»Nichts mehr, Robin, nichts mehr! Wollen sehen, was sich tun läßt. Aber erwartet nicht, daß ich über die Grenze des Hochlandes gehe. Auf keinen Fall tu' ich das. Ihr müßt mich in Bucklivie oder im Wirtshause zu Aberfoil treffen, und dürft das nötige nicht vergessen.«
»Sorgt nicht, sorgt nicht,« sprach Campbell. »Ich will so treu sein, wie die Stahlklinge, die nie ihrem Herrn versagte. – Aber ich muß fort, Vetter; denn die Kerkerluft von Glasgow ist nicht die heilsamste für einen Hochländer.«
»Meiner Treu!« erwiderte der Kaufmann; »und wollt ich meine Schuldigkeit tun, so würdet Ihr keine andre Luft mehr atmen. O, daß ich einem helfen und beistehen muß, der Gerechtigkeit zu entrinnen! Es wird Schimpf und Schande sein für mich und die meinigen und meines Vaters Andenken auf immer.«
»Still! still!« erwiderte sein Vetter; »laßt diese Fliege nur an der Wand sitzen; wenn der Schmutz trocken ist, läßt er sich abreiben. Euer Vater, wackrer Mann, konnte eines Freundes Fehler ebensowohl übersehen, als ein andrer.«
»Ihr könnt recht haben, Robin,« antwortete Jarvie nach augenblicklichem Nachdenken. »Er war ein mächtiger Mann, der Vorsteher; er wußte, daß wir unsre Schwächen haben, und liebte seine Freunde. – Ihr habt ihn nicht vergessen. Robin?«
»Ihn vergessen?« erwiderte sein Vetter, »Was könnte es mir helfen, ihn zu vergessen? Er war ein tüchtiger Weber und wirkte mir die ersten Strümpfe. Doch laßt uns gehen, Vetter,
Kommt, füllt mir den Becher; kommt, füllt mir den Krug;
Kommt, sattelt die Pferde und ruft meinen Zug;
Kommt, öffnet die Tore und frei laßt mich fort,
Darf länger nicht weilen im stattlichen Ort.«
»Still, Herr,« sprach der Beamte gebieterisch. »Jubeln und Singen so nahe am Ende des Sabbaths? Das Haus könnte Euch noch in einem andern Tone singen hören. – I nun, wir haben ja wohl alle Fehltritte zu verantworten – Stanchells, macht die Tür auf!«
Der Kerkermeister gehorchte, und wir gingen alle hinaus. Mit einiger Ueberraschung sah er auf die beiden Fremden, ohne Zweifel verwundert, wie sie ohne sein Vorwissen hierher gekommen waren. Aber Jarvie's: »Freunde von mir, Stanchells, Freunde von mir!« legte allen Nachfragen Schweigen auf. Wir stiegen nun in das Vorhaus hinab und riefen mehrmals Dougals Namen, worauf aber keine Antwort erfolgte, und Campbell bemerkte mit höhnischem Lächeln, wenn er Dougal recht kenne, so werde er schwerlich gewartet haben, den Dank für seinen Anteil an dem Werke dieser Nacht zu empfangen, sondern wahrscheinlich mit starkem Schritt der Grenze zueilen.
»Und ließ uns, vor allem mich selbst, im Gefängnis eingeschlossen!« rief Jarvie zornig und bestürzt. »Schafft Hämmer, Brecheisen und Zangen! Schickt nach dem Schlosser und laßt ihn wissen, daß Stadtvogt Jarvie im Gefängnis eingeschlossen sei, von einem hochländischen Spitzbuben, den er hängen lassen will, so hoch als Haman –«
»Wenn Ihr ihn fangt,« sprach Campbell ernst. »Aber wartet, die Tür ist gewiß nicht verschlossen.«
In der Tat fanden wir bei der Untersuchung nicht allein die Tür offen, sondern auch, daß Dougal die Schlüssel mitgenommen hatte, damit ihm nicht sogleich jemand im Schließeramt folgen könne.
»Er hat jetzt einen Schimmer von gesundem Menschenverstand, dieser Dougal,« sprach Campbell. »Er wußte, daß eine offne Tür mir in der Klemme nützlich werden konnte.«
Wir waren indes auf der Straße. »Ich sag Euch, Robin,« sprach Jarvie, »wenn Ihr das Leben so fortführt, solltet Ihr, nach meinen Gedanken, in jedem Gefängnis in Schottland einen von Euren Anhängern als Türhüter haben für den schlimmsten Fall.«
»Einer von meinen Verwandten als Stadtvogt in jedem Orte wird ebenso gut sein, Vetter Niklas. – Und damit gute Nacht oder guten Morgen! Und vergeßt nicht das Wirtshaus von Aberfoil.«
Ohne die Antwort abzuwarten, sprang Campbell auf die andre Seite der Straße und verlor sich in der Dunkelheit. Gleich darauf hörten wir leise auf eine besondre Art pfeifen.
»Da hört Ihr die holländischen Teufel,« sprach Jarvie. »Sie meinen, sie wären bereits am Fuße des Ben Lomond, wo sie singen und pfeifen können, ohne sich um den Sonntag oder Samstag zu bekümmern.« – Indem er dies sprach, fiel etwas mit großem Gerassel vor uns auf die Straße nieder. – »Gott steh uns bei! Was ist das? Mathilde, leuchte hierher. – Wahrhaftig! Wenns nicht die Schlüssel sind. Nun, das ist ebenso gut, sie kosten der Stadt Geld, und es würde einiges Gerede über ihren Verlust gewesen sein. – O, wenn mancher etwas von dem Streiche dieser Nacht erführe, so könnt ich mir wohl ein graues Haar darüber wachsen lassen!«
Da wir nur wenige Schritte noch von dem Gefängnis entfernt waren, trugen wir die Schlüssel zurück und übergaben sie dem Oberaufseher, der im Vorhause Wache hielt, bis der Beistand ankam, den er verlangt hatte, um den entflohenen Dougal herbeizuschaffen.
Nach Erledigung dieser Pflicht gegen die Stadt, und da ich in derselben Richtung mit dem ehrlichen Beamten zu gehen hatte, so benutzte ich seine Leuchte und er meinen Arm, um uns durch die Straßen zu finden, die, wenigstens damals, dunkel, uneben und schlecht gepflastert waren. Das Alter ist leicht durch die Aufmerksamkeit der Jugend versöhnt. Jarvie äußerte Teilnahme an mir und setzte hinzu: da ich nicht zu dem Schauspielervolk gehöre, das seine Seele hasse, werde es ihn freuen, wenn ich gerösteten Kabeljau oder frischen Hering mit ihm zum Frühstück essen wollte; in Gesellschaft meines Freundes Owen, den er um jene Zeit in Freiheit setzen werde.
Mittlerweile waren wir vor seiner Tür angekommen. Er blieb indes auf der Schwelle stehen und fuhr im feierlichen Tone tiefer Zerknirschung fort: »Erstlich hab ich am Sabbath meinen eignen Gedanken nachgehangen, zweitens hab ich mich für einen Engländer verbürgt, und drittens und letztens hab ich, leider! einen Uebeltäter aus dem Gefängnis entkommen lassen. – Allein es gibt noch Balsam, Herr Osbaldistone! – Mathilde, ich finde den Weg, leuchte dem Herrn zum Wirtshaus an der Ecke. – Herr Osbaldistone,« flüsterte er mir zu, »seid nicht ungebührlich gegen die Mathilde, sie ist ehrbarer Leute Kind und eine nahe Verwandte des Lords von Limmerfields.«
Viertes Kapitel
Ich gedachte der Mahnung, die mir der ehrliche Beamte beim Auseinandergehen gegeben hatte, erachtete es indessen nicht für ungebührlich, der halben Krone, womit ich Mathildens Begleitung belohnte, einen Kuß beizufügen, zumal ihr: »Pfui schämt Euch, Herr!« keinen sonderlich heftigen Verdruß über die Beleidigung ausdrückte. Ich pochte wiederholt an der Tür. Ein paar Hunde, die sich verlaufen hatten, bellten, was die Lungen herhielten; ein paar Nachtmützen fuhren aus den benachbarten Fenstern und schimpften und wetterten über solche Störung der nächtlichen Ruhe. Darüber wachte auch die Wirtin auf und fing auf der Stelle an, verschiedenen Leuten in der Küche die Leviten zu lesen darüber, daß sie noch nicht an der Tür waren, mich an weiterem Skandalieren zu verhindern.
Diese Helden waren keine anderen, als der getreue Andreas, sein Freund der Vorsänger, und ein dritter, wie ich nachher erfuhr, der öffentliche Ausrufer. Sie saßen bei einem Kruge Doppelbier, auf meine Kosten, wie die Rechnung auswies, um die Art und Weise der Bekanntmachung zu überlegen, die am nächsten Tage in den Straßen erfolgen sollte, damit der unglückliche junge Mann, wie sie mich nannten, seinen Freunden ohne fernern Aufschub wieder zugeführt werde. Daß ich mein Mißvergnügen über diese unbescheidene Einmischung in meine Angelegenheiten nicht unterdrückte, wird sich jeder vernünftige Mensch allein sagen; Andreas überließ sich aber bei meiner Ankunft einem solchen Ausbruch der Freude, daß ich meinem Aerger tatsächlich gar nicht Luft machen konnte. Ich begnügte mich, ihm die Tür meines Schlafzimmers vor der Nase zuzuschlagen, als er hinter mir herlief, dem Himmel für meine Rückkehr dankend, und mir dringlich ans Herz legend, künftighin vorsichtiger zu sein, wenn ich allein ausginge, mit dem Vorsatz, mich dieses lästigen, pedantischen und eingebildeten Toren, der sich mehr als Aufseher, statt Diener betätigen zu wollen schien, am andern Morgen, bevor ich anderes vornähme, zu verabschieden.