»Ihr glaubt also,« sprach ich, überrascht von dieser sonderbaren Ansicht der Sache, »daß Rashleigh meinem Vater so viel Schlimmes bloß zugefügt hat, in der Absicht, einen Aufstand der Hochländer zu beeilen?«
»Ohne Zweifel ist dies die Hauptursache gewesen. Eine andre ist das bare Geld, das er mitgenommen hat. Für Euren Vater ist dies nur ein geringer Verlust, obwohl es für Rashleigh der Hauptgewinn sein mag. Die mitgenommenen Papiere haben gar keinen Nutzen für ihn; damit kann er sich die Pfeife anzünden. Er hats bei Mac Vittie und Comp., wie ich durch einen guten Freund erfuhr, versucht, sie umzusetzen; aber sie haben ihn mit schönen Redensarten abgespeist. Man kennt Rashleigh in Glasgow besser, als man ihm traut, denn er war hier, anno 1707, in ein Jakobiten- und Papisten-Abenteuer verwickelt und hinterließ Schulden über Schulden. ... Nein, nein, hier wird er kein Papier los, denn man traut ihm nicht, wie er dazu kam. Er wird diese Ware im Hochlande in Sicherheit bringen, und mein Vetter Robin könnte wohl dazu gelangen, wenn er wollte.«
»Würde er aber geneigt sein, uns darin zu dienen?« sprach ich. »Wenn er die Sache der Jakobiten unterstützt und in ihre Anschläge verwickelt ist, wird er um meinetwillen oder, wenn Ihr wollt, um der Gerechtigkeit willen, dann etwas tun wollen, was Eurer Ansicht nach ihren Plänen von solchem Nachteil wäre?«
»Darüber kann ich nichts Bestimmtes sagen. Die Großen unter ihnen trauen Robin nicht, und er mag ihnen nicht trauen – er hat sich gut eigentlich nur mit den Argyles gestanden. Wäre er nicht in Bedrängnis, so würde er lieber auf Argyle's Seite treten, als auf Breadalbane's, denn es besteht eine alte Feindschaft zwischen der gräflichen Familie Breadalbane und seinem Stamm und Namen. Eigentlich steht Robin für sich allein. Er wird sich auf die Seite schlagen, die ihm am besten zusagt. Wenn der Teufel Laird wäre, so würde Robin sein Lehnsmann sein, und Ihr könnt's ihm nicht verargen, dem armen Schelm, in seinen Umständen. Aber eins ist sehr gegen Euch – Robin hat eine graue Mähre in seinem Stalle.«
»Was meint Ihr damit?«
»Robins Weib – ein furchtbares Weib. Sie kann den Anblick eines freundlichen Schottländers nicht ertragen, wenn er aus Nieder-Schottland kommt, viel weniger den eines Engländers, und sie wird eifrig für alles sein, was den König Jakob emporbringen und den König Georg stürzen kann.«
»Es ist doch seltsam,« erwiderte ich, »daß die Handelsunternehmungen Londoner Bürger mit Staatsumwälzungen und Revolten verwickelt werden sollten.«
»Durchaus nicht seltsam,« entgegnete Jarvie, »das sind nur Eure törichten Vorurteile. Ich habe erst letzt in Backer's Chronik gelesen, daß Londoner Kaufleute die Bank in Genua zwingen konnten, dem König von Spanien eine ansehnliche Summe, die sie ihm versprochen hatten, nicht vorzuschießen, wodurch die große spanische Armada ein halbes Jahr aufgehalten wurde. Was sagt Ihr dazu?«
»Daß die Kaufleute ihrem Vaterlande einen goldenen Dienst erwiesen, dessen unsere Geschichtsbücher ehrenvoll erwähnen sollten.«
»Das ist meine Meinung auch, und wer die drei bis vier ehrlichen hochländischen Häuptlinge davon abhielte, Hals über Kopf sich und ihre armen Leute ins Verderben zu stürzen, und Eures Vaters Kredit und mein eignes gutes Geld, das ich von Osbaldistone und Tresham zu fordern habe, rettete, der würde sich um Staat und Menschheit verdient machen – wer das bewirken könnte, den sollte man, und wenn er nur ein armer Weber wäre, behandeln und rühmen, wie irgend einen, den der König ehren will.«
»Wie weit die öffentliche Dankbarkeit sich erstrecken würde, maße ich mir nicht an zu entscheiden,« sprach ich; »aber wir würden es an Dankbarkeit sicher nicht fehlen lassen, Herr Jarvie.«
»Daran zweifle ich nicht! Könnte man nur die Papiere den Händen der Philister entwinden, es sind gute Papiere, und wenn sie in den rechten Händen wären, und das sind ja die Eurigen, Herr Owen, wären sie auch die rechte Ware! Drei Männer in Glasgow, so gering Ihr auch über uns denken möget – Sandie Steenson, John Pirie und ein dritter, den ich jetzt nicht nennen will, würden das nötige Geld vorschießen, um den Kredit Eures Hauses zu erhalten, und keine bessere Sicherheit verlangen.«
Owens Augen glänzten bei dieser Aussicht, aber sein Gesicht trübte sich sogleich wieder, als er erwog, wie unwahrscheinlich es sei, die Papiere wieder zu erlangen.
»Verzweifelt nicht, Herr!« sprach Jarvie. »Ich bin gerade wie mein Vater, der Vorsteher, der sich auch nicht in die Geschäfte eines Freundes mischen konnte, ohne sie schließlich zu seinen eignen zu machen. – Morgen will ich mir die Stiefel anziehen und mit Herrn Franz ins Hochland reiten. Wenn ich den Robin nicht zur Vernunft bringe und sein Weib dazu, so weiß ich nicht, wer's kann. Sonst war ich ein guter Freund von ihnen, gar nicht davon zu reden, daß ich in der vergangenen Nacht so getan, als sei mir Robin nicht bekannt, während es ihm doch an den Kragen gegangen wäre, wenn ich ihn namhaft gemacht hätte. Auf mancherlei Vorhalt in der Ratssitzung werde ich mich freilich gefaßt machen müssen, denn es scheint bereits ruchbar zu sein, daß Robin in der Stadt war und daß man ihn mit mir gesehen hat. ... Meine Verwandtschaft mit ihm wird mir ja ohnehin oft genug vorgehalten. ... Aber warum sollt ich auf solch Geschwätz achten? Steht Robin in Acht, so sag's man ihm selbst. Ich habe eine schottische Zunge, und wenn sie fragen, so werde ich schon antworten.«
Mit großer Freude sah ich, daß Jarvie nach und nach die Schranken der Vorsicht überschritt, indem er seinem vaterländischen Geist und dem natürlichen Wunsche, seinen Schaden wieder auszuwetzen, Rechnung trug, und freudig nahm ich seinen Vorschlag an, am nächsten Morgen die Reise mit ihm zu unternehmen.
Wir beschlossen, früh um fünf Uhr abzureisen. Owen, dessen Begleitung keinen Nutzen für uns haben konnte, sollte unsre Rückkehr in Glasgow erwarten. Ich verschaffte ihm in meinem Wirtshause ein Zimmer neben dem meinigen, befahl Andreas, zur bestimmten Stunde einzutreffen, und legte mich mit besseren Hoffnungen zur Ruhe, als es in der letzten Zeit mein Los gewesen war.
Siebentes Kapitel
Es war ein frischer Herbstmorgen, als ich Andreas, der Anweisung gemäß, mit den Pferden vor Jarvie's Hause traf. Ich bemerkte sogleich, daß er jenes schlechte Pferd, das ihm großmütig sein rechtskundiger Freund gegen Thorncliffs Mähre überlieferte, mit einem Tiere vertauscht hatte, das nur auf drei Beinen zu gehen schien, während das vierte zur Begleitung in der Luft schwebte.
»Was wollt Ihr mit diesem Tiere, und wo ist das Pferd, das Euch nach Glasgow brachte!« fragte ich natürlich voll Ungeduld.
»Verkauft, Herr. Es fraß unsinnig und hätte mich im Wirtshause aufgefressen. Den Gaul da hab ich für Eure Rechnung gekauft. Es ist ein guter Handel gewesen, denn jedes Bein kostet ein Pfund Sterling – das macht zusammen vier. Wenn's eine Meile gelaufen ist, wirds die Lahmheit schon verlieren.«
»Ihr werdet wohl nicht eher ruhen, als bis Eure Schultern mit meiner Peitsche Bekanntschaft machen. Schafft Ihr nicht auf der Stelle das andre Pferd wieder, so sollt Ihr dafür büßen.«
Ungeachtet meiner Drohungen blieb Andreas dabei, er habe den Gaul für meine Rechnung gekauft und billig gekauft und müsse dem Manne, der mein Pferd gekauft habe, eine Guinee Rückkauf geben, ehe er's wiederbringen könne. Obwohl ich einsah, daß mich der Schelm betrog, war ich doch, als echter Engländer, willens, ihm die Guinee zu geben, um keine Zeit zu verlieren, als Jarvie erschien. Er war eingemummt, wie zu einer Fahrt quer durch Sibirien, und unter Mathildens Aufsicht führten zwei Lehrjungen den strammen Paßgänger herbei, der bei solchen Gelegenheiten die Ehre hatte, Glasgows obrigkeitliche Person zu tragen. Nachdem er die Ursache des Streites zwischen mir und meinem Diener erfahren hatte, machte er sogleich allem Zwist ein Ende durch den Ausspruch, daß, wenn Andreas nicht alsbald das dreibeinige Pferd zurückgebe und das brauchbare vierfüßige Tier zur Stelle schaffe, so würde er ihn ins Gefängnis schicken und um die Hälfte seines Lohnes strafen.