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Mit diesen Worten setzte er seine Brille auf und nahm Platz, um die Angaben zu untersuchen, die Owen ihm, wie er es fürs klügste hielt, ohne allen Rückhalt bekannt gab. Ich war mit Geschäftssachen vertraut genug, um wahrnehmen zu können, wie genau und scharfsinnig Jarvie die Gegenstände beurteilte, die seiner Prüfung unterworfen wurden, und, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wieviel Ehrlichkeit und sogar Edelmut er dabei zeigte. Er kratzte freilich mehrmals sich hinter den Ohren, als er bemerkte, wie das Soll von Osbaldistone und Tresham in seiner eignen Rechnung stand.

»Es kann ein verlorner Posten sein,« bemerkte er; »und, auf Gewissen! was Eure Geldleute in London auch davon sagen mögen, bei uns in Glasgow ists keine Kleinigkeit. Es wird eine große Lücke reißen. Aber was ists denn? Ich hoffe, Euer Haus wird darum nicht fallen, was auch gekommen und gegangen sein mag, und wenns auch geschieht, so will ich nie so schlimm sein, wie die Raben hier in Gallowgate. Soll ich durch Euch verlieren, so werd ich doch nie leugnen, daß ich manches schöne Pfund Sterling durch Euch gewonnen habe.«

Er zeigte sichtlich freundschaftliche Teilnahme an den Angelegenheiten meines Vaters, schlug mehrere Hilfsmittel vor, billigte verschiedne Einrichtungen, die Owen angab, und zerstreute durch seinen Rat und Beistand nicht wenig den Trübsinn, der auf der Stirn dieses bekümmerten Mannes ruhte.

Da ich ein müßiger Zuschauer bei dieser Gelegenheit war, und vielleicht auch mehr als einmal einige Neigung verriet, die Unterhaltung wieder auf Cambell zu lenken, entließ mich Jarvie ohne viele Umstände mit dem Rate, ins Kollegium zu gehen, wo ich ein paar Personen finden würde, die Griechisch und Latein sprächen, wenigstens Geld genug dafür erhielten, es zu tun, und wo ich etwas von Body's Übersetzung der heiligen Schrift lesen könne, – bessere Poesie als irgend eine, wie er wenigstens von Leuten gehört habe, die dergleichen Dinge verstehen oder verstehen sollten. Er versüßte jedoch diese Abschiedspille durch eine Einladung, mittags bei ihm zu essen, aber pünktlich um ein Uhr, seiner wie auch schon seines Vaters Tischzeit, zu kommen.

Fünftes Kapitel

Ich begab mich, wie der würdige Beamte mir empfohlen hatte, nach dem Schulgebäude, um über mein künftiges Verhalten nachzudenken. Ich wanderte von einem Viereck der altmodischen Gebäude zum andern und dann in den Kollegiengarten, wo ich, angezogen durch Einsamkeit des Ortes, und über die Seltsamkeit des Schicksals sinnend, mehrmals auf- und abging.

Den Umständen gemäß, die mein erstes Zusammentreffen mit Campbell begleitet hatten, konnte ich nicht zweifeln, daß dieser Mensch sich mit irgend einem kühnen Unternehmen befaßte. Der Widerwille Jarvies, von ihm und seinen Verhältnissen, sowie von den Vorfällen der verwichnen Nacht zu sprechen, konnte meinen Argwohn nur verstärken. Dennoch hatte sich Diana Vernon, wie es schien, unbedenklich an ihn in bezug auf mich gewendet, und das Betragen des Stadtbeamten selbst gegen ihn zeigte eine seltsame Mischung von Güte und sogar Hochachtung mit Bedauern und Tadel. Es mußte etwas Ungewöhnliches in Campbells Lage und Denkungsart sein, und was mir noch seltsamer vorkam, sein Schicksal schien Einfluß auf das meinige üben zu sollen. Ich nahm mir vor, bei der ersten schicklichen Gelegenheit zu versuchen, ob sich von Jarvie Genaues über den geheimnisvollen Mann erforschen ließe; denn mir mußte daran liegen, festzustellen, ob ich, ohne Nachteil für meinen Ruf, fernere Gemeinschaft mit ihm unterhalten dürfe.

Damit beschäftigt, sah ich plötzlich meine Aufmerksamkeit auf drei Männer gelenkt, die am obern Ende des Ganges, wo ich schlenderte, in ernstlichem Gespräch begriffen zu sein schienen. Eine innere Stimme sagte mir, daß der mittlere jener drei Männer Rashleigh Osbaldistone war. Ihn anzureden war meine erste Regung; die zweite war, ihn zu beobachten, bis er allein sein würde, oder wenigstens seine Begleiter erst ins Auge zu fassen, ehe ich ihn selbst zur Rede stellte. Sie waren noch immer so weit entfernt, und so in ihr Gespräch vertieft, daß ich Zeit hatte, unbemerkt hinter eine Hecke zu treten.

Es war zu jener Zeit unter muntern Jünglingen Sitte, auf ihren Morgenspaziergängen einen Scharlachmantel überzuwerfen, den Stutzer zuweilen so trugen, daß er einen Teil

des Gesichts verhüllte. Was tat jetzt ich und konnte nun, von der Hecke beschirmt, an meinem Vater vorübergehen, unbemerkt von ihm und den andern. Ich erschrak nicht wenig, in Rashleighs Begleitern denselben Morris, der mich angeklagt hatte, und den Kaufmann Mac Vittie zu erkennen, dessen trotziges, strenges Ansehen am vorigen Tage mir so abstoßend gewesen war.

Ein Zusammentreffen schlimmerer Vorbedeutung hätte sich Wohl schwerlich für meine und meines Vaters Angelegenheiten denken lassen.

Als die drei Männer ein paar Schritte vorüber waren, kehrte ich um und folgte ihnen unbemerkt nach. Am Ende des Ganges trennten sie sich; Morris und Mac Vittie verließen den Garten, und Rashleigh kam allein den Gang zurück. Ich war entschlossen, ihm entgegen zu treten und Ersatz für die Kränkungen zu fordern, die er meinem Vater zugefügt hatte, wenngleich ich noch nicht wußte, auf welche Weise sich Ersatz schaffen ließe. Ich meinte jedoch, dies dem Zufall überlassen zu sollen, und trat, den Mantel zurückschlagend, durch eine Oeffnung der niedrigen Hecke Rashleigh entgegen.

Rashleigh war nicht der Mann, sich überraschen oder aus der Fassung bringen zu lassen. Als er jedoch mich so nahe vor sich sah, und wohl auch auf meinem Gesicht den Ausdruck des Unwillens las, der in meiner Brust glühte, war er sichtlich bestürzt.

»Gut, daß ich Euch treffe, Herr,« hub ich an; »ich wollte eben zu dem Zweck, Euch aufzusuchen, eine lange, unsichre Reise antreten.«

»Ihr kennt also den, den Ihr sucht, wenig,« erwiderte Rashleigh mit seiner unerschütterlichen Fassung. »Meinen Freunden wird es leicht, mich zu finden, leichter noch meinen Feinden. Euer Betragen nötigt mich zu der Frage, unter welche Klasse ich Franz Osbaldistone zu setzen habe.«

»Unter Eure Feinde,« antwortete ich, »unter Eure Todfeinde, wenn Ihr nicht sogleich gerecht werdet gegen Euren Wohltäter, meinen Vater, und Rechenschaft gebt von seinem Eigentum.«

»Und wem, Herr Osbaldistone, bin ich als Mitglied von Eures Vaters Handelshause über mein Verhalten in Dingen, die in jeder Hinsicht zu meinen eignen geworden sind, Rechenschaft abzulegen, gezwungen? Gewiß, nicht einem jungen Menschen, der so feinen, Geschmack an Literatur besitzt, daß solche Erörterungen ihm widrig und unverständlich sein würden!«

»Euer Spott, Herr ist keine Verantwortung; ich will nicht von Euch gehen, als bis ich volle Auskunft über den Betrug habe, auf den Ihr sinnt. – Ihr sollt mit mir vor Gericht.«

»Meinetwegen,« sprach Rashleigh und machte einige Schritte, als ob er mich begleiten wollte; dann blieb er stehen und fuhr fort: »Wäre ich geneigt, Eurem Ansinnen zu folgen, so würdet Ihr bald merken, wer von uns beiden am meisten Ursache hat, einen Richter zu scheuen. Aber ich hege keinen Wunsch, Euer Schicksal zu beschleunigen. Geht, junger Mann! Amüsiert Euch in Eurer Phantasiewelt und überlaßt die praktischen Geschäfte des Lebens denen, die sie zu führen wissen und führen können.«

Seine Absicht war, wie ich vermutete, mich zu reizen, und es gelang ihm. »Herr Osbaldistone,« sprach ich, »dieser Ton, so frech er bei aller Ruhe ist, soll Euch nichts helfen. Ihr solltet erwägen, daß der Name, den wir beide führen, nie einen Schimpf gelitten hat und in meiner Person keinem Schimpfe ausgesetzt sein darf.«

»Ihr erinnert mich,« sprach Rashleigh mit einem seiner finstersten Blicke, »daß dieser Name in mir entehrt worden ist! – Ihr erinnert mich auch, durch wen! Glaubt Ihr, ich hätte den Abend im Schlosse vergessen, wo Ihr wohlfeil und ungestraft den Eisenfresser auf meine Kosten spieltet? Für diesen Schimpf, der nur durch Blut abgewaschen werden kann, – wie auch dafür, daß Ihr mir zu verschiedenen Zeiten in den Weg getreten seid, und immer zu meinem Nachteil – dafür, daß Ihr mit törichter Hartnäckigkeit Entwürfe zu durchkreuzen sucht, deren Wichtigkeit Ihr weder kennt, noch fähig zu würdigen seid – für alles dies seid Ihr mir Rechenschaft von langer Hand schuldig, für die früh ein Tag der Rechnung kommen soll.«