Mit diesen Worten schien er sich den Gegenstand aus dem Sinne zu schlagen und fragte weiter, wie ich von den Soldaten losgekommen sei, in deren Gewalt er mich gesehen hatte.
Meine Erzählung war bald zu Ende, und ich fügte hinzu, wie ich die Papiere meines Vaters wieder erhalten habe, wagte es aber nicht, Dianas Namen über die Lippen zu bringen.
»Daß Ihr sie wieder kriegen würdet, wußte ich,« versetzte Mac Gregor. »Der Brief, den Ihr mir brachtet, enthielt die diesbezüglichen Wünsche und Weisungen der Exzellenz, und ich wäre gewiß auch dazu behilflich gewesen. War doch dies der Grund für mich, Euch ins Gebirge einzuladen. Vermutlich hat die Exzellenz mit Rashleigh früher verhandelt, als ich rechnete.«
Der erste Teil dieser Antwort fiel mir besonders auf.
»War denn der Brief, den ich Euch brachte, von dem Manne, den Ihr Exzellenz nennt? Wer ist er? Was ist sein Stand und eigentlicher Name?«
»Meiner Meinung nach,« versetzte Mac Gregor, »kann Euch dies ziemlich unwichtig sein, da Ihr bis heute noch nichts davon wißt; und ich werde darum nichts von diesen Dingen sagen. Aber wohl wußte ich, daß der Brief von seiner eignen Hand war, denn da ich, wie Ihr seht, gerade genug für mich selbst zu tun habe, hätte ich mir sonst wohl nicht so viel Müh' um die Sache gegeben.«
Ich erinnerte mich nun des Lichts, das ich im Büchersaal gesehen hatte, der verschiednen Umstände, wodurch meine Eifersucht erregt worden war, des Handschuhs, der Bewegung der Tapete, die den geheimen Gang zu Rashleighs Zimmer verdeckte, und vor allem, daß Diana sich entfernte, um, wie ich damals dachte, den Brief zu schreiben, der im äußersten Notfalle meine Zuflucht sein sollte. Ihre Stunden wurden also nicht in Einsamkeit zugebracht, sondern sie hörte auf die Anträge irgend eines verwegnen Agenten der Jakobiten-Verräterei, der heimlich in ihres Oheims Wohnung lebte. Andre junge Mädchen ließen sich durch Gold gewinnen oder durch Eitelkeit von ihrer ersten Liebe ableiten; aber Diana hatte meine und ihre Neigung geopfert, um das Schicksal eines vermessenen, Abenteurers zu teilen, um durch mitternächtliche Wildnisse die Schlupfwinkel der Freibeuter auszunehmen, ohne Hoffnung, etwas zu gewinnen, als die Nachäffung von Rang und Glück, die der Scheinhof des Prätendenten in Saint-Germain gewähren konnte.
»Ich will sie, wenn möglich, noch einmal sehen,« dachte ich. »Ich will als Freund, als Verwandter mit ihr reden über die Gefahr, der sie sich aussetzt, und will ihr die Flucht nach Frankreich zu erleichtern suchen, wo sie bequemer, anständiger und sicherer den Erfolg der Unruhen abwarten kann, die der politische Betrüger, mit dem sie ihr Schicksal vereint hat, ohne Zweifel zu erregen vorhat.«
Nachdem wir beide einige Minuten geschwiegen hatten, wandte ich mich an meinen Begleiter ... »Ich muß also glauben,« sagte ich, »daß Seine Exzellenz, wie ich diesen Mann in Ermanglung eines andern Namens nennen muß, zu gleicher Zeit mit mir in Schloß Osbaldistone wohnte?«
»Gewiß, gewiß – und in des Fräuleins Zimmer, wie es doch auch am schicklichsten war.« – Diese Mitteilung freiwilliger Natur fügte Galle zu Bitterkeit. »Aber wenige,« fuhr Mac Gregor fort, »wußten, daß er dort war, mit Ausnahme von Rashleigh und Herrn Hildebrand; denn von Euch konnte die Rede nicht sein, und die jungen Burschen haben nicht Verstand genug, eine Katze von der Milch zu jagen. – Aber 's ist ein prächtiges altes Gebäude, und vornehmlich bewundre ich die vielen Höhlen und Löcher und Zufluchtsörter. Ihr könnt da zwanzig bis dreißig Mann in einen Winkel stecken, und eine ganze Woche mag wohl hingehen, ehe die Bewohner sie entdecken – was bei Gelegenheit von großem Nutzen werden kann. Ich wollte, wir hätten ein solches Schloß hier bei uns, – aber wir armen Hochländer müssen uns statt solcher Bequemlichkeit der Wälder und Höhlen bedienen.«
»Vermutlich wußte Seine Exzellenz,« sprach ich, »um den ersten Anfall von –«
»Morris, wollt Ihr sagen,« sprach Robin kalt, als ich innehielt; denn er war zu sehr an gewaltsame Tat gewöhnt, als daß die Bewegung, die er anfangs verriet, von langer Dauer hätte sein sollen. »Ich pflegte herzlich über den Tropf zu lachen, hätte aber schwerlich das Herz gehabt, es noch einmal zu tun, seit der unglücklichen Begebenheit am See. – Nein, nein, die Exzellenz wußte nichts von diesem Streich – es ward alles zwischen mir und Rashleigh abgemacht. Aber was nachher kam, wie Rashleigh den Verdacht von sich auf Euch zu lenken wußte, da er Euch von Anfang an nicht besonders leiden mochte – wie Fräulein Diana haben wollte, daß wir unsre Spinnwebe wieder wegfegen und Euch der Gerechtigkeit aus den Klauen reißen sollten – und der feige Mensch, der Morris, aus Furcht vor seinen fünf Sinnen nichts wußte, als er eben den rechten Mann sah, wo er einen unschuldigen anklagte. – O! darüber hab ich noch oft lachen müssen. – Und nun kann ich für den armen Teufel nichts weiter tun, als daß ich ein paar Messen für seine Seele lesen lasse.«
»Darf ich fragen, wodurch Fräulein Diana so viel Einfluß auf Rashleigh und seine Teilnehmer erlangt hat, daß sie Eure Pläne zerstören konnte?«
»Meine Pläne? Ich hatte keinen Teil daran. Von mir kann niemand sagen, daß ich je meine Last auf andrer Leute Schultern legte – es war einzig und allein Rashleighs Angelegenheit. Aber freilich hat sie großen Einfluß auf uns beide, wegen der Zuneigung Seiner Exzellenz, und weil sie auch viele Geheimnisse weiß, die uns angehen. – Der Henker hol den!« rief er als Schluß, »der Weibern ein Geheimnis zu bewahren oder die Macht, es zu mißbrauchen, gibt! – Toren soll man keine Stöcke in die Hände geben.«
Wir waren jetzt dem Dorfe sehr nahe, als drei bewaffnete Hochländer auf uns zusprangen und mit vorgehaltenem Gewehr uns befahlen, zu stehen und unser Gewerbe anzugeben. Das einzige Wort Gregarach, das mein Begleiter mit der tiefen, gebieterischen Stimme aussprach, wurde mit einem Ruf, oder vielmehr Geschrei freudigen Erkennens beantwortet. Der eine warf sein Gewehr hin, umfaßte die Kniee seines Häuptlings und ergoß sich in einen Strom gälischer Glückwünsche, die sich zuweilen zu einem Freudengeschrei erhoben. Die beiden andern eilten, nachdem der erste Rausch vorüber war, buchstäblich flink wie Rehe voran, weil jeder der erste sein wollte, der dem Dorfe die Nachricht von Robins Flucht und Rückkehr brächte. Die Kunde erregte so lauten Jubel, daß die Gebirge widerhallten; und jung und alt, Weiber und Kinder, ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, eilten das Tal hinab uns entgegen, schnell und tosend wie ein Bergstrom. Als ich das ungestüme Geräusch und Geschrei der freudigen Menge vernahm, hielt ich es für angemessen, den Häuptling zu erinnern, daß ich ein Fremder und unter seinem Schutze sei. Er hielt mich demzufolge fest bei der Hand, während die Versammlung unter wahrhaft rührenden Aeußerungen inniger Ergebenheit und Freude über seine Rückkehr uns umgab, und nicht eher reichte er seinen Anhängern die Hand, bis er ihnen zu verstehen gegeben hatte, daß ich freundlich und aufmerksam behandelt werden sollte.
Das Gebot eines Sultans von Delhi hätte nicht schneller vollzogen werden können, und mir ward jetzt ihre wohlgemeinte Aufmerksamkeit fast ebenso lästig, wie früher ihre rauhe Behandlung. Sie wollten dem Freunde ihres Anführers kaum erlauben, auf eignen Füßen zu gehen, so eifrig waren sie, mir auf dem Wege Hilfe und Beistand zu leisten, und als ich über einen Stein stolperte, den ich im Gedränge übersah, hoben sie mich auf und schleppten mich auf ihren Armen triumphierend ins Dorf.