Выбрать главу

»Ah! ah!« rief Dougal, die lauten Ausrufungen seines Staunens abschwächend und mit verstärkter Wachsamkeit umherblickend ... »Nein! Euch hier zu sehen! Euch hier! Was würde aus Euch werden, wenn die Gerichtsdiener Wind davon kriegten – die schmutzigen Halunken!«

Mein Führer legte den Finger auf den Mund und sagte: »Fürchtet nichts, Dougal; Eure Hand soll mich nie einriegeln.«

»Das soll sie nicht,« sprach Dougal; »sie sollte – sie würde – das heißt, sie möchte sich eher bis zum Ellbogen abhauen lassen. – Aber wann geht Ihr wieder hinunter? Und Ihr laßt michs doch wissen? Ich bin ja Euer armer Vetter, Gott weiß, nur im siebenten Grade.«

»Ich wills Euch wissen lassen, Dougal, sobald meine Pläne in Richtigkeit sind.«

»Und meiner Treu! Wenn Ihr's tut, und wenn's Sonnabend nacht wäre, schmeiß' ich dem Aufseher die Schlüssel an den Kopf oder brauche sie zu sonst was – und das, eh's Sabbath morgen wird – so wirds geschehen.«

Der geheimnisvolle Fremde unterbrach die Ausrufe seines Bekannten von neuem und redete ihn in der Sprache an, die, wie ich nachher erfuhr, Gälisch oder Ersisch war, vermutlich, um ihm zu sagen, was er von ihm verlangte. »Von Herzen gern! Von ganzer Seele!« war die Antwort, womit der Schließer seine Bereitwilligkeit zu erkennen gab. Dann putzte er die Lampe, die dem Verlöschen nahe war, und gab mir ein Zeichen zu folgen.

»Geht Ihr nicht mit?« fragte ich den Fremden.

»Es ist unnötig,« erwiderte er; »meine Gesellschaft könnte Euch ungelegen sein, und besser ists, ich bleibe und decke den Rückzug.«

»Ihr werdet mich doch nicht in Gefahr locken?« fragte ich.

»In keine Gefahr, die ich nicht selber im doppelten Maße teilte,« antwortete der Fremde mit einem so zuversichtlichen Tone, daß kein Mißtrauen aufkommen konnte.

Ich folgte dem Schließer. Er ließ die innere Pforte hinter sich offen, fühlte mich eine Wendeltreppe hinauf, dann durch einen schmalen Gang und trat, nachdem er eine Tür geöffnet hatte, in ein enges Gemach, setzte die Lampe auf den kleinen hölzernen Tisch, sah auf das Strohlager in einer Ecke und sagte dann mit leiser Stimme:

»Sie schläft.«

»Sie! – Wer? – Kann es Diana Bernon sein, in dieser Wohnung des Elends!« rief ich.

Ich wendete meine Blicke auf das Lager, und mit einem Gefühle, worin getäuschte Erwartung sich seltsam mit Freude mischte, sah ich, daß ich mich in meiner ersten Vermutung geirrt hatte. Ich erblickte einen Kopf, der weder jung noch hübsch war, mit dichtem, grauen Barte, in einer roten Nachtmütze. Der Schlummernde erwachte aus einem tiefen Schlafe, gähnte und rieb sich die Augen, ... und ich erkannte keine andern Züge, als die meines Freundes Owen. Um ihm Zeit zur Erholung zu lassen, zog ich mich ein wenig zurück. Da fiel mir zum Glück ein, daß ich nur ein Fremder in diesem Aufenthalte des Herzeleids war, und daß jedes Geräusch üble Folgen haben könnte.

Der unglückliche Formalist hatte sich indessen von dem Strohlager aufgerichtet, und sich auf die eine Hand stützend und mit der andern seine Nachtmütze rückend, sprach er mit einem Tone, worin so viel Unmut, als er empfinden konnte, mit Schläfrigkeit stritt:

»Laßt Euch sagen, Herr Dugwell oder wie Ihr sonst heißen möget, die Totalsumme von der Sache ist, daß ich mich bei dem Lordmajor beklagen muß, wenn Ihr mich solchergestalt in meiner nächtlichen Ruhe stört.«

»Ein Herr will mit Ihnen sprechen,« erwiderte Dougal in dem echten mürrischen Tone eines Schließers, der grell abstach von dem hellen Klange hochländischer Begrüßung, womit er meinen geheimnisvollen Führer empfangen hatte, und entfernte sich.

Es verging einige Zeit, ehe ich den unglücklichen Schläfer so weit brachte, daß er wußte, wer da sei; aber der Schmerz des würdigen Mannes, der natürlicherweise voraussetzte, daß ich seine Gefangenschaft teilen sollte, war grenzenlos.

»O, Herr Franz! Wohin habt Ihr Euch und unser Haus gebracht! An mich selber denk ich nicht, ich bin gleichsam nur eine Ziffer; aber Ihr wäret Eures Vaters Hauptsumme – Ihr hättet der erste Mann im ersten Hause der ersten Stadt sein können, und nun eingeschlossen in einen schmutzigen schottischen Kerker, wo man nicht einmal den Staub von den Kleidern bürsten kann – o! das ist fürchterlich!«

Er rieb mit grämlicher Empfindlichkeit den braunen Rock, der ehedem nicht einen Fleck zeigte und jetzt allen Unrat des Fußbodens an sich hatte.

»O, der Himmel sei uns gnädig!« fuhr er fort. »Was für eine Neuigkeit wird das sein auf der Börse! Dergleichen hat man nicht gehört seit der Schlacht von Almanza, wo das Ganze des britischen Verlustes auf 5000 Tote und Verwundete und eine unbestimmte Anzahl von Vermißten angegeben ward – aber was ist das gegen die Nachricht, daß Osbaldistone und Tresham aufgehört haben zu zahlen?«

Ich unterbrach ihn, um ihm zu sagen, daß ich nicht Gefangener sei, obwohl ich kaum zu erklären vermochte, wie ich zu solcher Zeit an diesen Ort gekommen war. Ich konnte seine Fragen nur dadurch zum Schweigen bringen, daß ich ihn fortwährend über seine eigne Lage fragte, und er sagte mir alles, was er wußte. Unter den zwei Handelsfreunden meines Vaters in Glasgow, wo er wegen seines Verkehrs mit Schottland bedeutende Geschäfte machte, hatte sich das Haus Mac Vittie und Compagnie am gefälligsten und willfährigsten gezeigt und bei jeder Gelegenheit dem großen englischen Hause nachgegeben. Was mein Vater vorschrieb, war für Mac Vittie und Comp. Gesetz, und die Spitzfindigkeiten, deren sich Owen im Geschäftsverkehr befleißigte, waren ihnen kaum weniger heilig. Bei Owen galt dieser Ton tiefer Ehrerbietung für bare Münze, aber mein Vater, der das menschliche Herz genauer kannte, und entweder gegen solches Uebermaß von Unterwürfigkeit Argwohn faßte, oder als ein Freund der Kürze und Einfachheit im Geschäfte der weitschweifigen Beteuerungen dieser Herren müde war, hatte sich ihrem Verlangen, die einzigen Geschäftsträger im Hochlande zu werden, beständig widersetzt. Er ließ im Gegenteil vieles durch einen Handelsfreund von ganz entgegengesetzter Sinnesart besorgen, einen Mann, dessen gute Meinung von sich selber bis zum Dünkel stieg, den Engländern im allgemeinen ebenso abgeneigt, wie mein Vater den Schottländern, nur auf dem Fuße völliger Gleichheit verkehren wollend, überdies eifersüchtig, gelegentlich streitsüchtig war, und ebenso hartnäckig wie Owen an seinen Meinungen in bezug auf Form hing.

Diese Eigenheiten der Gemütsart machten es schwierig, mit Nikolaus Jarvie zu verhandeln, und gaben gelegentlich Anlaß zu Differenzen zwischen ihm und dem englischen Handelshause, die nur deshalb nicht zum offnen Bruche führten, weil man auf beiden Seiten Vorteile für sich hatte. Ueberdies wurde Owens persönliche Eitelkeit bei den Erörterungen, die sie veranlaßten, zuweilen ein wenig gekränkt, und man kann sich daher nicht wundern, daß unser alter Freund immer seinen Einfluß zu gunsten der höflichen, bescheidenen, willfährigen Herren Mac Vittie und Mac Fin anwendete, und Jarvie als einen trotzigen, eingebildeten schottischen Krämer bezeichnete, mit dem sich kein Geschäft machen ließe.

Unter diesen Umständen, die ich erst späterhin genauer erfuhr, konnte es nicht überraschen, daß Owen in der verdrießlichen Lage, in welche das Haus durch meines Vaters Abwesenheit und Rashleighs Verschwinden geraten war, bei seiner Ankunft in Schottland, wo er zwei Tage vor mir eintraf, sich an die Freundschaft jener Handelsherren wendete, die sich immer gefällig und dankbar gezeigt hatten und seinem Herrn von Herzen zugetan waren. Man empfing ihn im Kontor von Mac Vittie und Mac Fin beinahe wie einen Schutzheiligen. Aber die Saiten erklangen auf einmal ganz anders, als er den Handelsfreunden die Bedrängnisse des Hauses eröffnete und sie um Rat und Beistand bat. Mac Vittie wäre fast in die Erde gesunken, als er solche Kunde vernahm, auf die er ganz und gar nicht gerechnet hatte, und Mac Fin stellte sofort im Hauptbuche fest, auf welcher Seite zwischen den beiden Häusern der Vorteil sei. Leider neigte sich die Schale bedeutend gegen die englische Firma, und die Gesichter der Handelsfreunde, die bisher nur bleich und zweifelnd ausgesehen hatten, wurden nun unheilverkündend, mürrisch und finster. Sie beantworteten Owens Ansuchen um Beistand mit dem Gegenverlangen schnellster Sicherstellung wegen des drohenden Verlustes, und forderten endlich unverhohlen, daß zu diesem Zweck gewisse Zahlungsmittel, über die in andrer Weise verfügt werden sollte, in ihre Hände gegeben würden. Owen verweigerte diese Forderung mit großem Unwillen als entehrend für sein Handelshaus, ungerecht gegen die andern Gläubiger, und sehr undankbar von seiten derjenigen, welche sie stellten.