Als der Gottesdienst zu Ende war und die Versammlung auseinander ging, zeigte mir mein Freund Andreas den Herrn Mac Vittie und dessen ganze Familie. Ich erblickte in ihm einen langen, magern, ältlichen Mann mit harten Gesichtszügen, dicken, grauen Augenbrauen, lichten Augen und, wie mir vorkam, einem hämischen Ausdruck, vor welchem mein Herz zurückbebte. Ich dachte gleich an die erhaltene Warnung und zögerte, den Mann anzureden, wiewohl ich mir selbst keinen vernünftigen Grund für Abneigung und Argwohn angeben konnte.
Noch war ich unentschlossen, als Andreas, der meine Zögerung für Schüchternheit hielt, mir zuredete: »Sprecht mit ihm – sprecht mit ihm, Herr Franz! Er wird Euch gewiß ausführlichen Bescheid geben, wenn Ihr kein Geld von ihm verlangt; denn die Leute sagen, so reich er auch ist, zieht er doch nicht gern den Beutel.«
Mir war es sofort klar, daß, falls dieser Kaufmann in der Tat so geizig wäre, ich mich nicht so ohne weiteres zu erkennen geben dürfte, da ich ja über den Stand seiner Geschäfte mit seinem Vater nicht genau unterrichtet war. Diese Erwägung verstärkte den Eindruck, den die geheimnisvolle Warnung auf mich gemacht hatte, und die unangenehme Meinung, die ich beim ersten Blick von diesem Manne gewonnen hatte. Anstatt mich also direkt an ihn zu wenden, sprach ich nur den Wunsch aus, Andreas möchte sich erkundigen, ob Herr Owen sich im Hause Mac Vitties aufhalte. Er sollte dabei meiner Person nicht Erwähnung tun und mir nach dem kleinen Gasthaus, in welchem wir abgestiegen waren, Bescheid bringen. Das versprach Andreas zu tun.
Ende des ersten Bandes.
Zweiter Band
Erstes Kapitel
Von trüben Ahnungen erfüllt, wofür ich mir selbst keinen befriedigenden Grund angeben konnte, verschloß ich mich in mein Zimmer im Wirtshause und fing ernstlich zu überlegen an, was am besten zu tun sei. Ich war nie eigentlich abergläubisch; allein es war etwas so seltsam Zurückstoßendes in den Zügen des schottischen Kaufmanns, daß ich nicht beschließen konnte, mich ohne Vorsicht in seine Hände zu geben. Auf der andern Seite hatte die warnende Stimme, die ich hinter mir hörte, die Gestalt, welche einem Schatten gleich durch jene Grabhallen schwebte, etwas Anziehendes für die Phantasie eines jungen Mannes, der noch überdies ein junger Dichter war.
Wenn mich Gefahr umringte, wie die geheimnisvolle Nachricht andeutete, wie hatte ich anders sie kennen lernen oder Mittel finden sollen, ihr auszuweichen, als wenn ich den unbekannten Ratgeber aufsuchte, dem ich nur freundliche Absichten beilegen zu können glaubte. Rashleigh und seine Ränke kamen mir mehr als einmal in den Sinn; allein ich war in so großer Eile gereist, daß ich nicht vermuten konnte, er sei von meiner Ankunft in Glasgow benachrichtigt, viel weniger vorbereitet, einen bösen Streich gegen mich auszuführen. Ueberdies fehlte es mir nicht an Mut und Zuversicht, ich war stark und rüstig und verstand mich auf die Handhabung von Waffen, worin alle jungen Franzosen damals geübt waren. Einen einzelnen Feind fürchtete ich nicht, und ich beschloß, meinen geheimnisvollen Ratgeber, seinem Winke gemäß, auf der Brücke zu treffen und nachher meinen Entschluß den Umständen entsprechend zu fassen. Ich darf nicht verhehlen, was ich mir damals selbst zu verhehlen suchte, – die unterdrückte, doch heimlich genährte Hoffnung, daß von Diana Vernon auf unbekannte Weise diese seltsame Warnung ausgehe. Sie allein, – flüsterte diese verführerische Hoffnung – sie allein wußte von meiner Reise; nach ihrer eignen Angabe besaß sie Freunde und Einfluß in Schottland; sie hatte mir einen Talisman erteilt, dessen Macht ich erproben sollte, wenn alle andern Mittel fehlschlugen. Wer, als Diana Vernon, besaß Mittel, Geschicklichkeit und Neigung, die Gefahren abzuwenden, welche, wie es schien, meine Schritte umringten? Diese schmeichelhafte Erklärung meiner bedenklichen Lage stellte sich mir immer von neuem dar.
Ich eilte ins Freie, und ohne es zu wollen, schlug ich den Weg nach jener Brücke ein. Bis zu der angegebenen Zeit mußten jedoch noch ein paar Stunden vergehen. Diese Zwischenzeit war, wie sich leicht denken läßt, langweilig genug, und ich kann kaum sagen, wie sie vergangen ist. Mannigfache Gruppen von Menschen, jung und alt, wandelten längs der großen Wiese am östlichen Ufer des Flusses, die zu einem Spaziergange der Einwohner dient, oder gingen mit langsamen Schritten über die lange Brücke, welche zum westlichen Teil der Grafschaft führt. Allmählich war mir, als wenn es den Leuten auffiele, daß ich so unentwegt hier auf und ab ging, und ich verließ diesen vielbegangnen Weg und begab mich auf die einsamere Allee, die quer über die Wiese führte.
Zu meiner Ueberraschung hörte ich plötzlich Andreas' Stimme. Ich brauchte nur hinter einen Baum zu treten, um unbemerkt zu bleiben und seiner abgeschmackten Zudringlichkeit zu entgehen. Mit einem ernst aussehenden Manne, der einen schwarzen Rock, herabhängenden Hut und langen Mantel trug, ging er langsam vorüber, und ich hörte, wie er eine Schilderung erteilte, die meine Selbstliebe zwar als Zerrbild verpönen, aber dennoch ähnlich finden mußte.
»Ja, ja, wie ich Euch sage, Herr Hammorgaw,« sprach er. – »Es fehlt ihm keineswegs an Verstand, er sieht recht gut ein, was vernünftig ist – aber er ist toll und töricht mit seinem poetischen Unsinn. Ein nackter Felsen, über welchen ein Bach herabfällt, ist ihm so lieb, wie ein Garten mit blühenden Pflanzen und Küchenkräutern. Und hernach schwatzt er lieber mit einer albernen Dirne, man nennt sie Diana Vernon – als daß er hörte, was ihm gut tun würde sein Leben lang, von Euch oder mir oder andern verständigen und ehrbaren Leuten. Vernunft, Herr, kann er nicht ertragen – Gott helf' ihm!«
Sein Freund verriet bloß seine Meinung durch ein: »Ei, ei,« und: »Ist's so?« und dergleichen Ausdrücke des Anteils, bis er endlich eine längere Bemerkung machte, die ich nur aus meines getreuen Wegweisers Worten abnahm: »Meine Meinung soll ich ihm sagen, verlangt Ihr? Da wär Andreas wohl ein Narr! Er hat den Teufel im Leibe, Herr! – Aber der Bursche ist bei alledem nicht bös; er braucht nur jemand, der auf ihn acht gibt. Das Gold läuft ihm durch die Hand wie Wasser, und 's ist kein übel Ding, ihm nah zu sein, wenn er den Beutel in der Hand hat, und er legt ihn selten weg. Und dann ist er von guter Herkunft.« –
Das letztere seiner Mitteilung sprach er leiser, und entfernte sich mit seinem Begleiter bald aus meiner Nähe. Die Nacht war nun angebrochen. Die zunehmende Dunkelheit gab der breiten, stillen Oberfläche des tiefen und angeschwollenen Stromes zuerst eine gleichförmig dunkle Farbe, dann ein trübes, unruhiges Aussehen, hier und da matt vom abnehmenden Monde beleuchtet. Die starke, alte Brücke, die sich über den Fluß streckte, war kaum noch sichtbar.
Je tiefer die Nacht herniedersank, desto stiller wurde die Gegend; doch sah man zuweilen ein Licht längs dem Ufer blinken, hörte zuweilen auch den Hufschlag eines Pferdes, das einen Landbewohner, der den Sonntag in Glasgow zugebracht hatte, nach Hause trug. Aber diese Erscheinungen wurden nach und nach seltener und hörten endlich ganz auf, bis ich einsam an den Ufern des Clyde in feierlicher Stille wandelte, die nur durch den Stundenschlag, der von den Kirchtürmen ertönte, unterbrochen ward.
Je tiefer die Nacht herniedersank, desto größer wurde aber auch meine Ungeduld über die Ungewißheit, in der ich mich befand. Sie wurde bald unausstehlich, und mich überkamen Zweifel, ob, was mich getäuscht, der Streich eines Toren, der Aberwitz eines Verrückten oder der überlegte Anschlag eines Schurken sei, und mit unglaublicher Unruhe und Verlegenheit ging ich auf dem kleinen Strandwege hin, der zum Eingang der Brücke führt. Endlich erklang von der Hauptkirche St. Mungo die zwölfte Stunde, und nach einander folgten die übrigen Türme. Kaum war der Widerhall des letzten Tones verklungen, als eine Menschengestalt, die erste, die ich seit zwei Stunden gesehen, vom westlichen Ufer her über die Brücke kam. Ich ging ihr entgegen mit einer Empfindung, als ob mein Schicksal von dem Erfolge der Zusammenkunft abgehangen hätte: in solch lebhafte Besorgnis hatte mich das lange Warten gesetzt. Ich kam dem Wanderer näher und sah nun, daß er mehr unter, als über Mittelgröße, doch anscheinend stark, untersetzt und kräftig war und daß ein Reitermantel ihn umhüllte. In der Erwartung, daß er mich anreden werde, blieb ich stehen und ließ ihn näher kommen; aber ich sah mich unangenehm getäuscht, als er schweigend vorüber ging. Ich blieb stehen und blickte ihm nach, ungewiß, ob ich ihm folgen sollte. Der Unbekannte ging bis beinahe an das östliche Ende der Brücke, blieb dann stehen, sah sich um und kam wieder auf mich zu. Ich nahm mir vor, ihn diesmal nicht vorbei zu lassen, ohne ihn anzusprechen, sondern sprach ihn, als er mir gegenüber ging, mit den Worten an: