Selten hab ich eine so auffallende, so erhabne Gestalt gesehen, wie diese Frau, die zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Lebensjahre stehen mochte. Ihr Gesicht mußte sich vormals durch Formen männlicher Schönheit ausgezeichnet haben, obwohl ihre Züge durch die Einwirkung rauher Witterung, und vielleicht durch den zerstörenden Einfluß des Kummers und der Leidenschaften tief gefurcht, jetzt nur stark, scharf und ausdrucksvoll waren. Sie trug ihren Plaid nicht um den Kopf und die Schultern gelegt, wie es Sitte der schottischen Frauen ist, sondern nach Art der hochländischen Krieger um den Leib geschlagen. Eine Mannsmütze mit einer Feder bedeckte ihr Haupt, in der Hand hielt sie ein entblößtes Schwert und ein Paar Pistolen im Gürtel.
»Das ist Robins Weib, Helene Campbell,« flüsterte Jarvie angsterfüllt mir zu, »da wird es bald genug blutige Köpfe unter uns geben.«
»Was sucht Ihr hier?« wiederholte sie, als Hauptmann Thornton selbst sich genähert hatte, um zu rekognoszieren.
»Wir suchen Robin Mac Gregor Campbell, über den die Acht verhängt ist,« versetzte der Offizier, »führen aber nicht Krieg gegen Weiber; drum leistet nicht vergeblichen Widerstand gegen des Königs Soldaten, sondern versichert Euch einer gnädigen Behandlung.«
»Ja, ich kenne Eure Gnade,« erwiderte die Amazone. »Ihr habt mir weder Namen noch Ruf gelassen – meiner Mutter Gebeine werden in ihrem Grabe schaudern, wenn man die meinigen an ihre Seite legt. Ihr habt mir und meinen Angehörigen weder Haus noch Heimat gelassen, weder Bett noch Lager, kein Vieh, uns zu nähren, keine Herde, uns zu kleiden. Ihr habt uns alles genommen, alles, selbst den Namen unsrer Väter, und nun wollt Ihr unser Leben holen?«
»Ich trachte nach keines Menschen Leben,« sagte der Hauptmann; »ich vollführe bloß die mir erteilten Befehle. Wenn Ihr allein seid, Frau, so habt Ihr nichts zu fürchten, – sind aber tollkühne Männer bei Euch, die vergeblichen Widerstand leisten wollen, dann komme ihr Blut über ihr eigenes Haupt. – Vorwärts, Korporal!«
»Vorwärts, marsch!« rief der Unteroffizier, »Hurra, Kinder! Robins Kopf oder einen Beutel mit Gold!«
Im Sturmschritt ging er voran, und seine sechs Krieger folgten; aber sie waren kaum um die erste Wendung des steilen Pfades herum, so krachte ein Dutzend Feuergewehre von verschiedenen Seiten des Passes her schnell hinter einander. Durch den Leib geschossen, suchte der Korporal noch immer die Höhe zu erklimmen, und hob sich mit den Händen an den Felsen empor, bis er nach einer verzweiflungsvollen Anstrengung losließ und vom Rande der Klippe in den tiefen See hinabstürzte, wo er ertrank. Von den Soldaten fielen drei; die übrigen retirierten, zum größten Teil blessiert, zur Hauptmacht zurück.
»Grenadiere an die Spitze!« rief Hauptmann Thornton, stellte sich ins vorderste Glied, und mit Hurra! ging es wieder vorwärts. Die Grenadiere rüsteten sich, ihre Granaten in die Gebüsche zu werfen, wo der Hinterhalt lag, und die andern machten sich zur Unterstützung fertig. Dougal, im Handgemenge vergessen, schlug sich in das Dickicht, das über dem Teile des Weges hing, wo wir zuerst Halt machten, und stieg mit der Gewandtheit einer wilden Katze empor. Ich folgte unwillkürlich seinem Beispiel und kletterte, bis ich außer Atem war. Das ununterbrochene Geknatter, denn jeder Schuß fand tausendfältigen Widerhall in den Bergen, das Gezische und Knallen der brennenden Granatenzünder, das Hurra der Soldaten und das mark- und beinerschütternde Geschrei ihrer hochländischen Gegner beflügelte, – wie ich mich nicht zu gestehen schäme, – mein Verlangen, einen sichern Ort zu erreichen. Aber der Aufstieg wurde bald so steil, daß ich alle Hoffnung aufgab, Dougal einzuholen, der sich von Felsen zu Felsen, von Stamm zu Stamm mit der Leichtigkeit eines Eichhörnchens aufschwang; und ich blickte zurück, um zu sehen, was aus meinen andern Gefährten geworden war.
Der Stadtvogt, durch die Furcht getrieben, war ungefähr zwanzig Fuß hoch gestiegen, als er beim Sprunge von einem Felsstück zum andern ausglitt; und wäre er nicht an einem starken Dornstrauch mit den Rockschößen hängen geblieben, der ihn nun schwebend in der Luft hielt, so wäre er ohne Zweifel heim zu seinem Vater, dem Vorsteher, gegangen.
Andreas war glücklicher gewesen, bis er zum Gipfel eines kahlen Felsens gelangte, der, über den Wald hervorragend, so steil und unzugänglich war, daß er weder vorwärts noch rückwärts zu gehen wagte. Auf der schmalen Felsenfläche hin und wieder tretend, schrie er abwechselnd in gälischer und englischer Sprache um Erbarmen, je nachdem der Sieg auf diese oder jene Seite sich zu neigen schien. Aber seine Rufe fanden nur Widerhall im Stöhnen des Stadtvogts, dem es in seiner schwebenden Situation, – die viel von einer Luftschaukel an sich hatte, – mit jeder Sekunde schrecklicher zu Mute wurde.
Bald aber sollte dem Vogt wie dem Gärtner Erlösung winken, denn die Ursache seines Schreckens schwand, das Feuer, anfangs so rege unterhalten, hörte plötzlich auf, was als sicheres Zeichen dafür gelten konnte, daß der Kampf zu Ende war. Ich suchte nun eine Stelle, von wo aus ich die Aufmerksamkeit der Sieger auf Jarvie lenken könnte, und fand nach mühsamer Kletterarbeit, was ich suchte. Ich übersah nun das Schlachtfeld; der Kampf war wirklich vorüber und hatte, wie ich mir von vornherein gedacht hatte, mit einer Niederlage der Engländer geendigt. Die Hochländer waren beschäftigt, den Offizier und den geringen Ueberrest der Schar, zwölf Mann, von denen die meisten verwundet waren, zu entwaffnen. Der Sieg war von ihren Gegnern wohlfeil erkauft, denn sie hatten nur einen Toten und zwei Verwundete. Aber all meine Aufmerksamkeit wurde jetzt von dem englischen Hauptmann in Anspruch genommen, von dessen Gesicht das Blut floß und der mit seiner Mannschaft nun all jene harten Maßregeln erlitt, die der Sieger dem Ueberwundenen auferlegt.
Elftes Kapitel
Es schien mir so gut wie ausgemacht, daß Dougal seine Rolle mit Absicht gespielt hatte, um die Engländer in das Defilee zu locken, und ich konnte nicht umhin, die Geschicklichkeit zu bewundern, wie der unwissende, halb rohe Wilde seine Absicht zu verbergen wußte, und den erkünstelten Widerwillen, mit dem er sich die falsche Nachricht hatte abnötigen lassen. Ich sah, daß wir uns den Siegern nur mit Vorsicht nähern durften, denn sie rasten in ihrem Taumel über den Sieg förmlich vor Wut. Ein Paar Soldaten, die schwer verwundet waren und nicht aufstehen konnten, wurden von zerlumpten holländischen Buben, die sich unter die Männer gemischt hatten, niedergestochen. Ich hielt es deshalb nicht für geraten, uns ohne jede Fürsprache zu zeigen, und da ich Campbell, den ich mit dem berüchtigten Freibeuter Robin für eins halten mußte, nirgends erblickte, meinte ich, es möchte gut sein, den Schutz seines Kundschafters Dougal in Anspruch zu nehmen.
Aber all mein Suchen war vergeblich, und ich kehrte endlich zurück, um zu versuchen, ob ich dem unglücklichen Freunde allein Beistand leisten könnte. Aber zu meiner Freude sah ich ihn aus seiner Schwebe bereits erlöst und heil und gesund, wenn auch pechschwarz im Gesicht und äußerst mitgenommen an Leib und Sachen, unter dem Felsen sitzen, an welchem er in der Luft geschwebt hatte. Ich eilte auf ihn zu. Ein heftiger Hustenanfall benahm ihm allen Atem, und es verging einige Zeit, bis er imstande war, den Zweifeln Ausdruck zu geben, die er jetzt, in meine Bereitwilligkeit, ihm beizuspringen, setzen zu müssen meinte.
Ich bemühte mich nach Möglichkeit, ihm klar zu machen, wie unmöglich es mir gewesen war, ihm zu helfen, da ich doch der Hilfe selbst dringend bedurft hätte, und so wandte mir der Stadtvogt, der ebenso versöhnlich als aufbrausend war, seine Gunst wieder zu. Ich fragte ihn alsdann, wie es ihm gelungen sei, sich loszumachen.