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Die dunklen Gebirge des westlichen Hochlands schickten oft ihre wilden Stämme auf die Märkte von St. Mungos Lieblingsstadt. Herden von wilden, zottigen, zwerghaften Rindern und Pferden, von Hochländern geführt, die ebenso wild und zottig, und zuweilen auch so zwerghaft waren, wie ihre Tiere, sah man häufig in den Straßen. Fremdlinge blickten mit Ueberraschung auf die altertümliche, seltsame Tracht und lauschten auf die unbekannten, mißfälligen Töne ihrer Sprache, während die Gebirgsbewohner, selbst bei diesem friedlichen Verkehr mit Flinte und Pistole, Schwert und Dolch bewaffnet, voll Erstaunen auf Gegenstände der Ueppigkeit schauten, deren Gebrauch sie nicht kannten, und mit etwas beunruhigender Habsucht auf solche Dinge blickten, die sie kannten und schätzten. Der Hochländer verläßt immer ungern seine Wirrnisse, und in jenen frühen Zeiten war es, als ob man eine Fichte aus ihrem Felsen riß, wenn man sie wo andershin verpflanzen wollte. Allein schon damals waren die Täler des Hochlandes so reichlich bevölkert, daß viele ihrer Bewohner nach Glasgow wanderten, sich da niederließen, und Beschäftigung suchten und fanden, so verschieden sie auch von dem Leben war, das sie in ihrer Heimat geführt hatten. Dieser Zuwachs an starken und nützlichen Einwohnern hatte Einfluß auf den Wohlstand des Ortes, verschaffte die Mittel zur Fortsetzung einiger Industrien, die bereits der Stadt einen rühmlichen Namen gemacht hatten, und legten den Grund zu ihrem künftigen Reichtum.

Das Aeußere des Ortes paßte zu diesen verheißungsvollen Auspizien. Die vornehmste Straße war breit und ansehnlich, mit öffentlichen Gebäuden geschmückt, von mehr auffallender als geschmackvoller Bauart, und die hohen steinernen Häuser an den Seiten, deren Vorderseite gelegentlich reich mit Mauerwerk verziert war, gaben der Straße einen Ausdruck von Würde und Pracht.

Es war ein Sonntagmorgen, als ich mit meinem Begleiter in der westlichen Hauptstadt von Schottland ankam. Geläute schallte vom Turme, und das Gedränge der vielen Menschen, die zu der Kirche wollten, verkündete die Ehrfurcht für diesen heiligen Tag. Wir stiegen vor der Tür einer muntern Wirtsfrau ab, von der wir höflich empfangen wurden. Mein erster Gedanke war natürlich, Owen aufzusuchen, aber auf meine Nachfrage erfuhr ich, daß, bevor die Kirche aus sei, jede Bemühung vergebens sein würde. Die Wirtin und mein Führer versicherten einstimmig, im Hause Mac Vittie und Compagnie, an das ich mich zu wenden hatte, werde keine lebendige Seele, geschweige denn einer der Inhaber zu finden sein. Sie seien gesetzte Männer und würden sich da befinden, wo gute Christen zu dieser Zeit sein sollten, nämlich in der Kirche.

Ich beschloß denn, auch in die Kirche zu gehen, mehr mit dem Vorsatze, womöglich etwas von Owens Ankunft zu erfahren, als mich zu erbauen. Meine Hoffnung, wurde durch die Versicherung erhöht, daß Herr Ephraim Mac Vittie, wenn er am Leben sei, gewiß heute die Kirche besuchen und, wenn er einen Fremden beherberge, ihn ohne allen Zweifel mitnehmen werde. Diese Mutmaßung bestimmte mich in meinem Vorsatze und unter dem Geleit meines Reisebegleiters machte ich mich auf den Weg nach der Kirche.

Bei dieser Gelegenheit hatte ich indes seine Führung entbehren können, denn die Menschenmenge, welche den steilen, rauhen Steinweg hinanzog, um den beliebtesten Prediger von West-Schottland zu hören, hätte mir schon den Weg gewiesen. Als wir den Gipfel des Hügels erstiegen hatten, traten wir linker Hand durch eine große Flügeltür auf den weiten Kirchhof, der das Münster umgibt. Die Kirche ist ein wuchtiges, düsteres Gebäude in gotischer Bauart; allein ihr eigentümlicher Charakter hat sich so wohl erhalten und paßt so gut zu der Umgebung, daß der Eindruck, den sie auf den ersten Blick macht, im höchsten Grade ernst und feierlich ist.

In einer volkreichen und angesehenen Stadt gelegen, liegt über diesem ehrwürdigen, Gebäude doch die tiefste Einsamkeit. Hohe Mauern trennen es auf der einen Seite von der Stadt; auf der andern ist es von einer Schlucht begrenzt, durch deren Tiefe, unsichtbar dem Auge, ein Bach murmelt, dessen Geräusch die Feierlichkeit des Schlosses erhöht. Jenseits der Schlucht ragt eine steile Höhe empor, dicht mit Föhren bedeckt, deren dunkle Schatten sich düster über den Kirchhof verbreiten. Der Kirchhof selbst gewährt einen eignen Anblick; denn so geräumig er auch ist, bietet er doch nicht Raum genug für die, die hier beerdigt werden. Daher kann nirgends das lange, wuchernde Gras emporschießen, das gewöhnlich jene Stätten überzieht, wo die Bösen keinen Schaden mehr stiften und die Müden ruhen. Die breiten, flachen Denksteine sind so dicht an einander gerückt, daß der Kirchhof ganz damit überzogen scheint, und obwohl nur von dem Himmel überwölbt, gleichen sie dem Fußboden in einer unsrer alten englischen Kirchen, der mit Grabschriften bedeckt ist. Der Anblick dieser traurigen Denkmale der Sterblichkeit, der vergebliche Kummer, den sie berichten, die ernste Lehre, welche sie über die Nichtigkeit menschlicher Dinge erteilen, die weite Fläche, die sie decken, und ihr einförmiger trauriger Inhalt erinnerten mich an jene Rolle des Propheten, die da war »beschrieben inwendig und auswendig, und es waren darin geschrieben Klagen und Trauer und Wehe.«

Der Dom harmoniert in seiner ernsten Hoheit mit dieser Umgebung. Sein Bau ist schwerfällig, doch wäre die Wirkung des Ganzen zerstört, wenn er leichter gebaut oder mehr verziert wäre.

Zwanzigstes Kapitel

So ungeduldig mein Führer auch war, mußte ich doch einige Minuten noch verweilen, um das Aeußere des Gebäudes zu betrachten, das nun in der Einsamkeit, die es umgab, noch ehrwürdiger erschien. Die bis jetzt offen stehenden Türen waren verschlossen, nachdem sie gleichsam die Menschenmenge verschlungen hatten, die erst auf dem Friedhof sich drängte, doch nun, im Innern des Gebäudes, wie die Stimmen des schwellenden Chorgesanges uns verkündeten, zu feierlicher Andacht beisammen war. Der Ton so vieler Stimmen, durch die Entfernung in eine Harmonie vereint, und frei von jenen rauhen Mißklängen, die das Ohr in der Nähe beleidigen, verschmolz mit dem Murmeln des Baches und dem Winde, der durch die alten Föhren rauschte, und erregte in mir das Gefühl der Erhabenheit.

Als ich noch auf die feierlichen Klänge lauschen wollte, ergriff mich Andreas beim Aermel; »Kommt, Herr, kommt!« sprach er., »Wir dürfen nicht zu spät hineingehen und den Gottesdienst stören; wenn wir hier bleiben, werden die Aufseher kommen und uns auf die Wache bringen, als Müßiggänger zur Kirchzeit.«

Auf diese Mahnung folgte ich meinem Führer, aber nicht, wie ich vermutet hatte, zur Haupttüre. »Hierher! hierher!« rief er, mich davon wegziehend. »Dort ist nur frostige Wahrheit! – fleischliche Moral, so kraft- und saftlos wie Rauke im Juli. Hier ist der wahre Wohlgeruch der reinen Lehre!«

Mit diesen Worten trat er in eine niedrig gewölbte Pforte, die ein ernst aussehender Mann eben verschließen zu wollen schien, und wir stiegen mehrere Stufen hinab, wie zu einem Grabgewölbe unter der Kirche. So war es auch; denn in diesen unterirdischen Kreisen war, aus mir unbekannten Gründen, ein höchst sonderbarer Ort zum Kirchendienst errichtet.

Man denke sich eine lange Reihe niedrig gewölbter, finstrer Hallen, wie sie anderswo zu Begräbnissen gebraucht werden, und auch hier dazu gedient hatten. Ein Teil davon war mit Sitzen versehen und wurde als Kirche gebraucht. Die so hergerichteten Gewölbe konnten zwar eine Versammlung von mehreren Hunderten fassen, waren aber weit kleiner als die dunklern und ausgebreitetern Höhlen, welche rings umher gähnten. In diesen öden Höhlen der Vergessenheit bezeichneten düstre Banner und zerrissene Wappenschilder die Gräber derjenigen, welche einst ohne Zweifel »Fürsten in Israel« waren. Inschriften in veralteter Sprache, nur dem Altertumsforscher lesbar, luden den Wanderer ein, für die Seelen derjenigen zu beten, deren Gebeine hier ruhten. Umringt von diesen letzten Ueberresten der Sterblichkeit, fand ich eine zahlreiche Versammlung eben im Gebete begriffen. So standen mehrere Hunderte beiderlei Geschlechts und von jedem Alter, die Männer mit unbedecktem Haupte, und hörten ehrerbietig und aufmerksam dem Gebete zu, das ein alter, sehr beliebter Geistlicher aus dem Stegreif sprach. In diesem Glauben erzogen, neigte sich mein Gemüt zu ernster Teilnahme an dieser Andachtsübung, und erst als die Versammlung wieder die Sitze einnahm, richtete sich meine Aufmerksamkeit auf alles, was mich umgab.