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»Ueber alles dies bitt ich Euch nun um Euren Rat, Herr Jarvie; denn er wird mir ohne Zweifel den besten Weg zeigen, für meines Vaters Vorteil und meine eigne Ehre zu handeln.«

»Ihr habt recht, junger Mann, ganz recht,« sprach Jarvie. »Nehmt den Rat von Männern an, die älter und weiser sind als Ihr, und machts nicht, wie der gottlose Rehabeam, der mit jungen, unbärtigen Burschen Rat hielt und die Greise, die zu seines Vaters Salomo Füßen gesessen hatten, für nichts ansah. – Aber, junger Mann, ich mag nichts von Ehre hören; wir haben es hier einzig und allein mit der Kreditfrage zu tun. Ehre ist eine böse Madam, die umherspukt in allen Winkeln, die auf den Gassen Streit vom Zaune bricht; Kredit ist ein anständiger, ehrsamer Herr, der hübsch daheim bleibt und gut Spiel hat.«

»Ein wahres Wort, Herr Jarvie,« sprach unser Freund Owen, »Kredit ist die Hauptsumma, und wenn wir diese nur retten können, mit welchem Verlust es auch sei –«

»Recht so, Herr Owen, recht so,« erwiderte Jarvie; »Ihr sprecht verständig, und ich hoffe, die Sache wird sich noch wenden. Aber was Robin betrifft, so meine ich, er wird diesem jungen Manne gefällig sein, wenn es in seiner Macht steht. Er hat ein gutes Herz, der arme Robin, und ob ich gleich bei seinen frühern Geschäften zweihundert Pfund verlor, und nicht viel Hoffnung habe, je meine tausend Pfund Schottisch zurück zu sehen, die er mir jetzt verspricht, so sag ich dennoch, Robin meint's gut.«

»Ich darf ihn also für einen ehrlichen Mann halten?« fragte ich.

»I nun!« erwiderte Jarvie nach einigem Räuspern. – »Ja, er hat so eine hochländische Ehrlichkeit, – er ist ehrlich mit Vorbehalt, wie man zu sagen pflegt.«

»Aber glaubt Ihr,« fragte ich, »daß dieser Mann mir dienen kann, oder will, meinetwegen mit Vorbehalt – wie Ihr sagt – oder weiter, darf ich mich an den Ort wagen, wo ich ihn treffen sollte?«

»Ehrlich und aufrichtig gesagt, des Versuchs ist es wert. Ihr seht selbst, hier könnt Ihr ohne Gefahr nicht bleiben. Dieser Morris hat nicht weit von hier eine Zolleinnehmerstelle am Hafen bekommen. Alle Welt hält ihn bloß für einen Gänsekopf und ein Hasenherz, für einen Bummler und Leuteschinder; aber wenn er eine Anzeige macht, dann muß die Obrigkeit natürlicherweise sie annehmen und gelten lassen, wenn sie nicht widerlegt wird. Man könnte Euch also leicht einsperren, und das möchte für Eures Vaters Angelegenheiten doch sehr nachteilig sein.«

»Allerdings,« erwiderte ich; »dennoch sehe ich nicht ein, wie ich meinem Vater einen Dienst leisten könnte, wenn ich Glasgow verließe, wo wahrscheinlich der Hauptschauplatz von Rashleighs Ränken sein wird, und wenn ich, mich der zweifelhaften Treue dieses Mannes hingeben wollte, von dem ich wenig mehr weiß, als daß er die Gerechtigkeit fürchtet, wozu er schließlich seinen guten Grund haben mag; ganz abgesehen davon, daß er in enger Verbindung mit jenem Manne steht, der wahrscheinlich der Urheber unsers Verderbens sein wird.«

»Ei, Ihr beurteilt Robin recht streng,« sprach Jarvie – »den armen Schelm; aber Ihr wißt nicht, wie es in unserm Gebirge steht oder, wie wir es nennen, im Hochlande. Dort wohnt ein ganz andrer Menschenschlag, wie bei uns. Da gibt es keine Gerichtshöfe, keine Obrigkeiten, die das Schwert nicht umsonst tragen, gleich mir und andern Beamten in dieser Stadt. – Sondern der Laird befiehlt, und die Taugenichtse müssen bereit sein, und sie kennen kein anderes Gesetz, als die Länge ihrer Dolche. Das Schwert ist der Ankläger, die Tartsche ist der Verteidiger, der ärgste Trotzkopf hält's am längsten aus – da habt Ihr einen hochländischen Prozeß.«

Owen seufzte tief, und mir machte diese Beschreibung keine große Lust, mich in ein Land zu wagen, das von Recht und Gesetz so wenig kannte und hielt.

»Wir sprechen nicht viel von diesen Dingen,« fuhr Jarvie fort, »weil sie uns bekannt sind; und was nützt es, sein Vaterland und seine Verwandten zu schmähen vor Fremden? Es ist ein schlechter Vogel, der sein eignes Nest besudelt.«

»Gut, Herr; da aber nicht zudringliche Neugierde, sondern wirkliche Notwendigkeit mich antreibt, Erkundigungen einzuziehen, werdet Ihr's hoffentlich nicht übel nehmen, wenn ich Euch um einige weitere Nachricht bitte. Ich habe für meines Vaters Rechnung mit verschiedenen Herren in jenen wilden Gegenden zu tun, und ich muß von Eurer Einsicht und Erfahrung die nötige Aufklärung hierüber erwarten.«

»Erfahrung,« antwortete Jarvie, dem meine letzten Worte sicherlich geschmeichelt hatten,«hab' ich am Ende wohl, und da Ihr willens seid, Euch von dem Rat eines Glasgower Webers leiten zu lassen, bin ich nicht der Mann, der dem Sohne eines alten Handelsfreundes seinen Rat verweigert. Nun, ich will also nichts reden von Hochverrat und dergleichen, oder was am Ende daran streifte; aber diese Hochländer haben lange Arme, und da ich hin und wieder mal mich in unsre Berge begebe, um alte Verwandte zu besuchen, so wollt' ich mir nicht gern böses Blut mit irgend einem ihres Clans machen. Um also fortzufahren – Ihr müßt wissen, unsre Hochlande sind eine wilde Art von Welt, voll Höhen, Wälder, Höhlen, Seen, Flüssen und Bergen, die selbst des Teufels Flügel ermüden würden, wenn er bis zu ihrem Gipfel fliegen sollte. In diesem Lande und auf seinen Inseln, die wenig besser oder wohl noch schlimmer sind, gibt es an die zweihundertdreißig Kirchspiele. Ob sie da alle Gälisch sprechen, weiß ich nicht, aber sie sind alle ein rohes Volk. Rechne ich nun mäßig jedes Kirchspiel zu achthundert Menschen, nach Abzug der Kinder unter neun Jahren, und addiere dann ein Fünftel für Kinder von neun Jahren und darüber hinzu, so wird die ganze Volksmenge –«

»Gerade 220800 betragen,« sprach Owen, der erfreut in diese Berechnungen einging.

»Richtig, Herr Owen, vollkommen richtig. Und da im Hochlande jeder Mann zwischen achtzehn und sechsundfünfzig Jahren die Waffen trägt, kommt eine Zahl von annähernd 57500 Männern heraus. Nun ist's aber eine traurige Wahrheit, daß es weder Arbeit, noch den Anschein von Arbeit für die Hälfte dieser armen Menschen gibt; das will sagen, daß Ackerbau, Viehzucht, Fischerei und andre ehrliche Gewerbe nicht der halben Volksmenge Beschäftigung geben, und mögen sie noch so faul sein! Unter diesen annähernd 60000 Männern nun mag es an 28–29000 rüstige Jünglinge geben, die waffenfähig sind und Waffen tragen, und verteufelt wenig Lust haben, sich nach ehrlichen Mitteln für ihren Lebensunterhalt umzusehen, wenn sie's auch könnten, was aber leider nicht der Fall ist.«

»Ist's möglich? soll dies eine treue Schilderung eines so ansehnlichen Teils unsrer britischen Insel sein?« fragte ich.

»Ich will's Euch ganz klar machen, Herr,« sprach Jarvie. »Wir wollen annehmen, daß jedes Kirchspiel, gleich verteilt, fünfzig Pflüge beschäftigt, was in einem so armseligen Lande viel ist und Weide genug hat für Pferde, Ochsen und Kühe; nun setzen wir zur Besorgung des Feldes und Viehes fünfundsechzig Familien, jede zu sechs Köpfen, oder in runder Summe fünfhundert Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, welche arbeiten und sich von saurer Milch und Haferbrei nähren mag; aber ich möchte wohl wissen, was die andern fünfhundert tun?«

»Mein Gott!« rief ich, »was sagt Ihr, Herr Jarvie? Es schaudert mich, wenn ich an ihre Lage denke!«

»Herr,« sprach Jarvie, »Ihr würdet noch mehr schaudern, wenn Ihr in ihrer Nähe lebtet. Ich will zugeben, daß die Hälfte von ihnen sich ehrlich durchschlägt in Nieder-Schottland durch Erntearbeit, Viehtreiben, Heuen und Feldarbeit; aber es gibt noch immer manches Hundert oder Tausend langbeiniger hochländischer Burschen, die nicht arbeiten und bei ihren Verwandten umher liegen müssen, oder davon leben, daß sie tun, was der Laird befiehlt, mag's recht oder unrecht sein. Und vornehmlich kommen viele hundert an die Grenze des Niederlandes, wo es was zu nehmen gibt, und leben vom Viehdiebstahl und von anderen Räubereien. Das ist bejammernswert in einem christlichen Lande, um so mehr, als sie stolz darauf sind und Herdendiebstahl für eine wackre Tat halten, die sich besser für seine Leute zieme, als durch ehrliche Arbeit einen Tagelohn zu verdienen. Die Lairds sind genau so schlimm wie die Burschen; denn wenn sie Raub und Diebstahl auch nicht anbefehlen, so verbieten sie's ihnen doch auch nicht, und geben ihnen Schutz und Zuflucht in ihren Wäldern und Gebirgen und festen Schlössern, wenn der Diebstahl verübt worden ist. Das ist eine Plage unsrer Hochlande, die seit vielen hundert Jahren all den gesetzlosen, unchristlichen Landstreichern, die unser ruhiges, gottesfürchtiges West-Schottland beunruhigt haben, Aufenthalt und Unterstand gegeben hat.«