»Ei nun,« erwiderte er, »die Spanne zwischen Hals und Galgen ist wohl eben so weit oder kurz, wie zwischen Becher und Mund. Meine Gefahr war jedoch geringer, als Ihr denken mögt, da Ihr fremd hier im Lande seid. Unter den Männern, die mich fangen und festhalten und wieder fangen sollten, war ein Teil, der gar nicht wollte, daß man mich fangen und festhalten oder wiederfangen sollte, und von dem andern Teile war wieder die Hälfte, die sich fürchtete, mich zu reizen, und so hatt' ichs nur mit einem verhältnismäßig sehr geringen Teil eigentlicher Widersacher zu tun.«
Er erkundigte sich darauf nach meinen Abenteuern seit unsrer Ankunft im Hochland und lachte herzlich über meine Erzählung von dem Gefecht im Wirtshause und Jarvies Heldentaten mit dem glühenden Eisen.
»Glasgow soll leben!« rief er aus. »Meiner Treu! keinen bessern Spaß hätte ich sehen können, als wie Vetter Niklas dem Iverach das Plaid versengte. Aber mein Vetter,« setzte er ernster hinzu, »hat ein bißchen edles Blut in den Adern, wenn er auch dummerweise zu einem gemeinen Gewerbe erzogen worden ist, das eines wackern Mannes Geist nur abstumpfen kann. – Ihr werdet nun einsehen, warum ich Euch in Aberfoil nicht treffen konnte, denn die Brüder in Glasgow hatten mir eine feine Schlinge gedreht, als ich ein paar Tage in Königs Angelegenheiten mich dort herumtrieb – aber ich denke, ich hab einen Riß in den Bund gemacht, und sie werden so leicht nicht wieder einen Clan gegen den andern hetzen können, wie sie es getan haben. Hoffentlich erlebe ich den Tag noch, wo alle Hochländer für einen Mann stehen. – Aber was gabs weiter?«
Ich erzählte nun, wie nach Hauptmann Thorntons Ankunft der Stadtvogt und ich als verdächtige Subjekte festgenommen wurden, und daß Thornton geäußert habe, beauftragt zu sein mit der Festnahme eines ältern und eines jüngern Mannes, deren Beschreibung auf uns paßte. Das weckte von neuem Robins Lachlust.
»So wahr ich lebe,« sprach er, »sie haben meinen Freund Jarvie für die Exzellenz und Euch für Diana Vernon genommen. – O diese Nachteulen!«
»Fräulein Vernon?« fragte ich zögernd und erwartete zitternd die Antwort. – »Führt sie noch diesen Namen? Sie ritt eben hier vorüber mit einem Manne, der eine Art von Gewalt über sie zu haben schien.«
»Ja, ja!« antwortete Robin; »sie steht jetzt unter rechtmäßiger Gewalt, und es war hohe Zeit für einen solchen Wildfang. Aber ein herzhaftes Mädel ists! Schade, daß die Exzellenz ein bißchen ängstlich ist. So einer wie Ihr oder Robert oder Hamish hätte besser in den Jahren gepaßt.«
Hiermit fielen also die Kartenhäuser gänzlich zusammen, die meine Phantasie, meiner Vernunft zum Trotz, so oft und so gern gebaut hatte. Obwohl ich kaum anders erwarten konnte, als daß Diana, in einem solchen Lande und zu einer solchen Stunde nur mit einem Manne reisen konnte, der rechtmäßigen Anspruch besaß, als ihr Beschützer aufzutreten, fühlte ich doch den Streich, als er mich traf, nicht weniger schmerzlich, und Robins Worte, die mich aufforderten, weiter zu erzählen, klangen in mein Ohr, ohne daß ich ihren Inhalt genau gefaßt hätte.
»Ihr seid krank,« sprach er endlich, nachdem er sich zweimal an mich gewendet, ohne Antwort zu erhalten. »Das Tagwerk ist zu schwer für einen Jüngling gewesen, der an dergleichen Dinge nicht gewöhnt ward.«
Der leutselige Ton dieser Worte brachte mich wieder zu mir und erinnerte mich an das, was meine Lage verlangte. Ich fuhr in meiner Erzählung fort, so gut ich konnte, und Robin äußerte große Freude über das glückliche Gefecht im Engpasse.
»Es heißt,« bemerkte er, »des Königs Spreu sei besser, als andrer Leute Korn; aber von des Königs Soldaten läßt sich das nicht sagen, wenn sie die Waffen strecken vor ein paar alten Kerlen, die nicht mehr fechten können, vor Buben, die es erst lernen müssen, und vor Weibern mit Rocken und Spindel. – Aber wer hätte bei unserm Dougal so viel Verstand gesucht, dessen Kopf doch nie anders bedeckt ist, als mit dem eignen zottigen Haar? – Erzählt weiter, bitte – wenngleich ich fürchte, was nun kommen wird. – Meine Helene ist ein eingefleischter Teufel, wenn ihr das Blut warm wird. Das arme Ding! Ursache dazu hat sie freilich übergenug!«
So schonend wie möglich suchte ich ihm zu erzählen, wie wir empfangen worden waren, allein ich sah deutlich, daß ihm die Erzählung großen Schmerz verursachte.
»Tausend Mark gäbe ich darum, wenn ich daheim gewesen wäre,« sprach, er. »Fremde zu mißhandeln, und dazu meinen eignen Vetter, der mir so viel Freundschaft erzeigt hat! – Ich wollte lieber, sie hätten das halbe Lennox in ihrer Torheit verbrannt! Aber das kommt davon, wenn man Weibern und Jungen traut, die kennen weder Maß noch Vernunft in ihrem Tun. An allem jedoch ist der Schurke von Zöllner schuld, der mich betrog, indem er vorgab, er bringe Botschaft von Eurem Vetter Rashleigh, den ich in des Königs Angelegenheiten treffen sollte. Ich glaubte schon, Galbraith und ein Teil von Lennox wolle eintreten für König Jakob. – Meiner Treu, aber ich wußte, daß man mich betrogen hatte, als ich hörte, der Herzog sei da, und als sie mir den Sattelgurt um die Arme legten, da erriet ich, was meiner wartete, denn Euern Vetter, mit Verlaub, kenn ich als aalglatten Wicht schon zur Genüge. Wenn er nur nicht selbst dabei zu grunde gehen möchte! Morris machte ein gar wunderliches Gesicht, als ich mir ausbedang, er solle bis zu meiner Rückkehr als Geisel bleiben. Aber ich bin zurückgekommen, ohne es ihm, oder denen, die ihn brauchten, Dank zu wissen, und die Frage ist nun, wie dieser Einnehmer selbst zurückkommen wird. Ohne Lösegeld nicht, das versprech ich ihm.«
»Morris,« sprach ich, »hat bereits das letzte Lösegeld bezahlt, das ein Mensch entrichten kann.«
»Was,« rief mein Gefährte hastig, »aber doch im Gefecht getötet?«
»Er ward mit kaltem Blut ermordet, als der Kampf vorüber war, Herr Campbell.«
»Mit kaltem Blute? – Verdammt!« murmelte er zwischen den Zähnen. – »Wie kam das, Herr? Redet, und bleibt mir mit dem Herrn und dem Campbell weg. Ich stehe wieder auf meinem Heimatsland, und mein Name ist Mac Gregor.«
Er war sichtlich in leidenschaftlicher Erregung; allein ohne auf seinen rauhen Ton zu achten, erzählte ich ihm kurz und deutlich, wie Morris starb. Er stieß den Kolben seines Gewehrs auf den Boden und brach in die Worte aus: »Bei Gott! nach solcher Tat möchte man Verwandten, Clan, Vaterland, Weib und Kind abschwören! – Und dennoch hats der Schurke lange verdient. Was ist übrigens für ein Unterschied, ob man mit einem Stein um den Hals unter dem Wasser kämpft oder mit einem Strick um denselben in der Luft zappelt? Am Ende ists doch nur Ersticken, und er hat den Tod erlitten, den er mir zudachte. Dennoch wünschte ich, sie hätten ihn lieber mit einer Kugel oder einem Dolche umgebracht, denn die Art seines Todes wird viel unnützes Gerede machen. – Nun, jeden Menschen trifft sein Los, und, wir müssen alle sterben, wenn unser Tag kommt. – In Abrede stellen kann niemand, daß Helene Mac Gregor schweres Unrecht zu rächen hat.«