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»Und warum bist Du so schnell geritten, Du Schurke?« erwiderte ich in heftiger Aufregung.

»Was wollt Ihr, mein Herr?« fragte Andreas mit unerschütterter Ernsthaftigkeit.

»Was ich will, Du Schelm? – Ich habe seit einer Stünde Dir zugerufen, langsamer zu reiten, und Du hast mir nicht einmal geantwortet. Bist Du trunken oder wahnsinnig?«

»Ich höre etwas schwer und will nicht leugnen, daß ich einen Schluck getan habe, ehe ich die alte Hütte verließ, wo ich so lange wohnte; und da ich niemand hatte, der mir zutrank, mußt' ich mir selber Bescheid tun oder den Rest des Branntweins den Papisten zurücklassen.« Dies konnte wahr sein, aber da ich bei meiner Lage darauf angewiesen war, mich mit meinem Wegweiser auf gutem Fuße zu halten, so begnügte ich mich, ihm anzudeuten, künftig nach meinen Vorschriften die Art und Weise der Reise einzurichten. Dreister gemacht durch meinen milden Ton, stimmte er den seinigen hinauf, pedantisch und eingebildet, wie er sich meistens zeigte.

»Niemand wird mich überreden, daß es gesund und klug ist, in der Nachtluft über ein Moor zu gehen, ohne eine Herzstärkung von Nelkenwasser oder dergleichen vorher zu nehmen. Ich bin hundertmal über Otterscope-Rigg, bei Tag und bei Nacht, gewandert, und habe meinen Weg immer am besten gefunden, wenn ich meinen Morgenschluck im Magen und außerdem noch zwei Fäßchen Branntwein an jeder Seite hatte.« –

»Mit andern Worten, Andreas, Ihr waret ein Schleichhändler.«

Daß ich mit dieser Vermutung recht hatte, stellte sich bei näherer Nachfrage heraus. Mir war dies deshalb wichtig, weil es mir seine Brauchbarkeit als Führer bewies. Selbst jetzt, obwohl gemäßigter trabend, schien doch der Frühtrank, oder was sonst auf des Gärtners Bewegungen wirkte, nicht ganz seinen Einfluß verloren zu haben. Er warf oft einen starren, ängstlichen Blick hinter sich, und so oft der Weg ebener schien, zeigte er Spuren des Verlangens, schneller zu reiten, als wenn er Verfolgung befürchte. Dieser Anschein von Besorgnis verminderte sich allmählich, als wir auf den Rücken einer Hügelreihe kamen, welche östlich und westlich weit fortlief, und auf beiden Seiten sich steil hinabsenkte. Die bleichen Strahlen des Mondes erleuchteten jetzt den Rand des Himmels, und als Andreas, rückwärts blickend, keine Gestalt eines menschlichen Wesens auf dem Moore sah, das wir hinter uns zurückgelassen hatten, erheiterten sich nach und nach seine rauhen Züge, er fing an zu pfeifen, klopfte den Hals des Pferdes, das ihn so wacker getragen, und als ich dadurch auf das Tier aufmerksam wurde, erkannte ich sogleich Thorncliffs Lieblingsroß. »Was ist das?« sprach ich streng; »diese Stute gehört Junker Thorncliff!«

»Ich will nicht leugnen, daß sie dem Junker zu ihrer Zeit gehört hat, aber jetzt ist sie mein.«

»Du hast sie gestohlen, Schurke!«

»Nein, nein, Herr! Niemand kann mich des Diebstahls beschuldigen. Die Sache steht so, seht Ihr – Junker Thorncliff borgte mir zehn Pfund ab, als er zum Pferderennen nach York ging, und da ich mein Eigentum wieder verlangte, wollt' er mir nichts geben und sagte bloß, er wollte mir alle Knochen im Leibe zerschlagen. Nun habe ich mich an seinem Pferde schadlos gehalten. Wenn er mich nicht auf Heller und Pfennig bezahlt, kriegt er nie wieder ein Haar von seinem Schwanze zu sehen. Ich kenne einen Schreiber in Lochmaben, der mir zu einem Vergleich mit ihm helfen wird.«

Ich war höchst entrüstet über Andreas' Tat, beschloß indes, ihm das, Pferd, sobald wir das Ende unsrer Reise erreicht hätten, abzukaufen und es Thorncliff zurückzuschicken, was ich vorläufig meinem Oheim vom nächsten Postorte bekannt machen wollte. Mit Andreas unterdessen länger zu zanken, hielt ich für überflüssig.

Neunzehntes Kapitel

In der ersten schottischen Stadt, die wir erreichten, suchte mein Begleiter seinen Freund und Ratgeber auf, um mit ihm zu überlegen, wie auf fügliche und gesetzliche Weise das Pferd zu seinem rechtmäßigen Eigentum gemacht werden könne, das gegenwärtig nur durch jene eigenmächtigen Mittel ihm gehörte, die noch immer zuweilen in dieser einst gesetzlosen Gegend vorkommen. Es freute mich, ihn mit betrübter Miene zurückkehren zu sehen. Er war, scheint es, eher zu offenherzig gegen seinen vertrauten Freund, den Anwalt, gewesen, und erfuhr zu seinem großen Leidwesen auf seine rückhaltlose Freimütigkeit, daß Touthope indessen Friedensschreiber geworden und genötigt war, alle dergleichen Fälle dem Gericht anzuzeigen. Nach der Versicherung dieses behenden Polizeimitgliedes mußte das Pferd mit Beschlag belegt und gegen Hinterlegung von zwölf schottischen Schillingen per diem in Verwahrung genommen werden, bis die Frage über das Eigentumsrecht gehörig geprüft und entschieden worden sei. Er sprach sogar davon, daß seine Pflicht ihm auferlege, den ehrlichen Andreas selbst festzuhalten; doch auf die dringenden Bitten meines Führers stand er nicht allein von diesem Vorhaben ab, sondern schenkte ihm sogar einen kurzatmigen Klepper zur Fortsetzung seiner Reise. Für diese Handlung der Großmut mußte ihm der arme Andreas freilich seine Rechte und Ansprüche auf Thorncliffs stattliches Roß übertragen.

Andreas tat, als ich ihn hierüber befragte, sehr niedergedrückt; daß er so um etwas geprellt worden sei, was er sich mit Gefahr seines Halses angeeignet hatte, hätte ihn nicht halb so sehr gekränkt, meinte er, wenn es unter den Engländern geschehen wäre; aber es sei eine schlimme Sache mit anzusehen, wie eine Krähe der andern die Augen aushacke oder ein guter Schottländer einen andern betrüge. Doch ohne Zweifel habe sich alles in seinem Vaterlande sehr verändert seit der bösen und trübseligen Vereinigung beider Königreiche.

Nach diesem Ausgange der Sache glaubte ich, von aller Sorge um das Pferd befreit zu sein, und schrieb meinem Oheim, wie es nach Schottland gekommen sei, und daß es sich in den Händen der Gerechtigkeit und ihrer würdigen Stellvertreter befinde, an die ich ihn wegen des Nähern verwies.

Wir setzten nun die Reise in nordwestlicher Richtung fort, und weit langsamer, als wir zur Nachtzeit England verlassen hatten. Eine Reihe kahler, reizloser Hügel folgte der andern, bis sich das fruchtbare Tal des Clyde vor uns öffnete, und bald erreichten wir die Stadt Glasgow. Ein ausgedehnter stetig wachsender Handel mit Westindien und Amerika hat, soviel ich weiß, den Grund zu ihrem Reichtum und Wohlstand gelegt. Zu jener Zeit war die Morgenröte dieses Glanzes noch nicht angebrochen. Die Vereinigung mit England hatte zwar Schottland den Handel mit den englischen Kolonien eröffnet, aber Mangel an Kapital und die Nationaleifersucht der Engländer schlossen die schottischen Kaufleute noch großenteils von dem Gebrauche des Vorrechts aus, welches dieser denkwürdige Vertrag ihnen verliehen hatte. Glasgow galt schon damals für den wichtigsten Ort im westlichen Schottland. Der breite, nahe an den Mauern strömende Clyde gewährte die Mittel zu einem nicht unerheblichen inländischen Handel. Nicht allein, die fruchtbaren Ebenen der umliegenden Gegend, sondern auch die Bezirke von Ayr und Dumfries betrachten Glasgow als ihre Hauptstadt, in die sie ihre Erzeugnisse bringen, und dagegen feinere Handelsartikel und andre Gebrauchsartikel empfangen.