lebt, Gott sei Dank!« sprach ich; »aber in welcher Not und Beschwerde –«
»Wenn das alles ist, so verzweifelt nicht. Darf ich den Brief lesen?« fragte sie und hob ihn auf.
Ich bejahte es, kaum wissend, was ich tat. Sie las ihn mit großer Aufmerksamkeit.
»Was ist dieser Tresham, der den Brief unterschrieben hat?«
»Meines Vaters Geschäftsteilhaber, aber er nimmt nur wenig tätigen Anteil an den Geschäften des Hauses.«
»Er spricht hier von mehreren Briefen, die früher an Euch abgegangen sind,« sprach Diana.
»Ich habe keinen davon erhalten,« erwiderte ich.
»Und wie es scheint,« fuhr sie fort, »ist Rashleigh, der seit Eures Vaters Reise nach Holland die ganze Führung der Geschäfte übernommen hat, vor einiger Zeit mit Waren und Geldsummen, zur Bezahlung ansehnlicher Wechsel, die Euer Vater einigen Personen in London ausgestellt hatte, von London nach Schottland gereist, und man hat seitdem nichts von ihm gehört.«
»Es ist nur zu wahr.«
»Und dann hat man,« fuhr sie, in den Brief blickend, fort, »einen Buchhalter oder dergleichen – Owenson – Owen nach Glasgow geschickt, um Rashleigh, wo möglich, aufzufinden, und man ersucht Euch, gleichfalls dahin zu reisen und ihm in seinen Nachforschungen beizustehen.«
»So ist es, und ich muß sogleich abreisen.« »Bleibt noch einen Augenblick,« sprach Diana. »Das Schlimmste, was aus dieser Sache erfolgen kann, scheint mir der Verlust einer gewissen Geldsumme zu sein, und kann dies Tränen in Eure Augen bringen? Schämt Euch, Herr Osbaldistone!«
»Ihr tut mir unrecht,« Fräulein Vernon,« antwortete ich. »Nicht der Verlust ists, was mich bekümmert, sondern die Wirkung, die er unfehlbar auf meines Vaters Gemüt und Gesundheit haben wird. Sollte seine Zahlungsunfähigkeit erklärt werden, so würde er ins Grab sinken, niedergedrückt von Kummer, Vorwürfen und Verzweiflung, gleich einem Krieger, den man der Feigheit beschuldigt, oder wie ein Mann von Ehre, der Rang und Ansehen in der Welt verloren hat. Alles dies hätte ich vermeiden können durch das geringe Opfer eines törichten Stolzes und einer Arbeitsscheu, die mich zurückhielten, die Geschäfte seines ehrenwerten und nützlichen Berufs zu teilen! Guter Himmel! wie werde ich die Folgen meiner Verirrung wieder gut machen!«
»Ihr müßt sogleich nach Glasgow reisen, wie Euer Freund in diesem Briefe Euch bittet.«
»Aber wenn Rashleigh wirklich den schändlichen und gewissenlosen Plan geschmiedet hat, seinen Wohltäter zu plündern, wie kann ich da Mittel zu finden hoffen, einen so tief angelegten Entwurf zu vereiteln?«
»Die Hoffnung ist freilich ungewiß; allein auf der andern Seite ist es unmöglich, Eurem Vater etwas zu nützen, wenn Ihr hier bleibt. Bedenkt, wenn Ihr den Euch zugedachten Platz eingenommen hättet, so hätte dies Unglück nicht geschehen können; eilt jetzt dorthin, wohin man Euch ruft, und es läßt sich vielleicht wieder gut machen. – Aber wartet, bleibt hier, bis ich wiederkomme.«
Sie ließ mich allein. Nach wenigen Minuten kam sie zurück und hielt ein Papier in der Hand, das wie ein Brief gefaltet und versiegelt, aber ohne Ueberschrift war. »Ich will Euch,« sprach sie, »diese Probe meiner Freundschaft anvertrauen, weil ich die vollkommenste Zuversicht in Eure Ehre setze. Wenn ich die Natur Eures Unfalls recht verstehe, so müssen die Geldsummen, welche in Rashleighs Händen sind, an einem gewissen Tage – ich glaube, der zwölfte September ist genannt – wieder erlangt werden, damit sie zur Zahlung jener Wechsel gebraucht werden können. Lassen sich daher hinreichende Summen vor jener Zeit finden, so ist Eures Vaters Kredit gesichert.«
»Gewiß, so verstehe ich Treshams Brief« – ich blickte noch einmal hinein und setzte hinzu: »Es ist ohne Zweifel so.«
»Gut in diesem Falle,« sprach Diana, »wird Euch mein kleiner Pacolet nützlich sein. – Dieser Brief enthält einen Zauber. Nehmt ihn hin, und öffnet ihn nicht eher, bis andre gewöhnliche Mittel fehlgeschlagen haben. Wenn Ihr durch eigne Anstrengungen das Ziel erreicht, so habe ich das Vertrauen auf Eure Ehre, daß Ihr ihn vernichtet, ohne ihn zu öffnen oder öffnen zu lassen. Aber wo nicht, so könnt Ihr das Siegel brechen zehn Tage vor der verhängnisvollen Zeit, und Ihr werdet Nachweisungen finden, die Euch wahrscheinlich von Nutzen sind. – Lebt wohl, Franz, wir sehen uns nie wieder –, aber denkt zuweilen an Eure Freundin Diana Vernon.«
Sie reichte mir die Hand, aber ich drückte sie an meine Brust. Sie seufzte, als sie sich aus der Umarmung wand, gegen die sie sich nicht wehrte, eilte durch die Tür, welche zu ihrem Wohnzimmer führte, und ich sah sie nicht wieder.
Achtzehntes Kapitel
Die Trennung von Fräulein Vernon schmerzte mich tief, allein nicht so sehr, daß nicht auch das Mißgeschick, welches meinem Vater drohte, meine Aufmerksamkeit beschäftigt hätte, und andrerseits bedrückten mich die erhaltenen Nachrichten weniger, weil sie nicht allein meine Seele erfüllten. Ich war weder ein treuloser Liebhaber noch ein gefühlloser Sohn, aber der Schmerz kann unsre Empfindung nur bis zu einem gewissen Grade erregen, und wenn zwei Veranlassungen denselben zugleich in Anspruch nehmen, wird der Anteil unter ihnen geteilt, wie die Summen bei dem Bankerott.
Sorgfältig dachte ich über den Inhalt des Briefes nach. Er war recht unklar gehalten, und ich wurde in mehreren Punkten an Owen verwiesen, den ich sobald als möglich in Glasgow aufsuchen sollte, wo ich ihn bei den Herren Macvittie, Macfin und Compagnie, Kaufleuten in dieser Stadt, erfragen könne. Es war Bezug genommen auf mehrere Briefe, die verloren oder unterschlagen sein mußten, und wurde über mein hartnäckiges Schweigen Klage geführt, was doch höchst ungerecht gewesen wäre, wenn meine Briefe ihr Ziel erreicht hätten. Ich war äußerst bestürzt. Nicht einen Augenblick konnte ich zweifeln, daß Rashleighs Geist mich umspukte und die Zweifel und Gefahren beschwor, die mich umringten; dennoch erwog ich mit Entsetzen, wieviel Büberei und Macht er zur Ausführung seiner Entwürfe aufgewendet haben müsse. In einer Hinsicht kann ich mir Gerechtigkeit widerfahren lassen; die Trennung von Fräulein Vernon, so sehr sie mich in andrer Beziehung und zu einer andern Zeit bekümmert hätte, trat in den Hintergrund, wenn ich der Gefahren dachte, die meinem Vater drohten.
Der Erfolg meiner Erwägungen war ein fester Entschluß, am nächsten Tage das Schloß zu verlassen und ohne Verzug Owen in Glasgow aufzusuchen. Ich hielt es nicht für ratsam, meinem Oheim diesen Vorsatz anders mitzuteilen, als durch einen Brief, worin ich ihm für seine Gastfreundschaft dankte, und ihm versicherte, daß eine dringende und wichtige Angelegenheit mich abhalte, persönlich meine Erkenntlichkeit zu bezeugen. Ich wußte, der schlichte alte Ritter werde mich leicht entschuldigen, und ich glaubte so fest an Rashleighs weit verbreitete, entschiedene Ränke, daß ich besorgte, wenn ich meine Abreise öffentlich bekannt machte, werde er Mittel finden, ein Unternehmen zu verhindern, das auf die Störung seiner Anschläge berechnet war.